Montag, 2. Januar 12

Aufschneider, Trauerpfützler oder Botschafter der Hoffnung?

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2 Kor. 2, 9). Neujahrspredigt zur Jahreslosung 2012 von Dominik Klenk

Der Apostel Paulus. Mosaik in der St. Andreaskirche, Ravenna

 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
was sind das eigentlich für Geschichten, die wir einander so erzählen, wenn wir beisammen sind? Gewisse Muster kehren da ständig wieder.

Da sind zum einem die Geschichten von der großen Weltbühne mit Mitfiebereffekt, wie jene morgens bei mir im Büro: „Wer hat das Pokalspiel gestern Abend gesehen? – Na ich! Super Spiel, Verlängerung mit Elfmeterschießen, der Hammer! Ich erzähls der Reihe nach (Hier folgt ein detaillierter Spielbericht) - und das tragische Ende: hängende Köpfe in Blau-Weiss....“ 
Oder Geschichten aus der Nachbarschaft mit deftigem Empörungsfaktor: „Haste gehört, die Tochter von dem Schulze seiner zweiten Frau, die aus erster Ehe, die lebt jetzt in Berlin-Kreuzberg in einer besetzten Wohnung mit zwei Schäferhunden und einer Horde von Studenten! Zustände sinds, du glaubst es nich’!“

Und dann noch die Geschichten mit Selbstdarstellungscharakter: „Meine letzte Mittelmeerreise?! Das war ein Trip – mein lieber Mann! 5 x wurde ich von der Polizei festgesetzt und bekam vierzig Stockhiebe. 3 x bin ich ausgepeitscht worden. 1 x hat man mich regelrecht gesteinigt, ich habe nur knapp überlebt. Drei Schiffbrüche inklusive einer 24 stündigen Schwimmtour auf offener See. Ohne Nahrung und ohne Getränke – ich bin fast verdurstet. Wurde mehrfach überfallen und ausgeraubt. Saß wochenlang unter schaurigen hygienischen Bedingungen im Knast. Habe dem Tod, das könnt ihr mir glauben, viele Male ins Auge gesehen!“
 
Paulus – ein Aufschneider?

Nanu - was ist das für eine Geschichte?! Bei allem Ärger mit Krise um Griechenland, muss der Kerl so dick auftragen?
Es ist der Apostel Paulus, der die Geschichte erzählt. Paulus, ein Aufschneider? Warum gibt er hier eine so pralle Sammlung seiner Abenteuer zum Besten ? Und wie kommt eine solche Räuberballade in die Bibel – ins Buch der wahren Geschichten?

Paulus präsentiert diese Aufreihung, der man gewiss kein Understatement nachsagen kann, in einem Hirtenbrief an die Gemeinde in Korinth. Korinth war damals eine weltläufige Hafenstadt im Herzen des antiken Griechenlands, etwa 80 Kilometer westlich von Athen. Ein Sammelbecken von Menschen aus vielen Ländern, ein multikultureller Knotenpunkt, ein kreatives Durcheinander von Sitten und Kulten. In diese Vielfalt hinein konnten die ersten Apostel sehr fruchtbar wirken. Lukas berichtet in der Apostelgeschichte, dass Zeichen und Wunder geschahen und viele Menschen in Korinth der Botschaft glaubten, die Paulus brachte.

Aber nach Paulus’ Abreise kam es unter den Frischbekehrten zu Spannungen und Streitigkeiten. Jeder dachte zuerst an sich und seine Vorteile, einige begannen sich aufzuplustern und sich über andere zu erheben. Der geistliche Konkurrenzkampf war gepaart mit moralischer Laxheit: Sexuelle Freizügigkeit, Streitigkeiten vor Gericht, heidnisch-kultisches Brauchtum mischte sich mit der Frömmlerei in der wachsenden Gemeinde. Die Kultur des Lebens, die Paulus durch die Klarheit des Evangeliums angeschürt hatte, drohte wieder zu erlöschen.
Das lag unter anderem daran, dass die Gemeinde in Korinth sich an charismatischen Leitfiguren orientierte, deren Botschaft lautete: Nur wer von religiösen Hocherlebnisse berichten kann, von spektakulären Wundern und Zeichen, von Reichtum, Einfluss und Vornehmheit, nur der hat die Kraft Gottes wirklich in sich! Macht, Schönheit und Wohlstand wurden als Beweise für die Wirkkraft des Geistes herangezogen. Heute würde man das wohl als „Prosperity Gospel“ bezeichnen.

Mit seiner "Prahlrede" will der Apostel den Korinthern die Augen und Ohren öffnen, indem er sie bei ihrer Sensationsgier packt, bei der Vorstellung, dass ein echter Apostel große Dinge tun und erleben muss. Er liefert ihnen eine Liste seiner „Heldentaten“ in Dienste des Messias, die bei näherer Betrachtung ziemliche Katastrophen darstellen. All dies unter dem Vorzeichen der „Torheit“. Am Ende erst kommt der entscheidende Schwenk: „Wenn es schon so wichtig ist, dass man sich selbst lobt, dann will ich mich aufgrund meiner Schwachheit loben.“
 
Paulus – ein Schwächling?

Nach dieser unerwarteten Wende schildert Paulus die Last, die ihn drückt, und fährt fort: „In Zeiten schwerer Anfechtung hat Jesus zu mir gesagt: Lass Dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor 12, 9)

Das alte Griechenland ist uns inzwischen ferngerückt, dafür ist der krisengeschüttelte Inselstaat in aller Munde. Eine sonderbare Aktualität der Schwäche-Problematik. Bringt doch der Blick auf die Christengemeinde in Korinth viel Vertrautes zum Vorschein – zumindest, was die Herausforderungen und kulturellen Prägungen anbelangt, mit denen wir als Gemeinde in einem säkularen Umfeld konfrontiert sind. Man könnte fast sagen, das antike Korinth ist mitten unter uns: Finanzkrisen, Ehekrisen, Kirchenkrisen, Glaubenskrisen – und eine große Ungewissheit, was die Zukunft bringt. Mitten in die krisengeschüttelte Situation hinein spricht Paulus von der Antwort, die Christus für ihn hatte: "Lass Dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Diesen sehr persönlichen Zuspruch Jesu an ihn macht der Apostel nun zu einem Zuspruch an seine Korinther. Wenn wir bereit sind, ihn auch für uns in Anspruch zu nehmen, finden wir darin eine dreifache Botschaft:
 
1. „Deine Schwachheit ist mir willkommen!“ (Geste: offene Arme nach vorne)

Jesus streckt seine Hand nach uns aus und versichert uns: Alles, was dir an deiner Schwachheit zu Last fällt, ist mir willkommen. Nicht nur das: Auch, was dir an Anderen schwer fällt, ist mir willkommen. Deine Unfähigkeit, den Nächsten zu lieben, ihn aufzunehmen, zu (er-)tragen; alles, was dir Mühe macht, dir schwächt, ist bei mir gut aufgehoben.

Ob ich schwach bin, weil ein bewährter Mitarbeiter das Team verlässt, ob ich schwach bin, weil ein lieber Mensch die Beziehung abgebrochen hat, ob ich schwach bin, weil ich dem Terminberg des neuen Jahres nicht gewachsen bin, ob ich schwach bin, weil ich einfach schwach bin, zerknirscht, enttäuscht, krank. Warum auch immer wir schwach sind, Jesus sagt Ja zu uns. Vorleistungsfrei und unwiderruflich. Wir müssen keine Superapostel sein, keine Leistungsprotestanten, keine Menschen, die alles auf die Reihe bekommen. Jesus ist der Freund der Unperfekten, der Gescheiterten, der Verärgerten, der Antriebslosen, der Minderbewerteten – all derer, die es aufgegeben haben, unter großer Anstrengung ihre weiße Weste zu wahren. Er ist der Freund der Sünder.
 
2. Deine Schwachheit erfährt Gottes Gnade (Geste: eine Hand öffnet sich zum Boden, die andere zum Himmel hin)

Jesus hält uns an der einen, den Vater an der anderen Hand und stellt so die gestörte Verbindung zwischen uns und Gott wieder her. Das Wort „Gnade“ leitet sich vom gleichen Wortstamm ab wie das alte Verb „genahen“. Gott "genahete" sich uns in Christus. Er naht sich auch dir, er kommt dir nahe.

Und wie kommt er uns jeweils nahe? Auf die unterschiedlichste Art und Weise! Paulus zum Beispiel spricht von einem "Stachel im Fleisch", der ihn quält und immer wieder zu Boden wirft. Vermutlich eine chronische Krankheit – man vermutet Epilepsie, vielleicht Depression  –, von der Gott ihn nicht geheilt hat, obwohl der Apostel mehrmals darum gebeten hatte. So mancher hätte an seiner Stelle resigniert, wäre als Trauerpfützler durch die Lande gezogen. Paulus aber erlebte etwas anderes.
 
Paulus – ein Botschafter!

Als er wieder einmal um Genesung flehte, antwortete ihm Jesus: Lass dir an meiner Gnade genügen! Auch wenn dein Leiden bleibt, du bis in meiner Nähe, ich bin bei dir.

Das ist die Erkenntnis, die uns davor bewahrt, zu resignieren! Das Wesentliche, uns Aufrichtende und Ausfüllende, tragen wir nicht in uns selbst; Das Wesentliche naht sich uns immer wieder in Jesus Christus, der uns gerade so willkommen heißt, wie wir sind. Er macht uns zu begnadigten Sündern, zu begnadeten Jüngern und Aposteln. Seine Gnade widerfährt uns allein aus Liebe und Zuwendung, nicht aufgrund unserer gelungenen Taten. Diese Lektion, die Paulus (nicht nur) den Korinthern erteilt, lernte auch der Reformator Martin Luther neu buchstabieren: Gott genahet sich uns – und seine Gnade genügt vollkommen! Seine unfassbare Liebe meint mich und meint dich. Sie hat in Jesus Christus die Türe zum ewigen Vaterhaus Gottes wieder für uns geöffnet.
 
3. Deine Schwachheit wird zur Botschaft (Geste: beide Hände liegen am Herzen)

Jesus verwandelt unsere Gebrechen und Unzulänglichkeiten in eine Botschaft. Und zwar im doppelten Wortsinne: Sie werden zu einer Botschaft an die Welt, weil an ihnen sichtbar wird, dass wir nicht aus eigener Kraft leben, sondern dass die Kraft eines anderen in unseren Herzen wohnt und wirkt.

Die andere Bedeutung dieses Teekesselchens, „Botschaft“ = die diplomatische Vertretung eines Landes auf dem Territorium eines anderen, trifft's ebenfalls: Deine Schwachheit wird zur Residenz Jesu in deinem Leben, zum Hoheitsgebiet Gottes in deinem Herzenspalast, zu der diplomatischen Vertretung des Himmels im Machtzentrum deines Lebens.

Wenn seine Botschaft der Hoffnung in uns residieren darf, verwandeln wir uns zu Botschaftern Gottes in der Welt. Gerade unsere Schwachheit qualifiziert uns für dieses Amt! Wir werden bereit, die Einladung an Jesus auszusprechen, diplomatischen Beziehungen mit unserem Herzen und unserem ganzen Leib aufzunehmen. Und wo er seine „Botschaft der Hoffnung“ auf dem ihm zugestandenen Territorium errichtet, da wirkt er durch Menschen kraftvoll in die Welt hinein.

Deine Schwachheit ist willkommen,
deine Schwachheit erfährt Gottes Gnade,
deine Schwachheit wird zur Botschaft.

Mit dieser Gewissheit dürfen wir getrost nach vorne blicken auf das neue Jahr, auf eine Zeit, die unter dem guten Zuspruch von Jesus steht, der zu uns spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Amen.