Bericht vom Baucamp 2005

Bericht vom Baucamp 2005

Wo Steine 16 Sprachen sprechen

Internationales Baucamp Reichelsheim

41 junge Erwachsene aus 16 Nationen haben miteinander den Innenhof des Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrums gepflastert. Die mühevolle Kleinarbeit machte allen viel Spaß, und wie die Pflasterdecke des Hofes Zentimeter um Zentimeter wuchs, entwickelten sich auch die Beziehungen unter den jungen Leuten. Wenn das Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und Ost-West-Slawisch nicht mehr ausreichte, nahm man Hände und Füße hinzu. Bald merkten alle: Es gab weitaus mehr zu lernen als nur eine fremde Sprache ...

"Mehr Selbstvertrauen, größere Offenheit, bessere soziale Kompetenzen - die Begegnung mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern wirkt sich positiv auf die Entwicklung von Jugendlichen aus" - lautet das Ergebnis der Studie "Langzeitwirkungen internationaler Jugendarbeit" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie bestätigt nun offiziell, was das "Baucamp"-Team der OJC (Offensive Junger Christen) in Reichelsheim schon lange erfolgreich erprobt hat. Seit 1993 lädt die ökumenische Kommunität junge Menschen zu internationalen Baucamps rund um das von ihr betriebene Reichelsheimer Europäische Jugendzentrum (REZ) und das Tagungszentrum Schloss Reichenberg ein. Für diese Arbeit ist sie mit dem dritten Preis des BMW-Group Award für Interkulturelles Lernen 2004 ausgezeichnet worden.

Auch in diesem Jahr sind junge Erwachsene aus 14 Nationen gekommen, um einander kennen zu lernen und miteinander den Innenhof des Jugendzentrums zu pflastern. Sie wissen: Mit jedem mühevoll verlegten Pflasterstein festigen sie das Fundament einer gemeinsamen Freundschaft mit Welthorizont. Es ist ihre eigene Zukunft in einer global gewordenen Welt, an der sie hier mitbauen. "Außer handwerklichem Know-how lernen die Teilnehmer auch Eigenart und Ausdrucksformen anderer Kulturen und Völker kennen. Das positive Reizklima eines mehrwöchigen Baucamps, in dem Menschen aus verschiedenen Nationen, Konfessionen und Sprachen gemeinsam an einem Projekt arbeiten, hat sich als fruchtbarer Boden interkulturellen Lernens entwickelt", bestätigt Dr. Dominik Klenk, Leiter der OJC.

Internationale Jugendbegegnung

"Internationale Jugendbegegnung ist unverzichtbarer Bestandteil der Versöhnungsarbeit zwischen den Nationen", betont die Bundestagsabgeordnete des Odenwaldkreises Dr. Erika Ober (SPD), "das haben wir bereits in der Nachkriegszeit erfahren, als der kulturelle Dialog mit Frankreich oder Polen praktisch nur über die Jugendcamps gelaufen ist." Zusammen mit ihren Kollegen Patrizia Lips (CDU) und Dr. Heinrich Kolb (FDP) ist sie der Einladung der Offensive zu einer Gesprächsrunde mit den Teilnehmern aus dem Ausland gefolgt.
Mit dabei ist auch die Landtagsabgeordnete der Region, Judith Lannert (CDU), die gutgelaunt trotz ihres geschienten Knöchels auf Krücken über den Hof humpelt: "Diese Begegnung habe ich mir nicht nehmen lassen! Seit meiner Kindheit kenne ich den historischen Bauernhof in- und auswendig. Ich habe mit großem Interesse die Entstehung des schönen Jugendzentrums verfolgt und staune jedes Mal, was die Jugendlichen hier zustande gebracht haben."
Besonders beeindruckt zeigen sich die Politiker von der Vielfalt der Kulturen, die hier zusammengeführt werden: "Seit der Entstehung der EU hat man sich in Deutschland verstärkt auf den Dialog im Europäischen Rahmen konzentriert. Das OJC-Projekt ist deswegen außergewöhnlich, weil es einen weltumspannenden Rahmen hat - und funktioniert!", so Erika Ober.

Dass es tatsächlich funktioniert, ist immer wieder ein Wunder, nicht nur bei der Pflasterung des Innenhofs im Jugendzentrum, sondern ebenso bei Sport und Spiel, in brisanten Diskussionsrunden, bei Ausflügen und beim ökumenischen Gebet in vielen Sprachen. "Das Programm ist körperlich und geistig anspruchsvoll, aber auch was die Kommunikation betrifft", berichtet Matthias Casties (OJC), verantwortlicher Leiter des Baucamps: "Sich zu verständigen ist dabei die größte Herausforderung". Die jungen Teilnehmer scheinen sich trotz des babylonischen Sprachgewirrs gut zu verstehen: "Wenn mir die Vokabeln ausgehen, nehme ich Hände und Füße dazu", lacht Krystyna, eine junge Polin, "Außerdem sprechen hier auch die Pflastersteine." Zusammen mit dem Kubaner Enrique und Sonai aus Kambodscha pflastert sie den Eingang zur Kapelle im ehemaligen Rübenkeller.

Nach dem regen Austausch mit dem jungen Bauteam dürfen die Odenwälder Politiker das internationale Patchwork des Hofes mit selbst verlegten Pflastersteinen ergänzen. Sehr zum Amüsement der Amateurpflasterer dreier Kontinente und zur Freude von Bürgermeister Gerd Lode, einem Initiator und beherzten Förderer des Jugendzentrums: "Als Gemeinde stehen wir ganz hinter dem Anliegen der OJC, aus alten Gemäuern neue Lebensräume zu schaffen und dabei Misstrauen und Fremdheit zwischen den Völkern in lebendige Freundschaften zu verwandeln."