Ein Schloss, das auf elf Länder baut

Jugendcamp: Über die Offensive Junger Christen wirken junge Leute aus aller Welt an der Reichenberg-Renovierung mit

Odenwälder Echo / 3.8.2007

REICHELSHEIM. "Wir brauchen mehr Farbe! Bei dem Tempo, das die Gruppe vorlegt, reichen die Eimer für heute nicht!", warnt Thomas Kittel, Mitarbeiter der Offensive Junger Christen (OJC) und Leiter der Einsatzstelle Südfassade auf Schloss Reichenberg. Ihr gilt zurzeit das Augenmerk der ökumenischen Kommunität, die das historische Anwesen oberhalb von Reichelsheim zu ihrer Heimat und dessen Restaurierung und Instandhaltung zu ihrer Aufgabe gemacht hat. Also hat Kittel mit seinem internationalen Team aus sieben jungen Menschen zwischen 17 und 25 Jahr zuletzt den Großteil der vom Tal aus gut sichtbaren Wand überholt und gelb gestrichen.

Seine Einsatzgruppe ist eines von insgesamt sechs Teams auf dem Schlossgelände, in denen 41 Jugendliche und junge Erwachsene aus elf Ländern zusammengefasst sind. Nach Reichelsheim geführt hat sie die Ausgabe 2007 des Internationalen Baucamps, zu dem die OJC alljährlich einlädt. Mit festen Schuhen, Arbeitskleidung und den gelben Baucamp-Handschuhen stiefeln die Freiwilligen über das Burgareal, legen im Hof Kanalrohre frei, spachteln an der Ringmauer neuen Mörtel zwischen die Fugen oder ziehen Stützmauern hoch, wo die Wand einzusinken droht. Im Burggarten ist das Gelände-Team im Einsatz, um den überwucherten Boden zu ebnen und ihn mit Rasen neu einzusäen.

Kaum einer der freiwilligen Arbeiter hat ein Handwerk gelernt: Die meisten von ihnen sind noch in der Ausbildung, im Studium, manche gar noch in der Schule, aber alle sind engagiert bei der Arbeit. Dort, wo Fachwissen fehlt, helfen die Anleiter, allesamt Mitarbeiter der OJC, gerne aus. Steinmetzmeister Erich Schneider, der seinerzeit die gotische Michaelskapelle auf dem Schloss restauriert hat, erklärt, wie sich eine Mauer aus Naturstein hochziehen lässt, und Hermann Klenk, der als Architekt die Sanierungsarbeiten koordiniert, zeigt gerade, wie man den historischen Mörtel nach Vorgaben des Denkmalamtes mischt und aufträgt. Arbeitssprache ist "baucamplisch", eine Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und Gebärdensprache mit akustischen Elementen aus Hammerschlag und Spachtelkratzen. Es ist nicht zu übersehen: an dieser heiteren Konversation haben die meisten noch mehr Spaß als am Verspachteln selbst. Und sie kommen auf ihre Kosten, denn neben dem beherzten Einsatz auf der Großbaustelle Schloss Reichenberg gibt es reichlich Gelegenheit zum Kennenlernen, für Ausflüge in die Umgebung und zum Feiern.

Am weitesten gereist sind Felipe und Andres aus Chile und der Argentinier Marcos. Die meisten sind Mitteleuropäer aus Kroatien, Ungarn, Polen und der Slowakei. Drei Russen vertreten Osteuropa, eine Französin den Westen. Eine Besonderheit in diesem Jahr sind drei Palästinenser aus Bei Jala. Sie engagieren sich dort in der "Abrahamsherberge", einer Einrichtung zur Völkerverständigung und Versöhnung zwischen Juden, Christen und Muslimen in Israel/Palästina. Der arabische evangelische Pfarrer, der die Abrahamsherberge leitet, ist einer der vielen weltweiten Projektpartner der Offensive. Schloss Reichenberg ist seit über 20 Jahren die Tagungsstätte der OJC. Hier leben zurzeit drei Familien und acht der insgesamt zwölf jungen Leute, die ein "Freiwilliges Soziales Jahr" bei der OJC absolviert haben. Wie berichtet, begann die Kommunität 2006, das mittelalterliche Areal hinter der oberen Ringmauer, die Obere Burg, zu erschließen und zu sanieren. Seither zieren wieder Mauerzinnen die Umfriedung, der Turm ist überdacht, das Krummer Bau genannte Burggebäude ist entkernt und soll unter Aufsicht der Denkmalpflege restauriert werden.

In diesem romantischen Ambiente entsteht das Erfahrungsfeld "Wege zum Leben", ein erlebnispädagogisch gestaltetes Gelände, auf dem der Besucher biblischen Geschichten, Personen und Symbolen begegnen und sich von ihnen inspirieren lassen kann. Bevor die moderne Pilgerstätte für Jugendgruppen, Schulklassen, Familien und Interessierte aller Altersgruppen eingerichtet wird, muss das Terrain in Aktionen wie zum Beispiel dem Internationalen Baucamp gesichert werden. Analog dazu erfordert das Vorhaben die komplette Grundrenovierung des mehrstöckigen Baus. "Ein Erfahrungsfeld ist es gewissermaßen schon jetzt", sinniert deshalb Gerhard Braun, FSJ-Einsatzstellenleiter und Organisator des Baucamps.

"Fremde Menschen aus elf Ländern lassen sich auf dieses gemeinsame Projekt ein, leben und arbeiten zweieinhalb Wochen auf engem Raum miteinander. Da kann man sich nicht einfach aus dem Weg gehen! Jeder hat außer seiner eigenen Geschichte noch die Geschichte und die Kultur seiner Nation im Marschgepäck. Es ist nicht immer einfach, aber auf jeden Fall sehr bereichernd." Untergebracht sind alle im Gästehaus des Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrums im ehemaligen Schmittsbauernhof, das ebenfalls von der OJC betrieben wird. Ob im Jig, der irischen Jugendkneipe, im Heinz-Schwarzkopf-Saal oder im Hof - überall wird bis spät in die Nacht geredet, gespielt, gesungen oder auch getanzt.

"Es ist immer wieder eine besondere Freude zu sehen, wie sich die Jugend aus aller Welt hier in Reichelsheim versammelt", kommentiert dies der Reichelsheimer Bürgermeister Gerd Lode. Er hat sich keinen der drei großen Länderabende zum Camp entgehen lassen.

Írisz Sipos
3.8.2007

Bilder vom Baucamp 2007 hier »

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  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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