Internationales Jugend-Begegnungscamp 2015

Internationales Begegnungscamp Flaggen

Deutsch-ungarisch-bulgarische Jugendbegegnung in der ökumenischen Kommunität OJC in Reichelsheim

Vorgeschichte:

Die ökumenische Kommunität OJC (www.ojc.de) pflegt seit ihrerGründung in den späten 60er Jahren des letzten Jahrhunderts intensive internationale Partnerschaften und Freundschaften. Dadurch wurde über die Jahrzehnte hinweg der Auftrag der Gemeinschaft in Deutschland (christuszentriert leben - schöpferisch denken - gesellschaftlich handeln) in einen großen Zusammenhang gestellt: Den der globalen gesellschaftlichen Herausforderungen, vermittelt und lebendig gemacht durch konkrete Menschen, die in ihren Heimatländern zu Verantwortungsträgern gehören und in der OJC-Kommunität in Deutschland bei Besuchen, Vorträgen und regelmäßiger Beziehungspflege von ihrer Wirklichkeit berichten.

In diese große Perspektive stellt die Kommunität auch die jährlich mitlebenden jungen Freiwilligen. In internationalen Jugendbegegnungen, die sowohl in Reichelsheim/Odenwald, als auch in verschiedenen Ländern der internationalen Partner stattfanden, wurde konkretes gemeinsames Leben und Arbeiten der jungen Erwachsenen aus verschiedenen Ländern angeleitet und die dafür nötigen Persönlichkeits- und Sozialkompetenzen in der Praxis gestärkt.

Das Internationale Begegnungscamp im Juni/Juli 2015 ist also kein singuläres Ereignis, sondern reiht sich ein in eine lange Geschichte interkultureller Begegnungen. Wir rechneten aufgrund vorheriger positiver Erfahrungen mit einem wertvollen Ertrag für die Verständigung und Friedensstiftung unter den Angehörigen verschiedener Nationen, Volksgruppen und Sprachen in Europa.

Bereits im Juli 2013 fand eine Jugendbegegnung mit jungen Roma aus Bulgarien in Reichelsheim statt, die sich in einer dortigen Partnerorganisation engagieren: Light in the darkness (Netzwerk) & NGO P. Hilendarski (www.hilendarski.eu), eine sozialdiakonische christliche Initiative in einer Roma-Siedlung in der bulgarischen Stadt Varna am Schwarzen Meer. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche beim Erwerb einer Schulbildung und bei ihren ersten Schritten ins Erwachsenenleben.

Im Frühsommer 2014 war das Jahres-Freiwilligenteam der OJC für 8 Tage zu Besuch in Roma-Familien und als Gäste bei einer selbstorganisierten Wochenendfreizeit einer Roma-Kirche in Sarajevo.

Internationales Begegnungscamp 2015

Kurzbeschreibung IBC 2015

Vom 29.6. bis zum 10.7.2015 trafen sich unter dem Thema „Brücken bauen, Freunde finden, Europa gestalten“ elf junge Roma aus Bulgarien und Ungarn mit acht jungen Erwachsenen des diesjährigen Freiwilligenteams der OJC (darunter ein US-Amerikaner) und acht FSJlern der Christusbruderschaft Selbitz (darunter ein Inder und eine in Paraguay aufgewachsene Mennonitin) im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum in Reichelsheim/Odenwald. Ein 7-köpfiges Team von Mitarbeitenden der Kommunität begleiteten die Begegnung. 

Die teilnehmende Gruppe aus Ungarn bestand weitgehend aus haupt- und ehrenamtlich mitarbeitenden Roma in der reformierten Kirche in Ungarn.Sie leben an verschiedenen Orten Ungarns. Einige von ihnen kannten sich bereits von anderen Veranstaltungen in Ungarn. In dieser Zusammensetzung lernten sie sich aber auch erst auf der Fahrt zum IBC näher kennen.

Die vier Teilnehmer aus Bulgarien kamen aus der Siedlung Vladislovovo bei Varna am Schwarzen Meer. Sie gehören alle leitend zu „Hilendarski“ und setzen sich dort in den verschiedenen Arbeitsbereichen ein. Die vier jungen Männer haben an ihrem Wohnort täglich miteinander zu tun.

Die deutschen Teilnehmenden der OJC nahmen am Camp gegen Ende ihres gemeinsamen FSJ-Jahres teil, d.h. sie kannten sich gut. Ebenso die FSJler aus Selbitz.

Eine der Herausforderungen auf dem Camp bestand darin, inwiefern diese vier Gruppen bereit wären, ihre bisherige Dynamik und Innenstruktur in ein größeres Gefüge einzubringen und sich mit den anderen zu mischen.

Elf Tage lang teilten die jungen Erwachsenen und die Mitarbeiter das Leben: Seminareinheiten, praktische Arbeits-Projekte, Exkursionen, Gebetszeiten, Mahlzeiten und Sport, Spiel und  Spaß. Es gibt auch eine Bildergalerie mit einigen Fotos aus diesen Tagen.

Durch die Unterbringung in gemischt-nationalen Mehrbettzimmern, die Einbindung in feste Kleingruppen, intensive pädagogisch begleitete Aktions- und Reflexionsrunden und vielfältige Partizipationsmöglichkeiten im Camp (Kleingruppendelegierte, tägliche Auswertungs- und Programmplanungsrunden mit Verantwortlichen aller teilnehmenden Gruppen, Präsentationsabende, Vorbereitung und Durchführung der Gebetszeiten) konnten wir einen geeigneten Rahmen für interkulturelle Lern-Prozesse schaffen. Die Teilnehmenden wurden herausgefordert, aber nicht überfordert oder alleine gelassen.

Internationales Begegnungscamp 2015

Verständigung, Verstehen, Begegnen

  • „Ich habe erlebt, dass man da, wo die Worte fehlen, sich trotzdem nah sein kann.“
  • „Wir haben Begegnung nicht geplant, wir haben sie gelebt.“
  • „Am Anfang war die Sprachbarriere hoch. Jetzt möchte ich noch bleiben.“
  • „Ich fürchte mich vor Begegnung ohne Sprache. Ihr habt es mir leicht gemacht. Danke!“
  • „Für mich ist Sprache sehr wichtig. Alles, was mich bewegt, drücke ich mit Sprache aus. Deshalb war es auf dem Camp für mich sehr schwierig, besonders am Anfang. Hier habe ich gelernt, wie viel man durch Gesten sagen kann, durch Spiel und mit Hilfe von googletranslater. Und (grinsend) ich habe gelernt, wie man „ich liebe dich“ auf Bulgarisch sagt. Das wird mir im Leben sehr viel helfen.“
  • „Ich hätte die Gäste so gerne Persönliches gefragt, aber unser gegenseitiges Sprachniveau war zu niedrig. Die sind richtig witzig, aber ich verstehe es nicht.“

Mit der z.T. sehr eingeschränkten sprachlichen Verständigungsmöglichkeit umzugehen, gehörte sicher zu den größten Herausforderungen für alle Teilnehmer des Camps – und in diesem Bereich waren am deutlichsten Lernprozesse zu beobachten. Die zwei Übersetzerinnen waren in allen gemeinsamen Zeiten im Einsatz. (Im Falle der Ungarn war es gleichzeitig die Leiterin der Gruppe, bei den Bulgaren war es eine junge Deutsch-Bulgarin, die in der Organisation in Varna ein mehrmonatiges Praktikum absolviert hatte.) Aber in den Einzel-Begegnungen konnte nur jeder/e für sich immer wieder versuchen, wie weit die Wortfetzen, die Brocken in Englisch oder Deutsch, die medialen Übersetzungshilfen und „Hände und Füße“ tragen konnten. Das wurde je nach Persönlichkeit, Tagesverfassung und Vorerfahrung unterschiedlich bewältigt. Immer wieder führte es auch zu Frustration und Irritation. Die nonverbalen Zeichen waren eben auch ohne Erklärung schwer zu deuten. Besonders von den deutschen Teilnehmenden wurde geäußert, dass sie so gerne noch mehr Hintergründe erfahren hätten, so gerne noch mehr Fragen gestellt und beantwortet bekommen hätten – und am Ende des Camps eindeutig neugierig geworden seien auf das Leben der Gäste in ihrem Heimatland.

Eine wichtige Brücke konnte eine Mitarbeiterin der OJC schlagen, die selbst Ungarin ist und im Camp an den entscheidenden Stellen aus dem Deutschen ins Ungarische und zurück übersetzen konnte. Als einfühlsame Gesprächspartnerin konnte sie in beide Richtungen wichtige Information weitergeben und Zwischentöne und Stimmungen der ungarischen Teilnehmer aufnehmen.

Internationales Begegnungscamp 2015

Freunde finden: Wir lachen und weinen miteinander

  • „Ich werde die Liebe nicht vergessen, die ich empfangen habe vom ersten Moment an. Ihr ward offen und ohne Vorurteile uns gegenüber. Jeder müsste so sein…“
  • „Ich hatte vorher eure Bilder gesehen, aber ich wusste nicht, wer ihr seid. Wenn ich weg gehe, seid ihr mir nicht mehr fremd. Ihr seid meine Freunde und Geschwister geworden.“
  • „Jeden Morgen, wenn ich aus dem Haus gekommen bin, habe ich mich gefreut euch wieder zu sehen.
  • „Ich bin angenommen, wie ich bin. Ich konnte ich selbst sein. Jeder war anders drauf und wurde so genommen.“
  • „Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht.“
  • „Es ist unmöglich, euch zu vergessen!“

Mit jedem Tag mehr entstand eine Atmosphäre unter den Teilnehmenden, die von großer Herzlichkeit, Offenheit und Geduld geprägt war. So wagten sich auch die zurückhaltenderen allmählich aus der für sie nötigen Deckung. Ein Ereignis führte dann ganz ungeplant in die Tiefe der Begegnungen: Alle sieben ungarischen Teilnehmenden erzählten an ihrem „So-leben-wir-Abend“ so persönlich und verletzlich aus ihrem Leben, dass die Zuhörer eine Ahnung davon bekamen, was sich hinter den Gesichtern und Namen für Schicksale verbargen. Viele Tränen der Anteilnahme flossen. Im Bild des Camp-Themas gesprochen, machten die Ungarn von ihrer Seite aus Schritte auf die Brücke – und warteten dann darauf, ob die anderen von der anderen Seite ihrerseits die Einladung annehmen würden. Da die deutschen Teilnehmenden ihren Abend bereits gestaltet hatten, wurde eine offene persönliche Erzählzeit ins Programm eingefügt. Diese Chance wurden von vielen der Deutschen und vom Inder genutzt. Auch die Bulgaren nutzten ihren Abend, um aus ihrem Leben zu erzählen. Im Nachhinein betrachtet, können wir sagen, dass diese innere Bewegung im Camp entscheidend dafür wurde, dass der emotional schwere Besuch im Heidelberger Roma- und Sinti-Dokumentationszentrum miteinander aufgefangen und die Betroffenheit und Erschütterung ehrlich in Worte gefasst werden konnte.

Internationales Begegnungscamp 2015

Der Genozid der Roma in der Zeit des deutschen Nazi-Regimes

  • „Ich dachte die ganze Zeit, was wäre, wenn diese schreckliche Zeit wiederkehren würde…was würden die Ungarn tun? Wir sind doch auch Ungarn. Würden sie uns ausliefern?“
  • „Ich verstehe das nicht. Wir sind keine Feinde. Wir haben keinen Krieg angefangen. Wir sind auf dem Weg. Wir sind noch nicht so weit. Aber wir gehen weiter.“
  • „Als ich ein Kind war, wollte ich oft nicht meinen Nachnamen nennen, weil der mich sofort als Roma identifiziert hätte. Jetzt haben meine Schwester und ich unseren Nachnamen in der Liste der ermordeten Roma im Zentrum gefunden. Es waren zehn Angehörige. Das hat uns mit Schrecken erfüllt.“

Am vorletzten Tag des Camps fuhren wir zu einer Exkursion nach Heidelberg.

Im Dokumentations- und Kulturzentrum der deutschen Sinti und Roma erwarteten uns 3 Führer, die uns in Nationengruppen durch das Haus begleiteten. Auf drei Etagen erwarteten uns Zeugnisse, Fotos, Dokumente, Zahlen und schreckliche Fakten des Genozids an 500.000 Roma zur Zeit des Nazi-Regimes in Deutschland. Die Dauerausstellung ist weltweit die einzige, die ausschließlich das Schicksal der Roma-Bevölkerung in den Fokus nimmt.

Der Besuch wurde am Morgen desselben Tages in den Nationengruppen vorbereitet.

Die Stimmung war erwartungsgemäß ambivalent: Bei den deutschen Teilnehmenden kamen Aussagen auf wie, „das haben wir doch die ganze Schulzeit über schon gehört und gesehen“ oder „keine Ahnung, wie ich den Roma danach wieder ins Gesicht schauen kann“ oder „wie viele Generationen sollen wir uns denn noch daran erinnern?“.

Zur Orientierung lasen wir Auszüge aus der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäcker, die er 1985 zum 40. Jahrestages des Endes des 2. Weltkrieges gehalten hatte. „…das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung. Gerade deshalb müssen wir verstehen, dass es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann…Die Erinnerung gehört zum jüdischen Glauben. „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.(vollständige Rede s. Anhang)

In der bulgarischen Gruppe wurde im Vorbereitungsgespräch vor allem deutlich, dass die jungen Männer aufgrund sehr geringer Schulbildung überhaupt kein Bild von den Ereignissen hatten. Auch Fragen nach den mündlichen Erzählungen oder Erinnerungen der Alten in ihrer Roma-Gemeinschaft, brachten keine zusätzlichen Erkenntnisse. Nur Hitler war ihnen ein Begriff, was sie zu der Aussage veranlasste: „Wegen der Untaten eines Mannes sind doch nicht alle anderen schuld.“ Der Leiter der Gruppe wollte unbedingt mehr über das Thema „lernen“, da sie „alle so ungebildet sind“.

Auch in der ungarischen Gruppe gab es einzelne, für die die konkrete Berührung mit dem Genozid neu war. Drei von ihnen hatten bereits an einem Seminarwochenende in Ungarn teilgenommen, das die Versöhnung zwischen Roma und Ungarn zum Inhalt hatte.

Nach einem Picknick am Neckarufer verbrachten wir ca. 2 Stunden im Heidelberger Dokumentationszentrum.

Sowohl die anschließende freie Zeit, die Führung im Heidelberger Schloss (im Nachhinein eindeutig keine gute Idee) als auch die Rückfahrt waren überschattet von den mächtigen, schwer zu verdauenden Informationen.

Trotz der allgemeinen Müdigkeit, verständigten wir uns im Team kurzfristig darauf, dass wir es in einer kurzen abendlichen Versammlung wagen wollten, die Eindrücke einzusammeln und wenn möglich in einem kleinen symbolischen Akt zu verarbeiten.

Es könnten im allgemeinen Camp-Gedächtnis die tiefsten 45 Minuten bleiben: Im Kreis auf dem Holzboden des Saales hörten wir etwas vom Schmerz, Betroffenheit und der Erschütterung aus den verschiedenen Gruppen. Alles durfte wahr sein und blieb stehen. Mit den Worten eines der ungarischen Teilnehmer schlossen wir die Runde: „Ich verstehe das nicht. Wir sind nicht schuld. Wir sind niemandes Feind. Wir haben keinen Krieg angefangen. Wir gehen als Roma weiter. Wir sind noch nicht da. Aber wir sind auf dem Weg. Von uns hier ist niemand schuld. Wir nicht. Ihr auch nicht.“

In einem langen Zug, immer ein Roma, ein Deutscher (oder anderer Nationalität), tanzten wir im Pilgerschritt (drei Schritt vor, ein Schritt zurück) lange Wege durch den Saal, stellten uns dann im Kreis auf und beteten gemeinsam das Vater-Unser in Romanes, wie es uns die Ungarn im Morgengebet beigebracht hatten („Lasst uns das Vater-Unser so beten, wie es in den Konzentrationslagern gebetet wurde.“).

Wer wollte konnte eine Zeit der Stille im Saal nutzen. Der Abend klang am Lagerfeuer aus mit vielen Liedern.

Internationales Begegnungscamp 2015 Tischgemeinschaft

Tischgemeinschaft

Was wäre ein Begegnungscamp ohne die vielen gemeinsamen Mahlzeiten! Die zwei Mitarbeiterinnen, die tagtäglich sehr spontan und kreativ die Lebensmittel, die uns Freunde der Kommunität, örtliche Supermärkte und ein Bäcker zur Verfügung stellten, in herrlich bunte und vielseitige Büffets verwandelten, machten Gastfreundschaft spürbar und „kostbar“.

Im Hof des Jugendzentrums verbrachten wir viel Zeit an den Tischen, um uns zu stärken, die Ereignisse zu besprechen und uns vertrauter zu werden.
Einigen Teilnehmern fiel es bis zum Schluss schwer, sich beim Essen unter die anderen zu mischen. Trotz gegenteiliger Auskünfte („Wir brauchen noch 2, 3 Tage…“), konnten sie diese Schwelle nicht überwinden. Das erregte Unverständnis, das sich nicht auflösen ließ.

Internationales Begegnungscamp 2015

Gemeinsame Arbeits-Projekte

  • „Ich werde mich an die Arbeit erinnern, dass wir mit vereinter Kraft etwas hervorgebracht haben, jeder an seinem Platz.“
  • „Ich freue mich sehr, unter euch zu sein. Wir haben Gott gemeinsam gelobt, gespielt. Mit den Arbeitspartnern habe ich mich gut verstanden. Es gab keinen Ärger, keinen Stress. Jetzt bin ich traurig, dass wir wieder nach Hause fahren.“

In nahezu allen Rückmeldungen der Campteilnehmern wurde die gemeinsame Arbeit als eine geeignete Begegnungsfläche genannt. Was man nicht mit Worten sagen konnte, konnte man zeigen, vormachen, nachmachen – oder beim Tun auch einfach lächeln und schweigen.

An 4 Tagen wurde in kleinen Gruppen an unterschiedlichen Projekten gearbeitet: Bushaltestellen streichen, Erde abtragen und transportieren, am Schwimmbad des Dorfes die Hecken schneiden, Mauern aufbauen, die Feuerstelle des Jugendzentrums erneuern, usw.

Einige der gemeinsamen Arbeitsprojekte wurden in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Bauhofs der Gemeinde Reichelsheim durchgeführt

Die körperliche Arbeit in großer Hitze (bis 38 Grad!) machte Einigen Mühe. Ab dem zweiten Tag verkürzten wir die Arbeitszeit, besonders an den Nachmittagen und sorgten für längere (Wasser-) Pausen. Die bulgarischen Teilnehmer waren einhellig der Meinung, dass sie gerne noch viel mehr gearbeitet hätten. Die ungarischen Gäste gaben sich große Mühe („Wir sind stolz. Wir möchten auf keinen Fall, dass ihr denkt, wir könnten nicht arbeiten.“), hatten aber mit körperlicher Arbeit nicht gerechnet. („Viele von uns haben sich Urlaub genommen, um am Camp teilnehmen zu können…“) Hier gilt es in Zukunft genauer zu überprüfen, ob das, was wir im Einladungsschreiben formuliert haben, auch verstanden wird.

Im Autokorso fuhren wir am letzten Arbeitstag die verschiedenen Projekte ab, um sie gebührend zu besichtigen und zu feiern. Die öffentliche Würdigung durch den Bürgermeister der Gemeinde Reichelsheim und das von ihm ausgerichtete Grillfest wurden dankbar aufgenommen. 

Internationales Begegnungscamp 2015 Kapelle

Gemeinsam beten und singen

  • „Das gemeinsame Beten hat uns von Anfang an verbunden.“
  • „Wir waren in Gottes Namen zusammen. Ich habe in den Begegnungen gespürt, dass Gott anwesend ist.“
  • „Gott gibt uns das Gefühl, untereinander verbunden zu bleiben.“

Die elf Tage der Begegnung begannen jeweils mit einem Morgengebet. Vor dem Mittagessen trafen wir uns erneut in der Kapelle des Jugendzentrums. An jedem Tag war eine andere der 4 teilnehmenden Gruppen für die Durchführung verantwortlich. Im Vorfeld waren 3-sprachige Hefte und Texte vorbereitet worden mit Liedern, Gebeten und Bibeltexten. Große Ernsthaftigkeit und Innigkeit prägten diese gemeinsamen Zeiten. Freie Gebete in der jeweiligen Muttersprache und das vielsprachige Vater-Unser führten eindrücklich vor Augen, welcher Schatz und welche Verantwortung in der Zugehörigkeit zur weltweiten Familie Gottes liegen. Besonders die kurzen biblischen Impulse von zwei ungarischen Teilnehmerinnen ließen uns aufhorchen.

  • „Ich empfinde es als große Gefahr, dass die Christen in Europa ihre Stimme nicht erheben. Im Lukasevangelium lesen wir von Jesus, der gesagt hat: Seid wachsam, wenn die Leute nur Gutes über euch sagen. Es kann nicht sein, dass wir Christen, die wir in Europa nicht verfolgt werden, uns von Verfolgung und Schmerz in der Welt nicht berühren lassen. Lasst uns jetzt beten für die, die verfolgt werden, für die Roma, für die Armen, für die Flüchtlinge in Europa.“
  • „Wann hattet ihr zuletzt Hunger? Wann hattet ihr Durst? Und selbst wenn ihr den Durst stillt, werdet ihr bis zu eurem Lebensende immer wieder Durst haben. So soll das auch mit dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit sein, von dem Jesus spricht. Bis zum Lebensende! Bis er für immer Gerechtigkeit schafft! Lasst uns nicht vorzeitig satt werden! Es gibt noch viel zu tun.“
Internationales Begegnungscamp 2015

Wie wir das Thema „Brücken bauen“ entfaltet haben
Eine Parabel und ihre Bedeutung

Am zweiten Seminarvormittag spielten wir die eindrückliche Geschichte „Die Kinderbrücke“ von Max Bolliger mit verteilten Rollen im Spontantheater.

Sie erzählt, wie Familien, die an den gegenüberliegenden Ufern eines großen Flusses leben, ihren Neid, ihre Vorurteile und ihre Unkenntnis übereinander dadurch überwinden, dass unbemerkterweise die Kinder beider Seiten sich bei Niedrigwasser in der Mitte des Flusses treffen. In anschließenden Nationengruppen gingen wir den Fragen nach, die sich durch die Geschichte für die jeweilige Lebenswirklichkeit stellen. Die Essenz der Ergebnisse wurde im Plenum vorgestellt. Zum Abschluss bauten wir die Holzbrücke als Symbol auf, tragfähig genug, dass sie einige von uns ausprobieren konnten.

Die Geschichte voller übertragbarer Metaphern erwies sich als sehr fruchtbar für das Camp.

In den Kleingruppen vertieften wir am folgenden Tag das Thema mit der Transfer-Frage:

Was braucht es konkret von uns, um Brücken zu anderen hin zu bauen und zu überqueren?

Puzzleteile von verschiedenen Brückenbildern konnten zusammengebaut und mit Begriffen in allen vertretenen Sprachen beschriftet werden. Die Einigung auf und die Übersetzung der Begriffe führten zu intensiven Gesprächen (soweit sprachlich und mittels Übersetzung möglich).

Im OJC-Familiengottesdienst in der Mitte des Camps bauten wir die Holzbrücke auf der Bühne auf und luden einige Kinder ein, sie zu überqueren. So konnte die OJC-Gemeinschaft anschaulich Anteil nehmen.

Internationales Begegnungscamp 2015 Erfahrungsfeld

Zusammen halten, Hilfe empfangen, Sicherheit geben und Jesus an unserer Seite

Erlebnispädagogische Einheiten ermöglichten es, nicht theoretisch und abstrakt zu bleiben, sondern im konkreten Ereignis zu spüren, worum es beim „Brücken bauen“ geht. Dabei kam es uns besonders an auf die Bewegung von beiden Seiten aufeinander zu. Die Aktion „Ziel-Findung“ bot dazu gute Anschauung, da sich die Teilnehmenden in verschiedenen Rollen erleben: Mal in der Sicherheit gebenden, mal in der Hilfe empfangenden.

Die im Lukasevangelium erzählte Emmaus-Geschichte (Lk 24, 13- 35) und entsprechende veranschaulichende Bilder verbanden die Erfahrung, begleitet zu werden, über die zwischenmenschliche Dimension hinaus auch mit Gott selbst: Jesus, unser Weg-Begleiter.

Im Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg stellten wir den Teilnehmenden viele weitere Kooperationsaufgaben, die den Zusammenhalt und die gegenseitige Ergänzung zum Thema hatten. Da die Bewältigung dieser Aufgaben mit wenig sprachlicher Kommunikation, vielmehr mit viel Wahrnehmung, Bewegung, praktischen Lösungen, Vormachen, Nachmachen verbunden war, leisteten sie einen wertvollen Beitrag für Kennenlernen, Vertrauen und Freude über gemeinsamen Erfolg. 

Internationales Begegnungscamp 2015 Spiel

Sport, Spiel, Rekreation

Das war die Würze und die Süße der gemeinsamen Zeit. Man kann eindeutig nicht 11 Tage lang intensiv arbeiten, nachdenken, sich auseinandersetzen, wenn man sich nicht zwischendurch bei Spiel und Sport erholt. Viele Begegnungen passierten genau in diesen Zeiten und ungeahnte – in Staunen versetzende – Talente kamen zum Vorschein.

Internationales Begegnungscamp 2015

Die teilnehmenden Roma aus Ungarn und Bulgarien:

  • „Die Roma in Bulgarien leben so, wie wir Roma in Ungarn vor 50 Jahren.“

Unser Wunsch war, mit dem Camp auch für Roma aus unterschiedlichen Ländern einen Raum zu schaffen, in dem sie miteinander und voneinander hören und lernen könnten, wie sie jeweils als Minderheit leben. Das stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht.

  • Auf den ersten Blick keine gemeinsame Sprache:
    Ungarn: Ungarisch, ein Teilnehmer spricht einen Romanes-Dialekt. Es stellte sich heraus, dass er die Gespräche der bulgarischen Roma verstand, die untereinander weniger Bulgarisch, sondern vielmehr ihren örtlichen Roma-Dialekt sprechen (nach eigenen Aussagen vermischt mit Türkisch).
  • Große Unterschiede in Bezug auf die formelle Schulbildung wurden deutlich. Das prägte auch die sehr unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit, abstrakt zu denken, zu schreiben und zu lesen und mit in den Kleingruppen gestellten Fragen umzugehen.
  • Große Unterschiede darin, wie sie ihre ethnisch-kulturelle Roma-Zugehörigkeit verstehen und welche Gewohnheiten und Überzeugungen damit verbunden sind (z.B.Alkohol trinken).
  • In den ersten Tagen gab es nur sehr vereinzelte Annäherungen unter den Bulgaren und den Ungarn. Die Kommunikation und Annäherung lief zunächst von beiden Gruppen mit den deutschen Teilnehmern leichter. Mit etwas Mediation der Campleitung entstand in der zweiten Woche eine zunehmende Offenheit und gegenseitige Wertschätzung.
Internationales Begegnungscamp 2015

Europa gestalten? Was bleibt nach dem Camp

  • „Es hat solche Hoffnung in mir geweckt, zu sehen, dass es im Kleinen gelingt. Dann kann es im Großen auch Erfolg haben!“

Viele Aussagen aus den Schlussrunden deuten darauf hin, dass alle Beteiligten enorm profitiert haben von der intensiven Zeit der Begegnung mit Menschen „vom anderen Stern“. Selbst einige Aussagen darüber, was bis zum Schluss unverständlich blieb, sehen wir als wichtige Erkenntnisse über den Umgang mit Fremdheit, der sich nicht auflöst, aber in gegenseitiger Wertschätzung überbrückt werden kann. Die wichtigste Grundlage dafür bleibt, dass man sich so kennenlernt, dass die Bilder und Vorurteile überprüft und revidiert werden können. Im Bild der Camp-Geschichte: Man muss sich in der Mitte des Flusses treffen, Zeit miteinander verbringen, sich vom Leben am anderen Ufer erzählen und sich dort besuchen. Dann bekommt man ein Gespür füreinander und die Bereitschaft kann wachsen, miteinander die Zukunft zu gestalten und nicht gegeneinander.

Bis dahin sind viele vertrauensbildende Maßnahmen nötig.

Der Glaube an den Gott, der sich die Versöhnung alles hat kosten lassen und sie uns Menschen anbietet, gibt unseren Bemühungen ein hoffnungsvolles Fundament.

Inwiefern diese interkulturelle Begegnung die jungen Erwachsenen dazu anregen wird, sich in ihrem eigenen konkreten privaten und beruflichen Umfeld zu Brückenbauern zu entwickeln (über soziale und Bildungsunterschiede hinweg, hin zu Migranten an ihrem Wohnort, in Beziehung zu Andersdenkenden oder Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften usw.) bleibt abzuwarten. Wir gehen davon aus, dass sie dafür deutlich besseres Werkzeug zur Verfügung haben als vor dem Camp.

Internationales Begegnungscamp 2015

Was hat sich bewährt:

  • Die Größe der Gruppe und die Auswahl der Teilnehmer durch die Partner-Organisationen. Dadurch kann eine Multiplikation der Erfahrungen gelingen.
  • Der Veranstaltungsort Reichelsheimer Europäisches Jugendzentrum in einem kleinen Dorf im Odenwald. Wenig Ablenkung durch Attraktionen und Konsum, dafür ein schönes Freibad, viel Grün- und Spielfläche und die Nähe des Erfahrungsfeldes Schloss Reichenberg halfen zur Konzentration der Gruppe.
  • Die gastgebende Kommunität und ihre Mitarbeitenden: Wo Gemeinschaft gelebt wird, können andere dazu kommen! „Es war sehr bewegend, eure Gemeinschaft zu erleben. Ich wünsche mir in Ungarn mehr solche Gemeinschaft!“
  • Die zwei vorbereitenden Seminareinheiten mit den deutschen Teilnehmenden vor dem Begegnungscamp sorgten für Offenheit und Einstimmung und das Gefühl, von der Campleitung wahrgenommen zu werden. Sie lieferten uns auch wichtige Hinweise auf die Stimmungslage der deutschen Gruppen.
  • Die ausgewogene Mischung verschiedener Aktivitäten und Sozialformen: Seminareinheiten und die Mitarbeit an praktischen handwerklichen Projekten, Plenum und Kleingruppen, Gesprächsrunden und Spielaktionen, Stille und ausgelassenes Feiern.
  • Einige der gemeinsamen Arbeitsprojekte wurden in Zusammenarbeit mit dem Bauhof der Gemeinde Reichelsheim durchgeführt. Die öffentliche Wahrnehmung der Hilfe durch die Roma-Teilnehmer und die Ehrung im Dorf leistet einen wichtigen Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit.
  • Die flexible Anpassung des Programms an den Prozess der Gruppe und Berücksichtigung der Bedürfnisse der Teilnehmer (Sa/So ausschlafen, Bergfest „Peak-Party“ usw.) Durch dieses sorgfältige Hinhören konnten wir Verstimmungen und Überforderungen frühzeitig erkennen und entsprechend reagieren.
  • Vielfältige Partizipationsmöglickeiten und Gelegenheiten, Mitverantwortung im Camp zu übernehmen: morgendliche Planungsrunde mit Abgeordneten aller teilnehmenden Gruppen, umschichtige Leitung der Gebetszeiten, Delegierte der Kleingruppen, Verantwortung bei der Abendgestaltung.

So gelang es, alle Beteiligten „ins Boot“ zu holen und sie das Camp sowohl aus der teilnehmenden als auch aus der gestaltenden Rolle heraus zu erleben.

Internationales Begegnungscamp 2015

Was würden wir anders machen?

  • Uns im Vorfeld deutlicher vergewissern, ob Sinn, Ziel und Programm des IBC von den Gästen so aufgenommen wird, wie es gemeint war.
  • Die deutschen Teilnehmergruppen im Vorfeld noch expliziter mit Programm und Zielen des IBC vertraut machen.
  • Genügend Verarbeitungszeit nach dem Besuch des Doku-Zentrums in Heidelberg einplanen, keine anschließende Schloss-Führung.