Das deutsch - ungarische Begegnungscamp in Bódvaszilas/Ungarn

Bódvaszilas in Ungarn

27. Juni – 8. Juli 2016

Vorbemerkung: Im Folgenden kommen Stimmen der Teilnehmer zu Wort, die ihre Erlebnisse und Eindrücke nach der Rückkehr formulierten. Den Rahmen bildet ein ausführlicher Bericht von Martin Boller, FSJler des Jahres 2014/2015. Die Stimmen der anderen Teilnehmer wurden ergänzend eingeflochten und kursiv gesetzt.

Vorgeschichte

Während meines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Offensive Junger Christen (OJC), im letzten Jahr, hatten wir ein „internationales Begegnungscamp“. Wir haben dazu eine Gruppe Roma aus Ungarn und eine Gruppe Roma aus Bulgarien nach Reichelsheim eingeladen. Ganze zwei Wochen lang bauten wir Freundschaften auf, indem wir zusammen arbeiteten, zusammen spielten, zusammen sangen, zusammen lachten, zusammen aßen und uns gegenseitig offen aus unserem Leben erzählten: sowohl das Schöne als auch das Schwere, das wir erlebt haben. Es war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Während der zwei Wochen war ich oft verblüfft, wie sprachliche und kulturelle Barrieren abschmolzen…

Die meisten ungarischen Roma, die an dem Camp teilnahmen, leben und arbeiten in Budapest. Einige von ihnen beteiligen sich an der Református Cigány Missió (Roma Mission der ungarischen Reformierten Kirche) und arbeiten mit jungen Roma im ganzen Land. Eine der Roma-Gemeinschaften, mit der sie arbeiten, liegt in dem Ort von Bódvaszilas (im Norden von Ungarn, nahe an der slowakischen Grenze). Ich wurde zu einer zwölftägigen Reise von Ende Juni bis Anfang Juli 2016 nach Ungarn mit der derzeitigen OJC-Mannschaft eingeladen: ein großes Privileg. Wir verbrachten über eine Woche in Bódvaszilas und unternahmen viele Aktivitäten mit einer Gruppe, die aus uns deutschen Teilnehmern, den Roma aus Budapest und fünf oder sechs jugendlichen Roma aus Bódvaszilas bestand. Wir haben auch viele Roma-Familien aus dem Dorf kennengelernt, wurden in ihr Haus eingeladen und sind einigen von ihnen sehr vertraut geworden. Ein täglicher Bericht von dem, was wir dort erlebten, würde zu lange brauchen, und es ist schwer, den Herzschlag der zwei Wochen rüberzubringen, doch ich werde es versuchen.

Bódvaszilas in Ungarn

Bódvaszilas

Wie wir erfuhren, hat Bódvaszilas 1000 Einwohner. Etwa 150 von ihnen sind Roma und die Mehrheit der Roma leben in einer Siedlung am Ortsrand. Es gibt eine unglaublich hohe Rate an Arbeitslosigkeit unter den Roma, nicht nur in Bódvaszilas, sondern auch in der gesamten Umgebung. Diese Gegend wird als die ärmste Ungarns erachtet und als wir durch benachbarte Dörfer fuhren, sahen wir viele Roma-Männer, Frauen und Kinder am Straßenrand, an Bushaltestellen oder unter Bäumen sitzen. Die Reformierte Kirche in Bódvaszilas versorgt einige Erwachsene mit Arbeit (zum Teil von der EU subventioniert): Hacken, Jäten, Mauern, Holz hacken, usw… Die Angestellten der „Community Projects“ erhalten minimalen Arbeitslohn: ungefähr 200€ im Monat. Einige von ihnen haben jedoch eine ganze Familie zu versorgen.

Selbstwert und Bildung

Die Chancen für einen Roma, in Ungarn beruflich Fuß zu fassen, sind sehr gering, auch wenn er/sie begabt ist. Deswegen ist oft die Motivation in den Roma-Gemeinschaften sehr schwach. Anfangs war das schwer für uns zu verstehen, doch es ist eine Tatsache, dass viele der jugendlichen Roma nicht an sich selbst glauben – sie glauben nicht, dass sie etwas leisten können, da sie sehr wenige Roma-Vorbilder haben, deren Leben ein anderes Bild schildert. (Ein Beispiel: Ich habe einem der jungen Männer beigebracht, Trinkgläser zu spülen, etwas, das er noch nie getan hatte; er war außer sich vor Freude, dass er es tun konnte und veröffentlichte gleich ein Bild davon auf Facebook).

Im Nachhinein finde ich es echt gut, dass wir am Anfang verschiedene Kennenlern-Aktionen gemacht haben, weil sich die Roma aus dem Dorf dadurch schon als Gastgeber fühlen konnten. Sie waren diejenigen, die sich dort auskennen und uns zeigen konnten, wie man die Dinge löst. Auch unter dem Aspekt, der ja schon öfter genannt wurde, dass sich die Roma in anderen Bereichen oft weniger zutrauen. Das ist wahrscheinlich auch viel auf die Beziehung zwischen den Ungarn, die keine Roma sind, und den Roma zurückzuführen. Dies zeigt sich auch in christlichen Kreisen, wo oft noch die Veranstaltungen in der Kirche getrennt sind.

Als eine Minderheit in Ungarn werden Roma noch immer von der weißen Mehrheit verachtet. Obwohl getrennte Schulen illegal sind, gibt es mehrere „Nur-Roma“-Schulen im Land. Die Schule in Bódvaszilas hat nicht mehr als drei oder vier „Nicht-Roma“-Schüler, da die anderen Ungarn ihre Kinder lieber auf eine „bessere“ „Nicht-Roma“-Schule in einem Nachbarort schicken. Sogar die Kinder des Pastors, der ein zuverlässiger Unterstützer der Cigány Missió ist, besuchen eine Schule außerhalb des Dorfes.

Die Rolle des Pastors blieb mir unklar: Einerseits setzte er sich sehr für die Roma ein, verschaffte ihnen Arbeit, erzählte er, dass Gott ihm die Roma-Mission ans Herz gelegt hatte, andererseits ist er sehr dominant und bestimmend den Roma gegenüber.

Begegnungscamp Ungarn 2016

Willkommen!

Nach 16 ½ Stunden Fahrt war es ein schöner Empfang, einige der Roma, die wir letztes Jahr kennengelernt hatten, uns zuwinken zu sehen, als wir neben der Reformierten Kirche in Bódvaszilas einfuhren.

Kurz bevor wir in Bódvaszilas ankamen, war ich ziemlich aufgeregt. Wir kamen dann auch erst sehr spät, um circa halb zwölf, an. Als wir da waren, war ich dann doch sehr erleichtert, weil wir sehr lieb begrüßt wurden von den Organisatoren des Camps. Sobald wir zur Tür reinkamen, wurden wir von rechts und links im Eingang mit Seifenblasen begrüßt, das fand ich sehr süß. Außerdem waren an der Wand überall Kärtchen mit den wichtigsten ungarischen Wörtern bzw. kurzen ungarischen Redewendungen angebracht, das fand ich auch sehr schön gestaltet. Ich habe mich direkt wohl gefühlt. Es gab dann auch noch um halb zwölf nachts ein deftiges Abendessen für uns.

Wir wurden in einem Gästehaus untergebracht, das im vergangenen März fertig renoviert worden war. Wenn auch eng (alle Männer in einem Zimmer mit Hochbetten), hatten die meisten von uns „schlimmere Zustände“ erwartet und waren über die doch recht luxuriösen Unterkünfte überrascht. Wir haben bald herausgefunden, dass die OJC-Mannschaft sich eigentlich gewünscht hatte, in Dorffamilien unterzukommen, die ungarische Gruppe uns aber das Beste anbieten wollte und entschieden hatte, den „roten Teppich“ für uns auszubreiten. Sie sagten, sie hätten sich letztes Jahr in Deutschland so aufgenommen gefühlt, dass sie uns dasselbe bieten wollten. Da das Gästehaus nur eine kleine Küche hatte, wurde ausgemacht, dass das Essen für unsere gemeinsamen Mahlzeiten in der Küche des lokalen Kindergartens gekocht und an unsere Haustür geliefert wurde.“ ( M.B.)

Sie haben von ihrem letzten Aufenthalt in der OJC einfach einige Dinge übernommen, zum Beispiel haben sie aufgefasst, dass die Deutschen gerne Regeln und Strukturen mögen, deswegen haben sie uns dann ein leeres Blatt vorgesetzt und gesagt „So, liebe Deutsche, jetzt macht mal eure Regeln!“ und wollten dann, dass wir irgendwas aufschreiben. Insgesamt war es sehr witzig herauszufinden, was wir über sie denken und was sie über uns denken und welche Klischees sich auch bestätigen.

Gastfreundschaft erleben

Ehrlich gesagt war es nicht einfach, diesen speziellen „Gästestatus“ zu tragen. Sehr bald erkannten wir, wie weit entfernt der Luxus, den wir genossen, von der alltäglichen Realität der Roma war, die weniger als einen Kilometer von dem Gästehaus entfernt wohnten. Am ersten Abend lud mich Sándor, ein Jugendlicher aus dem Dorf, nach dem Tagesprogramm zu sich nach Hause ein. Er ist 19 Jahre alt und geht nicht mehr zur Schule. Er musste aussteigen, um Geld für seine Familie zu verdienen, da sein Vater Alkoholiker ist und in Budapest lebt. Ich ging ihn und seine Familie mit ein paar ungarischen Organisatoren besuchen. Ich war sehr tief von der Gastfreundschaft und Offenheit der kleinen Familie mir, einem ihnen noch Fremden gegenüber, bewegt. Sándor lebt zusammen mit seiner Freundin, Mutter und jüngeren Schwester in einem Haus nahe dem Rande der Roma-Siedlung. Seine Schwester ist 17 und schon schwanger. Ihr Freund verließ sie und seitdem geht es ihr gesundheitlich nicht sehr gut: sie muss öfter ins Krankenhaus… Die Mutter zeigte mir den Raum, den sie für ihre Tochter und das Baby vorbereiten möchte. Sie musste eine Taschenlampe benutzen, weil es in dem Teil des Hauses entweder kein Licht oder keinen Strom gibt. Sándor war leicht betreten und fragte, ob ich das Haus OK oder zu schäbig fand. Deutlich sehr arm, und doch stolz auf das, was sie doch haben, versuchen sie das Haus so schön wie möglich zu gestalten. Sie alle (außer der schwangeren Schwester) rauchen viel, auch in dem Haus.

An einem unserer ersten Tage in Bódvaszilas bin ich gestürzt und habe mir die linke Schulter verletzt. Das war irgendwie doof, aber das gute war, dass es direkt vor dem Haus einer ganz netten Romafamilie passiert ist, die mich sofort reingeholt hat und meine Wunde versorgt hat. Dadurch war ich mindestens eine Stunde bei ihnen. Szabina kam noch dazu und hat für uns übersetzt. Wir haben uns unterhalten und sie haben mir ganz stolz ihr Haus gezeigt, weil sie gerade ihr allererstes Bad fertig gebaut haben. Es war wie so ein Nachhausekommen, so ein richtig Aufgenommenwerden. Im Rückblick bin ich richtig dankbar für diesen Sturz, weil ich das sonst nicht miterlebt hätte.

Gräben in der Gesellschaft

Sándors Mutter erzählte, dass sie eine Zeitlang in einer Organisation mit ausschließlich Roma zusammenarbeitete, die auf „derselben Ebene“ miteinander sein sollten. Doch auch zwischen Roma gibt es viel Neid und Gier. Sie sagte, ein paar arbeiteten, während die anderen zuguckten und Befehle gaben. Sie wurden so hässlich zueinander, dass sie schließlich ging und sich den „Community Projects“ anschloss, obwohl sie dort weniger verdiente als zuvor. Auch jetzt, bald Großmutter, muss sie oft in der Hitze arbeiten, Gemüse hacken, Ziegelsteine tragen, oder jäten. Ein paar Leute aus dem Dorf, für die sie gelegentlich arbeiten, bieten ihnen nichts an und so haben diese älteren Frauen keinen Zugang zu Wasser oder Toiletten… Sándor erzählte von einer Busfahrt, bei der er hinter zwei „Nicht-Roma“ saß, die über Kosmetikläden diskutierten. Eine von ihnen erzählte von einem Laden, dessen Besitzerin großes Talent hat und ziemlich den besten Dienst und die beste Ware verkauft. „Aber sie ist Roma, also kaufe ich dort nicht ein“. Diskriminierung und offener Rassismus sind immer noch sehr tief in der ungarischen Kultur verwurzelt, scheint es.

Die Würde der Gastgeber

Ich erinnere mich gerne an einen Ausflug zu einer Quelle bei Bódvaszilas. Dieser Spaziergang hat mir das Gefühl vermittelt, dass nicht wir diejenigen sind, die erhaben daher kommen und ein kleines Hilfsprojekt starten, sondern dass wir die Gäste waren, die von ihnen aufgenommen wurden und von ihnen in ihr Land eingeführt worden sind. Diese Wanderung wurde von Sandor initiiert, er war der Wegweiser und ihm war das auch ganz wichtig, uns diese Stelle als persönlichen „Geheimtipp“ zu zeigen. Er war ganz stolz, uns da gekonnt durch die Böschungen zu führen. Mit dieser Wanderung war auch noch ein Hausbesuch bei ihm verbunden, der schon am Anfang der Wanderung hätte stattfinden sollen, aber er hat dann bewusst diesen Umweg durch das Unterholz gewählt, der uns nicht an seinem Haus vorbeiführte, weil er sich geschämt hat. Es war für ihn eine große Überwindung, diesen Weg zu seinem Haus zu gehen, aber am Ende der Wanderung haben wir es dann doch noch gemacht. Man hat gemerkt: Sobald wir die Schwelle der Haustür überschritten hatten und als ihre Gäste aufgenommen waren, stand uns das ganze Haus offen, da gab es dann keine Ecke mehr, die uns verschlossen blieb.

Was mich bei diesem ersten Besuch am meisten beeindruckt hat, war die Gebetsrunde, die wir am Ende des Abends hielten. Obwohl ich die Worte nicht verstand, war ich selten zuvor von einem Gebet so getroffen. Die Mutter weinte offen, Gott flehentlich bittend. Sándor betete und dankte für seine neuen Freunde, indem er jeden Einzelnen namentlich aufzählte. Der Glaube an Gott hat diese Familie verändert. Sie haben angefangen, wie wir es miterlebten, täglich gemeinsam zu beten. Sie haben bestimmt nicht immer genug Geld um zurechtzukommen, doch es ist deutlich, dass Gebet und Glaube für sie eine greifbare Kraft sind. Ich wurde persönlich herausgefordert, aber auch persönlich beschämt. Diejenigen von uns, die in der westlichen Welt leben und komfortabel leben, sind eine Minderheit in dieser Welt. Und viel zu oft betrachten ich und wir das, was wir haben, als selbstverständlich. Ich weiß, es klingt sehr klischeehaft, doch es ist eine Tatsache: Wir leben im Luxus.

Wir besichtigten an den letzten beiden Tagen das Parlament von Budapest. Diesen Unterschied fand ich krass. Auf der einen Seite die Familien, die unter solchen Verhältnissen leben müssen und man sich fragt, ob sie von der Regierung vergessen wurden oder ob es überhaupt eine Regierung im Land gibt, die auf sie schaut und auf der anderen Seite dieses prachtvoll ausgeschmückte Parlamentsgebäude. Das war für mich während der Reise eine innere Spannung: diese Armut zu sehen und dann aber auch diesen Luxus oder vielmehr diesen europäischen Standard.

Begegnungscamp Ungarn 2016

Wie man Hürden überwindet

An drei Tagen arbeiteten wir gemeinsam an verschiedenen Projekten im Dorf und um die Kirche. Ich war in einer Gruppe, die Ziegelsteine in einem neuen Pavillon auf dem Kirchgelände legte. Die Arbeit war ein fantastischer Weg, in besseren Kontakt mit den Menschen aus dem Dorf und unserer Gruppe zu treten.

An drei Tagen waren wir in unterschiedlichen Arbeitsprojekten bei der Kirche und im Dorf im Einsatz. Die Arbeitsgruppen bestanden immer aus deutschen Teilnehmern und ungarischen Teilnehmern, die mit den „Community Workers“ zusammen arbeiteten oder von ihnen angeleitet wurden. Die Arbeitsprojekte waren das Imprägnieren eines Holzzaunes, das Pflastern eines überdachten Versammlungsplatzes für die Kirchengemeinde und das Spalten von Feuerholz bei einer älteren Frau im Dorf. Außerdem wurde an 4 Tagen ein spannendes und erlebnisreiches Kinderprogramm durchgeführt, an dem ca. 20 Roma-Kinder aus dem Dorf teilnahmen. Einige Mitarbeiterinnen der Roma-Mission und einige deutsche Teilnehmerinnen planten die unterschiedlichen Aktivitäten für diese Tage. Am Samstag war dann noch ein Arbeitseinsatz beim Haus eines der Roma-Teilnehmer. Er hat dieses renovierungsbedürftige Haus gekauft, um mit seiner Frau in den nächsten Wochen dort einzuziehen. Neben dem Roden und Aufräumen des verwilderten Gartens wurde die Küche von uns frisch gestrichen.

Während der gesamten Zeit in Bódvaszilas hatte ich nie den Eindruck, dass die Sprachbarriere ein großes Problem sei. Nach einer Weile haben wir durch Diskussionen ein Vokabular entwickelt, das jeder verstehen konnte: ein paar englische Wörter, ein bisschen Deutsch, ein bisschen Ungarisch und natürlich viel Hilfe von Händen und Füßen. Ein paar ungarische Organisatoren konnten gut Englisch und haben in der großen Runde hilfreich übersetzt. Wie man es sich vorstellen kann, wurde viel gelacht, da wir alle versuchten, einander zu verstehen und verstanden zu werden… Wir haben herausgefunden, dass Lachen Freundschaften vertieft.

Außer den angereisten Roma-Teilnehmern waren es fünf Roma aus dem Dorf, die mit uns die Tage verbracht haben, d.h. die mit uns zusammen gearbeitet, gegessen und verschiedene Aktionen gestartet haben. Und mit ihnen zusammen haben wir auch ein Kartenspiel gespielt, was ziemlich lustig war. Aber ich habe gemerkt: für mich war das auch eine Überwindung, auf sie zuzugehen, weil ich, ohne eine gemeinsame Sprache, nicht wusste, was ich mit ihnen machen oder wie ich mit ihnen umgehen soll. Dieses Kartenspiel war die erste Aktion, bei der man sich ein bisschen näher kam und da habe ich dann deutlich gemerkt, dass man über Spiel, Spaß und sogar auch Missverständnisse in Berührung kommt. Martin, ein FSJler aus dem letzten Jahr, war dabei und wir haben ganz viel einfach nicht gerafft und die Roma haben sich einfach schlapp gelacht über uns und andersrum genauso. Aber das war cool, denn durch diese gemeinsamen Insider, die sich da entwickelt haben und die wir immer wieder hochholen konnten, entstand dann eine ziemlich gute Bindung, die dann immer intensiver wurde innerhalb der Tage.

Was Offenheit mit uns gemacht hat

Eine andere Sache, die uns als internationale Gruppe zusammenschweißte, war das offene Erzählen unserer persönlichen Geschichten. Über drei Abende verteilt durfte jeder Teilnehmer der verschiedenen Gruppen von seinem/ihrem Hintergrund erzählen und es war unglaublich, wie offen alle waren.

Krisztían, einer der Roma aus Budapest, wuchs in einem Slum auf und sein Vater verließ die Familie, als er noch ein kleines Kind war. Das hat ihn sehr mitgenommen. Zuhause fühlte er sich nicht geliebt, doch in einer Kirche in der Nähe war eine Frau, die Bibelgeschichten erzählte und den Kindern Süßigkeiten verteilte. Er ging immer wegen der Süßigkeiten hin, doch im Nachhinein merkte er, dass er dort einfach geliebt und angenommen war. Als er zwölf war, ging auch seine Mutter fort, und er war zuständig für seine Geschwister. Er war verzweifelt, hilflos und hoffnungslos, und er dachte mehrmals daran, Selbstmord zu begehen. Er versuchte, sich zu erhängen. Er sagte, der Zweig, den er ausgesucht hätte, sei dick gewesen, doch er brach trotzdem. Ein paar Jahre später kehrte seine Mutter mit einem anderen Mann zurück, einem Alkoholiker. Das Leben wurde nicht besser für die Familie, denn auch sie wurde kurz darauf Alkoholikerin. Es gab eine Sache, die wahrscheinlich Krisztíans Leben rettete: ein christliches Camp, das von Koreanern organisiert wurde. Er ging jedes Jahr hin und wurde schließlich auch Mitarbeiter. Er nahm seine ganze Familie mit und inzwischen haben sich alle zum christlichen Glauben bekehrt.
Ein paar Abende später bemerkte ich, dass Krisztían weinte. Ich fand heraus, dass es an dem Tag einen Konflikt in seiner Familie zwischen seiner Mutter und seinem Bruder gegeben hatte. Es musste ziemlich heftig gewesen sein, weil er den ganzen Abend gestresst war. (Ich glaube, er ist der Einzige in seiner Familie, der einen Job hat und Geld verdient). Er beschloss, sich zu betrinken sei das Einzige, was er tun konnte. Wir waren alle hilflos und mehrere seiner ungarischen Kollegen versuchten, ihn umzustimmen. In dieser Situation, als Kristian so abgestürzt ist, hab' ich ihm nicht helfen können - ich konnte nur im Zimmer für ihn beten.
Am Ende hat sich Krisztían nicht betrunken, doch dieser kleine Vorfall erinnerte mich daran, dass sich hinter den fröhlichen Gesichtern jedes Teilnehmers oft viel Schmerz verbirgt. Jeder dieser Männer und Frauen braucht Gebet. Viele tragen noch tiefe Wunden ihrer Vergangenheit.

Sándor erzählte aus seiner Kindheit, dass seine Eltern wegen des Alkoholismus des Vaters viel gestritten haben. Es wurde so schlimm, dass er es nicht mehr aushielt und in den Wald rannte. Er sagte, er hätte erwogen, „etwas Dummes zu tun“, aber sich dagegen entschieden. Viele Leute suchten ihn. Als er zurück nach Hause kam, fragte ihn seine Mutter, wieso er weggelaufen war und er erklärte, es sei wegen des ständigen Streits. Daraufhin hörte sein Vater auf zu trinken, weil er dachte, er würde sonst seinen Sohn verlieren. Doch auch das hielt nur zwei Wochen an. Sándor berichtete von einem Traum, den er einmal hatte, in dem er Gott und den Teufel sah. Gott fragte ihn, für wen er sich entscheiden wolle: Gott oder den Teufel. Er entschied sich für Gott. Für ihn war es der Anfang seines persönlichen Glaubens, der seitdem wächst. Bis zu dem Zeitpunkt hatte er es mit Drogen und Alkohol zu tun und hatte viele Frauenbeziehungen. Doch all das ist vorbei, sagte er.

Es braucht so wenig…

In gewisser Weise hat eine kleine Erweckung unter den Roma begonnen und sie wünschen sich, dass sich diese ausbreitet. Mit Glauben gibt es Hoffnung und einen Grund zu leben, zu arbeiten und zu lieben. Von dem was wir gesehen haben ist es offensichtlich, dass dieser Glaube Stabilität, einen Willen zu teilen und Gastfreundschaft schafft.

An einem Samstag haben wir eine ältere Frau besucht und für sie gesungen. Dann wollten wir sie am Sonntagmorgen zum Gottesdienst abholen, aber sie konnte nicht mitkommen, weil es ihr nicht so gut ging. Und dann saßen wir einfach bei ihr im Wohn- oder Schlafzimmer und haben nochmal für sie gesungen und gebetet und es war voll cool, wie dankbar und gerührt sie darüber war, dass wir einfach da waren.

Wo Verzweiflung hinführt

Ein paar von uns waren auch bei Erik, einem Roma aus Bódvaszilas, zu Besuch. Erik ist 16 und seine Familie lebt ganz am Rande der Roma-Siedlung. Er hat drei Brüder und wir wurden sehr herzlich begrüßt. Vor kurzem beschloss sein Vater, sich dem ungarischen Militär anzuschließen. Ihm wurden 1000€ im Monat versprochen. Als Mitarbeiter der Community Projects in Bódvaszilas verdient er 200€ im Monat. Scheinbar gehen viele Roma zum Militär, weil sie verzweifelt Geld brauchen. Der Staat „benutzt“ sie und es könnte sehr wohl sein, dass er die versprochene Summe nicht bekommt. Außerdem darf die Familie nicht wissen, wo er stationiert ist. (Wie viele ungarische Roma wird er wahrscheinlich an die Grenze geschickt, um das Land gegen Flüchtlinge zu „schützen“.) Er hat vier Söhne und es ist offensichtlich, dass er dies tut, um seine Familie zu unterstützen. Es ist deutlich, wie sehr er seine Jungs liebt: an einem Abend, der etwas länger als geplant ging, suchte er Erik, etwas, das andere Roma-Väter nie tun würden. Diese Entscheidung fürs Militär kommt eindeutig aus Verzweiflung.

Begegnungscamp Ungarn 2016

Tägliches Wunder: Das Lachen der Kinder

Wir waren gerade eine halbe Stunde bei Erik, als eine Schar Kinder (zusammen mit einer Gruppe deutscher Teilnehmer) in das Haus strömte. Es schien, dass alle Häuser der Roma für andere Roma offen waren – jedenfalls wurde ich dieses Gefühl nicht los – und die Kinder waren sofort Zuhause. Gegen Ende wurde es nahezu unmöglich, sich von dem Haufen Kinder auf uns zu befreien. Sobald man ihnen auch nur ein schwaches Interesse widmete, ließen sie einen nicht in Ruhe. Es war sehr wild und eine fröhliche Zeit des Armdrückens, Lachens, Handschüttelns und andauernd auf Ungarisch bis 20 zählen für sie. Als wir das Haus verließen und die Straße runtergingen, liefen sie uns nach und andere gesellten sich dazu, als wir an den Häusern vorbeizogen. Die Roma-Siedlung ist ein Slum und es ist schwer vorstellbar, dass Menschen in diesen Häusern leben. Doch immer wieder erlebten wir, wie herzlich, einladend und freigebig diese Menschen sind. (Szábina, eine der ungarischen Organisatorinnen und selbst Roma, sagte mir, man solle aufpassen, für einen Gegenstand, den ein Roma besitzt, Interesse zu zeigen, „denn bald wird es deins“).

Was für mich besonders eindrücklich war, ist die Art und Weise, wie die Kinder einem begegnet sind; sie waren sehr herzlich und offen und sind eigentlich immer auf einen zugegangen. So kannte ich das bisher noch nicht. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich mich als Kind einfach getraut hätte, so auf fremde Leute zuzugehen und mich mit ihnen zu unterhalten bzw. versuchen, zu kommunizieren - unterhalten konnten wir uns ja nicht, aber mir ist das echt positiv aufgefallen, was für eine Einstellung diese Kinder haben. Sie wachsen ja unter deutlich schwierigeren Verhältnissen auf als wir und haben sehr niedrige Standards, was die Versorgung angeht. Ein anderes Ereignis war der Besuch in einem anderen Romadorf. Da sind wir dann mit vielen großen Autos durchgefahren und am Straßenrand standen Kinder und haben gewunken, was mich irgendwie total beschämt hat, weil man uns ja auch angesehen hat, dass wir reich sind mit unseren vielen großen Autos. Ich habe mich dabei sehr unwohl gefühlt und wollte eigentlich nur noch weg, weil ich diese Scham nicht ertragen habe. Als wir dann später wieder zum Auto zurück gegangen sind, kam ein Kind angerannt und hat mich umarmt und das hat mich sehr berührt.

Besuch im Parlament in Budapest


Auf der Rückreise nach Deutschland haben wir ein paar Tage in Budapest verbracht. Ein Ehemaliger OJC-Freiwilliger, der zwei Jahre in Reichelsheim verbracht hatte, arbeitet jetzt als Sekretär für sieben Parlamentsmitglieder. Er meldete unsere Gruppe als ausländische Delegation an und so konnten wir Teile des Parlaments besichtigen, die für Touristen gesperrt sind. Es war ein krasser Gegensatz zu dem, was wir in Bódvaszilas erlebt hatten. Der Reichtum, der im Parlamentsgebäude und in der Stadt auf dem Präsentierteller liegt, ist atemberaubend: Gold, Silber, Teppiche, kunstvolle Skulpturen, usw. (Die Menge Strom, die benutzt wird, um das Gebäude bei Nacht zu erleuchten, könnte genügen, um ganz Bódvaszilas ein Jahr lang mit Strom zu versorgen!)

Was uns verbindet

Es ist schwer, das rüberzubringen, was wir erlebt haben, also werde ich es gar nicht erst versuchen, denn dieser Bericht ist schon zu lang. Es ist auch schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, von Menschen angenommen und geliebt zu werden, die man erst ein paar Tage kennt, Menschen, die materialistisch sehr wenig zu geben haben und doch alles tun, damit man sich willkommen und heimisch fühlt. Es ist auch schwer nachvollziehbar, wie es ist, mit jemandem auf derselben Wellenlänge zu sein, obwohl man nicht mit Worten kommunizieren kann. Immer wieder während unserer Zeit in Bódvaszilas haben wir erlebt, dass wir, obwohl wir alle anders sind, verschiedene Sprachen sprechen, andere Kulturen haben, und andere Hintergründe, eine Sache gemeinsam haben: Jesus. Wir alle brauchen Jesus im selben Maß. Ob wir im Slum oder in einer beschützten westlichen Umgebung aufgewachsen sind, haben wir alle Kämpfe, Ängste und Probleme und für uns alle ist Jesus die einzige Antwort auf diese. Es ist diese einfache Tatsache, die uns als Gruppe vereinte und Brücken zwischen uns baute.