Einander begegnen, voneinander lernen

Einander begegnen, voneinander lernen

Bulgarische Roma auf dem Weg nach Europa
Experiment des gemeinsamen Lebens

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Wichtige Begegnung in Varna

In der dritten Aprilwoche 2013 trafen Mitarbeiter der ökumenischen Kommunität Offensive Junger Christen – OJC e.V., aus Reichelsheim in der bulgarischen Stadt Varna ein. Klaus Sperr und Frank Paul (OJC) besuchten dort eine kleine Gemeinschaft von bulgarischen Roma und deren Mitgründer, den Deutschen Frank Abbas. Sie verständigten sich mit ihren Gastgebern darüber, wie ein gemeinsames Sommercamp mit jungen Erwachsenen aus Deutschland und Bulgarien zu bewerkstelligen sei.

Wie können einander gänzlich Unbekannte, ohne gemeinsame Sprache elf Tage lang auf engem Raum bei dichtem Programm miteinander auskommen, einander kennenlernen und gemeinsam ein anspruchsvolles, schweißtreibendes Projekt durchziehen?

Welche Unterschiede treffen aufeinander? Welche kulturelle, historische, soziale, politische und vor allem kommunikative Kluft ist zu überbrücken – und wie?

Was passiert, wenn fünf junge Roma-Männer, die kaum über die Grenzen ihres Stadtbezirks hinausgekommen sind, im Odenwald auf 20 junge deutsche Frauen und Männer treffen, die womöglich schon mehrere Kontinente bereist haben, aber über den Balkan höchstens im Geschichtsunterricht und aus den spärlichen Nachrichten gehört haben?

Wie geht man unbefangen miteinander um, wenn den Roma kaum mehr über die deutsche Geschichte bewusst ist als der Genozid an den Zigeunern – während die Deutschen über die Roma wenig mehr wissen, als dass sie als binneneuropäisches Problem unerwünschter Migration wahrgenommen werden?

Wie teilt man miteinander Zimmer, Tisch, Arbeit, Glauben, Gedanken, Freizeit – wie teilt man sich einander mit?

Das kleine Planungsteam im Varna hat sich mit diesen Fragen intensiv auseinandergesetzt und das Experiment gewagt.
Im Vorfeld sollten beide Gruppen, unter pädagogischer Anleitung, sich jeweils ein detailliertes Bild über die andere machen, oder genauer: sich über das eigene Bild vom anderen bewusst werden. Im weiteren sollten sie sich mit Infomaterial auseinandersetzen, das die an­deren über sich bereitstellen.

Das eigentliche aber ließ sich weder planen noch vorwegnehmen, denn: Alles Wesentliche ist Begegnung (Martin Buber).

Zwei unterschiedliche Gemeinschaften

Zwei unterschiedliche Gemeinschaften

Light In The Darkness (LITD) – in Varna ist eine sozial­diakonische Initiative in einem Roma-Getto der bulgarischen Stadt am Schwarzen Meer. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche beim Erwerb einer Schulbildung und bei ihren ersten Schritten ins Erwachsenenleben. LITD wurde im Jahr 2005 von dem deutschen Speditionskaufmann Frank Abbas gegründet, der seinen Beruf aufgab, um jungen Menschen im Slum beizustehen, die bis dahin keine oder nur unzureichende Förderung erfahren hatten. Nach einer vierjährigen Pionierzeit kam Anfang 2009 eine Kooperation mit dem Christusträger-Waisendienst (CTW) in Deutschland zusammen.
2010 wurde in Bulgarien der eingetragene Verein „Paisiy Hilendarski“ gegründet. Er fungiert als sozialer Hilfsverein innerhalb des Netzwerks Light In The Darkness. LITD hat als eigenständige Hauskirche projektbezogene Kontakte mit der freien christlichen Roma-Gemeinde im Slum und ist offen für Kooperation mit lutherischen, röm.-katholischen und bulg.-orthodoxen Institutionen. Damit überbrückt LITD nicht nur die Kluft zwischen Bulgaren und Roma, sondern auch zwischen christlichen Gruppen im atheistisch geprägten post-kommunistischen Land.

Bei respektvollem Umgang lernen die Kinder und Jugendlichen, sich im geordneten Tagesablauf zu organisieren. Sie erwerben gründliche Kenntnisse in der Landessprache, was nicht selbstverständlich ist, denn der Großteil spricht außer Romanes vor allem Türkisch und nur wenig Bulgarisch. In Land besteht zwar Schulpflicht, doch Kindern aus dem Slum ist die Schulbildung faktisch verwehrt. Bei LITD haben bereits 40 Kinder durch Elementarunterricht genossen bzw. besuchen die staatliche Schule. Sie erhalten Förderunterricht und werden ermutigt, sich in einem selbstbestimmten Leben außerhalb der Slums zurechtzufinden.

Die fünf jungen Männer, die mit zwei Begleitern und einem Dolmetscher am Baucamp teilgenommen haben, gehören zu den ersten, die im Wohnprojekt von Frank Abbas mitgelebt und eine Schulausbildung erhalten haben. Sie stehen nun selbst in Verantwortung, leiten Lern- und Jugendgruppen. Einer hat selbst sein neues Zuhause geöffnet und begleitet mit seiner jungen Frau verwahrloste Slumkinder.

Die Offensive Junger Christen – OJC e.V. ist eine seit 1968 bestehende ökumenische Familienkommunität unter dem Dach der evangelischen Kirche mit Sitz in Reichelsheim/Odw und einem Ableger in Greifswald. Im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder Bundesfreiwilligendienstes bietet sie jungen Erwachsenen die Möglichkeit, ein Jahr mitzuleben und sich an der Arbeit und am spirituellen Rhythmus der Gemeinschaft zu beteiligen. Das diesem Jahr zugeeignete Motto lautet: Christuszentriert leben – schöpferisch denken – gesellschaftlich handeln.

Seit Jahrzehnten, und regelmäßig seit 1998, organisiert die Offensive Junger Christen – OJC e.V.  internationale bzw. interkulturelle Baucamps, zu denen Teilnehmer aus anderen Ländern (inzwischen aus über 20 Ländern und von 5 Kontinenten) nach Reichelsheim kommen, bzw. das Jahresteam zu einem Einsatz ins Ausland reist, um dort an einem gemeinnützigen Bauprojekt mit jungen Menschen des Landes teilnimmt. (Waisenhaus nahe St. Petersburg, ökumenisches Gemeindezentrum im Nachkriegskroatien, Bildungszentrum in Buenos Aires, AR).

Zu den interkulturellen Begegnungen zählen auch Sommer-Camps mit israelischen Terroropfern in Reichelsheim und Israel, palästinensischen Jugendgruppen und mit Absolventen eines US-Aufbaustudiums zum Erwerb von interkultureller Kompetenz.
Für ihr innovatives, gut dokumentiertes und wissenschaftlich reflektiertes Konzept wurde die OJC im Jahr 2004 dem BMW-Award für interkulturelles Lernen ausgezeichnet.

Ein ungewöhnliches Vorhaben

Ein ungewöhnliches Vorhaben

Außergewöhnliche Mischung
Nicht nur für Light in the Darkness, auch für das Team der OJC war dieser Baucamp in vielerlei Hinsicht Neuland. Bislang waren die Camps zwar international bunt gewürfelt, in der Regel aber waren die Teilnehmer selbst Multiplikatoren in sozialen und kulturellen Projekten in ihrer Heimat, erprobte Jugendleiter, camp- und auslandserfahren, und sprachen mindestens eine Weltsprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch. 

Diesmal gehörten die Anreisende zur sozial stark benachteiligten Gruppe der Roma, ganz ohne – oder nur mit belasteter – Erfahrung in der Begegnung mit anderen Ethnien. Sie sprechen Romanes, Türkisch und Bulgarisch – Sprachen, die den deutschen Teilnehmern fremd sind.

Das materielle Gefälle zwischen Deutschen und Roma war augenfällig; die Gäste reisten mit für westliche Verhältnisse äußerst bescheidenem Gepäck, und auch im Austausch über die jeweils eigene Lebenswelt wurde deutlich, dass sich ihre Alltagsthemen öfter um existentiellen Frage drehten, wie Wohnen, Essen oder medizinischer Versorgung – Güter, die den deutschen Schulabgänger selbstverständlich zur Verfügung stehen.

 
Dreifache Rahmung
Folgende dreifache Rahmung der Begegnung half, der Asymmetrie die Schwere zu nehmen.
Der soziale Rahmen: Als Gäste und Gastgeber haben die jungen Leute eine gute Handhabe, ihren jeweiligen Status zu definieren.
Der funktionale Rahmen: Die Kollegialität im gemeinsamen Bauprojekt erfordert die Begegnung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Der spirituelle Rahmen: Die Begegnung als einander ebenbürtige Geschwister in der Verbundenheit durch Christus und auf ihn hin, die einander bereichern, ergänzen und brauchen.
 

Gelungener Start
Unverhofft effektiv war die verbindende Kraft von Musik, Gesang und Tanz. Gleich nach der Ankunft nahmen die Gäste, unbefangen und geübt, das Klavier und die Trommeln im Aufenthaltsraum in Beschlag und in kürzester Zeit improvosierten, sangen und musizierten alle miteinander. Überhaupt sollte die Musik das stärkste und beliebteste kommunikative Band bleiben; einige Lieder wurden zu regelrechten Camp-Hits, von denen die Teilnehmer gar nicht genug bekommen konnten und abwechselnd auf Deutsch, auf Türkisch und auf Bulgarisch sangen.

Miteinander teilen - voneinander lernen

Miteinander teilen - voneinander lernen

Leben
Gastgeber und Gäste bezogen gemeinsam Quartier im Reichelsheimer Europäischen Jungendzentrum, wo sie in gemeinsamen Schlafräumen untergebracht waren. Bei den Mahlzeiten, wenn man ohnehin am gemeinsamen Tisch saß, ergaben sich gute Gespräche mit Hilfe des Dolmetschers. Der gesamte Tagesrhythmus gestaltete sich gemeinschaftlich.

 
Arbeit
Die Arbeit an den Einsatzstellen beim Jugendzentrum und auf dem Gelände der mittelalterlichen Burganlage Schloss Reichenberg war vielfältigt: von Sturm entwurzelte Bäume wurden geborgen, die alte Mauer vom maroden Putz befreit und mit neuem versehen, das erlebnispädagogischen Erfahrungsfeldes, das die OJC im Burgareal betreibt, landschaftsgärtnerisch gepflegt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Ein kleiner Höhepunkt war die feierliche Übergabe eines Checks über 20.000 Euro vom Deutschen Denkmalschutz für die Restaurierungsarbeiten. Das Geld hatten die 20 fleißigen jungen Leute während der Bauwoche gut in das Anwesen eingearbeitet!
 

Spiritualität
Jeder Tag hatte auch seinen geistlichen Rhythmus.
Das Morgengebet umfasste eine kleine Liturgie nach deutscher Manier und Lieder, die abwechselnd von den Deutschen und von den Roma (in Romanes und Bulgarisch) beigesteuert wurden. Eine kurze Auslegung der Ich-in-Worte Jesu gab den Impuls zum Tag.
Das Mittagsgebet war ein Mix zwischen der OJC-Liturgie und der Spiritualität der Roma. Bei der Fürbitte beteten alle gleichzeitig in erhobener Lautstärke, wie es bei den Roma üblich ist.
Am Samstag Abend lud die OJC zur feierlichen Sonntagsbegrüßung ein. Am Ende der gemeinsamen Zeit gab es eine gemeinsame Abendmahlsfeier und zum Abschluss, direkt vor dem Abflug am Sonntag, wurden die Gäste im Rahmen des regulären Kommunitätsgottesdienstes mit einem Reisesegen verabschiedet.

Kommunitäres Umfeld
An einem Abend waren die Roma jeweils Gäste an den Familientischen der Kommunität. Sie sollten nicht nur die Zentren der Gemeinschaft, sondern auch die privaten Räume, die Wohnzimmer ihrer Gastgeber kennenlernen. Das waren unspektakuläre aber umso tiefer gehende Begegnungen, von denen alle Parteien sehr profitierten.

Interkulturelles Training
In für das Reflektieren und Lernen reservierten Zeiten übten sich die Teilnehmer in „interkulturellem Austausch“. Unter der Anleitung von Ute Paul, der pädagogischen Leiterin des Erfahrungsfeldes, experimentierten sie  mit Formen der Verständigung jenseits der Sprache. Wie weit kommt man mit Händen und Füßen? Wie können durch die Sprachbarriere gegebene Unsicherheiten überwunden werden, wie kann man auf den Fremden zugehen und sich mit ihm vertraut machen.
Mit Hilfe des Dolmetschers tauschte man sich auch über persönliche Ziele, Zukunftsvisionen und Sehnsüchte aus, ebenso über Befürchtungen und Schwierigkeiten. In Aufgaben, die auf Kooperation und Zusammenspiel der Einzelnen zielten, konnte jeder seine Teamkompetenzen spielerisch testen.
 

Freizeit
Die Gastgeber zeigten ihren Gästen die Umgebung, in der sie selbst seit einem knappen Jahr lebten: Wanderungen im Odenwald, Kraxeln im Felsenmeer, Schiffahrt auf dem Neckar. Bewusst verzichteten sie  auf Stadttouren und Einkaufsbummel – der Lärm der Großstadt und der Konsum sollten diesmal außen vor bleiben. 

In den nicht verplanten freien Zeiten waren neben Klavier und Trommel noch der Billiardtisch, der Tischfußball und die Grill-Feuerstelle hinterm Jugendzentrum gut frequentierte Stationen. 

König Fußball durfte auch nicht fehlen! Nachdem es beim Länderspiel in der Hablzeit 7:1 für das wendige Roma-Team stand, wurden die Mannschaften für die nächste Dreiviertelstunde kurzerhand gemischt.

 
Wertschätzung von offizieller Seite
Geladenen Gästen aus Orts- und Kirchengemeinde wurde den Reichelsheimer Bürgern das Projekt Light in The Darkness in Varna vorgestellt. Sie bekamen einen Eindruck vom Programm des Baucamps. Bürgermeister Stefan Lopinsky hieß die jungen sehr herzlich als Bürger der EU in Reichelsheim willkommen. Er zeigte sich beeindruckt von ihrer Leistung an den Baustellen und ermutigte sie, sich auch später,  als qualifizierte Fachleute mit besonderem Knowhow aus Bulgarien, in Deutschland am gemeinsamen Europa mitzubauen. Die Wertschätzung für den Einsatz der Roma in Reichelsheim und die freundliche Aufnahme waren ein besonderes kostbares und zukunftsweisendes Signal für alle Anwesenden.

Rückblick

Rückblick

Es waren für die Gäste aus Warna, für die Jahresmannschaft der OJC und für die verantwortlichen Mitarbeiter elf sehr intensive und prägende Tage. Der Abschied ist allen schwer gefallen.

Die deutschen Teilnehmer waren sich einig: Wenn sie in Zukunft von europäischen Roma hören, oder von Bulgarien, werden sie sicher auch anderes assoziieren, als das, was sich über die Krisenberichterstattung der Medien transportiert: sie haben nun Gesichter von Freunden, mit denen man zusammen gelebt, gearbeitet, gefeiert, gebetet und etwas auf die Beine gestellt hat. Sie wissen, dass ihre Altersgenossen im Balkanland sich wie sie auch nach einem Leben in Freiheit, Verbundenheit und Selbstbestimmung sehnen und einsetzen.

Die fünf jungen Roma, die wieder ihren Weg in den sozialen Brennpunkt finden müssen, haben neue Perspektiven für das eigene Leben: vor allem die Hoffnung, dass sich ihr Einsatz in Schule, Beruf und ehrenamtliches Engagement lohnt und – selbst wenn nur auf lange Sicht – auszahlen wird. Sie sind ermutigt worden, neu im Generationengefüge zu denken und zu planen; ganz im Sinne der jüdisch-christlichen Vorstellung, dass kulturelle Güter – geistige wie materielle – ihr nachhaltiges Potenzial entfalten, wenn sie bewahrt, gepflegt und weitergegeben werden. 

Diese jungen Männer gehören in ihrer Heimat, unter ihren Leuten, zu den Multiplikatoren. Sie haben das Potenzial, das Leben im Getto zu prägen, zu verändern und zur Integration der Roma in ihrem land beizutragen.
Und: sie haben Freunde in Deutschland! 

Für alle Teilnehmer ist „Europa“ weiter, bunter und aufregender geworden.

Ausblick

Perspektivisch wird die OJC den Kontakt zum Werk Light in the Darkness (LITD) und weiteren Projekten zur Romintegration in Ost-Mitteleuropa pflegen und vertiefen. Auch ein Gegenbesuch der deutschen Teilnehmer in Varna im nächsten Sommer wird erwogen. Während die LITD weiterhin finanzielle und institutionelle Förderung vom Christusträger Waisendienst erhält, wird die OJC den Leiter, Frank Abbas persönlich unterstützen und ihn jährlich viermal zu einer Auszeit nach Deutschland einladen.

 
Das Experiment ist gelungen, das Pilotprojekt war ein Erfolg! Camps dieser Bauart könnten in den kommenden Jahren in Serie gehen.


Den Bericht verfasste die OJC-Redaktion in Zusammenarbeit mit Klaus Sperr.