"Ich dachte, ihr lebt in einer Seifenblase"

Ich dachte, ihr lebt in einer Seifenblase
Gruppe 2008

Eine deutsch-isrelische Begegnung mit Tiefgang
von Vanessa Zimmermann


Die Gruppe versammelt sich zum letzten Mal im großen Kreis zum deutsch-israelischen Austausch. Während das Mikrofon durch die Reihe gegeben wird, wirken die Teilnehmer sehr nachdenklich.  Sie sind traurig über die bevorstehende Abreise da sie vieles miteinander erlebt und geteilt haben: "Es war eine wertvolle Erfahrung, das Leben der Deutschen kennenzulernen. Zuerst dachte ich, ihr lebt in einer Seifenblase, dann merkte ich, daß auch wir in einer Seifenblase leben" erklärt Elad (23) aus Jerusalem nach zwei Wochen voller Eindrücke. "Durch den vielseitigen Austausch mit euch habe ich gemerkt, daß auch ihr durch schwere Zeiten gehen müßt." Es gibt ihm Hoffnung für die anhaltend schwierige Kriegssituation der Israelis und der Araber in seinem Land, daß über die schwarze Vergangenheit des deutschen und jüdischen Volkes hinaus eine neue Zukunft entstehen kann.

Das Projekt

Auf Initiative der Offensive Junger Christen - OJC e.V. und des Holocaust-Überlebenden Ilan Brunner teilte eine Gruppe von rund 20 Mitarbeitern Land und Leben mit 18 jungen Frauen und Männern aus Israel, um ihnen eine Auszeit vom Terror zu ermöglichen. Michael Wolf leitete die deutsche Gruppe aus Helfern im freiwilligen sozialen Jahr und Mitarbeitern der Offensive. Die über lange Jahre gewachsene Freundschaft zur OJC machte Ilan und seiner Frau Esti es bereits zum dritten Mal möglich, daß junge Israelis, die in ihrer Heimat durch Attentate oder Auseinandersetzungen mit Terroristen verwundet wurden, für zwei Wochen im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum wohnen und jungen Deutschen begegnen können. Dazu hatte das Ehepaar den Verein "Disraelis" (Disabled Israelis) vor sieben Jahren ins Leben gerufen.

Bewegende Begegnungen

Viele der Teilnehmer leiden dauerhaft unter Angstzuständen und tragen ihre Erinnerungen sogar unter der Haut: Angriffe durch Splittergranaten haben die meisten schon erlebt.
So auch der 22-jährige Chen aus Rishon Le Zion bei Tel Aviv, der als Soldat am Gazastreifen stationiert war. Diese Zeit beeinflußt sein Leben bis heute. Vor rund einem Jahr hatten Palästinenser im Grenzgebiet des Gazastreifens eine Mörsergranate abgefeuert. Ein Splitter sitzt nun noch an seiner Schläfe, es wäre zu gefährlich, ihn operativ zu entfernen. Fernab dieser Erfahrungen konnte er sich mit der deutsch-israelischen Gruppe erholen und sogar neue Freundschaften schließen. Er erinnert sich: "Wir waren uns nicht sicher, ob wir vom Frankfurter Flughafen abgeholt würden. Ich hatte auch keine Ahnung, was mich in Deutschland erwarten würde. Als ich aber die deutsche Gruppe im Empfangsbereich mit unseren Landesfahnen sah, sie uns zusangen und jubelten, wußte ich, daß die Zeit gut werden würde. Ich habe nun das Gefühl, Deutschland wirklich kennengelernt zu haben und kann meine Freude darüber gar nicht in Worte fassen. Wir haben miteinander deutsches Bier frisch in der Schmucker Brauerei probiert, waren zusammen in einem großen Erlebnispark, im Münchener BMW Museum und in vielen anderen Städten. Wir hatten tiefgründige Begegnungen aber auch sehr viel Spaß miteinander. Ich bin für all dies sehr dankbar und werde euch wirklich vermissen."

Eine schwierige Vergangenheit bewegt auch Evyatar (23), der nahe am Gazastreifen im Moschav Morag seine dreijährige Wehrdienstpflicht abgeleistet hat. Seine Truppe wurde am Stützpunkt von Terroristen überfallen. Drei Kameraden starben, er selbst wurde verletzt. Nun ist er, der noch beim Militär dient, dankbar für die Tage, die er in Reichelsheim fernab vom Terror verbringen durfte: "Meine Freunde und meine Familie fragten, warum ich an diesem Projekt teilnehmen und nach Deutschland reisen wolle. Ich konnte es ihnen nicht erklären. Doch wenn ich jetzt nach Israel zurück gehe, wird es mir nicht schwer fallen, ihnen zu erzählen, warum ich dabei war."
Die 17-jährige Maayan, eine von vier israelischen Teilnehmerinnen, hat die Zeit fernab vom Kibbuz Erez, nahe dem Gazastreifen, ebenfalls sehr genossen: "Für mich ist Raketenalarm Alltag. Wenn ich ihn höre, weiß ich, daß wieder Kassamraketen von palästinensischer Seite im Anflug sind. Hier konnte ich einige Nächte richtig gut schlafen ohne Krach, Raketenlärm und Explosionen." Sie hatte, wie mancher israelische Teilnehmer, auch Bedenken über die bevorstehende Zeit: "Ich hatte nur Stereotypen im Kopf und hoffte auf Veränderung meiner Sichtweise. Nachdem ich eure Kultur und Lebensweise kennenlernen durfte, hat sich meine Haltung eurer Nation gegenüber positiv verändert."

Beeindruckende Gäste

Auch das Interesse an der jüdischen Gruppe war sehr groß. Zu verschiedenen Ausflügen wurden sie von Menschen begleitet, die ganze Tagesreisen auf sich nahmen, um sie in Deutschland begrüßen zu dürfen. Tageszeitungen führten Interviews durch und der Fernsehsender ERF begleitete die Gruppe einen ganzen Tag durch Heidelberg, um über ihr Leben und ihre Gedanken in Deutschland zu berichten. "Es beeindruckt mich immer wieder, mit welcher Herzlichkeit und welchem Mitgefühl uns Christen hier begegnen", meint Ilan Brunner. "Der Besuch bei den Marienschwestern in Darmstadt gehört für mich deshalb zu den Höhepunkten der Ausflüge mit meinen Disraelis."
Viele Unternehmungen und Erlebnisse haben die Gruppe zusammengeschweißt. Die Teilnehmer genießen die gemeinsamen Abende, an denen viel gelacht, getanzt und gesungen wird. Sie haben großes Interesse an der jeweils anderen Kultur, lernen neue Worte und Lieder am Lagerfeuer oder spielen im Jugendzentrum gemeinsam Billard, Dart und Tisch-Kicker. Sogar Bürgermeister Gerd Lode besucht die Gruppe mit einer Überraschung: freier Eintritt für das Reichelsheimer Schwimmbad in den Tagen des Aufenthaltes.

Vergangenheitsbewältigung

Am tiefsten hat alle Teilnehmer wohl der Besuch der KZ Gedenkstätte Dachau bewegt. Sie traten bei über 35 Grad Hitze mit einer großer israelischer Fahne durch das Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" auf einen großen Sandplatz zwischen zwei langen Baracken. Nicht nur die Wärme, auch die Stimmung war drückend, das Leid spürbar. In den Baracken war alles kahl und kalt. Die leidenden Gesichter auf den Fotos und große Plakate mit Plänen zur Ausrottung der Juden sprachen für sich.

Nach der Führung durch die hölzernen Schlafgemächer begab sich die Gruppe in das weiter entfernte eindrucksvolle jüdische Mahnmal auf dem KZ-Gelände, um eine Gedenkfeier zu halten. Die israelischen Teilnehmer kamen direkt vom Krematorium des Geländes: "Ich habe noch nie einen so wichtigen Moment wie im Dachauer Krematorium erlebt", berichtet der 21-jährige Ohad, der während des zweiten Libanonkrieges in seinem Militärfahrzeug von einer Panzerabwehrrakete getroffen und schwer verwunden wurde. "Ich habe gelernt, meine Gefühle beiseite zu schieben, sie vor allem beim Militär ganz abzuschalten. Aber im Krematorium war ich so bewegt, daß ich keinem der Deutschen in die Augen sehen konnte. Es hat mich entsetzt, daß eine so große und schöne Nation wie die deutsche unserem Volk so etwas antun konnte."
Auch die deutschen Teilnehmer waren tief bewegt. Tobias berichtet: "Ich habe schon so oft darüber gehört, aber erst in Dachau verstand ich wirklich, was die Nazis den Juden angetan hatten. Es war so grausam, daß ich nur noch weinen konnte. Ich spürte die Ohnmacht der Opfer, aber auch die Schwäche der Täter, die zum Werkzeug des Bösen wurden. Als einige Zeit später der kleine Sohn von Konstantin eine Kerze für den Frieden anzündete, kam wieder Liebe, Licht und Hoffnung in mein Herz." "Das Anzünden der Kerzen habe auch ich wie ein Licht an einem sehr dunklen Ort empfunden", fügt Konstantin hinzu. Es war eine versöhnliche Geschichte, die aufgeschrieben werden sollte. Wir taten etwas, was nicht üblich ist, damit auch die nächste Generation nicht vergißt, was damals geschah." Es bedeutet den Deutschen viel, als Ohad ihnen in einer späteren Austauschrunde Vergebung für das Werk der Großväter Generation zuspricht: "Es ist nicht eure Schuld. Ich sehe, daß ihr all das hier von Herzen tut. Ihr habt mich in meinem Schmerz begleitet und habt Anteil genommen, dafür danke ich euch."

Eine Kultur der Fröhlichkeit

Zur Annäherung gehörte auch, daß die israelischen Besucher die deutschen Gastgeber an ihren Traditionen teilnehmen ließen: Sie feierten mit ihnen die Begrüßung des Sabbat. Dabei waren sie viel weniger förmlich, als es die Deutschen aus ihren Liturgien kannten. Der Gesang war freier, der Ablauf wesentlich flotter und die Gebete, die sie sprachen, waren schneller zu Ende als man Amen sagen konnte. Man sah, daß die Sabbatfeier eine große Selbstverständlichkeit für sie ist. Jeder bekam ein Stück Brot mit Salz bestreut, als Zeichen für das Leben und die Reinheit des Dankopfers, das Gott dargebracht wird. Anschließend wurde ein Kelch mit jüdischem Kiddusch-Wein, Ausdruck der Lebensfreude, durch die Reihen gereicht. Die Zeremonie war nach weniger als zwanzig Minuten temperamentvoll beendet.
Temperament zeigten die Gäste auch während der langen Busfahrten zu neuen Ausflugszielen. Plätze wurden gewechselt, Spiele gespielt, viel gesprochen und zur Gitarre gesungen.

Auch der Besuch einer Heidelberger Disco begeisterte die jungen Teilnehmer. Die Deutschen waren beeindruckt von dieser Kultur der Fröhlichkeit, von Tanz und Gesang - es wird wohl noch lange in ihnen nachklingen: "Wir waren anfangs in Sorge, wie es wohl werden wird mit Menschen, die aus einem Kriegsgebiet kommen. Aber sie sind so fröhlich, in ihnen ist so viel Freude, Leben und Kraft - das hat uns total angesteckt. Wir hatten einen richtig lebendigen Teil von Israel hier, der uns herausgefordert hat uns selbst zu öffnen. Wir sind dankbar, daß sich Juden für unser Land interessieren, und wenn wir nun Nachrichten aus Israel hören, hat ihr Land auch für uns ein Gesicht bekommen - ein schönes Gesicht."