Begeistert in die Krise
Ein Impuls im Geiste der Jahreslosung 2010: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich.“
von Carsten Stein, Pfarrer der Michaelsgemeinde, Reichelsheim (Odw.)
Krisen wohin man sieht: weltweite Ökokrisen, wie der Ölteppich im Golf von Mexiko, Finanz- und Wirtschaftskrisen, Krisen im Friedensprozess, Regierungskrisen... Wir brauchen dringend fähige Krisenmanager, die die Probleme angehen und meistern. Doch, o Schreck, wir erleben, dass die, die es machen sollen, es nicht machen wollen oder können… Die Regierenden scheinen selbst ohnmächtig und machtlos zu sein. Das löst eine neue Krise aus.
Und wie steht es mit unseren persönlichen Krisen: Wie krisenfest sind wir eigentlich? Wollten wir nicht erst neulich alles hinschmeißen? Den Ärger am Arbeitsplatz: „Ich reib mich doch hier nicht unnötig auf!“; oder eine Beziehung: „Es ist alles so festgefahren. Vielleicht sollte ich gehen…“; unser Gemeindeengagement: „Ich werde hier nur ausgenutzt. Ich muss mal für mich selbst sorgen!“ Wenn Krisen auftauchen ist der Gedanke an Flucht nicht weit.
Dabei wissen wir im Grunde, dass Krisen zum Leben gehören, auch bei Christen. Gott hat uns seine Treue, seine Gnade, seinen Schutz zugesagt, nicht ein krisenfreies Leben. Nicht strafen will er uns durch die Krisen, die er uns zumutet, sondern er will, dass wir lernen, standzuhalten und an ihnen zu reifen. So werden wir krisenfest, von Mal zu Mal krisenfester.
Krisen türmen sich vor uns auf wie Riesen, wie der Riese Goliath, der in fester Rüstung 40 Tage lang morgens und abends die Israeliten zum Kampf fordert und verhöhnt. Krisen sind da, wenn wir aufwachen und sie stellen sich vor uns, wenn wir schlafen wollen, übermächtig unüberwindbar und sie verhöhnen uns. „Na, jetzt geht es dir schlecht, oder? Hast du nicht sonst immer für alles eine Lösung? Wo sind denn deine Hoffnung und dein Glaube? Ich mach dich platt. Ich zwing dich in die Knie.“ - Krisen sind wie ein Philister-Riese im Kampfanzug. Und natürlich verfehlt dieser Auftritt nicht seine Wirkung. „König Saul und ganz Israel entsetzen sich und fürchteten sich sehr.“ (1. Sam 17,11) Ganz Israel? Nein, nicht ganz Israel. Ein kleiner Hirtenjunge hält der Krise stand. Er zuckt nicht zusammen, er flüchtet nicht. Er stellt sich der Krise. Das ist es doch, was wir brauchen: Menschen, die der Krise standhalten. Menschen, die krisenfest sind. Wir erwarten das von unseren Politikern, vom Chef, von den Eltern, vom Ehepartner, von Freunden, vom Pfarrer…
Und wir? Erwarten wir das auch von uns selbst? Oder nehmen wir uns nicht oft das Recht heraus, auszuweichen, zu gehen, dem Druck nachzugeben? Wie schnell neige ich dazu, in Krisen innerlich oder auch äußerlich das Handtuch zu schmeißen? Wie schnell fühle ich mich als Opfer und werde so zum Täter? Das geht vom Hinschmeißen einer Aufgabe über das Beenden einer Beziehung bis hin zum Wunsch, sich selbst das Leben zu nehmen. Immer steckt dahinter der Gedanke: Wenn Krisen-Goliath am Horizont auftaucht, darf ich selbstverständlich das Weite suchen.
Was aber macht das mit den anderen? Wenn ich gehe, bleiben Verlassene, Verletzte, Traumatisierte zurück. Und was macht das mit mir? Kann ein Flüchtender glücklich werden? Und Gott? Habe ich in all der Panik danach gefragt, was er von mir will? Habe ich ihm überhaupt eine Chance gegeben, mir beizustehen?
Die Verse rund um die Jahreslosung enthalten Zuversicht und Trost. Jesus sagt: „Schaut mich an und ihr seht den Vater! Ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten. Macht euch keine Gedanken, ich kümmere mich.“ Diese Worte aus den sog. Abschiedsreden Jesu sind in eine absolute Krisensituation hineingesprochen. Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern und bereitet sie auf eine schwierige Zeit vor, in der sie viel Kraft und Trost brauchen. Er schenkt ihnen reinen Wein ein und lässt sie über die Krisen nicht im Unklaren. Aber er sagt ihnen auch, worauf sie bauen können. „Glaubt an Gott und glaubt an mich. Vertraut auf Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde, den ihr in mir und durch mich sehen, erleben, spüren, erfahren konntet. In mir ist euch der Vater im Himmel ganz nahe gekommen, hat sich mit euch solidarisiert. Vergesst das nie: Wer mich sieht, der sieht den Vater. Wer in die Krippe blickt und ans Kreuz schaut, der sieht den großen Herrn der Weltgeschichte, wie er sich zu euch hinunter beugt. In eure Krisen, in deine ganz persönliche kleine oder große Krise. Und wer wird das euch immer wieder sagen, wenn ich gegangen bin? Wer wird euch aufbauen, ermutigen, trösten? Ich schicke euch den Heiligen Geist. Nehmt ihn auf, lasst euch begeistern, dann seid ihr gerüstet und gewappnet.“
Das Motto des heutigen KrisenFESTivals lautet „bedrängt – bewahrt – begeistert“. Besser wäre es, „begeistert“ an den Anfang zu nehmen, damit wir nicht bei „bedrängt“ schon die Segel streichen. Denn Bewahrung erfahren wir in der Bedrängnis gerade, weil wir begeistert sind! David, der vor Goliath - der personifizierten Krise - standhielt, war schon ein Begeisterter. Für seine Familie, den König Saul und seine ganzen Militärs zwar nur ein schöner Hirtenjunge mit braungebrannter Haut. Doch von Gott war er bereits erwählt, gesalbt und mit Gottes Geist ausgerüstet (1. Sam 16, 13). Das war die Voraussetzung dafür, die künftigen Aufgaben und Herausforderungen bewältigen zu können.
Wer von Gott begeistert ist, wird Krisen bestehen. Und er oder sie wird siegreich aus einer Krise herausgehen, auch wenn der Sieg anders aussehen mag, als wir ihn uns vorstellen.
Ich habe oft miterlebt, wie Menschen der Krise einer Erkrankung mit Gottes Hilfe standgehalten und am Ende gesiegt haben – selbst wenn sie der Krankheit erlegen sind. Was für ein reifer und gotterfahrener Mensch ist da heimgegangen. Wie viel Kraft und Zuversicht hat er in seine Umgebung abgestrahlt. Wie sehr hat sich da vielleicht jemand auf seinen Herrn gefreut. Krise als Chance.
Wer - mit Gottes Hilfe - einer Krise standgehalten hat, wird aufs Neue begeistert sein - und so wird der Dreischritt des biblischen Krisenmanagements zu einem Kreistanz: begeistert- bedrängt – bewahrt – begeistert – bedrängt – bewahrt…
So können und werden wir im Glauben wachsen, Mut bekommen und Mut machen, Hoffnung haben und selbst Hoffnung verbreiten: als fähige, begeisterte Krisenmanager.
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