Ich freue mich wieder am Leben!

Interview mit Erich Schneider

Mit 14 fuhr er die Tour de Suisse auf seinem Dreigangfahrrad. Mit 18 leitete er Jungscharcamps in den Alpen. Mit 22 baute er eine gotische Kapelle wieder auf. Mit 30 hatte er dieses Lebenswerk schon hinter sich. Mit 41 erlebte er einen Zusammenbruch – Burnout.
 
Erich Schneider ist Bildhauer und lebt seit 1982 in der OJC-Gemeinschaft. Er ist verheiratet mit Anne, sie haben vier Kinder im Alter zwischen 8 und 16 Jahren. Nüchtern und offen berichtet er von der ­lebensverändernden Erfahrung, am Ende der eigenen Kraft angekommen zu sein.

Erich, woran hast du damals gemerkt, daß etwas nicht in Ordnung ist?

Nach einer langen Autofahrt hat das „Ohren­piepsen“, das ich manchmal hatte, nicht wie sonst aufgehört. In diesem Urlaub hatte ich zu nichts Lust, sondern war froh, wenn ich allein bleiben und meine Ruhe haben konnte. Anschließend bin ich mit den anderen OJC-Mitarbeitern zur Stille-Retraite in das ­Karmeliterkloster nach Birken­werder gefahren. Das Problem war nur – es wurde einfach nicht still in mir; ständig hatte ich dieses Geräusch in den Ohren.

Hast du realisiert, daß das Anzeichen für ein ernstes Problem sind?

Ja, es hat mich umgehauen. Ich konnte in dieser ­Woche dort fast nur im Bett liegen und heulen. Ich wußte noch nicht mal genau, warum. Es ist einfach aus mir herausgebrochen.
Ich hatte ein paar Bücher dabei. Obwohl ich gar ­keine Lust zum Lesen hatte, habe ich eines einfach herausgegriffen; der Titel sprach mich an. Es hieß „Gott braucht keine Helden“ von Magnus Malm. Dieses Buch hat mir geholfen zu verstehen, was mit mir los war – ausgebrannt, total am Ende.

Was hast du gefühlt?

Zuerst waren da nur absolute Kraftlosigkeit und der Schmerz darüber. Ich habe viel geweint, ­wollte nur allein sein und konnte überhaupt keine Gemeinschaft ertragen. Wenn gesungen wurde, hat es mir in den Ohren wehgetan. Auch bei Gesprächen dabei zu sein und mitzudenken, war zu viel. Ich hatte auch Angstzustände, wie ich sie nur aus der Kindheit kannte. Einmal überkam mich das Gefühl, da ist jemand vor der Tür und greift nach mir. Da wußte ich nichts anderes mehr, als mich buchstäblich am Kreuz fest­zuhalten. Ich hielt das kleine Holzkreuz, das im Zimmer hängt, in der Hand und legte es mir nachts ­neben das Kopfkissen.

Wie war es für dich, das vor den anderen zuzu­geben?

Ich hatte keine Kraft mehr, mich zu verstecken, aber auch nicht, mich den anderen zu erklären. Darum ­habe ich in der Gemeinschaft eine Passage aus ­einem Brief vorgelesen, den ich an Anne nach Hause ­geschrieben hatte. Sie sollten wissen, was mit mir los ist. Einige Mitarbeiter haben mich verstanden. Und deshalb war es auch nicht ganz so schlimm, daß ich von anderen gar kein Verständnis bekam, auch wenn das natürlich wehtat.

Kam dieser Zusammenbruch für dich über­raschend?

Ich hatte schon länger das Gefühl, daß es nicht gut ist, wie ich lebe: Die Fülle der Arbeit – als Handwerker beim Bau des Jugendzentrums, der Aufbau der Jugend­arbeit, mein Bildhaueratelier, die Leitungsaufgaben im Jugendzentrum – und die Familie mit vier Kindern. Nirgendwo gab es Rückzugsmöglichkeiten.
Aber was den Zusammenbruch zum Ausbruch brachte, war noch gar nicht mal die Arbeit, sondern Konflikte im Team. Die Diskrepanz zwischen ­meinen Vorstellungen und der Realität haben mich an meine Grenze gebracht. Da ist – noch vor dem äußeren Zusammenbruch – etwas in mir zusammengebrochen.
In dieser Zeit habe ich die Ursache für den Zusammenbruch natürlich nur in der äußeren Situation ­gesucht. Ich dachte, wenn ich diesen Konflikt im Team nur irgendwie in den Griff kriege, wird es wieder gut. Es hat noch lange gedauert, bis ich verstand, daß es viel tiefere Ursachen gibt, die ich nicht so einfach in den Griff bekommen kann. 

Welche?

Das geht sehr weit zurück in meine persönliche ­Geschichte: Ich bin in einer „Geschwisterhorde“ aufgewachsen. Als einer der Kleinsten war es meine Überlebensstrategie, alles zu tun, um mit den ­Großen mitzuhalten und dabeizusein, mich an ­ihnen zu messen und bloß kein Bremsklotz zu sein. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse waren dabei überhaupt nicht wichtig, eher hinderlich. So ist in mir die Fähigkeit entstanden, die Bedürfnisse anderer wahrzu­nehmen und darauf zu reagieren, noch bevor ich überhaupt merke, was ich will. Das war meine ­Lebensstrategie, die ich auch hier gelebt habe.

Wenn du zurückschaust – was hat sich geändert?

Ich glaube, die tiefste Veränderung geschah in ­meiner Beziehung zu Gott. Theoretisch wußte ich ja, daß Gott mich ohne Vorleistung annimmt. Aber ich mußte die Erfahrung machen, daß das wirklich stimmt.
Ich kam mir vor wie ein Junge, der im Sandkasten ganz eifrig etwas baut, um seinen Vater zu beein­drucken. Aber es gelingt ihm einfach nicht und er ist furchtbar traurig, weil er doch so gern das Lob von seinem Papa hätte. Er kommt nicht auf die Idee, daß der Vater ihn auch so gern in den Arm nehmen würde, wenn er nur endlich Sandeimerchen und Schaufel aus der Hand legen und zu ihm kommen wollte.

Und bist du dann zu diesem Vater gegangen?

Nun, eigentlich war Gott für mich bis dahin eher ein guter Chef und Lehrmeister. Damit kannte ich mich aus: Ich leiste etwas und habe Anspruch auf Lohn. Das ist kalkulierbar und ich fühle mich ­sicher, denn ich kann ja herausfinden, wie ich es noch besser ­machen kann. Daß ich vor Gott Kind sein kann, das nichts leisten und besser machen muß, um geliebt zu sein, mußte ich erst entdecken. Jetzt konnte ich auch gar nichts anderes mehr. Freiwillig hätte ich mein Werkzeug bestimmt nie losgelassen. Aber jetzt stand ich mit leeren Händen da und merkte, daß nicht Gott mich braucht, sondern daß ich Gott brauche. Das war neu für mich: Daß ich ihn so sehr brauche und daß das gut ist – Gott will das sogar. 

Warst du nicht zornig auf Gott?

Doch, natürlich. In mir waren Vorwürfe, Fragen, Trauer und Zorn – auf mich, auf die Gemeinschaft und auf Gott, aber zum Glück ist mein Glaube nicht ganz zerbrochen. Im Gegenteil, ich hatte ­einige ganz nahe Begegnungen mit Gott. Alles ­geschah vor ihm, in seiner Gegenwart, auch das Weinen und das Am-Ende-Sein.

Aber wie bist du in diese Gegenwart gekommen?

Mir haben einige Bilder sehr geholfen. Das Bild vom Gekreuzigten ist das stärkste. Ich hatte eine Postkarte, auf der er abgebildet war: der verwun­dete, zerschundene Körper und die barmherzigen Augen. Die habe ich mir so neben das Bett gestellt, daß er mit seinen barmherzigen Augen mich ansah. Ich erlebte seine Anwesenheit so real, wie die Karte, die dort stand. Es gab nichts mehr, was er hätte von mir erwarten ­können, und doch war er da.
Ich mache das heute auch noch gern: Wenn ich ­allein in einer Kirche bin, stelle ich mich genau dorthin, ­wohin Jesus vom Kreuz aus sieht. Diese ­Erfahrung des Gesehenwerdens kannte ich vorher so nicht.

Warum gerade die Darstellung des Gekreuzigten?

Ich hatte mit dem Bild des gekreuzigten Jesus ein Schlüsselerlebnis, bei dem ich etwas ganz Grundsätzliches verstanden habe: Einmal hatte ich einen Traum, in dem mich jemand ganz fest würgt. Ich habe fast keine Luft mehr bekommen und bin mit furchtbarer Angst aufgewacht. Ich klammerte mich an Anne, die neben mir lag, aber merkte, daß diese Art der Sicherheit nicht reicht angesichts dieser ­Todesbedrohung, daß ich noch immer angreifbar bin. Auf einmal hatte ich ganz deutlich das Bild des gekreuzigten Christus vor Augen, Christus, der mich ansieht. Ich wußte: An ihm muß ich mich fest­halten, nur da ist wirkliche ­Sicherheit. Denn bei ihm ist der Tod und die Angst, die so heftig nach mir greifen, kein Thema mehr.

Hältst du eigentlich „Stille Zeiten“, mit Gott?

Nicht so regelmäßig nach festem Schema wie ­früher. Manchmal sitze ich einfach nur da und halte mich der Gegenwart Gottes hin, ohne daß ich etwas mache oder formuliere. Ich erlebe Gott genauso beim Spazieren und Joggen oder auch, wenn ich kreativ ­arbeite. Ich weiß oft gar nicht, wo die Stille Zeit ­anfängt und aufhört. Vielleicht ist dadurch, daß ich nicht mehr so schnell leben und so viel leisten kann, der Weg in die Stille und zu mir selbst nicht mehr ganz so weit. Und ich merke, die einzelnen Dinge, die ich tue, bekommen mehr Zeit und Raum, das heißt, das, was ich im Augenblick ­mache, ist wichtig und nicht noch drei oder vier andere Dinge gleichzeitig.

Hat sich die Beziehung zu dir selbst auch verändert?

Ja, wenigstens ansatzweise. Ich kann mir jetzt selbst etwas schenken, z.B habe ich mir eine alte Segeljolle gekauft. Ich liebe das Segeln, es tut mir einfach nur gut, ganz allein auf dem Wasser zu sein. Das war vor allem in der Anfangszeit mein Fluchtpunkt. Ich genieße den direkten Kontakt mit Wasser und Wind und mir selbst. Dann bin ich ganz nah an Gottes Schöpfung und an mir selber. Und ich freue mich, daß ich es mir innerlich erlauben kann, Dinge zu tun, die absolut zu nichts nütze sind, nur weil sie mir Freude machen. Das ist auch etwas Neues.

Hast du den Genesungsprozeß in verschiedenen Phasen erlebt?

Jemand hatte mir am Anfang gesagt, daß das lange dauern kann, fünf Jahre mindestens. Damals war ich erschrocken, jetzt – fünf Jahre später – denke ich, daß ich tatsächlich immer noch mitten im ­Prozeß bin. Und ich weiß auch nicht, ob er überhaupt je ein Ende findet, denn so ein Tinnitus ist ja eine chronische Sache.
Am Anfang war es die absolute Kraftlosigkeit und Schwäche. Da waren viele Fluchtgedanken in mir: Weg aus der Situation, die mich so krank gemacht hat, weg aus der OJC! Wenn ich die Kraft gehabt hätte, wäre ich abgehauen.
Ich war dann ein halbes Jahr krankgeschrieben, ­habe in der Zeit auch eine Kur gemacht und therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. In Bezug auf die Gemeinschaft war das eine völlig neue ­Erfahrung: Ich gehöre dazu, auch wenn ich krank bin. Daß es innerhalb der OJC Möglichkeiten zum Rückzug gibt und die Gemeinschaft ein Ort ist, an dem ich auch krank sein kann, war für mich etwas Besonderes.
Und irgendwann merkte ich, daß der Fluchtge­danke nicht mehr im Vordergrund steht. Daß ich in dieser Gemeinschaft leben kann und will, weil wir als Ehepaar und als Familie hier unsere Wurzeln haben.

Wie schaffst du es, im Gemeinschaftsleben, das trotz Veränderungen nach wie vor sehr dicht ist, dein eigenes Tempo zu finden?

Das ist in einer Lebensgemeinschaft wirklich nicht einfach. Der Versuch, etwas an meiner alten ­Lebensstrategie zu ändern, schafft natürlich Kon­flikte, in der Familie und auch im Team. Es wäre wohl das Naheliegendste gewesen, ganz aus dem Team auszuscheiden, wenn ich die Leitungsfunk­tion abgebe. Aber ich bin dabeigeblieben und merke, daß ich gar nicht weniger in diesem Team vorkomme als vorher, als ich noch der Teamleiter war. Ich bringe mich jetzt vielleicht sogar mehr ein, bin jedoch nicht mehr so darauf angewiesen, daß sich das, was ich einbringe, unbedingt durchsetzt. ­Irgendwie habe ich eine andere Gelassenheit und fühle mich anders gehalten. Wenn man mich bittet einzuspringen, bin ich inzwischen zögerlicher, ­etwas zuzusagen, obwohl es mir nach wie vor schwerfällt, „nein“ zu sagen und andere zu enttäuschen – da ist meine alte Struktur noch sehr ein­geschliffen. In der Familie habe ich Tempo raus­genommen, dafür trägt Anne mehr. Das geht natürlich auch nicht auf Dauer und es ist alles andere als ideal. Wir sind immer wieder dabei, gemeinsam die Balance zu suchen.

Kannst du sagen, ob du in diesem „Tauchgang“ der letzten Jahre eine „Perle“ gefunden hast?

Ja, ich kann sogar sagen: Das Erleben der Gegenwart Gottes ist diese Perle, die ich nie wieder ­verlieren und gegen nichts eintauschen möchte. Meinem bis dahin stark verkopften Christsein steht jetzt ein Erleben gegenüber – das Wissen, daß Gott mich liebevoll ansieht, vor allem auch in der Situation, in der ich nichts mehr bringen kann. Damit hört so viel Abstrampeln auf. Das, was ich damit gefunden habe, ist mir wertvoller als das, was ich dabei verloren habe. Denn es ist ja eine Tatsache, daß ich chronisch angeschlagen bin und nie mehr so leistungsfähig sein werde wie früher. Das auszuhalten fällt mir manchmal ziemlich schwer. Aber durch das Wahrnehmen meiner eigenen Zerbrechlichkeit habe ich eine Ahnung bekommen, was es heißt, daß Gott mich so liebt, wie ein Vater sein Kind liebt; unabhängig von dem, was ich bringe – einfach darum, weil ich sein Kind bin.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal