Prophet am Ende

Elia, der Wacholder und die leise Stimme Gottes

Gisela Roth

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert um­gebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, daß sie mir mein Leben nehmen. Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem ­Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, ver­hüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, daß sie mir das Leben nehmen. Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines ­Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an ­deiner Statt.
 
1. Könige 19,1-16

Angst nach dem Erfolg

Der Prophet Elia hatte eine gewaltige Gottes­erfahrung gemacht. Er hatte sich auf dem Berg Karmel mit den Baalspriestern auseinandergesetzt und ihnen eine vernichtende Niederlage zugefügt. Er hatte erlebt, daß Gott ihn in seinem Propheten­amt vor dem ganzen Volk bestätigte, daß sein Brandopfer auf dem Altar vom Feuer aus dem ­Himmel restlos verzehrt wurde, während die vierhundertfünfzig Baalspriester kläglich scheitern mußten: Sie riefen vergeblich zu ihrem Gott, dem Baal, er antwortete nicht. Nach diesem überwältigenden Zeichen haben die Israeliten mit Elia die Götzenpriester getötet und den Baalskult ausgetilgt. Elia hatte einen unübertroffenen Sieg er­rungen, einen berauschenden Erfolg gehabt.
Aber wie das so ist nach berauschenden Erfolgen, unversehens tritt die Ernüchterung ein. Isebel, die Frau des damaligen Königs Ahab, die den heid­nischen Kult in Israel eingeführt hatte, schwört, sich an Elia zu rächen und ihm den Tod ihrer Baals­priester und Propheten mit gleicher Münze heimzuzahlen. Das läßt sie Elia auch ankündigen.
Wie reagiert nun Elia, der erprobte Kämpfer und anerkannte Prophet? Er sagt nicht, wie man erwarten würde: Wer solche Wunder von Gott erlebt hat, der kann auch diese Situation durchstehen. Die kann mir gar nichts! Nein; er bekommt es im Gegenteil gehörig mit der Angst zu tun – und er rennt.
Eine nicht untypische Reaktion. Die meisten von uns kennen das: Auch oder gerade wenn wir großartige Erfahrungen mit Gott gemacht haben, wird unser Herz wieder ganz klein und wir beginnen zu zweifeln, ob wir auch in der nächsten Herausfor­derung noch Gott vertrauen können. So sind wir Menschen eben.

Erschöpfung nach der Angst

Elia rennt bis in die Wüste Negev im südlichen ­Judäa, legt sich dort unter einen Strauch und ­beschließt: ­­Es hat sowieso alles keinen Zweck, Gott, nimm mein ­Leben, ich bin nicht besser als meine Väter. Aber Gott läßt Elia nicht in dieser Verzweiflung. Er stärkt und ­ernährt ihn durch seinen Engel, bewahrt ihn, während sich der müde Prophet ausruht, und fordert ihn schließlich auf, weiterzugehen. Gott fordert Elia auf, sich ihm zu nähern, ihn zu suchen. Auf dem Berg Horeb im Sinai stellt Gott den Elia dann zur Rede: Was tust du hier? Die Antwort, die Elia gibt, ist die typische Rede­weise eines Menschen, der ausgebrannt ist: Ich bin ganz alleine, ich bin der einzige, der durch­gehalten hat, und alle sind gegen mich. Es hat alles keinen Zweck, aber ich habe mein Bestes gegeben.
 
Gott antwortet Elia. Er sagt ihm, daß er „an ihm ­vorübergehen“ möchte. Das bedeutet, er schenkt dem Propheten seine Gegenwart, eine ganz besondere Gottesbegegnung. Der Berg Horeb liegt in der zerklüfteten Landschaft des Sinai. Gott kündigt sich erst in einem Erdbeben an – und das ist wirklich sehr bedrohlich im Gebirge. Es kommt ein großer Sturm auf und dann bricht ein Feuer aus. Im Feuer würde man nun wirklich Gott erwarten, hat er doch auf dem Karmel auch durch Feuer gesprochen. Doch Gott kommt weder im Beben, noch im Sturm, noch im Feuer. Im leisen, wispernden ­Säuseln nähert er sich und Elia erkennt: der Herr spricht zu mir. ­Wieder fragt Gott ihn,  was er denn tue und wieder beklagt sich der Prophet. Auch die Antwort, die Gott aus nächster Nähe gibt, ist überraschend. Er geht nicht auf Elias Klage ein, sondern sagt: Es sind ­übrigens noch weitere 7000 Getreue außer dir in ­Israel. Dann gibt Gott ihm einen neuen Auftrag.
 
In dieser Geschichte zeichnet sich sehr deutlich ab, daß Elia das hatte, was wir heute Burnout oder ­Ausgebranntsein nennen würden: Verlust der Per­spektive (ich bin allein übriggeblieben), Mutlosigkeit und lebensmüde Gedanken. In völliger Erschöpfung zieht er sich von den Menschen zurück. Die Geschichte zeigt uns aber auch den ange­messenen Umgang mit  Erschöpfung an Leib und Seele. Es ist Gott selber, der uns zeigt, wie mit ­einem Burnout umzugehen ist.

Erquickung nach der Erschöpfung

Zunächst einmal geht es darum, für das leibliche Wohl zu sorgen. Ganz einfach schlafen, essen und trinken, sich Zeit lassen. Dann wird Elia aufge­fordert, loszugehen: eine sinnvolle körperliche Be­la­stung. Der Weg zu Fuß durch die Wüste muß schon an sich lang gewesen sein, die Reise vom Negev zum Sinai dauert noch einmal 40 Tage. Es tut gut, in der Erschöpfung lange Wanderungen zu machen.
In der Geschichte heißt es: Gott schickte einen Engel. Auch das ist etwas elementar Wichtiges. In der schweren Phase des Burnout – in der Vereinsamung – braucht man ein Gegenüber, einen anderen Menschen, der einem wieder heraushilft. Allein ist das kaum zu schaffen. Wir Menschen sind für Gemeinschaft geschaffen, wir brauchen die Gemeinschaft, nicht nur mit Gott, sondern mit anderen. Es ist ganz wichtig, sich in der Krise auf die Gemeinschaft mit anderen stützen zu können und sich wirklich helfen zu lassen.
 
Ein weiteres Detail zeugt von Gottes Großherzigkeit. Es ist bezeichnend für ihn, daß er seinem Knecht frisch gebackenes Brot anbietet. Das steht ausdrücklich da. Der Engel kommt nicht etwa mit einem alten verkrusteten Brot, sondern er bringt wirklich etwas Gutes. Den Duft des frischgebackenen Brotes kann man förmlich riechen. Wenn Gott schenkt, dann schenkt er beeindruckend und großzügig.
 
Der zweite Schritt beim Burnout ist die Diagnose beziehungs­weise die ausführliche Analyse. Elia muß sich und seine Situation in Frage stellen lassen: Elia, was tust du hier? Gott fragt nicht: Ach, wie bist denn du hierhergekommen, bist du geritten oder zu Fuß auf den Berg gestiegen? Sondern er fragt nach: Was hat dich eigentlich hierher gebracht, wo du jetzt bist?
 
Wenn die allerersten Lebensfunktionen nach der ­Erschöpfung wieder erwacht sind, ist es unverzichtbar zu fragen: Wie bin hier hergekommen? Was hat dazu geführt, daß ich jetzt in dieser Erschöpfung bin? Bin ich vor etwas weggerannt? Was habe ich mit Gott bisher erlebt? Was ist im Augenblick ­meine Haltung Gott gegenüber?
Auch an diesem Punkt ist es hilfreich, einen anderen Menschen an der Seite zu haben, der einem die ­richtigen Fragen stellt. Also einen Mentor zu haben, einen Coach, einen Freund, wie immer man es nennen will, jemanden, den man in das eigene ­Leben ­hineinblicken läßt, der mit einem auf die ­Suche nach den Hintergründen und Zusammenhängen geht.

Gottesbegegnung in der Stille

Eine dritte, ganz entscheidende Phase ist die neue Gottesbegegnung. Interessanterweise begegnet Gott Elia nicht im Beben, im Sturm und auch nicht im Feuer, wie auf dem Karmel, sondern in der Stille. Rainer Maria Rilke schreibt in seinem Gedicht ­Elegie sehr treffend von dem Wehen, der ununterbrochenen Nachricht, die aus der Stille sich bildet. Er erfaßt, daß in der Stille etwas geschieht, was sich mitteilt.
Der heutige Mensch ist es gewöhnt, über Geräusche zu kommunizieren, über Worte, über Musik und alles Akustische zu empfangen. Hier aber geht es um die Kommunikation, die sich in der Stille ereignet. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung kann ich es sehr empfehlen, in der Phase des Burnout, wenn der Körper sich wieder erholt und ­gestärkt hat, in die ­Stille zu gehen, zum Beispiel Schweige-Exerzitien zu machen. Es ist sehr wichtig, die Stille in die eigene ­Situation hereinzuholen. Der eine braucht dafür längere Zeit, bei anderen geht es relativ schnell. Zunächst überkommt einen die ­Unruhe: alles, was uns unruhig macht und bewegt, steht mit Macht auf. ­Allmählich aber gelangt man in die Stille hinein und ist dann bereit, Gott zu ­hören, ihm zu begegnen.
 
Gott läßt sich nicht zur Begegnung zwingen. Aber wir können Räume schaffen, in denen das eher möglich ist. Gott zeigt Elia: Ja, auf dem Karmel bin ich im Feuer gewesen und habe das Opfer verzehrt. Hier aber will ich dir ganz persönlich begegnen. Es geht nicht um die „lauten“ Beweise von Gottes Allmacht. Die Be­gegnung ist ganz intim, zärtlich und vermittelt ­Geborgenheit. Sie befriedet den Menschen und ­offenbart ihm Gottes Wesen aufs Neue.
Er wird fähig loszulassen, woran er vorher krampfhaft festgehalten hat. Im leisen Wehen klingt die Ein­ladung Gottes, die Jesus in der Bergpredigt ausspricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Der so gerufene Mensch kann sich entspannen. Er erkennt: Ich bin gar nicht allein verantwortlich für das Gelingen eines Projekts, für eine Aufgabe, für einen anderen Menschen; es gibt jemanden, der größer ist als ich. Ich darf an seiner Seite stehen, mit ihm zusammenarbeiten und muß nicht alleine die gesamte Last der Verantwortung tragen.
 
Loslassen bedeutet auch, genau hinzuschauen, wem ich vielleicht vergeben muß. Wo muß ich alte Bitterkeiten loslassen, damit Energien freigesetzt werden und ich mich dem Leben neu zuwenden kann? Vielleicht gegenüber den Eltern, dem Partner oder Expartner, vielleicht Kindern oder Kollegen gegen­über, Personen, die Autorität über mich haben, oder ­andere Menschen, die einen mit ihren Ansprüchen bedrängen.

Neuer Zuspruch in der Gottesbegegnung

Nach der Gottesbegegnung wird Elia noch einmal gefragt: Was tust du hier? Gott hakt nach: Hat sich ­Elias Perspektive verändert? Zunächst ist das nicht der Fall, Elia antwortete genau wie zuvor.
Die Gottesbegegnung – in welcher Form sie auch stattgefunden hat – muß mich zu der Frage veran­lassen: Hat sich meine Perspektive verändert? Habe ich etwas Neues gesehen? Ist mein Blick aus diesem Tunnel heraus wieder in die Weite gekommen?
 
Schließlich folgt dann tatsächlich die neue Beauf­tragung, eine neue Aufgabe. Im Zentrum der neuen Aufgabe steht interessanterweise das Abgeben von Zuständigkeiten. Elia muß sich gefallen lassen, daß ein Nachfolger berufen wird, Elisa. Ob er den Auftrag gern ausgeführt hat oder nicht, wird nicht ­berichtet.
Es ist also sehr gut möglich, daß Gott in dieser ­neuen Perspektive zeigt, es ist jemand anderes dran, diese Aufgabe zu übernehmen, oder es ist dran, etwas von dieser Aufgabe abzugeben. Vielleicht kommt eine ganz neue Aufgabe, vielleicht auch eine neue Motivation für die alte. Das Wesent­liche ist aber, daß die ­eigene Arbeit wieder positiv besetzt wird. Das heißt, sie ist nicht mehr nur Mühe und Last, die ich irgendwie tragen muß. Das, was ich mache, mache ich mit Freude, weil ich überzeugt bin, daß mein Einsatz gut und richtig ist. Das neue Bewußtsein gibt mir auch die Kraft, die widrigen Aspekte meiner Arbeit mitzutragen. Es geht also auch darum, eine Neuberufung, einen neuen Auftrag zu bekommen – für dieselbe Aufgabe oder für eine neue. Es geht darum, wieder in der Gewißheit zu leben, daß Gott mich in diese Aufgabe hinein­gestellt hat.
 
Burnout kann eine Chance sein. Er bietet die Ge­legenheit, die eigene Motivation zu überprüfen, ­eine neue Sicht auf Gott zu gewinnen und neu ­beauftragt zu werden.
Das deutsche Wort „Ent-täuscht“ spricht davon, daß eine Täuschung aufhört. Das heißt, wenn ich enttäuscht bin von Gott, dann birgt das die ganz große Chance, die Täuschung, in der ich mich einge­richtet habe, aufzugeben und mein verzerrtes ­Gottesbild loszulassen. Zum Beispiel die Auffassung, daß – wenn er mich beruft – er mein Projekt auch äußerlich mit Erfolg segnen muß. Diese ­Anspruchshaltung hört auf und an ihre Stelle tritt ­eine neue Gottessicht. Dann wird der Blick frei auf den eigentlichen Sinn des ­Lebens – nämlich in ­Beziehung zu diesem Gott zu stehen und ihn ­immer besser kennenzulernen. Die Frage nach dem Erfolg, den man erbringt, ist allenfalls eine Nebenfrage, niemals aber die Hauptsache. Daran erinnert uns auch das „Gebet der Gelassenheit“,  Leitsatz (nicht nur) der Anonymen Alkoholiker:
 
Gott gebe mir
die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterschieden.
 
Auszug aus dem Vortrag „Ausgebrannt! – und dann?“ Vortrag vom 23.11.02 beim 6. Symposion des CAH

Von

  • Gisela Roth

    Dr. med., hat 11 Jahre als Ärztin in der AIDS-Hilfe für die Deutsche Missionsgemeinschaft in Simbabwe gearbeitet. Nach Abschluß ihrer Facharztausbildung zur Psychiaterin und Psychotherapeutin auf der Hohen Mark in Oberursel und der langjährigen Arbeit mit Missionaren auf Heimaturlaub wird sie ab April 2005 in Nairobi Missionare und deren Angehörige betreuen.

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