Editorial

zu

Hoffnung - Das Seil zwischen Himmel und Erde

Wir können Orte schaffen, von denen der helle Schein der Hoffnung in die Dunkelheit der Erde.
Friedrich von Bodelschwingh

Liebe Mitchristen

vor wenigen Wochen noch saß ich am Küchentisch einer Moskauer Freundin. Dort lernte ich ihre ältere Schwester kennen und mit ihr eine „Hoffnungs-­Geschichte“, die wie ein „leuchtender Stern in der Nacht“ (Phil 2,15) wirkt.
 
G. war jahrelang durch den plötzlichen Tod ihres einzigen Sohnes – er starb mit 25 Jahren an einem Schlaganfall – gelähmt von ­Trauer. Ohne Erwartung, in einer Leere gefangen, waren sie und ihr Mann weiter ihrer beruflichen ­Arbeit nachgegangen; sie als Mikrobiologin an der Universität, er als Offizier auf einem U-Boot. Die beiden leben heute als Pensionäre in einem Dorf südlich von Novgorod. Ihr Leben bekam vor einigen Jahren eine bis dahin ungeahnte überraschende Richtung: Sie, die „verwaisten Eltern“, wurden Großeltern! 18 Kinder, Sozialwaisen im Alter von 3 bis 16 Jahren, vom Jugendamt im Dorf untergebracht, stellten ihr Leben auf den Kopf. Ein staatliches Kinderheim in Rußland ist für uns im reichen Westeuropa nur schwer vorstellbar. G. erzählt: „Nie sind die Kinder wirklich satt. Nie gibt es ausreichend Gemüse oder Milch. Obst zählt zum größten Luxus. Auch ­haben die Kinder keine eigene Kleidung. Jeder zieht aus einem Berg Hemden oder Röcken das heraus, was ihm zu passen scheint. Vor allem die jüngeren Kinder vegetieren in einem depressiven, apathischen Zustand.“ In den letzten fünf Jahren hat sich für die Kinder viel verändert: G. und ihr Mann bauten mit den älteren Jungs einen Gemüsegarten an. Im Sommer und im Herbst gehen alle mit den „Großeltern“ zum Beeren- und Pilzesammeln in den Wald. ­Heidelbeerkompott schmeckt im tiefsten Winter besonders gut! Von Spenden und Geldgeschenken aus dem Westen kauft G. Obst und Milch, zu Geburtstagen auch Schokolade, etwas eigenes zum Anziehen und Kleinigkeiten, die Kinderherzen erfreuen. Dem Geburtstagskind wird durch das gemeinsame Feiern, das besondere Essen, die Lieder, das Spielen gezeigt, daß andere Menschen sich über sein Dasein, sein Leben freuen! Wenn die 68jährige Dame von „unseren Kindern“ spricht, leuchten ihre Augen voller Freude, und auch „Kampfeslust“ für das Leben dieser Kinder ist in ihnen zu lesen.
 
G. und ihr Mann haben aus einem trostlosen Ort ein freundliches Zuhause geschaffen, in dem Kinder ­leben, lernen, lachen und hoffnungsvoll das Morgen erwarten können. „Mit 16 Jahren müssen die Kinder das staatliche Heim verlassen. Aber wohin sollen sie dann gehen? Die Schule ist beendet. Die Eltern – falls sie noch leben – wollen sie nicht zurück.“ G., ihr Mann und zwei Freunde haben ein weiteres Zuhause für die Jugendlichen geplant: sie sollen eine Lehre machen können und solange in einem „privaten“, nichtstaat­lichen Heim wohnen. Dieses neue Zuhause entsteht in der Nähe von St. Petersburg. Dort können sie eine Lehre machen, zum Beispiel als Erzieherin, Auto­mechaniker oder Gärtner.* „Wir können Orte schaffen, von denen der helle Schein der Hoffnung in die Dunkelheit der Erde fällt“ – G. läßt diesen Hoffnungsschein im Novgorodskaja-Gebiet aufscheinen. Die Kinder, in deren traumatisierte Seelen dieser ­Funke von Liebe, Fürsorge und Anteilnahme fällt, atmen auf, werden frei, verlieren Ängste und schöpfen Freude und Hoffnung für ihr noch vor ihnen liegendes Leben.
Die Hoffnung gehört zu den drei „charismatischen ­Tugenden Gottes“, zu den drei bleibenden Größen, ohne die wirkliches Leben und lebendige Beziehungen nicht möglich sind: „Glaube, Hoffnung, Liebe – die drei bleiben; die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Kor 13,13).
 
Hoffnung, in Zusammenhang gebracht mit Glauben und Lieben, hat nichts mit Illusion gemeinsam. Sie ist vielmehr erkennbar und erfahrbar als langer Atem, Durchhaltevermögen, Tragkraft, Mitempfinden, einem Sichansprechenlassen von der Liebe des Vaters im Himmel zu seinen Kindern, einem Anteilnehmen an seinem Leben. Diese vom Geist Gottes entzündete Hoffnung leuchtet durch alle Beiträge in dieser Aus­gabe hindurch. Durch das Zeugnis der so schweren Lebensführung, die Frau Romum erlebt (S. 80), ebenso wie durch die anregende Geschichte vom Erzvater ­Jakob (S. 84).
Mit dem Gebet des Augustinus grüßen wir vom ­Redaktionsteam Sie herzlich und wünschen Ihnen ­eine erneuerte und gewißmachende Hoffnung,
 
Ihre
 
Maria Kaißling

Herr, mein Gott, Du,
die eine Hoffnung,
die ich habe.
 
Erhöre mich,
daß ich nicht müde werde,
nach dir zu fragen,
sondern allzeit brennend
nach deinem Antlitz suche.
 
Gib mir die Kraft,
nach dir zu fragen,
denn du ließest dich finden
und gibst mir Hoffnung,
dich immer mehr zu finden.
 
Vor dir ist mein Wissen,
vor dir ist mein Unwissen.
Wo du mir auftust,
nimm mich auf, wenn ich eintrete.
Wo du verschlossen hältst,
tu mir auf, wenn ich anklopfe.
 
Das alles mehre in mir,
bis du mich umgestaltet
zur Vollendung.  Amen
 
Augustinus

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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