Jakob, Jakob

Sich einlassen auf Gottes neue Wege

Dietrich Alte

Und das Gerücht wurde im Haus des ­Pharao gehört, daß man sagte: Josephs ­Brüder sind gekommen. Und es war gut in den Augen des Pharao und in den Augen seiner Diener. Und der Pharao sprach zu Joseph: Sage deinen Brüdern: „Tut dies: Beladet ­eure Tiere, und zieht hin, geht ins Land Kanaan, und nehmt euren Vater und eure Familien, und kommt zu mir! Ich will euch das Beste des Landes Ägypten geben, und ihr sollt das Fett des Landes essen.“  Du aber hast den Befehl zu sagen: „Tut dies: Nehmt euch aus dem Land Ägypten Wagen für eure Kinder und für eure Frauen, und holt euren Vater und kommt! Und seid nicht betrübt wegen eures Hausrates, denn das Beste des ganzen Landes Ägypten soll euch gehören.“
Da taten die Söhne Israels so. Und Joseph gab ihnen auf den Befehl des Pharao Wagen und gab ihnen Wegzehrung mit auf den Weg. Er gab ihnen allen, einem jeden, Wechselkleider, aber Benjamin gab er dreihundert Silber-Schekel und fünf Wechselkleider. Ebenso sandte er seinem Vater zehn Esel, beladen mit dem Besten Ägyptens, und zehn Eselinnen, beladen mit Getreide und Brot und Nahrung für seinen Vater auf den Weg. Und er entließ seine Brüder, und sie zogen hin, und er sagte zu ihnen: Ereifert euch nicht auf dem Weg!
So zogen sie aus Ägypten hinauf und kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob. Und sie berichteten ihm: Joseph lebt noch, ja, er ist Herrscher über das ganze Land Ägypten. Aber sein Herz blieb kalt, denn er glaubte ihnen nicht. Da redeten sie zu ihm alle Worte Josephs, die er zu ihnen geredet hatte. Und als er die Wagen sah, die Joseph ­gesandt hatte, um ihn zu holen, da lebte der Geist ihres Vaters Jakob auf. Und Israel sprach: Genug! Mein Sohn Joseph lebt noch! Ich will hinziehen und ihn sehen, ­bevor ich sterbe.
Und Israel brach auf und alles, was er hatte, und kam nach Beerscheba; und er opferte dem Gott seines Vaters Isaak Schlachtopfer.
(1. Mo 45)
Revidierte Elberfelder Übersetzung 1985

Vorgeschichte

Ein alter Mann sitzt in seinem Zelt im Schatten. Er ist in sich versunken. Die dicke Zeltwand dämpft die Geräusche, die von draußen hereindringen: Frauenstimmen, spielende Kinder, blökende Schafe. Der Mann trägt Trauerkleidung, passend zu ­seinem Inneren. Immer wieder denkt er über die Vergangenheit nach – und leidet an ihr. Immer wieder fragt er Gott, warum dies alles so kommen mußte. Die düstere Lage wird durch einen akuten Versorgungsengpaß verschärft. Die Ernte war ­miserabel, es gibt zu wenig Wasser für Tiere und Menschen, langsam geht das Brot zur Neige. Eine existentielle Krise – innerlich wie äußerlich. Plötzlich hört er Lärm. Die Frauen und Kinder rufen laut, Männer kommen an und steigen von Wagen und Tieren ab. Bald reißt der erste das Zelt des ­Alten auf und kommt herein, einige andere hinterher. Sie sind ­außer sich und rufen: „Er lebt ja noch! Vater, er lebt!“
 
Was ist hier los? – Nachdem seine zehn älteren Söhne ihm den Tod seines zweitjüngsten Sohnes Joseph mitgeteilt und ihm als Beweis dessen blutverschmierten Mantel gebracht hatten, war der ­alte Jakob einer tiefen Trauer, Resignation und ­Depression verfallen. Nun, viele Jahre später, tritt eine Hungersnot auf, die seine Söhne zwingt, nach Ägypten zu gehen, weil sie gehört haben, daß es dort noch Getreide gibt. Bei ihrer zweiten Reise entdecken sie, daß ihr vermeintlich toter Bruder lebt und sogar Herrscher von Ägypten ist.

Aber sein Herz blieb kalt

Ein kurzer Satz beschreibt ganz klar Jakobs Situation und seine erste Reaktion (1. Mo 45,26): Aber sein Herz blieb kalt, denn er glaubte ihnen nicht.
So lange hatte er um seinen Lieblingssohn getrauert. Joseph war der Sohn seiner Lieblingsfrau Rahel, lange erwartet, da sie zunächst unfruchtbar geblieben war. Jakob hatte ihn den Brüdern vorgezogen und mit Geschenken überhäuft. Joseph stieg diese Sonderbehandlung zu Kopf und die Brüder rächten sich, indem sie ihn als Sklaven nach Ägypten verkauften. Dem Vater machten sie vor, er sei von ­einem wilden Tier zerrissen worden. Jakob war ­untröstlich und kündigte an, bis zu seinem Tode um den Sohn zu trauern. (1. Mo 37,35) Dabei ist sein Herz kalt geworden. Er kann sich nicht mehr am Leben freuen, auch nicht an seinen Kindern und ­Enkeln, sondern lebt nur noch in der Trauer um  Joseph, den er verloren hat. Er zieht sich zurück, einsam und depressiv.
In diese verfestigte Depression platzt die unglaub­liche Nachricht der Söhne: „Joseph lebt noch, ja, er ist Herrscher über das ganze Land Ägypten.” Jakob mag gedacht oder sogar gesagt haben: „Unglaublich! Wie kann das sein? Ein Tier hatte ihn doch ­gefressen! Nein, das muß ein Trick sein, ihr wollt mich aus der Trauer herauslocken. Nicht mit mir! Und überhaupt, Ägypten klingt schlecht. Schlimm genug, daß wir uns von dort versorgen müssen. Großvater Abraham hat in einer ähnlichen Situation seine Frau und die ganze Nachkommenschaft auf’s Spiel gesetzt und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt. Ausgerechnet Ägypten! Und da soll Joseph sein und herrschen? Ihr phantasiert! Laßt mich mit solchen Märchen in Ruhe! Habt ihr etwas zu Essen mitgebracht?“
Die begeisterten Söhne bringen die beste Nachricht, die Jakob je gebracht werden kann, aber sein Herz bleibt kalt, denn er glaubt ihnen nicht.
Aus eigener Erfahrung kenne ich Situationen, in ­denen ich mich nicht von meiner alten Sicht lösen kann, weil ich mich in meiner Unzufriedenheit einrichte und kein Ohr und Auge mehr für Neues, für gute Nachrichten habe. Stattdessen trauere ich ­resigniert versäumten Gelegenheiten nach. Auch Jakob will sich auf nichts Neues einlassen, doch die Söhne lassen nicht locker.

Da lebte sein Geist auf

Sie erzählen ausführlich, wie Joseph sich ihnen ­offenbart und vor Freude und Rührung geweint hat. Dann zeigen sie ihm die Tiere, die Lebensmittel, den Reichtum – die Schätze Ägyptens. Jakob sieht die Wagen, mit denen er und seine ganze Sippe nach Ägypten reisen soll.
Ägypten – da soll sein Sohn sein, der für tot gehalten wurde? Wenn das wahr wäre! Der Gedanke findet einen Weg in Jakobs kaltes Herz: sein Sohn! Er kann ihn doch noch einmal sehen. Als er das realisiert, da lebt sein Geist auf. (1. Mo 45,27) Er begreift, – wortwörtlich! –, begreift die Wagen, ­berührt sie, sieht und riecht die mitgebrachten Tiere und neues Leben regt sich in ihm. Das hat sein Sohn Joseph geschickt!
Mit 130 Jahren ist Jakob nicht mehr der Jüngste, aber die Aussicht, den geliebten Sohn wiederzu­sehen, facht neues Leben in ihm an. Diese Sehnsucht ist stärker als die alte Trauer und Abschottung gegen alles Neue. Die Ausrichtung auf die Zukunft, die Möglichkeit, den Sohn zu sehen, ist eine wunderbare Vision. Sie dringt durch den bleiernen Schleier seiner Trauer und erwärmt sein kalt gewordenes Herz.
 
Wie geht es uns damit? Mir? Dir? Auch ich muß ­zuweilen erst begreifen, um zu begreifen, und schauen, um eine wahre Sicht zu bekommen, ich muß mich auf die Wahrheit einstellen, um mich einlassen zu können auf das, was Gott mir in den Weg stellt.  Lassen wir uns beleben, von dem, was da ist, von dem, was wir an Gutem sehen, von dem, was Gott uns schenkt! Lassen wir uns die ­Augen öffnen! Lassen wir uns ein auf eine neue Sicht für unser Leben! Gott will uns beleben. Wir müssen zulassen, daß es für jeden wahr werden kann: sein Geist lebte auf. Es ist dringend notwendig!
Thomas ­Meyer sagte am 1. Mai in Neubrandenburg: „Dass von den vielen Hunderttausend Christen in diesem Land so wenig Bewegung ausgeht, liegt daran, daß sich die mei­sten nur um sich selbst drehen!“
 Lasst uns verstehen, begreifen, was Gott uns in den Weg legt, welche Wagen für uns bereitstehen, um Reisen anzutreten, die zuvor undenkbar schienen. Wir müssen uns auf Gottes Sicht einlassen und von unserer eingeschränkten Sicht ablassen. Das wirkt belebend, vielleicht sogar als Erweckung. Jakob hat sich durch diese Belebung jedenfalls aufwecken und in Bewegung setzen lassen.

Und Israel brach auf

Das nächste Stichwort ist: Und Israel brach auf!
Israel ist der neue Name, den Jakob erhielt, nachdem er mit dem Mann Gottes gekämpft hatte. ­
(1. Mo 32,29) Israel bedeutet „Kämpfer Gottes“. Von der Kampfeslust war inzwischen nicht viel ­übrig geblieben, aber jetzt geht es wieder weiter.
 
Mit Vater Israel kommt die Sippe in Bewegung. Der 130jährige trauernde Mann hatte wohl den ganzen Stamm in einem gedämpften und unlebendigen Zustand gehalten. Der gleiche Mann kann nun mit wiedergefundenem Lebensmut, mit erneuerter Kraft und mit der Bereitschaft für das Neue die ganze Großfamilie motivieren und in Bewegung setzen.
In den Zeiten der Bibel und auch in der Kirchen­geschichte haben oft Einzelne eine neue Sicht ­bekommen, die sie dann mitgeteilt und nach der sie konsequent gelebt haben. Dadurch konnte ­neues Leben in die ganze Gemeinschaft fließen: in die Gemeinde, in die Bewegung – ja in die gesamte Chri­stenheit. Sich auf Gottes Realität und Gottes Sicht einzulassen, gibt auch mitten in tiefer Trauer und Unzufriedenheit neue Kraft.
Jakob bricht von Hebron („Ort des Bundes“) nach Ägypten auf und kommt zunächst in das etwa 30 km von Hebron entfernte Beerscheba („Sieben-Brunnen“ oder „Schwurbrunnen“). Dort baut er ­einen Altar, um Gott zu opfern und ihn anzubeten. Warum diese Unterbrechung, dieser Zwischenstop?
Jakob macht einen ersten Schritt in Richtung Ägypten, wo ihn Joseph erwartet und seine Familie versorgt werden kann. Vermutlich lag es nahe, nach einer Tagesreise in Beerscheba Halt zu machen. Aber ­Jakob geht es um mehr. Er sucht die Gegenwart Gottes. Nur zu gut kennt er die Geschichte Abrahams, der einst ebenfalls vor dem Hunger nach Ägypten geflohen war – vermutlich ohne Gott zu fragen. Jakob will seinen Weg mit Gott absprechen, sich seiner Wegweisung versichern, und er will ihm für die erstaunliche, wenn auch späte Wendung in seinem Leben danken. Er bereitet sich auf die ­Begegnung mit Gott vor, hält an, nimmt sich Zeit, baut einen Altar, opfert, ruft Gott an. In der Nacht zeigt Gott sich ihm im Traum und ruft ihn zweimal bei seinem Namen:
„Jakob, Jakob!“
Jakob ist vorbereitet, er wartet schon auf die Anrede und antwortet sofort: „Hier bin ich!“
Wie bei anderen Begegnungen gibt sich Gott auch diesmal zu erkennen: „Ich bin Gott, der Gott deines Vaters.“  – Aufbruch, Belebung, die in Bewegung setzt, führt immer auch in die Begegnung mit Gott. Das ist die zentrale, wichtigste Frage bei aller Belebung, Bewegung und Begeisterung: Führt sie uns zu Gott?
Israel machte sich
- auf den Weg,
- auf den Weg zu Gott,
- auf den Weg mit Gott.

Fürchte dich nicht

Gott spricht Jakob Mut zu: Fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen. Er spricht ihm zu, daß das nun der richtige Weg ist. Das bedeutet soviel wie: Laß dich auf dieses Neue ein! Mit jedem Menschen habe ich ­eigene Wege, du bist nicht dein Großvater Abraham. Gott gibt ihm auch Verheißungen mit: Denn zu einer großen Nation will ich dich dort ­machen! Diese Verheißung ist nicht neu: Abraham hat sie zuerst erhalten, dann Jakob in Bethel und hier wieder.
 
Gott begegnet uns hier als der, der in der Lage ist, Verheißungen Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu muß sich Jakob aber auf das Abenteuer der Ägyptenreise einlassen. Ägypten wird das Nest sein, in den das große Volk, das aus Jakob hervorgehen würde, wachsen und gedeihen soll. Mit siebzig Personen kommen sie in Ägypten an (1. Mo 46, 27) und werden nach vierhundert Jahren ein Volk von großer Zahl (2. Mo 1,7): Die Söhne Israels aber ­waren fruchtbar und wimmelten und mehrten sich und wurden sehr, sehr stark, und das Land wurde voll von ihnen. Zwei Jahre nach dem Auszug aus Ägypten (4. Mose 1,46) werden es 603.505 ­erwachsene Männer sein. Dazu kommen noch der Stamm Levi, Frauen, Kinder und Jugendliche: um die 2 Mio. Menschen, wenn nicht mehr. Jakob wird dies nicht mehr erleben, aber er vertraut auf die ­Zusage Gottes: „Laß dich auf diesen Weg ein und ich mache ein großes Volk aus dir.“ Von wie vielen Verheißungen wissen wir, ohne sie in Anspruch zu nehmen, weil wir uns nicht auf das einlassen wollen, was Gott uns zeigt.
 
Fürchte dich nicht! Warum muß Jakob sich nicht fürchten? Gott erweitert seine Zusage: Ich selbst ziehe mit dir nach Ägypten hinab und ich führe dich auch wieder herauf.  Gott macht ihm deutlich, daß er nicht allein geht. Es ist kein unvernünftiges Risiko, sich auf die neue Situation und auf die ­anstehende Reise einzulassen. Gott sagt: „Ich bin dabei.“ Jakob mag sich gefragt haben: „Warum denn Ägypten? Kanaan ist doch das verheißene Land.“ Gott erklärt es ihm und verspricht, daß er auch für den Rückweg des Volkes sorgen wird.

Ich selbst ziehe mit dir

Jakobs Antwort auf diese Frage ist einfach: Da machte sich Jakob von Beerscheba auf. Er und die ganze Sippe machten sich auf. Jakob vertraut Gott und freut sich, auch die letzte Verheißung zu erfahren: er wird Joseph wiedersehen und der wird an seinem Ende bei ihm sein.
Nicht Misstrauen und Angst vor dem Verhungern lassen Jakob, wie einst Abraham, nach Ägypten aufbrechen, sondern sein Vertrauen auf den Gott, der sich ihm offenbart hat. Ihm vertraut er und macht sich auf den Weg, packt alles zusammen, lässt nichts zurück – es ist keine baldige Rückkehr ­geplant.
Sich so vorbehaltlos auf Gottes Wege einzulassen ist ein Akt des Glaubens. Wo ist in deinem Leben der Knackpunkt, die Herausforderung zum ­Glaubensakt?  Konfrontiert dich Gott mit neuen ­Realitäten, einer neuen Situation?
Glauben heißt, im Vertrauen mit Gott gehen. Jakob machte sich auf und ging mit Gott! – Laßt uns das von ihm lernen: uns einzulassen auf das, was Gott gibt, ihm zu vertrauen und mit ihm loszugehen.
Jakob hat aus seiner Begegnung mit Gott gelernt. Er lässt sich auf das neue Land ein, auf neue Begegnungen und spricht auch dem Pharao Segen zu. Noch siebzehn Jahre darf er den Segen Gottes in Ägypten erfahren. Dann stirbt Jakob zufrieden und in der Gewissheit, dass Gott seine Verheißungen weiterhin erfüllen wird.
 
Predigt in Greifswald, Sonntag, 8. Mai 2005

Von

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal