Gott zum Zug kommen lassen

Alexandra Depuhl

Wenn ich noch einmal anfangen könnte, ...

Es gibt immer den Wunsch, mit der Erfahrung von heute das Gestern zu meistern. Doch wir können unser Leben nur vorwärts leben und es rückwärts bewerten. Vertrauen einzuüben oder an den Weggabelungen meines Lebens Entscheidungen mit Gott zu treffen, ist mir nicht immer leicht gefallen. Zurückschauen möchte ich auf die guten und schlechten Tage, auf die scheinbar richtigen und verkehrten Entscheidungen und auf das ­Hören und manchmal auch Verstehen oder Begreifen von Gottes Führung. Denn er hat mein Leben überhaupt erst lebenswert gemacht. Aber, wie gesagt: Das ist erst im Rückblick erkennbar.

... würde ich einen anderen Anfang wählen

Die religiöse Erziehung in meinem Elternhaus ­beschränkte sich darauf, dass man die Kirche ­besuchte, weil das zum guten Ton gehörte. Gebet oder Sonntagsschule waren Bestandteile der Werte, die in meiner adeligen Herkunftsfamilie von Bedeutung waren und die zu erhalten verpflichtend war. Bis zu meiner Konfirmation war Kirche selbstverständlich. Die Konfirmandenzeit bestand im Wesentlichen aus dem Auswendiglernen von Bibelversen und Kirchen­liedern, die ich heute noch kenne. Doch leider traf der Unterricht nicht mein Herz, so dass mich Kirche danach nicht mehr interessierte. Dass mir damals niemand nachging, als ich mich ausklinkte, macht mich traurig: Ich glaube, ich hätte gerne mehr über Gott und über seine Vergebung gehört. Wenn uns unser Pastor erklärt hätte, wie man Christ wird, und mir Jesus und seine Liebe am Kreuz nahegebracht hätte, wäre ich Jesus schon damals nachgefolgt.
Während meiner Hotelfachlehre in Hannover hatten wir dann einen ausländischen Gast im Haus. Er ließ keine Gelegenheit aus, um mich zu seinen Evan­gelisationsveranstaltungen einzuladen. Er war der erste Mensch, der mich zum Glauben an Jesus Christus einlud. Und mir fiel es nicht schwer, ein klares Ja zum Weg mit Gott zu sagen. Ich war mir sehr bewusst, dass Gott mich gerufen und damit auch in seinen Dienst berufen hatte. Das half mir, keine halben Sachen zu machen und Schwierigkeiten nicht aus dem Weg zu gehen.

... würde ich gerne Gottes Umwege gehen

Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages zu meinem Chef ging, um ihm zu erklären, dass ich als Christ inzwischen eine andere Sicht von ­meiner Arbeit hätte: Ich wolle nicht mehr lügen, betrügen und stehlen. Zuvor war es gang und ­gäbe, den Hotelchef am Telefon zu verleugnen, die Gläser nicht bis zum Eichstrich zu füllen oder bei Hochzeiten unbemerkt den schlechteren Wein auszuschenken. Genau wie meine Eltern konnte auch mein Chef meinen Glauben nicht wirklich verstehen. Nun verpflichtete ich mich, jeden zweiten Sonntag zu arbeiten, damit ich dazwischen in den Gottesdienst gehen konnte. Wenn es nötig war, war ich auch bereit, achtzehn Stunden zu ­arbeiten. Mein Chef war stolz, als ich meine Prüfung schließlich mit Auszeichnung bestand. Und ich habe dabei empfunden, dass Gott sich nicht lumpen lässt, wenn wir nach seinen Weisungen handeln. Im Rückblick weiß ich, daß Gott mein ganzes ­Leben im Blick hatte, mit allen Umwegen.
Ich hatte schon vor meiner Lehre als Hotelfachfrau den Wunsch, Krankenschwester zu werden. Aber das hielten meine Eltern nicht für standesgemäß. So entschloß ich mich erst mit einundzwanzig Jahren dazu. Zwei Jahre lang wartete ich in der Schweiz auf einen Ausbildungsplatz. Ich arbeitete während­dessen als Schwesternhelferin in einem Spital bei Diakonissen. Von ihnen lernte ich nicht nur die Pflege kranker Menschen, sondern auch das Kümmern um ihre Seelen. Ich war begeistert von dieser Einstellung. Schließlich wurde ich – obwohl Ausländerin – in einer renommierten Schwesternschule angenommen. Doch Gott hatte weitere Gabelungen in meinen Lebensweg eingebaut. 

... würde ich genauso kompromisslos sein

Die Wahl eines Lebenspartners war eine weitere Folge meines Glaubens. Das würde ich heute noch genauso kompromisslos verfolgen wie vor nun fast vierzig Jahren. Ich glaube, damit habe ich mir viel Herzeleid und Schwierigkeiten erspart.
Meinen damaligen Freund stellte ich nach meiner Bekehrung vor die Tatsache, dass ich als Christ nun anders leben würde. Ich bat ihn inständig, mir auf diesem Weg zu folgen. Einen Kompromiss konnte ich mir nicht vorstellen. Sein Nein war schmerzhaft, damit musste ich erst einmal fertigwerden. Später wurde mir klar, dass Gott in den USA einen Mann für mich vorbereitete, der sich gerade als Missionar ausbilden ließ. Mein Freund Heiner ­hatte seinem Freund Michael in die USA geschrieben, dass ich religiös geworden sei. Gut, dass wir mal miteinander Tennis gespielt hatten, so kam ich schließlich zu einer Karte von „Mike“ aus Chi­cago. Als ich gehorsam war, fing Gott an, mir neue Wege aufzuzeigen. Durch die Verlobung mit Michael öffnete sich für mich völlig ungeahnt der Horizont für eine ganz neue Aufgabe: Ich bekam die Möglichkeit, in den USA Pädagogik zu studieren. Nie hätte ich gedacht, wie viel Freude mir das Lehren später bereiten ­würde! Es war gut, mich von Gott umstimmen zu lassen. Und ich möchte keinen Tag dieser neuen aufregenden Erfahrung missen.

... würde ich nicht so widerspenstig sein

Aber natürlich gab es auch Zeiten, die ich heute anders durchleben würde. Manchmal habe ich zu zögerlich auf Gottes leises, aber bestimmtes ­Reden gehört und habe stattdessen die Dinge viel zu schnell selbst in die Hand genommen. Heute würde ich viel mehr versuchen zu erkennen, was Gott mir ­sagen möchte. Vor allem würde ich seinen Rat bei Brüdern und Schwestern suchen und mich seelsorgerlich intensiver begleiten lassen. Da ich ­inzwischen Leiterinnen und Leiter begleite, würde ich früher fragen, ob Menschen Hilfe brauchen, und nicht erst auf Notsituationen oder Hilferufe warten. Durch persönliche Erfahrungen ist mir klargeworden, wie notwendig es ist, andere in ­unser Leben hineinschauen zu lassen, ihnen Anteil zu geben an Gottes Führungen und an un­serem Versagen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als ob Gott mit mir immer ein leichtes Spiel gehabt hätte, sondern ich will offen auch über meine Zweifel und Nöte reden. Junge Leute brauchen ehrliche, echte und nahe geistliche Mütter und Väter. Wir hatten kaum solche geistlichen Eltern, die uns an die Hand nahmen, um uns ein Stück des Weges zu begleiten.

... würde ich wieder an Gottes Plänen teilhaben wollen

Es war die Zeit der Jesus-People-Bewegung, als man plötzlich Bibeln am Bahnhofskiosk kaufen konnte und viele Schüler sich für ein Leben mit ­Jesus entschieden. Und wir erbten plötzlich einen alten Bauernhof. Was sollten wir mit solch einem ­Erbe anfangen, da Michael und ich doch wußten, dass wir als Missionare ins Ausland gehen würden? Erst dachten wir daran, den Hof zu verkaufen und mit dem Erlös einen Dienst im Ausland zu beginnen. Doch dann wurde meinem Mann und mir unabhängig voneinander deutlich, dass wir diesen ­geerbten Bauernhof für Gott einsetzen sollten.
 
Mein Mann erinnerte sich plötzlich an die Camps in Amerika, auf denen er als Kind während der ­Ferien gewesen war. Wie er die Leiter bewundert hatte, die in den Wäldern Holz hackten und Gräben aushoben und dann eine „knackige“ Bibelarbeit hielten. „Das kann ich mir gut vorstellen, dass dir das gefällt!“, sagte ich und erzählte, wie gern ich ein christliches Hotel eröffnen würde. All­mählich kam meine Freude am Hotelfach wieder zum Vorschein. „Lass uns das doch mit dem alten Bauernhof machen!“ Diese Idee war so verrückt, dass wir sie als Gottes Führung verstanden. Gott gab uns die Freude und das Durchhaltevermögen, und wir haben geglaubt, dass er uns führt. Wir warteten fünf Jahre auf die erste Baugenehmigung, boten die ­ersten Freizeiten in unserem alten Bauernhaus an und lebten mit drei Kindern in zwei Zimmern.
Der Rat von Geschwistern war hilfreich und ermutigend. Und so gingen wir das Wagnis ein und gründeten das Christ Camp. Gott kennt unsere ­innersten Wünsche. Er bereitet uns vor, indem er uns mit Gaben und Fähigkeiten ausrüstet und dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzt – wenn wir bereit sind, auf ihn zu hören und ihm zu folgen.

... würde ich genauso transparent sein

Um diese Art christlicher Freizeitarbeit in anderen Camps zu lernen, reisten wir in die Vereinigten Staaten. Wir übertrugen dann die Ideen auf unsere Verhältnisse und entwickelten ein eigenes Konzept. Wir schulten junge Leute, früh Verantwortung zu übernehmen und bildeten Campbetreuer aus, die eine Woche lang das Zimmer mit den ­Jugendlichen teilten. Sie sprachen mit den Kids über Gott, machten gemeinsame Entdeckungs­spaziergänge durch den Wald. Die Jugendlichen be­obachteten ihre Betreuer und konnten Fragen über Gott und die Welt stellen. Beim Sport konnten sie gegen ihren Betreuer gewinnen und faires Spiel erleben.
 
Im Camp wurden Barrieren zwischen arm und reich überwunden, gesunde Jugendliche gefordert und behinderte Jugendliche gefördert. Wer im Camp dabei war, musste auch mit schwierigen Leuten im selben Zimmer klarkommen. Aber der Betreuer war immer da, um zu helfen.
 
Wir erzählten offen von unserer Arbeit und teilten unsere Ideen auch mit anderen. Dabei ernteten wir auch Skepsis oder Erstaunen. Ein Jugendleiter hatte Bedenken, als er sah, daß wir Jugendliche „schon“ ab sechzehn Jahren schulten. Als er während einer Gebetsgemeinschaft deren aufrichtige Hingabe mitbekam, war er nicht wenig überrascht. Wir konnten beobachten, dass Menschen, die Verantwortung übernehmen möchten, meist auch bereit sind, zuzuhören und zu lernen.
 
Wir stellten unser Konzept auch anderen zur ­Verfügung, die froh waren, neue Ideen für ihre Freizeiten zu bekommen. Ich habe Menschen gern in mein Leben hineinschauen lassen, ihnen von meinen Schwächen und Stärken erzählt und sie wissen lassen, dass es Gott ist, der uns Gaben gibt und sie dann auch einsetzt. Gott ist es wichtig, dass wir unseren Auftrag, seine Ideen mit anderen teilen und mitteilen.

... würde ich für Ergänzug in der Gemeinschaft kämpfen

Als Frau, die ziemlich offen ist und ihre Erfahrungen ehrlich preisgibt, war und bin ich nicht immer eine leichte Partnerin oder ein ruhiges Vorstandsmitglied. Doch ich will mich nicht selbst verleugnen. Vielfach habe ich erfahren, wie unterschiedlich wir als Männer und Frauen denken, handeln, die Dinge sehen und sie begreifen. „Eine Karrierefrau muss wie eine Lady aussehen, handeln wie ein Mann und arbeiten wie ein Pferd“, steht auf meinem Schreibtisch. Aber wir Frauen möchten nicht wie Männern handeln, sondern wir möchten wir selbst sein. Wir wollen auch nicht um unsere Andersartigkeit kämpfen, sondern als Ergänzung erkannt werden. Gott hat uns Frauen die Intuition gegeben, die nicht immer erklärt werden kann, sich häufig aber als richtig herausstellt. Ohne diese Zugabe Gottes wäre die Welt doch öde und leer! Das gilt nicht nur für die Familie, sondern für jede Gemeinschaft. Gemeinsam verkörpern wir den Leib Christi. Gott fehlt sonst etwas an seinem Ebenbild.

... hätte ich gern öfter ein brennendes Herz

Die Barmherzigkeit Gottes anderen zukommen zu lassen, ist nicht jedermanns Sache. Manchmal müssen wir erkennen, dass wir eine Gabe nicht haben und dass deshalb andere ­unsere Gemeinschaft vervollkommnen. Wenn ich sehe, mit welcher Liebe Christus auf die Menschen ­gewartet hat, sie nie überfordert, sondern ihnen gedient hat, auch wenn sie ihn nicht ernst­genommen haben, dann beginne ich zu begreifen, was seine Liebe in meinem Leben bewirkt. Besonders an der Gabe der Agape Gottes in meinem ­Leben hätte ich gern mehr gearbeitet. Manchmal sehe ich einen kleinen Abschnitt von einem Weg, den er mit mir nach „Emmaus“ gegangen ist, und staune, wie mein Herz brennt. Das hätte ich gerne öfter zugelassen.
 
Zum Beispiel, als ich meine Kinder lehrte und auf ihre Fragen antwortete. Hoffentlich habe ich gut geantwortet und ihnen nicht nur meine Mutter­liebe, sondern auch Gottes allumfassende, ver­gebende, dienende Liebe gezeigt. Manchmal wünschte ich, junge Leute im Christ Camp hätten mehr von der Liebe gesehen und wären nicht wie Gäste behandelt worden. Manchmal wünschte ich mir mehr von dieser Liebe, die sich intensiver um die Probleme der Mitarbeiter gesorgt hätte, anstatt um die Effizienz ihrer Arbeit. Heute würde ich mehr Zeit für Gespräche einräumen und keine Angst um verlorene Arbeitszeit haben. Ich habe selbst gemerkt: Nur wenn ich persönlich geliebt werde und mich angenommen weiß, kann ich „Bäume ausreißen“! Vielleicht wäre es unseren Mitarbeitern ähnlich ergangen. Trotzdem freue ich mich, dass ich in den siebenundzwanzig Jahren in der Leitung des Christ Camps auch viele gute ­Erfahrungen mit Menschen gemacht habe. Ich hoffe, das beruht auf Gegenseitigkeit.

... würde ich mich noch genauso freuen

Als wir zu Beginn unserer Arbeit in einem großen Camp in Texas waren, um dort zu lernen, tauchte Coleen auf. Sie war die Beauty Queen und wollte in unserem Camp in Deutschland mitarbeiten. Ich fragte sie sehr direkt, was sie denn bewege, mit uns nach Deutschland in ein noch nicht einmal errichtetes Camp zu kommen. Als sie mir mit diesem frommen „Gott hat es mir ­gezeigt“ kam, war ich skeptisch. Wir hatten schließlich die Vision, ein Camp aufzubauen. Wie sollte Gott dabei eine junge Frau gebrauchen können, die jeden Morgen sicherlich Stunden damit verbrachte, ihre Locken zu föhnen, die Nägel zu lackieren, das richtige Make-up aufzulegen und feine Kleider anzuziehen? Ich würde ihr heute noch dieselbe Frage stellen. Ich erklärte ihr, dass Christen in Deutschland kein Make-up trügen und sie sich auf einen schlichten Lebensstil einstellen solle. Als sie sich in keiner Weise davon abbringen ließ, mit uns nach Deutschland zu kommen, ­wollten wir es aus­probieren.
 
Coleen stieg ohne Make-up aus dem Flugzeug, ­ihre Locken waren zum Pferdeschwanz gebunden. Sie hat sich an ihre Antwort gehalten: Gott hatte ihr gezeigt, daß hier ihr Platz war, und sie hat sich von ihm gebrauchen lassen. Sie war uns eine große Hilfe. Sie hat alle Arbeiten getan, auch die, die wir ihr nicht zugetraut hätten. Ich wurde durch ­Coleens Hingabe beschämt. Noch heute schreibt sie uns, wie viel sie in dieser Zeit für ihr Leben gelernt ­habe. Wenn ich noch einmal mit ihr zu tun hätte, würde ich mich über ihre Antwort, „Gott hat es mir gezeigt“,  freuen.
 
Eines Tages stand ein Punk vor mir, der unbedingt das Sommercamp besuchen wollte. Neben ihm stand seine adrette Mutter mit einem fragenden Gesicht, aus dem ich lesen konnte: „Nehmen Sie auch solche Jungens auf?“ Ich war froh, dass Gott mich in diesem Moment führte und ich ihm ehrlich sagen konnten: „Wir freuen uns, dass du da bist!“ Und über die nächsten Jahre zeigte sich ­Gottes Führung: Der Junge kam immer wieder und seine Haartracht veränderte sich in dem Maße, wie Gott sein Leben umkrempelte. Er wurde ein liebevoller und umsichtiger Campbetreuer, den die ihm anvertrauten Jungs liebten.

... würde ich aus Fehlern schneller lernen

Natürlich erkennen wir Gottes Führung selten ganz eindeutig, nicht immer verstehen wir Menschen, die sich ganz sicher von Gott geführt wissen. Man kann auch auf falsche Signale hören, wenn sie in geistlicher Verpackung daherkommen. In Beziehungen stehen immer zwei in Verantwortung vor Gott.
 
Natürlich habe ich Fehler gemacht, indem ich mich habe vereinnahmen, blenden oder gar über den Tisch ziehen lassen. Nicht alle, die mit uns ­gearbeitet haben, waren begeistert dabei. Mit manchen geriet ich persönlich aneinander. Hier wünsche ich mir heute, ich hätte durch Gespräche mehr von ihnen erfahren.
 
Manchmal musste ich auch abwägen, ob wir ­weiter miteinander arbeiten konnten oder nicht. Und manchmal gab es auch Schuld, die von dem anderen nicht bereinigt wurde. Dadurch wurde die Zusammenarbeit so schwer, dass wir uns trennen mussten. Es ist eine irrige Annahme, dass wir als Christen nicht auch klare Linien ziehen dürfen. Es geht um Menschen, ja, aber es geht auch um eine Gemeinschaft, in der Gott zum Zug kommen möchte. Wenn unser Herr Menschen zu einem Miteinander beruft, dann tut er das auf beiden ­Seiten. Wir können dabei in aller Ruhe zusehen und abwarten, wann und wie er dem anderen ­begegnet und diese Person dann dazu kommt, ja zu sagen. Ich wünschte mir, ich hätte früher meine Geduld von heute gehabt und wäre darin ruhiger gewesen. Es gibt ein gefährliches „zu früh“ für ­eine Entscheidung, wenn sie nicht wirklich durchdacht, reif, erbeten und mit Gott besprochen ist.

... würde ich mich auf die Ablösung intensiver vorbereiten

Manchen Weg würde ich heute lieber wieder ­zurückgehen, um an einer bestimmten Gabelung eine andere Richtung einzuschlagen. Doch ich habe auch erlebt, und das traue ich mich kaum zu schreiben, daß meine löcherigen Wege abseits der gut befestigten Straßen von Gott nicht nur ausgebessert, sondern vollkommen erneuert wurden. Als hätte Gott auf solch eine Gelegenheit nur ­gewartet. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Fähigkeiten. Kein anderer als unser Herr stellt ­unsere Lebensführung darauf ein und notfalls auch um. So hat Gott das mit mir auch in der Abna­belung von unserer Arbeit gemacht.
 
Es hatte alles so richtig ausgesehen: der Anruf, die Menschen, die Vermittlung, die Vision, die Vorstellung, die Prüfung, die Gespräche, die Gemeinsamkeiten, die Fähigkeiten, die Altersstruktur, die Ablösung, der Zeitpunkt. Von A bis Z hätte es nicht besser sein können. Und dann scheiterte ­alles an unbefriedigenden Vorstellungen, an unterschiedlichen Persönlichkeiten, an unerfüllten ­Erwartungen, an einer unberechenbaren Ab­lösung, an unzureichender Kommunikation. Und schon nach kurzer Zeit gab es eine Trennung. Auf beiden Seiten, das kann ich heute sagen, wurden Fehler gemacht. Heute würde ich mich besser informieren, mich für eine bessere Kommunikation einsetzen, mich intensiver mit Menschen besprechen und mir nicht so schnell ein Bild davon machen, wie Gottes Führung auszusehen hat. Ich wäre vorsichtiger und würde die „roten Fähnchen“, Dinge, die ich zwar spürte, denen ich aber nicht nachging, nicht außer Acht lassen. Ich würde mich bei anderen vergewissern, den Rat von Vorgängern einholen, um mir ein umfassenderes Urteil bilden zu können.

... würde ich Gott wieder an mein Fundament lassen

Gott führt auf ungeebneten Wegen. Er hatte bereits andere Bauarbeiter im Blick. Es fehlte nur der richtige Zeitpunkt. Ich selbst musste erst bereit sein. Gott wollte mir meinen Grund, mein Fundament zeigen. Für diesen neuen Abschnitt in der ­Geschichte des Christ Camps musste eine stabile Grundlage geschaffen sein. Weiterkommen hieß für mich, noch einmal neu anzufangen.
Meine Gabe von Gott während der Arbeit als Mitbegründerin und Mitleiterin des Christ Camps war: Ich konnte ein altes Gebäude auf seine vier Wände reduzieren und etwas Neues konzipieren, um es schließlich wieder zu verwerfen und noch einmal neu auf einem leeren Blatt Papier anzufangen. Das machte ich mit Programmkonzepten, Mitarbeiterschulungen und Gebäuden oder Räumen. Ich genoss es, weil es meiner Kreativität freien Lauf ließ. Wenn mein Mann dann sagte: „Du hast schon wieder zehn neue Ideen ...“, wusste ich, dass minde­stens eine davon durchkam.
 
So fiel es mir nicht allzu schwer, die Arbeit des Camps nach dem gescheiterten Übergabeversuch noch einmal ganz neu zu bedenken. Viele Menschen, die das Christ Camp gut kannten und es in unterschiedlichen Funktionen und zu verschie­denen Zeiten erlebt hatten, trafen sich an einem Wochenende zu einer Zukunftswerkstatt. ­Gemeinsam erarbeiteten wir, was war, was ist und was sein könnte.
 
Ich war begeistert von all den Dingen, die ich über unsere 25-jährige Arbeit erfuhr, und erstaunt über den Segen der Arbeit. Aus Jugendlichen waren ­verantwortliche Pastoren, Mitarbeiter, Seelsorger oder Leiter von christlichen Werken geworden, ­viele waren engagierte Christen in ihrem Beruf.
Der Ist-Zustand war ernüchternder: Wir hatten in kürzester Zeit eine umfangreiche Brandschutzmaßnahme vorzunehmen, damit 720 Jugendliche ins Sommerlager kommen konnten. Wir besprachen, welche Veränderungen dazu erforderlich waren. Aber uns fehlten die Finanzen und die Menschen, um sie auszuführen. Manche von den Mitarbeitern waren auch nicht bereit, diese weitreichende ­Um­strukturierung mitzugestalten.
 
Ich sollte das Schiff Christ Camp durch diesen ­Prozess hindurch mit ans neue Ufer begleiten und dabei Gottes Stürme auf dem Wasser erleben. Gott wollte nicht nur mich in seine Schule nehmen, sondern auch der neuen Mannschaft helfen, ans ­andere Ufer zu gelangen. Zaghaft stiegen wir ein. Doch Jesus war mit im Boot. Er führte uns durch die Strudel und Wellen. Dabei wurde die Mannschaft zusammengeschweißt und bekam neue ­Visionen, ganz besonders, als das Ufer in Sicht kam. Es fiel mir nicht leicht, auszusteigen und dem Team das Schiff zu überlassen. Aber Gott hatte sich ­gezeigt und so gingen wir von Bord. Das Team fuhr in die eine Richtung, und für mich lag schon ein kleines Segelboot bereit.

... würde ich mich wieder auf Gottes Weise führen lassen

Loslassen ist nie einfach. Ob es unsere vier Kinder ­waren, die wir in die weite Welt ziehen ­sahen, oder die liebgewordene Arbeit – es gehört immer eine Portion Mut, Weitsicht und natürlich auch Verlust dazu. Aber mit vollen Händen kann man nichts Neues empfangen.
 
Vor einigen Jahren hatte mich eine junge Frau in einer Sitzung wissen lassen, dass ich zu alt für die Arbeit in diesem Gremium sei. Nun war es zu ­unserer Zeit mit solch einer Tätigkeit als Frau erst ­relativ spät losgegangen: Gerade mal 10 bis 15 Jahre war ich als Ehefrau und Geschäftsführerin freigestellt, um mich in regionalen und deutschlandweiten Vorständen zu engagieren. Und nun das! Sollte ich wirklich schon so schnell loslassen?
 
Heute glaube ich, Gott wollte mich aufhorchen lassen. Nicht immer habe ich seine leise Stimme vernommen. Aber hier war der Punkt in meinem Leben, an dem ich kapitulierte. Ich merkte, dass Gott ­einen anderen Strang in mein Leben einflechten wollte. Hatte er mein Gebet ernstgenommen: „Du kannst mit mir tun, was du willst, ich will dir folgen“?
 
Noch während wir im Christ Camp verantwortlich ­waren, betete ich zwei Jahre lang um die richtige Aufgabe für später. Ich war ­erstaunt, als Gott dann fünf Frauen auf mich zukommen ließ, die von mir lernen wollten. Wir hatten ähn­liche Vorstellungen von einer Mentorenbeziehung. Sie wollten lernen von einer, die schon etwas länger auf dem Weg war, und ich wollte alles geben, was ich gelernt hatte, und war bereit, über Misserfolge, Höhen und Tiefen in meinem Leben zu ­berichten. Gott hatte beide Seiten für ein gemeinsames Abenteuer bereitgemacht. Heute freue ich mich, jungen Leitern und Leiterinnen als Mentorin zu raten, sie zu begleiten, ihnen Hilfestellung bei ihrem ­Lebensentwurf zu ­geben und sie loszulassen.
Was für ein Plan Gottes! Ohne die Aussage in ­jener Sitzung: „Du bist zu alt!“ hätte ich wirklich alt ausgesehen.

... würde ich mir mehr Zeit nehmen

Wenn ich noch einmal anfangen könnte, dann würde ich mir mehr Zeit nehmen, um mit Gott ­allein zu sein. Hinzuhören, was er für mich bereithält, um Ruhe zu finden und so lange auszuhalten, bis er redet. Ich würde gerne mehr Zeit mit Freunden verbringen, und ab und zu etwas Verrücktes tun. Ich würde mir Zeit für einen Museumsbesuch mit Freundinnen nehmen. Zeit, mit den Enkelkindern zu spielen und ihnen von früher zu erzählen. Zeit zum Bücherlesen. Zeit, Neues zu entdecken und neue Gebiete in meinem Leben zu erobern. Ich freue mich, daß ich älter werde. Und ich bin Gott dankbar für mein Leben mit ihm.

Auszug aus: David Neufeld (Hg): Erfahrungen im geist­lichen Dienst.

Von

  • Alexandra C. E. Depuhl

    geb. 1943 in Berlin, ist seit 1967 mit Michael verheiratet, Mutter von vier Kindern. Gemeinsam gründeten sie das erste deutsche Jugendcamp Christ Camp in Krefeld. Sie engagiert sich im Hauptvorstand der Deutschen Evange­lischen Allianz, im Vorstand des Gemeinde­ferienfestivals Spring und des Christlichen Frauenforums ­Filia. (Stand 2005)

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