Der Himmel liebt die Erde

Der Widerschein von Pfingsten in einer hoffnungsarmen Welt

Paul Evdokimov

Wenn sich im Denken der Menschheit heute der Ausdruck von Verzweiflung und Leere spiegelt, so deshalb, weil die Hoffnung der ­Christen den „Trost der Schrift“ verloren hat (Röm 15,4) und sich der göttlichen Verheißung nicht mehr bewusst ist.
 
Wenn heute die ungegenständliche Kunst das Feld beherrscht, so deshalb, weil das Bildhafte nichts mehr abzubilden weiß – es nimmt keinen Geist in sich auf und strahlt kein Licht wider. Der Mensch hat die Realität der Dinge und den verborgenen, verdichteten Gehalt des Wirklichen verloren.
Die Wunder der Technik entlarvt die Offenbarung des Johannes (13,13) als klägliche Nachahmung der Flammen von Pfingsten. In der Tiefe seiner ­höllengleichen Existenz fühlt der Mensch sich der Einsamkeit anheimgegeben. „Scheol“ im He­bräischen bedeutet den dunklen Ort, und im Griechischen bezeichnet die „Hölle“ einen Raum, in dem man nicht sieht, wo kein Blick auf einen ­anderen trifft – die Hölle kennt kein Gegenüber.
 
Doch erst in dieser Finsternis erfassen wir die Botschaft des Pfingstfestes in ihrer ganzen Klangfülle. Stellvertretend für alle stieß Christus den Klageruf aus: „Warum hast du mich verlassen?“ Dieser Ruf hat die Fundamente der Hölle erschüttert; und er hat auch den Vater bis ins Innerste erbeben lassen. Der Vater, der seinen Sohn sendet, weiß aber, daß selbst die Hölle seiner Herrschaft unterworfen und daß die „Pforte des Todes“ in die „Pforte des ­Lebens“ verwandelt worden ist. ...  Gerade in der Welt von Fernsehen und ferngesteuerten Apparaten, von Überschall und Weltraumfahrten, in dieser atheistischen und zugleich gläubigen, paradiesischen und zugleich infernalischen, stets aber von Gott geliebten Welt ist der Mensch aufgerufen, das Wunder des Glaubens zu vollbringen.
Wie einst Abraham, so hat er den Weg anzutreten: ohne zu wissen, warum und wohin, jedoch in der Gewißheit, daß die Flammenzunge von Pfingsten in seinem Innern lodert. Diesen Appell von Pfing­sten hat der hl. Johannes Klimakos erfaßt und es so treffend ausgedrückt, daß auch der Glaubende von heute gerne mit einstimmt: „Meine Seele ist durch deine Liebe verwundet, o Christus, ich kann ihre Flammen nicht mehr ertragen, ich gehe voran, ­indem ich dir lobsinge...“

Paul Evdokimov (1902-1970), russischer Emigrant in Paris, war Professor am Theologischen Institut St. Sergius in Paris, Leiter des Zentrums für Orthodoxe Studien und Direktor des Ökumenischen Instituts in Bossey (Schweiz). Seine im Geist der Ökumene ­verfaßten Arbeiten über die Kirchenväter gelten als theologische Brücke zwischen Ost und West. 
 
Nach: P. Evdokimov: Der Himmel liebt die Erde – Weisheit

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