Der Tod kann die Hoffnung nicht begraben

Hoffnung in der seelsorgerlichen Begegnung

Rudi Böhm

Im kleinen Kreis unserer Gemeinschaft stellten wir uns die Frage: Wo und wie erlebe ich Hoffnung in meinem Alltag? Unter den Antworten ­waren folgende:
„Ich erlebe Hoffnung, wenn ich das Gefühl habe, daß jemand mich versteht und zu mir steht, oder wenn jemand den Weg, den ich gehe, mit mir teilt. Das Gefühl der Verbundenheit – ich bin nicht allein – gibt mir am meisten Hoffnung.“
„Für mich bedeutet Hoffnung: Veränderung ist möglich.“
„Hoffnung erfahre ich konkret, wenn ich mich als Person angenommen und geachtet fühle, wenn ich in eine Aufgabe miteinbezogen, zum Mitmachen ermutigt, mit Verständnis beteiligt werde.“
„Hoffen heißt für mich, einen festen Stand haben und auch bei Enttäuschungen den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.“
„Ich erlebe Hoffnung, wenn ich mir sicher bin, daß ich mich öffnen kann, ohne Angst haben zu müssen, überwacht bzw. kontrolliert oder verurteilt zu werden; wo ich ohne jeden Leistungsdruck einfach frei ich selbst sein kann und sicher bin, daß nichts gegen mich läuft.“
„Ich erlebe Hoffnung, wenn ich konkreten Menschen begegne (auch in Biographien), die leben­dige Antworten sind auf mein eigenes, noch un­gelebtes Leben.“
„Ich erlebe Hoffnung, wenn in einer verzweifelten Lage durch ein Wort oder ein Bild von Gott ­wieder Licht in mein inneres Dunkel fällt.“
„Ich bekomme Hoffnung, wenn Gott in mein ­Leben helfend und rettend eingreift und ich ­erfahre, daß es Ihm wirklich um mich geht.“
Es gehört zum Wesen des Menschen, daß er hofft. In der Not braucht er wieder einen Blick über sich und seine Lage hinaus. Ohne solche Hoffnung verliert er seinen Halt und bricht innerlich zusammen. Meine Großmutter pflegte uns Kinder in Situationen, in denen Zweifel und Mutlosigkeit uns überfielen, mit dem Sprichwort zu ermutigen: „Immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von ­irgendwo ein Lichtlein her.“ Wenn ich mein Leben rückblickend betrachte, hat sich das immer wieder bestätigt. Als ich durch den Umzug meiner Eltern auf einen Schlag alle meine Freunde verloren hatte, gewann ich an dem neuen Wohnort den Freund meines Lebens. Als unsere Ehe schon nach relativ kurzer Dauer fast am Ende war, kam es in einer Beichte zu einer tiefen Begegnung mit Gottes barmherziger Liebe, in deren Folge mir die Kraft für ­einen grundlegenden Neuanfang zufloß. Als ich im Zusammenleben in unserer Gemeinschaft einmal völlig gescheitert war, erfuhr ich in einer Eucha­ristie­feier die verwandelnde Kraft des Kreuzes Christi so bahnbrechend, daß sich Beziehungen bleibend veränderten. Immer wieder kam es in Situationen der Hoffnungslosigkeit zu einer überraschenden Wende, die meinem Leben eine neue Richtung gab. In allen ausweglos scheinenden Situationen warteten neue (Lebens-)Möglichkeiten auf mich.

Hoffnung - ein Tau, das niemals zerreißt

Im Neuen Testament steht Hoffnung im Spannungsverhältnis zwischen Gottvertrauen und mensch­lichem Zweifel. Vertraut man auf Gott, so gibt die Hoffnung Sicherheit. Diese Sicherheit wird mit ­jener verglichen, die der Anker einem Schiff gibt. Der Hebräerbrief sagt, daß wir einen sicheren und ­festen Anker unseres Lebens haben, der bis ins Inner­ste des Heiligtums, hinter den Vorhang reicht, dorthin, wo Jesus eingetreten ist (6,19 f.). Der jüdische Theologe und Religionswissenschaftler Pinchas ­Lapide schreibt: „Das hebräische Zeitwort hoffen heißt in seiner ursprünglichen Bedeu­tung winden oder zwirnen, so daß Hoffnung ein Faden oder besser gesagt ein Seil ist – ein ‚Fadenstrick‘, wie Martin Buber übersetzt (Josua 2,18 und 2,21), der sowohl Fe­stigkeit als auch einen Anknüpfungspunkt bietet. Ein Tau, das nicht zerreißen noch versagen wird. Biblische Hoffnung ist also weder ein Phantasie­gebilde noch ein Wunschdenken und schon gar nicht seichter Optimismus, der die Zukunft vorausrechnet, um nüchtern die Chancen auf Erfolg abzuschätzen, sondern jene innere Kraft, die an Gott selbst anknüpft und zu einer Macht heranwachsen kann, die schon des öfteren unsere Welt verändert hat. Hoffen wie die Propheten heißt, alles auf die eine Karte setzen – ob ihre Aus­sichten nun groß sind oder gering. Es heißt, unterwegs sein mit einer tatkräftigen Zuversicht, an der letztlich alle Zweifel zerschellen.“1 Lapide spricht von einem „spezifisch jüdischen Motiv: der unstillbare Drang, den Traum von gestern, über alle heutigen Schutthaufen hinweg, zur morgigen Wirklichkeit zu machen.“2
Hoffnung ist also mehr als nur eine optimistische Lebenseinstellung. Hoffnung ist nicht einfach die positive Einstellung, daß morgen alles besser wird: „Du wirst sehen, du wirst wieder gesund werden; du wirst schon noch Arbeit bekommen; deine Frau wird es sich sicher noch anders überlegen...“  Das alles kann sein – doch was geschieht, wenn das ­Erwünschte nicht eintritt? Hoffnung hat etwas mit Gott zu tun. Sie ist der Einbruch des Ewigen in ­unseren Alltag.
 
Christen sind gemäß dem Wort der Heiligen Schrift angehalten, in jeder erdenklichen Not mit der verborgenen Realität von Gottes Wirken zu rechnen. Im Hebräerbrief heißt es: Werft (in Drangsalen und Leiden) Euer Vertrauen nicht weg, welches eine ­große Belohnung hat. (Hebr 10, 35) Vertrauen bedeutet, Hoffnung zuzulassen. Es ist aber der Glaube das feste Vertrauen auf das Erhoffte; ein Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht. (Hebr 11,1) Paulus ergänzt: Eine Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist ja keine Hoffnung mehr! (Röm 8, 24)

Hoffnung - die Gewissheit, dass alles einen Sinn hat

Wer sein Leben in Gott verankert, erhält und behält Hoffnung, ganz gleich wie sich die Dinge ent­wickeln. Er macht sein Leben nicht am Verlauf der Ereignisse fest, sondern an Gott selbst, welcher der allezeit Gütige, der in allem und über alles zu ­Liebende ist. Der Hoffende gewinnt alleinige ­Sicherheit in dem Glauben, daß sein Leben in ­Gottes liebender Vorsehung aufgehoben ist. Er verweigert sich deshalb dem Zweifel an der Sinnhaltigkeit schmerzlicher oder unglückbeladener ­Geschehnisse und bleibt in der Ungewißheit der Umstände Gottes Nähe gewiß, der uns mit seinem Wort zum Wagnis des Glaubens herausfordert: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. (Jes. 55,8)
 
Václav Havel, der ehemalige Präsident der tschechischen Republik, brachte solches mit den Worten auf den Punkt: „Hoffen ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Demnach ­haben wir Hoffnung, wenn die jeweilige Not an den Ursprung und das Ziel unseres Lebens anknüpfen kann und die Gegenwart als ein Teil des Lebens, das Gott für uns bestimmt hat, verständlich wird. Wenn durch das Vertrauen in einen Gott, der in ­allem der Gütige ist, auch das Schmerzliche wieder in einem größeren Zusammenhang sichtbar wird, wird das Leben insgesamt und in allem sinnhaltig.
 
Als Christen werden wir deshalb immer in einer ­paradoxen Spannung stehen, die inmitten des Leides mit der göttlichen Lebenswirklichkeit rechnet, die hinter der sichtbaren Wirklichkeit steht. ­Anschaulich illustriert uns der Apostel Paulus dieses Paradox aus der eigenen Lebenserfahrung: Wir ­gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; wir werden verkannt und sind doch anerkannt; wir sind wie Sterbende und siehe: wir leben; wir werden ­gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles. (2. Kor 6,8b-10) Dieses ganze Paradox christlicher Existenz findet ­seinen Höhepunkt in dem Satz: …wenn auch unser ­äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. (2. Kor 4,16)
Der Apostel Paulus kennt die Bedrängnis der Chri­sten seiner Zeit und er weiß um ihr Ringen zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Sorge und Hoffnung. Doch er macht den Menschen damals und auch uns heute Mut, wenn er sagt: Ihr dürft euch nicht von der Hoffnung abbringen lassen, die euch das Evangelium schenkt (vgl. Kol 1,23). Paulus weist damit auf etwas ganz Entscheidendes hin: Nicht unsere persönlichen Wünsche und eigenen Erwartungen, sondern die Botschaft des Evange­liums ist es, die uns Hoffnung und Zuversicht schenkt, die unserem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt. In Jesus Christus hat Gott der Hoffnung ein unverwechselbares Gesicht gegeben, in ihm ist sie voll und ganz zu uns gekommen. Als Christen dürfen wir uns sagen lassen: Egal in welcher Situa­tion du bist – Christus will dir Hoffnung schenken! Das ist die Zuversicht, die uns das Evangelium schenkt, die Hoffnung, die nicht zugrunde gehen läßt (vgl. Röm 5,5). Den Blick darauf weist uns auch das ermutigende Wort aus Römer 8,28: Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen die nach seiner zuvor getroffenen Entscheidung berufen sind. Das bedeutet, daß  „alle Umstände, die über unser Leben hinwegrollen, – wenn wir am Vertrauen und an der Liebe zu Gott festhalten –, nur dazu dienen, es zu ­einem kostbaren, unvergänglichen Juwel zurechtzuschleifen.“3

Hoffnung - ein Reifeprozess, der die Not wendet

Hoffnung, die aus Glauben geboren ist, reift und wird durch Schwierigkeiten geläutert. „Nur die Hoffnung, die aus Not geboren wird, wirkt Not wendend.“4 Das Überraschende an der Hoffnung ist also nicht, daß die Dinge besser ausgehen als ­erwartet. Denn selbst wenn das nicht der Fall ist, können wir immer noch mit einer starken Hoffnung leben.
 
Ich bin Vater von 6 Kindern. Vor zwei Jahren wurde die Beziehung zu meiner ältesten Tochter hart auf die Probe gestellt. Wir hatten bis dahin eine besonders innige Beziehung. Plötzlich tat und vertrat sie Dinge, die mich bis ins Mark erschütterten. Sie gab mir das Gefühl, daß das, was ich ihr mitgegeben habe, nicht genug und nicht richtig gewesen sei. Können Sie sich vorstellen, was das für einen Vater bedeutet, der für seine Kinder ein idealer Vater sein wollte? Hier hat mir meine Tochter, viel­leicht ohne es zu beabsichtigen, einen Spiegel vor die Augen gehalten. In diesem Spiegel erkenne ich mich als jemanden, der ich unter keinen Umständen sein wollte: als Versager. Von Anfang an wollte ich ein besonders guter Vater sein. Dafür war mir nichts zu viel und nichts zu schwer. Jetzt hatte ich plötzlich nichts mehr zu sagen. Für mich brach eine Welt zusammen.
An jenem Tag, als das mit meiner Tochter seinen Anfang nahm, bin ich die halbe Nacht herumgeirrt, innerlich unsäglich leidend. Mein Herz war schwer bedrückt und fühlte sich an wie von einem Schraubstock zusammengepreßt. Gegen Morgen ging ich zurück an den See, an dem die Tragödie begonnen hatte. Da mir eigene Worte fehlten, um meine Not auszudrücken, betete ich in meiner Verzweiflung mir vertraute Gebete. Plötzlich vernahm ich in meinem Herzen einen deutlichen Impuls von Gott, der mir den Frieden wieder in mein Herz zurückholte. Das Geschehene ruht seither in Gottes Hand – unverändert bis zum heutigen Tag. Die ­Umstände sind nach über zwei Jahren noch immer dieselben. Für beide Seiten ist der Schmerz des ­Getrenntseins geblieben. Aber ich vertraue Gottes gnädiger Vorsehung, der immer den ganzen Weg im Blick hat. In diesem Hoffen hat sich mein Leben weiterhin zum Guten entwickelt. Ich habe mich auf eine Weise kennengelernt, wie ich es mir sicher nicht selber ausgesucht hätte. Ich habe Heilung ­erfahren, die letztlich von ganz woanders herkam. Gott hat mich durch diese Erfahrung gelehrt, ihm so zu vertrauen, daß ich alles in seine Hände gelegt habe. Ich überlasse es Gott, Einzelheiten zu regeln, die ich eigentlich gern selbst kontrollieren würde.
 
Vielleicht hofft der Mensch da am meisten, wo er betet. Das Gebet ist der Entschluß, dem nachzu­gehen, der durch Wasser und Wüste vorangeht und Leben aus dem Tod wirkt. Das Wesentliche für den Hoffenden ist der Blick auf Christus, die Verbindung mit Ihm und das Festhalten an der Beziehung zu Ihm. Ihm nachgehen, Ihm anhangen, Sein eigen sein. Denn wenn wir allein bleiben mit unserer Kraft, gelingt es uns nicht, Hoffnung zu behalten. Der neue Mensch existiert, indem wir mit Christus verbunden sind. Das ewige Leben in der befreienden Gemeinschaft mit Ihm ist das wirkliche Leben.

Hoffnung - der Entschluss, in Christus zu bleiben

Hoffnung entsteht dort, wo sich ein Mensch von Gott geliebt weiß. Mich betreffend möchte ich hinzufügen: trotz meiner hartnäckigen Unzulänglichkeit, trotz meines täglich neuen Versagens, trotz meiner Lügen, die ich mir im Laufe meines Lebens als Schutzkleid zurechtgeschneidert habe. Auch nach 51 Lebensjahren widersetze ich mich immer noch der Liebe Gottes und merke es meistens nicht  bzw. oft erst im nachhinein. Vor zwanzig Jahren hatte ich das Gefühl, kurz vor dem Durchbruch zur Erfüllung meiner Ideale zu stehen. Heute erkenne ich, daß es so schlimm um mich bestellt ist, daß ich bis ans Ende meines Lebens im „Krankenlager ­Gottes“ behandelt werden muß. „Also nur getrost, es kommt noch schlimmer.“5
 
Das paradoxe Wirklichkeitsgesetz des Reiches ­Gottes zeigt sich auch hier wieder: Je mehr ich durch Demütigungen und Läuterungen zu Gott hin ­gewachsen bin, umso klarer erkenne ich meine Armseligkeit und Bedürftigkeit. Doch gerade da, wo ich letztlich nichts Gutes mehr an mir finde, fällt das Licht der erbarmenden Liebe Gottes in die Dunkelheit meines Herzens. Ein Leben lang habe ich hartnäckig daran festgehalten, gut sein zu wollen und bin doch immer wieder an mir gescheitert. Kürzlich sagte ein geistlicher Begleiter zu mir: „Der Wunsch, besonders rechtschaffen zu sein, macht dein Leben zu einer Lüge und führt dazu, daß du dich hinter einer Maske allein fühlst. Du streitest (innerlich) mit anderen, weil du ihnen beweisen willst, daß du besonders rechtschaffen bist. Der Stolz auf die eigene Rechtschaffenheit ist die immer wiederkehrende Sünde der Gerechten. Sie schreiben sich ihre Taten selbst zu und erheben auch vor Gott Anspruch auf die entsprechende Anerkennung. Aber in Gottes Augen bist du schon längst vollkommen. Er sieht dich nicht darauf hin an, was noch schlecht an dir ist, sondern Er betrachtet dich, wie du sein wirst, wenn du dich von ihm verändern läßt. Darum nimm an, wie du bist – unter anderem daß du stolz bist – und du wirst frei werden von diesen Streitereien.“

Hoffnung - meine Wirklichkeit vor Gott ausbreiten

Romano Guardini schreibt einmal, was für eine Chance es ist, sich und sein Leben allezeit und in allem in den Blick Gottes zu stellen und daß es ­gefährlich ist, es nicht zu tun: „Manchmal kann man etwas nicht ändern. So soll Er es wenigstens sehen. Manchmal kann man auch nicht in Ehrlichkeit bereuen. Aber sehen soll Er es – und daß wir es noch nicht bereuen können dazu! Alles Unzulängliche und alles Schlimme mag sein. Es ist noch nicht tödlich, solange es sich vor Seine Augen stellt. ­Solange noch das Hintreten vor die Augen Gottes geschieht, ist das wie ein unzerstörbarer Punkt der Erneuerung. Alles ist möglich von Gott her. Aber ­alles ist Gefahr, sobald einer dieses nicht mehr will.6
Der unzerstörbare Punkt der Erneuerung liegt also nicht darin, daß wir alles fertig bzw. aus eigener Kraft zur Vollendung bringen, sondern daß wir mit allem – erst recht und gerade mit unserem Scheitern und Versagen – zu Gott kommen dürfen. Das ­Gefühl: „Ich kann Gott nicht mehr unter die Augen treten“, erzeugt eine gefährliche Hoffnungslosigkeit in uns.
 
Es ist hoffnungsnotwendig, sich mit den Augen Gottes anschauen zu lassen und uns zu eigen zu ­machen, wie Er uns sieht. Diese Ansicht wird durch nichts anderes mehr geschärft als durch das ­Betrachten des Leidens und Sterbens unseres Herrn ­Jesus Christus: „Im Anschauen seines Bildes werden wir verwandelt in sein Bild.“ Dabei sehe ich zweierlei, was für mich zum Grund meiner Hoffnung wird: Zum einen erkenne ich mich in meiner ganzen menschlichen Zerbrochenheit, daß ganz und gar nichts Gutes mehr an mir zu finden ist. Zum ­anderen entdecke ich mich als so unsagbar kostbar, daß Gott selbst sich aufgemacht hat, um sich für mich hinzugeben und mich aus meiner Angst und Verlorenheit herauszuretten. Die Wirklichkeit dieser beiden Seiten ist wunderbar zum Ausdruck gebracht in einem alten Gebet von Johann Albrecht Bengel: „Du Wort des Vaters“ (1738).

Du bist, mein Jesu, mir zugut
vom Vater ausgegangen
und, wie man sonst den Mördern tut,
für mich am Holz gehangen.
Nun denn, so überwind in mir
des Satans Werk, der Welt Begier
und meines Fleisches Pochen!
Führ dein Gericht hinaus zum Sieg
Bring mich zur Ruhe nach dem Krieg
Du hast mir’s ja versprochen.
 
O Leben, Arbeit, Leiden, Not
des Heilands meiner Seelen,
o meines Jesu Angst und Tod,
euch will ich mich befehlen!
Geht in mich ein und laßt mich sehn
das Leben aus dem Tod erstehn
in allen meinen Kräften!
 
Hilf mir, o du erwürgtes Lamm,
an deines heil’gen Kreuzes Stamm
den Leib des Todes heften!
Ach präge deinen Tod in mich,
der all mein böses Wesen
in mir ertöte kräftiglich,
so werd’ ich recht genesen!
 
Gieß aus dir selber in mich ein
dein Leben, das so heilig, rein,
holdselig, ohne Tadel!
Mach mich von aller Heuchelei,
ja allen Missetaten frei,
und schenk mir deinen Adel!
 
Alsdann wird deine Majestät
mich ganz zum Tempel haben,
darin sie ihren Ruhm erhöht
durch ihre hohen Gaben.
Es wird an solchem stillen Ort
die Weisheit ihr geheimes Wort
nach ihrem Willen führen
und ihren Sitz je mehr und mehr
mit ihren Wundern, Pracht und Ehr
und großen Taten zieren.
 
Wohlan, so lebe Gott in mir!
In ihm ich leb’ und webe,
damit mein Herz ihn für und für
nach Würden hoch erhebe,
und meine Liebe ganz allein
in Lieb’ und Leid, in Lust und Pein
an seiner Liebe hange,
bis ich nach ausgestandner Prob’
in vollem Licht zu Gottes Lob,
die Gottesschau erlange.
 
Johann Albrecht Bengel

Hoffnung - das Leben in Christus verborgen

Um Hoffnung in ihrer reinsten Form zu erhalten und zu behalten, kommt alles darauf an, daß die ­erlösende Kraft des Kreuzes Christi an uns und in uns wirksam wird. Darum sind wir getauft worden. In der Taufe ist uns der Geist Gottes verliehen worden, der uns zur Ähnlichkeit mit Christus umgestalten will. Diese Umgestaltung wird genährt durch die eucharistische Speise im Heiligen Abendmahl und ist ein lebenslanger Prozeß. Einmal sagte mein geistlicher Begleiter in einer notvollen Lage, in der ich mir nicht mehr weiterzuhelfen wußte: „Nimm diese lebensfeindliche Haltung, lege sie bei der Gaben­bereitung beim Abendmahl mit in die Hostienschale und laß sie von Jesus verwandeln.“ – Die Erfahrung war überwältigend.
Im Kreuz Christi ist Hoffnung: nicht einfach eine Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern Hoffnung auf die verwandelnde und lebensspendende Kraft der Liebe Christi. Es ist die Hoffnung, die wir an Ostern feiern. Jesus Christus selbst zeigt uns mit seinem ­Leben und Wirken, in seinem Leiden und Sterben, vor allem aber mit seiner Auferstehung klar und deutlich: Leid und Not haben nicht das letzte Wort! Der Tod kann die Hoffnung nicht begraben! Es gibt ­einen Sinn und ein Ziel trotz und in allen Enttäuschungen und Ausweglosigkeiten. Es gibt ein Leben, das stärker ist als der Tod, ein Leben über den Tod hinaus. Und dieses Leben ist bei uns alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,20) Unsere christliche Hoffnung gleicht dem Licht. Licht bedeutet nicht, daß es keine Dunkelheiten und keine Nacht mehr gibt. Aber das Licht sagt uns: Die Nacht kann erhellt und überwunden werden. Die Botschaft des Evangeliums läßt die Dunkelheiten unserer Welt und das, was uns in unserem Leben zugemutet wird, in einem neuen Licht erscheinen. Es ist das Licht der Hoffnung und Zuversicht, weil der bei uns ist, der das Licht der Welt ist, Christus – mitten in unserem Leben.

Anmerkungen:

 
1     Pinchas Lapide, Am Scheitern hoffen lernen, Gütersloh 1985, S. 7
2     ebd. S. 7
3     Aus: Henry Nouwen, „Du schenkst mir Flügel“, St. Benno-Verlag, Leipzig, S. 58
4     Pinchas Lapide, a.a.O, S. 7
5     Ausspruch von Prof. Hans Rohrbach, ehemals Rektor der Universität Mainz zur Zeit der Studentenunruhen 1968
6     Romano Guardini, Gedeutetes Dasein, Bernwald Verlag

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal