Kannst Du überhaupt noch an Gott glauben?

Elfriede Romum*

„Kannst du überhaupt noch an Gott glauben?“, wurde ich vor einigen Jahren oft gefragt. So drückten es diejenigen aus, die es gut mit mir meinten. Von anderen bekam ich die Frage ganz anders gestellt. Höhnisch schrieb ein Mann in ­einem Brief: „Euer Gott wird euch wie immer helfen.“ Gott hat uns nicht so geholfen, wie ich mir das gewünscht hätte. Trotzdem möchte ich diese schwierige Krisenzeit meines Lebens nicht missen. Ich habe viel über Gott gelernt und meine Maßstäbe korrigiert.
 
Ich wurde schon als Jugendliche Christin. Im ­Jugendkreis lernte ich meinen späteren Mann kennen. Wir heirateten früh, so wie das in unserer Gegend üblich war. Bald hatten wir zwei hübsche Kinder. Wir führten eine ganz normale Ehe mit Höhen und Tiefen. Ich war in der Gemeinde nicht nur ehrenamtlich, sondern beruflich engagiert. Mein Mann suchte in seiner Arbeit in der Wirtschaft Erfolg. Alles lief wie am Schnürchen, und mancher mag neidisch auf uns gewesen sein. So stellt man sich das Leben vor.

Trügerische Sicherheit

Wir waren schon 12 Jahre verheiratet, als mein Mann seine Firma gründete. Dafür setzte er sich voll und ganz ein. Anfangs bemerkte ich nicht, wie er sich veränderte. Charakterschwächen hat schließlich jeder. Unser Familienoberhaupt war immer seltener zu Hause. Oft war er gereizt und ließ nicht mit sich reden. Mit der Firma stand ja unsere wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel.
Anfangs ging alles sehr gut. Die Firma wuchs und brachte Gewinn. Dieses Geld wurde sofort wieder investiert. Um die Firma noch mehr zu vergrößern, wurden immer neue Kredite aufgenommen. Ich hatte meine Zweifel, doch mein Mann und sein Geschäftspartner, den er sehr schätzte, redeten mir gut zu. Viele Kunden beglichen ihre Rechnungen nicht. Die vielen Zahlungsausfälle und ein schlechtes Management brachten die Firma in eine tiefe Krise.
Doch nicht nur die Firma war betroffen. Mein Mann wurde psychisch krank. Es begann mit schlaflosen Nächten. Dann war überhaupt nicht mehr mit ihm zu reden. Depressionen nahmen ihm jeg­lichen Antrieb. Er zerstritt sich mit seinen Geschäftspartnern und suchte sich andere, die mir sehr verdächtig erschienen. Doch ich vertraute meinem Mann. Schließlich waren wir verheiratet, und wir wollten beide als Christen leben. Ich ahnte nicht, daß in dieser Zeit eine Persönlichkeitsstörung seine Wahrnehmung veränderte.

Jäher Zusammenbruch

Irgendwann war alles vorbei. Die hoch verschul­dete Firma wurde aufgekauft. Die neuen Inhaber stellten viele Bedingungen, mein Mann verdiente keinen Pfennig mehr. Er wurde wieder schwer ­de­pressiv und war selbstmordgefährdet. Als Notfall mußte ich ihn in die psychiatrische Klinik bringen. Dort blieb er viele Wochen. Ich mußte mich inzwischen mit seinen Gläubigern auseinandersetzen. Erst jetzt entdeckte ich, daß die Geschäfte meines Mannes nicht sauber waren. Ich war nicht in der Lage, die Dinge zu entwirren.
Unser Patient erholte sich in der Klinik und kam nach fast einem halben Jahr nach Hause. Er war ­ruhiger geworden und kümmerte sich zunächst ­liebevoll um uns. Doch je näher die drängenden Fragen um seine Geschäfte auf ihn zukamen, umso aggressiver zeigte er sich uns gegenüber. Aber er gab nie Auskunft darüber, was aus all dem Geld ­geworden war. Angeblich konnte er sich nicht erinnern. Ich weiß bis heute nicht, ob das stimmt. Zwei Fragen machten mir das Leben fast unerträglich: Wie sollte ich mit dem geringen Entgelt für meine Arbeit in der Gemeinde unsere Familie ernähren? Und was tun, wenn ein Mann seine Familie nicht nur mit derben Worten beschimpft, sondern auch immer schlimmere Drohungen ausspricht und manchmal handgreiflich wird?

Tiefe Enttäuschung

Ich gestehe, daß ich in dieser Zeit manchen Fehler gemacht habe. Für derartige Situationen wird man nicht ausgebildet. Auch wenn es nicht ins Bild paßt, so muß ich sagen: Die Ratschläge der Leute aus meiner Gemeinde führten mich eher in die falsche Richtung. Warum nur mutete Gott uns das zu? Ich betete, flehte, daß Gott doch alles wieder in Ordnung bringen sollte. In der Bibel las ich: Als Jesus seine Jünger fragte, da mußten sie gestehen, daß sie niemals Mangel gelitten hatten. Nun, ich hätte eine ganze Liste von Mängeln aufzählen können! Unser Haus sollte versteigert werden, denn mein Mann hatte ohne mein Wissen eine Grundschuld eintragen lassen. Wir schränkten uns ein, lebten ganz so wie am Anfang, als wir unseren Hausstand gründeten. Unsere Kinder zeigten Verständnis.
Im Rückblick kann ich sagen: Wenn ich das vorhandene Geld nachrechne, so hat es eigentlich nicht gereicht. Trotzdem haben wir immer genug zu essen, immer eine warme Wohnung, immer ­genug Kleidung gehabt. Allerdings lernte ich meine Freunde nun anders kennen. Leute, die vorher ­regelmäßig bei uns gegessen hatten, betraten unser Haus nie wieder, nachdem die Pleite sich nicht mehr verheimlichen ließ. Meine Enttäuschung ­darüber ist bis heute groß. Doch andere Freunde lernte ich schätzen. Mein Freundeskreis hat sich sehr verkleinert, doch Quantität und Qualität sind zwei verschiedene Dinge.

Unverhoffter Zuspruch

Mit kleinen Erlebnissen zeigte mir Gott, daß er mich nicht alleine läßt. Diese Erfahrungen möchte ich nicht missen. Sie wurden für mich zum Schlüssel für mein Glaubensleben und sind mir viel wichtiger geworden als die vielen schlimmen Erfahrungen. Da war zum Beispiel die Sache mit dem Scheck. Mein Mann hatte Klinikurlaub bekommen. Wir saßen am Kaffeetisch, die Depression legte sich wie ein schwarzes Tuch über alle Anwesenden. Wir wußten nichts mehr zu reden, die Hoffnung auf ­Änderung hatte sich längst davongeschlichen. In dieser düsteren Atmosphäre läutete das Telefon. Am anderen Ende meldete sich eine Frau, die 400 km weit weg wohnte. Ich kannte sie von verschiedenen Tagungen, sonst hatten wir wenig miteinander zu tun. Sie sagte nur: „Ich schicke dir jetzt einen Brief mit einem Scheck. Ich will dafür kein Dankeschön, ich will nur wissen, ob der Brief ankommt. Ich kann von dem Krempel doch sowieso nichts mitnehmen.“ Zwei Tage später öffnete ich einen Brief. Auf dem Scheck stand eine dreistellige Zahl. Ich hätte dieses Stück Papier einrahmen und an die Wand hängen mögen, war es für mich doch ein sichtbares Zeichen, daß Gott uns nicht vergessen hatte! Viele solche kleinen Ermutigungen halfen mir, tapfer ­weiterzukämpfen.

Wachsende Zuversicht

Viel schwieriger wurde es, als die Aggressionen meines Mannes immer mehr unser tägliches Leben bestimmten. Wenn in den Medien von einem Amokläufer berichtet wurde, der seine Familie ausgelöscht hatte, fand mein Mann das prima: „Der hat es richtig gemacht.“ Seine psychischen Störungen ließen ihn nicht mehr klar denken. Zu den Drohungen kamen immer öfter auch körperliche Angriffe. Was tut man, wenn der Vater den Stecker vom Telefon zieht, drohend auf und ab geht und seiner Familie mitteilt: „Hier kommt ihr nicht mehr heraus“? Oft empfand ich, als ob Gott eine schützende Mauer zwischen uns und den tobenden Mann gestellt hätte. Doch was konnte ich dann meinen weinenden Kindern sagen?
In solchen Situationen wurde mir schrecklich deutlich, wie wenig wir unser Leben selbst in der Hand haben. Ein Satz wurde mit immer wichtiger: Ich kann nicht helfen, aber Gott ist da und sorgt für uns. Das versuchte ich auch meinen Kindern zu vermitteln. So konnten wir abwarten, bis das Ungeheuer sich beruhigte. Nach einem kurzen Schlaf ­erschien der Vater dann meist so, als ob nichts ­gewesen wäre.
Aber wir lernten dazu. Ich suchte Hilfe in einer professionellen Beratung. Angesichts der Bedrohung wurde mir auch das Wissen um Gottes Ewigkeit wichtig. Selbst wenn dieser Mann mir etwas antat, so wußte ich doch, daß ich nach dem Tod noch ­etwas zu erwarten habe. Dieses Wissen machte mich stark, um mich den Angriffen zu widersetzen.
Eines Tages war es so weit, daß wir die Bedrohungen nicht mehr hilflos über uns ergehen ließen. Wir riefen den Notdienst. Unser Vater landete wieder in der Psychiatrie, diesmal in der geschlossenen Abteilung. Inzwischen hat er sich von seiner Familie ­getrennt.

Dankbares Vertrauen

In all diesen schweren Zeiten hätte ich nicht gewußt, was ich ohne meinen Glauben an Gott hätte machen sollen. Der ewige Gott ändert sich nicht. Mit ihm konnte ich immer reden. Er hat uns Hilfe geschickt und uns die nächsten Schritte gezeigt. Oft wurde ich gefragt, ob ich überhaupt noch glauben könne. Jesus hat seine Jünger gefragt. Wollt ihr auch weggehen? Ihre Antwort ist auch meine: Wo sollten wir sonst hingehen? Du hast Worte des ewigen ­Lebens. (Joh 6,67)
Ich habe das alles aufgeschrieben, weil ich inzwischen viele Frauen getroffen habe, die in ähnlichen Situationen leben müssen. Ihnen allen möchte ich Mut machen. Das hat mir immer Halt gegeben, daß Gott sich nicht ändert. Sein Ja zu uns bleibt bestehen. Trotz aller Not bin ich Gott dankbar, daß er für mich gesorgt hat. Nun habe ich neue Maßstäbe, ­erneut Freunde, und ich habe gelernt, mein Leben mit allen schönen Dingen dankbar aus Gottes Hand zu nehmen.
 
Quelle: Alexa Länge (Hg.): hoff-endlich, Brunnen Verlag: Gießen 2005, S. 9-14.
* Name der Autorin vom Verlag ­geändert.

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