Der Schrecken muss ans Licht

Krebskrank -

"... und dich führen, wohin du nicht willst"

 Marienschwester Andrea

Eine Krebserkrankung ist ein großer Einschnitt im Leben. Sie bedeutet nicht nur körperliche Beschwerden, sie wirkt sich in vielerlei Weise aufs ganze Leben und die Umgebung aus.
Für mich war die Sache dadurch verkompliziert, daß ich gerade ein Jahr zuvor von der Niederlassung in England wieder nach Hause ins Mutterhaus gerufen worden war, um eine verantwort­liche Aufgabe zu übernehmen. Darum heißt es für mich, nicht nur mit der Tatsache, daß ich Krebs habe, fertig zu werden, sondern vor allem den Konflikt zu bewältigen: Wieso hat Gott mich zurückgerufen? Es war für meine geistliche Mutter (Mutter Basilea), die verantwortlichen Schwestern und für mich selbst ein klarer Ruf gewesen – und nun kann ich die Aufgabe nicht so ausführen, wie es gedacht war! Darin ist ein Stück „Gott nicht verstehen“. Aber da kann ich immer wieder das Gebet sprechen, das Mutter Basilea – wie sie es selbst in ihrer Lebensgeschichte bezeugt – in einer der schwersten Zeiten ihres Lebens gebetet hat: „Mein Vater, ich verstehe Dich nicht – aber ich vertraue Deiner Liebe“. Man kann Gott vertrauen, ohne Ihn zu verstehen! Doch muß der Stand des Vertrauens inmitten aller Anfechtungen immer neu erreicht werden.
Ich möchte auch klar bezeugen: Ich glaube, daß Gott heilen kann und daß heute Heilungen geschehen. Ich habe es in Afrika selbst erlebt, als wir ganz  auf Gott und auf Glaubensgebet angewiesen waren. Einmal sollte ich in ­einer Kirche sprechen, bekam aber kurz vorher hohes Fieber und fühlte mich sehr elend. Der Evangelist der Kirche besuchte mich, legte mir die Hände auf und betete für mich. Das Fieber wich zur selben Stunde, und ich konnte den Dienst tun!
 
Aber die Heilige Schrift sagt nicht, daß alle geheilt werden. Nur als Beispiel: In 1. Joh. 5 lesen wir die Geschichte von der Heilung des Lahmen am Teich Bethesda. Es waren viele Kranke dort, aber Jesus hat nur einen geheilt.
Mir wird immer klarer: Gott hat für jede Seele eine ganz persönliche Führung. Ihm ist der ganze Mensch wichtig und vor allem, daß wir als Gerettete einst am Thron stehen mögen. Er hat das wunderbare Ziel vor Augen, daß wir „gleich sein sollten dem Bild Seines Sohnes“ (Röm. 8,29). Um uns an dieses Ziel zu führen, läßt er manches an Leiden und Krankheit zu.
 
Paul Bilheimer schreibt in Don’t Waste Your ­Sorrows (Vergeude deine Leiden nicht): „Es gibt Dinge in unserem Leben, die Gott nur durch ­Leiden erreichen kann.“ Im 2. Korintherbrief 4,17 und im Römerbrief 5,3 lesen wir von der schöpferischen Kraft, die im Leiden liegt.
In seinem Buch Gabe der Vollendung schreibt ­Henri Nouwen davon, daß unsere Welt uns andere Werte vorgibt: Erfolg, etwas Zustandebringen usw. – Das Leben Jesu aber zeigt uns, daß die wahre Frucht unseres ­Lebens nicht aus der Aktion, sondern aus der Passion erwächst. Es ist das Gesetz des Weizenkorns, das in die Erde fallen und sterben muß, um Frucht zu bringen.

Die Waage im Gleichgewicht halten

Es gibt ein Gleichgewicht, das wir finden müssen in der Spannung zwischen dem JA VATER der Willenshingabe an Gott und dem JA HERR, ABER DOCH! der kanaanitischen Frau, die um die Heilung ihres Kindes bat. Sie ist das „dennoch“ des Glaubens. Das ­bedeutet praktisch: Glaubensgebet um Heilung – und doch die ganze Hingabe an Gottes Willen, wenn Er nicht heilt. Zwischen einer angeblichen „Willenshingabe“, die nichts anderes als Unglaube und Resignation ist, und angeblichem „Glauben“, der ein Rebellieren gegen Gott ist und ein Gott-zwingen-Wollen, muß die Waage unseres Gemütslebens das Gleichgewicht halten.
Was hilft mir, diese Waage im rechten Gleichgewicht zu halten?

Gottes Wort als Trost und Stärkung, Ermutigung und Lebenskraft nehmen.

Das Wort Gottes ist lebendig. Es bringt Licht in ­meine Dunkelheit, es bringt Freude in meine Traurigkeit, Trost in meine Trostlosigkeit. Das gilt für das Wort Gottes als ganzes, aber auch für Verse, die ­einem der Herr ganz persönlich gibt. Am Tag meiner Operation zum Beispiel war der Lehrtext zur Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine Römer 8,28: Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Am Tag, als die Metastasen entdeckt wurden, war die Tageslosung Psalm 34,20: Der Gerechte muß viel erleiden, aber aus allem hilft ihm der Herr. Und dazu der Vers von Bonhoeffer. „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, /so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus deiner guten und ge­liebten Hand.“ Solche Worte muß man sich auf­schreiben und immer neu bewegen.
Ich habe auch große innere Hilfe bekommen, ­indem ich die Psalmen bete. Der Psalmist hat viele Leiden durchgemacht, und es liegt ein großer Trost darin, wenn man mit den Worten der Psalmen ­betet. Der Psalmist spricht auch vom „Lobpreis in der Nacht“. Während der Krankheit hat Gott mir ein großes Geschenk gemacht – ich bekam eine ganz neue innere Freiheit in der Anbetung! Wenn man die Größe Gottes anschaut, dann werden die eigenen Leiden klein.

Gefühle und Gedanken zum Ausdruck ­bringen.

Dies ist für mich, einer typischen Engländerin, nicht leicht. Ich las einen Satz in einem Buch, von einer Engländerin geschrieben. Ihr Mann stammte aus Rwanda und war dort im Bürgerkrieg umge­kommen. Sie mußte dies innerlich verarbeiten und meinte dazu: „Impression without expression leads to depression.“ (Eindrücke, die nicht zum Ausdruck gelangen, führen zu Bedrückungen.)
Gleich nach der Operation und dem patho­­lo­gischen Ergebnis war ich „gefühllos“, wie erstarrt. Ich wußte, ich muß mit mir selbst wieder Kontakt kriegen. Was geht in meinem Herzen wirklich vor?
Ich begann, alles in Form eines Gesprächs mit Gott aufzuschreiben. Ich begann an dem Punkt, wo ich innerlich war – „Herr, ich bin gefühllos“ – bis ich innerlich wieder frei war, mein Herz auszuschütten.
Unser Leid gehört an erster Stelle zu Gott – zu dem Gott allen Trostes. Aber auch vor Menschen, denen wir vertrauen, sollen wir unser Leid aus­sprechen.

Mich mit den Ängsten auseinandersetzen.

Was ich tagsüber nicht verarbeitet hatte, kam nachts im Traum! Es bedarf immer wieder einer Willenshingabe zum „Schrecklichsten“. Das wird bei jedem von uns anders aussehen. Die Ängste müssen wir ans Licht bringen – das kann man nur gegenüber Menschen tun, von denen man weiß, „er/sie versteht mich“, „er/sie ist selbst stark genug, es zu verarbeiten!“ Was mir nicht hilft, ist, wenn ich merke, daß jemand es entweder verharmlost oder selbst nicht damit fertig wird.
Am meisten ­haben mir Schwestern geholfen, die mitgelitten ­haben. Aber es geht nicht nur um ein mitmenschliches Mitleiden, sondern vor allem darum, immer neu auf Gott hingewiesen zu werden. Das ist eine große Stärkung.
Bei Martin Luther lesen wir: „Trösten in reforma­torischem Sinn heißt, einem Menschen neuen Boden außerhalb seiner selbst zu geben, den Boden von Gottes Wort, der fest genug ist, damit ein Mensch nicht im Strudel seiner Gedanken und Gefühle untergeht, sondern hier zu der Klarheit und zu den trotzigen Widerstandskräften kommt, die er braucht, um mit sich selbst und seinen Gefühlen neu umgehen zu können.“

Gewißheit: Jesus, mein Hoherpriester, leidet mit.

Worin Er selbst gelitten hat und versucht war, kann Er denen helfen, die versucht werden (Hebr. 2+4). Ich betrachte innerlich oft Jesus als Schmerzensmann und empfange Trost, wenn ich Ihn auf Seinem Leidensweg im Geist schaue. Denn es gibt nichts, was wir leiden müssen, was Jesus nicht selbst durchlitten hat. Darum ist Er uns nah und versteht uns.
 

Gebet von anderen – Handauflegung (siehe Markus 16,18 und Jakobus 5,14-16).

Trotz ihres hohen Alters und eigener Krankheit empfängt mich Mutter Basilea öfters. Sie oder meine älteren Schwestern beten für mich und legen mir die Hände auf. Das ist wohl der Grund, warum es mir immer noch so gut geht. Aber selbst wenn ich keine äußere Besserung spüre, habe ich durch die Handauflegung und das Gebet die innere Kraft empfangen, nicht unterzugehen! Überhaupt bedeuten mir die Gebete ­meiner Schwestern viel.
Es ist ein Vorrecht, in einer großen geistlichen Familie zu sein. Dankbar bin ich auch für die Gebete vieler Freunde. Eines Tages ­bekam ich einen Brief von einem Pfarrer aus ­England. Er schrieb: „Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnern kannst, was Du an diesem Tag getan hast. Aber den ganzen Nachmittag hatte ich eine große Gebetslast auf dem Herzen für Dich...“. An dem Nachmittag, so erinnerte ich mich, war es ganz besonders schwer und dunkel.

Die Reue

Kurz nach der Operation und den ersten Chemotherapien war ich in Ferien. Ich war in einem ­großen inneren Tief und konnte mich innerlich gar nicht mehr aufschwingen zu Gott. Alles war mir zuviel, und ich wollte lieber sterben als den Kampf zu leben aufzunehmen. An einem Abend habe ich das Buch von Mutter Basilea Alles für Einen auf­geschlagen, und mein Blick fiel auf einen Abschnitt. Es ging darum, wie wir uns durch eigene Schuld und Gleichgültigkeit von Jesus entfernen können und dann keine Freude, keinen inneren Frieden mehr haben.
Ich las folgende Worte. „ ...dann bin ich einem ausgebrannten Krater gleich. Ich habe den Einen nicht mehr, der mich allein durch Seine Liebe erfreuen kann. Die Freude meines Lebens ist erloschen .... dann bin ich preisgegeben allen Anfechtungen, die sich auf meine Seele stürzen... .“ Das führte in eine tiefe Reue über Bereiche, aus denen ich Jesus ausgeklammert hatte, in denen mir die Arbeit wichtiger als meine Gebetszeit geworden war, in denen ich Sorgen Raum gelassen hatte, an erster Stelle bei Menschen Trost gesucht hatte, statt bei Gott. Die Reue führte zu einer neuen Begegnung mit dem Sünderheiland Jesus, und am nächsten Morgen bin ich fröhlich aufgewacht mit dem Psalmvers (Psalm 118,17): Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen!

Die Kontrolle abgeben

Was mich in dieser Krankheitszeit am meisten ko­stet, ist die Ungewißheit, denn ich bin ein Planer von Natur. Aber der Schaden liegt ja viel tiefer. Ich will selbst alles in der Hand haben, will selbst die Kontrolle über alles behalten, will selbst steuern.
Kürzlich erreichte mich ein Brief von einer Freundin. Sie legte eine Textpassage bei über Vertrauen, über einen Menschen, der im Zug mit dem Rücken zur Lok sitzt und darauf vertraut, daß der Lokführer schon sehen wird, was kommt. Die Freundin schrieb mir: „Ehrlich gesagt, ich sitze nicht lange auf meinem Sitz, ohne zwischendurch aus dem Fenster zu schauen oder sogar selbst Lokführer sein zu wollen!“
Henri Nouwen schreibt weiter in Gabe der Vollendung: „Bin ich bereit, auch all das loszulassen, worüber ich noch verfügen kann? Meine Hände von all dem zu lösen, was sie noch festhalten, um ganz auf die Gnade zu setzen, die in der völligen Ohnmacht verborgen ist? Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Mir kommt das unmöglich vor, denn mit jeder Faser meines Lebens wehre ich mich gegen diesen Weg in das Nichts-Sein.“
Wenn ich nicht bereit bin, loszulassen, bin ich in der Hand der Krankheit. Die Krankheit bestimmt mein Leben. Ich lebe nur von einem Arzttermin zum anderen. Ich weiß aber zutiefst, daß ich in der Hand Gottes bin. Es kommt immer neu darauf an, daß ich wieder ein Kind werde – neu abhängig von Gott – wie ein Kind mich fallen lassen in die Arme meines himmlischen Vaters. Es geht darum, meine Identität darin zu finden, daß ich ein Kind Gottes bin – ohne Verdienst, aus Gnade. Dann kann ich auch fröhlich bleiben, ohne Leistungen vorzuweisen und andern womöglich zur Last zu fallen.
 
Das Loslassen und Mich-fallenlassen fällt mir schwer, weil ich doch in mir selbst Leistung, Kraft und Können haben will. Aber Gott in Seiner Liebe packt diesen Punkt immer wieder neu an! In einer Kommunität besteht immer die Gefahr, daß man vergleicht. Es ist mir schwer, wenn ich sehe, was meine Schwestern alles leisten und was ich nicht mehr kann. Auch hier gilt es, immer neu zu glauben, daß Gott mir die Kraft gibt für alle Aufgaben – aber das klappt nur, wenn die Aufgaben von Ihm kommen und nicht von mir selbst erfunden werden, um doch wie die anderen zu sein, selbst doch etwas leisten zu können! Ich darf meinem himmlischen Vater vertrauen, daß Er einen wunderbaren Plan der Liebe hat und daß Er mich nie über Vermögen versuchen läßt, sondern immer neu einen Weg zeigt, wie ich es ertragen kann!
 
Zum Abschluß: Die letzten zwei Jahre gehören zu den dunkelsten meines Lebens – aber sie gehören zugleich zu den glücklichsten Jahren meines ­Lebens. Ich habe Gott so kennengelernt wie nie ­zuvor. Immer wieder kommt vom himmlischen Vater eine Überraschung, ein Trost, eine Freude ... und diese Momente sind umso kostbarer auf dem dunklen Hintergrund der Krankheit. So kann ich Ihm nur sehr, sehr danken.
 
Diesen Vortrag hielt Schwester Andrea anläßlich des 2. Symposions des Christlichen AIDS-Hilfsdienstes zum Thema Umgang mit Leid und Leidenden. Theorie und Praxis aus christlicher Sicht, in Frankfurt/M. am 21.11.‘98.

Von

  • Sr. Andrea

    Marienschwester Andrea trat 1973 der von Mutter Basilea (Dr. Klara Schlink) gegründeten Evangelischen Marienschwesternschaft in Darmstadt bei. Nach 11 Jahren im Mutterhaus diente sie in Sambia und England. 1996 wurde bei ihr eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert, die im Juni 2000 zum Tode führte. Schwester Andrea berichtete 1998 bereitwillig  von ihrem Ringen um Zuversicht und Vertrauen in den guten Plan Gottes für ihr Leben.

    Alle Artikel von Sr. Andrea

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