Wenn Gefahr und Rettung miteinander ringen

Lebenskrisen bewältigen

von Friederike Klenk

Unglück, Krankheit, Verlust und Verletzungen können uns in eine Krise führen. Friederike Klenk, langjährige Mitarbeiterin der Offensive, hat das hautnah und sehr intensiv erlebt. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen mit der Diagnose „Krebs“ beschreibt sie, wie die Phasen der Krise jeweils aussehen und zur einmaligen Lebens-Chance werden können.
 
Ich war gerade 35 Jahre alt, als ich einen Tumor in meiner rechten Brust tastete. Noch voll Zuversicht ging ich ins Krankenhaus, um diesen Knoten untersuchen zu lassen, ganz sicher, daß es kein bösartiger Tumor sein konnte. Keinen Augenblick quälten mich Angst oder Sorge.
Drei Tage später wußte ich, daß es ein bösartiger Tumor ist und mir eine Radikaloperation bevorstand. Noch immer war ich relativ gelassen. Ich weinte ein wenig über den Verlust meiner rechten Brust, sah aber immer noch mutig in die Zukunft. Mein Mann stand zu mir und neben ihm jede Menge guter Freunde, die für mich beteten. Ich hatte drei Kinder und eine große Aufgabe, die mein Leben randvoll erfüllte.
In den ersten Tagen nach der Operation wunderte ich mich über Gefühle und Empfindungen, die ich nicht erwartet hatte. Ich kannte mich plötzlich mit mir selbst nicht mehr aus.
Ich, eine engagierte, seit 15 Jahren vollamtliche Christin, war plötzlich froh, krank zu sein!
Diese Gedanken stürzten mich in schwere Schuldgefühle. Ich wünschte mir etwas, das mir gleichzeitig „nicht recht“ erschien: Zuwendung, Spaß, Erholung, einfach einmal nichts tun müssen – und war doch eingespannt in Pflichten als Mutter, Seelsorgerin und Mitverantwortliche für ein großes Werk. An Krebs zu sterben erschien mir auf einmal als verlockendes Angebot, ohne Schuldgefühle meine Pflichten abwerfen zu können.
Das Leben mit all seinen Anforderungen war mir zu anstrengend, zu schwer geworden. Ich sehnte mich nach Ruhe, nach Freude, nach Zeit für mich und Zeit mit meinem Mann, nach Atemholen, – aber wir hatten ja immer so viel zu tun. Und es ­waren so wichtige Aufgaben. Wir wollten doch nicht für uns selbst, sondern für das Reich Gottes leben... Alles andere war doch Selbstsucht, oder? Wir konnten uns doch dem Anspruch Gottes und der Gemeinschaft nicht entziehen! Wenn Freunde versuchten, mich zu trösten, dachte ich: „Ihr ahnt ja gar nicht, daß mir der Tod gar keine Angst macht – viel eher das Leben.“
Der Boden unter meinen Füßen wankte und zog mich in Fragen und Empfindungen, für die ich bisher immer eindeutige Antworten gehabt hatte. Aber das klappte jetzt nicht mehr. Ich ahnte: wenn ich weiterleben wollte, dann mußte ich mich diesen bohrenden Fragen stellen. Dann brauchte ich neue Antworten – andere Antworten.

Was ist eine Krise?

„Jede Krise ist (...) ein schicksalhaftes Erlebnis in der Begegnung mit Grenzsituationen, welches den Menschen vor das Nichts stellt“, so beschreibt es der Basler Theologe Johannes Czwalina, Gründer eines Beratungsunternehmens.
Eine Krise macht etwas mit uns. Jede Krise ist ein Tiefpunkt, an dem ein bisheriger Weg aufhört – und ein neuer Weg noch nicht sichtbar ist. In der Krise versagen Werkzeuge, Methoden und Argumente, die man bisher erfolgreich einsetzen konnte: Man kann keine Bibelworte mehr hören, gutgemeinte Ratschläge und Erklärungen helfen kaum. Man ­leidet unter Sprachlosigkeit, weil man das, was ­einen zutiefst bewegt, nicht in Worte fassen kann. Es ist eine Situation der Entblößung. Man hat nichts mehr, in das man Vertrauen setzten könnte. In der Krise hat der betroffene Mensch keine Möglichkeit, etwas zu ändern. Es ist ein Scheitern, bei dem etwas zerbricht, was bisher aus Geborgenheiten, Freuden, Stimmungen und Gewohnheiten gewachsen ist. Man empfindet sich wie in einem Boot, das aus der Verankerung gerissen wurde und Wind und Wellen preisgegeben ist.
 Manchmal brechen Ereignisse als unausweichliche Schicksalsschläge über uns herein: das Weggehen oder der Tod eines Partners, eines Kindes oder ­eines anderen liebgewordenen Menschen, eine Krankheit, eine Operation oder eine starke körperliche Einschränkung. Auch der Verlust der Arbeit, das Zusammenbrechen langjähriger Ideale und Hoffnungen können tief erschüttern. Der Partner, der sich einfach nicht ändert, Kinder, deren Lebensstil den unseren total in Frage stellt, Menschen, die wir bewundert haben, stellen sich als Versager und Lügner heraus...
 
Andere Krisen sind mit dem Lebenslauf verknüpft: Veränderungen im Berufsleben, Umzug, Heirat, Schwangerschaft und Geburt. Oder man erkennt in der Lebensmitte, daß Wünsche, auf deren Erfüllung man jahrelang gehofft hatte, sich vielleicht nie erfüllen. Auch wenn die Kinder einen nicht mehr brauchen, wenn wir spüren, daß wir nicht mehr so jung und kraftvoll sind wie früher, oder wenn die eigenen Eltern alt und wir „Eltern“ für unsere Eltern werden. In all diesen Umbruchsituationen sind wir krisenanfällig.
 
Die erste Bedeutung des Wortes Krise im Lexikon ist Entscheidungssituation. Jede Krise ist eine Situation, die auf Scheidung hinzielt. Krisen im persön­lichen aber auch im gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Leben fordern uns heraus zu trennen zwischen dem, was für den neuen Lebensabschnitt taugt und was nicht. Gleichzeitig bergen Entscheidungssituationen Gefahren in sich. In jeder Entscheidung steckt ein Risiko und auch ein möglicher Verlust.
Verena Kast, eine Schweizer Psychotherapeutin beschreibt das so: „Immer wieder ist das Leben ver­ändert, müssen wir Vertrautes verlassen, uns auf Veränderungen einstellen. Wir nehmen nicht nur von Lebensabschnitten Abschied, wir nehmen auch Abschied von Idealen und Lebensentwürfen. Der Tod ragt immer ins Leben hinein. ... Aber das ­Leben, das abläuft, gibt uns die Gelegenheit, gerade durch die vielen Veränderungen unser Wesen aufzufalten, ja zu entfalten. Wir verlieren niemals nur, wir gewinnen auch. Immer wieder müssen wir Aspekte von uns zurücklassen und neue Aspekte an uns erfahren lernen.“

Phasen der Krise

In einer Studie mit über 1000 Biographien wurde festgestellt, daß Krisen immer die gleichen Stadien durchlaufen.
Am Anfang steht der Schock,  den man sich aber nicht anmerken läßt. Man ist nach außen „normal“ und geordnet und nichts deutet auf das Chaos, das in unserem Innern tobt. Ganz gleich, ob es ein plötzliches Ereignis ist, wie meine Erkrankung, oder die langsam wachsende Einsicht, daß ich so nicht mehr weiter kann – man will es erst mal nicht wahrhaben. Alles schaltet auf Abwehr. Man bagatellisiert, es wird schon nicht so schlimm werden.
Irgendwann fragt man sich, ob es nicht doch wahr sein kann, und sofort überfallen einen Ängste, die jeden klaren Gedanken rauben. Man glaubt dem Arzt die Diagnose nicht. Es kann einfach nicht so sein. Man will nichts wissen oder lesen. Man heult und kann sich nicht erklären, warum. Man funktioniert nach außen, fühlt sich aber innen hohl und leer und ist sich selber fremd. Ständig versucht man, den alten Zustand wiederherzustellen. Man fragt, was man hätte anders machen können, verhindern können... Und man ist überzeugt, daß ­eigentlich alles ein Irrtum ist – ein böser Traum, aus dem man bald aufwacht. Die Seele versucht, der Wahrheitsgewißheit zu entfliehen.
Dieser Verdrängungsvorgang kann lange dauern.
Ich hatte den Knoten in der Brust selbst getastet und schon mit einem Arzt darüber gesprochen. Trotzdem wartete ich fast 6 Monate, bis ich „Zeit fand“, ihn medizinisch untersuchen zu lassen.
 
Im zweiten Stadium wird’s langsam zur Gewißheit: da kommt etwas auf mich zu!
Der Kopf merkt es schon, der sieht die Wahrheit schon, aber die Gefühle sind wie abgeschaltet.
Mein Kind ist behindert, die Stelle ist abgesagt, mein Partner ändert sich wirklich nicht, eine lang gehegte Hoffnung läßt sich nicht verwirklichen...
Einerseits reagiert man ganz vernünftig – andererseits schwankt man hin und her zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Man kennt die Wahrheit und kann sie doch noch nicht ertragen.
 
Und dann folgt nicht selten eine Phase starker Aggressionen und Anklagen, die sich mit Phasen der Verzweiflung abwechseln. Man klagt sich und andere an. Die Aggressionen kommen vulkanartig – gegen alles und alle.
Für mich war diese Zeit gekennzeichnet von ständigem Fragen: Warum bin ich krank geworden? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich selber schuld? Ist die Umwelt schuld, mein Lebensstil? Darf ein richtiger Christ überhaupt an Krebs erkranken? Heißt es nicht: Wenn Du nur richtig geglaubt hättest, dann wärest Du nicht krank geworden? Und überhaupt: Warum heilt Gott mich nicht einfach?
Mal betete ich um Heilung – mal suchte ich nach Sünden, die womöglich die Heilung verhinderten. Ich klagte meinen Mann an, der sich nicht genug um mich gekümmert hatte, oder ich zweifelte an mir selbst. Jetzt werden oft andere zu Schuldigen gemacht.
In der Phase der Aggression sucht man immer wieder nach einem Ausweg. Man fängt an, um ein Wunder zu beten, man geht zu allen möglichen und unmöglichen Heilern und Helfern, hofft auf schnelle Lösungen. Man versucht alles, um aus der Ohnmacht herauszukommen. Man feilscht. Man gibt sich Zeit – und glaubt, in vier Wochen bin ich durch... bis sich auch das als Illusion herausstellt. Danach beginnt für die meisten eine tiefe Er­schöpfung.

Gefahr und Rettung

Im Chinesischen, einer der ältesten und bilderreichsten Sprachen, heißt das Wort für Krise: wei ji
Das Wort besteht aus zwei Worten. Wei = Gefahr und ji = Rettung. In jeder Krise ringen Gefahr und Rettung miteinander um die Vorherrschaft.
Die Erschöpfung kann die Wende bringen. In der Erschöpfung ist man zu müde, um noch irgendeine Fassade aufrechterhalten zu können. Der erste Schritt in Richtung Rettung geschieht dort, wo wir uns der Wahrheit stellen und uns auch den anderen mit dem zumuten, was wahr ist. Jetzt kommt es zu dem Schritt, daß man aussprechen lernt und auch gefühlsmäßig zulassen kann: „Ja, auch das gehört zu meinem Leben.“ Das Scheitern, das Versagen, das Gefühl, den anderen eine Last zu sein, es nicht mehr jedem recht machen zu können – das gehört auch zum Leben dazu.
Wo wir diese Armut zulassen – ohne Trotz, da ­beginnt die Rettung. Wenn wir den Schmerz mit all seinen Fragen und Tiefen zulassen und das Verlo­rene loslassen, öffnet sich uns schließlich ein Weg zu neuer Zukunft. Plötzlich – fast unmerklich – kann sich die Situation umkehren. Man erkennt nach dem Schmerz des völligen Verlustes einen ganz zarten Lichtschimmer. Diese Phase ist geprägt von Warten, Schweigen, Hoffen. Ganz leise beginnt man, Abschied zu nehmen von liebgewordenen Menschen, Vorstellungen, unerfüllbaren Träumen.
 
Es ist eine interessante Beobachtung, daß Menschen, die die Phase der Wut und des Schmerzes aushalten und nicht verkürzen, letztlich schneller das „rettende Ufer“ erreichen.
Das ist ganz wichtig! Hier läßt sich nichts beschleunigen. Ein erfahrener Krisenbegleiter schreibt: Eine Zeitlang „auf der Stelle treten“ erweist sich langfri­stig als das Bessere. Wer zu schnell Wut und Trauer über einen Verlust verdrängt, zu schnell Ersatz für das Verlorene sucht, plagt sich später oft noch mit Rachegedanken oder Minderwertigkeitsgefühlen. Auch wenn Leidensprozesse von außen verkürzt werden wollen durch gutgemeinte und zu schnelle Worte, laufen wir Gefahr, daß Menschen in einer chronisch-depressiven Verstimmtheit stecken­bleiben. In dieser Phase empfinden nicht selten auch Berater und Begleiter völlige Ohnmacht. Dieses „nichts für das Gegenüber tun zu können“ ­charakterisiert sozusagen die letzte Phase des so dunkel erscheinenden Tunnels. Es geht ja tatsächlich um Tod und Sterben, um etwas, das „nie mehr wiederkommen“ wird. Das kann sehr schmerzhaft erlebt werden.
 
Gespräche können oft nicht viel bewirken, aber Zeichen und Bilder sprechen zu unseren Herzen.
Ein symbolisches Geschenk, eine Umarmung, eine Tasse Tee in gutem Schweigen zusammen trinken, eine Melodie oder ein Bild, das zum Herzen spricht... Es geht darum, das Erlebnis zu bejahen und es als bedeutungsvollen Abschnitt der persön­lichen Lebensgeschichte zu sehen. Auch wenn es keineswegs bedeutet, daß es immer ein „happy end“ gibt. Für mich gab es in der Verarbeitung meiner Erkrankung mehrere Etappen der Trauer, die ich alle sehr intensiv erlebte. Trostbedürftig und voller Angst begann ich immer wieder um die Gegenwart des Heiligen Geistes zu beten – der ja „der Tröster“ genannt wird. Eines Tages hörte ich eine Bibelarbeit über die Versuchungs­geschichte Jesu. Der Ausleger sprach davon, daß Jesus „vom Geist“ in die Wüste geführt wurde. Daß er nicht versehentlich an diesen Ort des Todes geraten war, sondern um dort „geprüft“ zu werden. Das ließ mich auf­horchen.
Ich begann mich zu fragen: Ist meine Krankheit vielleicht eine Wüste, die ich mir nicht selbst gesucht, sondern in die ich „geführt“ wurde? Bin ich möglicherweise vom Geist Gottes – und nicht zum Bösen dahin geraten? Werde ich in meiner „Krankheitswüste“ möglicherweise geprüft? Worin?
Plötzlich merkte ich, daß mich die ganze Zeit das Gefühl begleitet hatte: Gott hat mich vergessen! Bei allem, was es für ihn zu sorgen gibt, hat er mich übersehen.
Die Versuchung hieß für mich konkret: „Der, der alle Geschicke der Welt in seinen Händen hält, kann sich nicht um jeden Kleinkram kümmern. Da verlangst du kleines Menschenkind zu viel. Der Gott da oben ist nicht zuverlässig. Du mußt dich schon selbst um alles kümmern.“ Demgegenüber sah ich Jesus, der sich trotz des elementaren Hungers nach 40 Tagen nicht selbst zum Brot verhalf. Er verließ sich vollkommen darauf, daß sein Vater im Himmel in allen Dingen für ihn sorgt. Ich spürte: ich wollte leben – aber ich war voller Mißtrauen und Angst, daß ich leer ausgehen könnte.
In einer Zeit der Stille schrieb ich mir in mein Gebetstagebuch: „Wenn ich doch darüber wieder Gewißheit finden könnte, daß ich in diese Krankheit geführt bin. Daß Gottes Urteil über mir nicht lautet: Du bist selber schuld!
Laß die Antwort auf Deine Angst sein, dem zu vertrauen, dem du vor 16 Jahren dein Leben anvertraut hast und der dir damals in ­deiner Ehekrise half. Warum soll ich ihm ­heute weniger Hilfe zutrauen als damals?“
Die ersten Nebel verzogen sich.

Was hilft?

1. Nichts beschleunigen wollen
Alles hat seine Zeit. Auch die Trauer. Man darf sich und anderen den Zorn und den Schmerz nicht „wegreden“, nicht „ausreden“ wollen. Auch Haßgefühle, Neid, Eifersucht und Angst müssen wahr sein dürfen. Vieles muß ausgehalten werden, ohne daß wir uns selbst dafür verurteilen.
Mancher gibt sich vier oder acht Wochen Zeit für die Krise und muß dann erkennen, daß es ein, zwei oder sogar drei Jahre dauert, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Ich weiß noch, wie schwer es mir fiel, mir und meinem Ehepartner einzugestehen, daß ich eifersüchtig auf jede Frau wurde, zu der er freundlich war, einfach weil ich mich selber nicht mehr attraktiv fühlte.
 
2. Zuhören
Wer helfen will, muß gut zuhören können und sich selbst zurücknehmen. Wenn mir jemand sein Leid erzählt, nicht sofort von mir und dem, was ich durchgemacht habe, erzählen. Das interessiert den Betroffenen nicht und belastet. Wichtig ist, ein offenes Ohr zu haben und alles erst mal stehen lassen zu können. Manchmal hilft die Frage: Kann ich ­etwas für dich tun? Was würde dir helfen?
Der Betroffene selbst weiß oft am besten, was ihm gut tut. Manchmal ist auch professionelle Hilfe ­nötig und gut. Und wir sollten nicht zu stolz sein, sie auch anzunehmen.
 
3. Abstand von bisherigen Denk- und Lebens­gewohnheiten bekommen
Auszeiten, Kur oder Retraitezeiten an unbekannten Orten können zu neuen Impulsen verhelfen. Es tut gut, irgendwo mal „unbekannt“ und unerkannt zu sein, damit ich nicht immer wieder nur dieselben Antworten im selben Stil zu hören bekomme wie sonst.
Ganz wichtig sind auch „Oasen“ im Alltag. Ich entdeckte, wie gut mir Entspannungs- und Medi­ta­tionsübungen tun. Und wie gut Sauna und Schwimmen sind – gerade in der Zeit innerer Dunkelheit. Die Wärme am ganzen Körper ist heilsam. Für ­andere ist Spazierengehen wichtig, ein warmes entspannendes Bad und wohltuende Musik, Gedichte und eine gute Freundin, bei der man „alles herauslassen kann“.
Alles „Verwöhnende“ hilft, die innere und äußere Anspannung zu lockern. Eine junge Frau entdeckte, wie gut ihr eine Hängematte tat, in die sie sich ­kuscheln und in der sie Geborgenheit erleben konnte. Das war ganz neu für sie. Ich fing in der Krise auch wieder an zu rauchen. Etwas, was ich Jahre schon nicht mehr getan hatte. Es war ein wunderbarer, heilender Moment, als mir mein Mann eine Schachtel meiner Lieblingsmarke schön verpackt zum Geburtstag schenkte – obwohl ich wußte, daß er das Rauchen gar nicht gut fand. Aber er zeigte mir damit, daß er mich annahm, wie ich war. Und das half mir, auch mich wieder mehr anzunehmen, wie ich wirklich bin – auch in meinem Beschädigtsein, in meiner Begrenztheit, Bedürftigkeit und ­Armut.
 
4. Mich Gott hinhalten, wie ich bin
Vielen hilft es, ein Gebetstagebuch anzufangen, in dem sie ihre Gedanken und Fragen offen aus­drücken.
In einem solchen Tagebuch kann ich auch „böse Briefe“ an Menschen oder an Gott schreiben, die helfen, tiefer zu erkennen, was in mir rumort. In Krisen kommen wir immer auch mit alten Wunden und Unverarbeitetem in Berührung, mit Verletzendem und Schmerzlichem.
Meist haben wir im Lauf unseres Lebens eine ­besondere Art der Abwehr entwickelt, gerade um den Schmerz herum, den wir um keinen Preis noch einmal erleiden wollen. Oft führt uns erst die Krise an diesen Schmerz heran.
 
Mein Mann und ich planten in der Rekonvaleszenz eine gemeinsame Urlaubswoche. Es ging uns ge­rade nicht gut miteinander. Wir waren uns in der Krise ganz fremd geworden, und ich erhoffte mir, daß die innere Einsamkeit abnehmen würde, wenn wir beide Zeit miteinander hätten.
Aber diese Woche wurde ein Fiasko.
Mein Mann konnte mir nichts recht machen. Anstatt uns näher zu kommen, zog er sich vor meinen Angriffen und Unzufriedenheiten immer mehr zurück und ich wurde immer verzweifelter und zorniger. Auf der Heimfahrt waren Schmerz und Wut in mir so angewachsen, daß ich ständig nur noch ­darüber nachdachte, mir das Leben zu nehmen. Ich brauchte und sehnte mich nach Nähe, aber fühlte mich allein. Ich wußte nicht, daß es einen solchen Schmerz der Einsamkeit gibt. Doch statt aus dem Auto zu springen, fing ich an zu beten: „Jesus, hilf mir. Wenn du mir nicht sagst, was ich tun soll, dann bringe ich mich um.“ – In dieser verzweifelten Situation sah ich plötzlich vor meinem inneren Auge ­Jesus Christus mit gebundenen Händen. Und da ­hinein hörte ich seine Frage an mich: „Bleibst du hier bei mir in meinem Leiden?“
Plötzlich erkannte ich, daß es das war, was ich um jeden Preis vermeiden wollte: ich wollte nicht ­leiden. Ich wollte alles tun, um den Schmerz nicht aushalten zu müssen, über die Liebe und Zuwendung eines anderen Menschen nicht verfügen zu können.
 
In dem Maß, in dem ich mein Leiden und den Schmerz der Einsamkeit annahm – im Blick auf ­Jesus – und nicht länger weglaufen wollte, geschah etwas in mir. Seine Gegenwart wurde mein Halt. Und der Schmerz verlor seine Macht und seinen Schrecken. Wer das Leiden annimmt und An­sprüche losläßt, der erlebt Verwandlung.

Was ist das Ziel?

Ein tiefer geistlicher Sinn hinter allen Nöten, die zu unseren unterschiedlichen Lebensschicksalen zu gehören scheinen, liegt offenbar darin, daß sich die Grenzen unserer Willigkeit, die Grenzen unseres Herzens erweitern. Jeder Mensch hat eine gewisse Bereitschaft zu tun, was er kann. Aber es gibt immer auch Punkte, an denen wir nicht mehr bereitwillig, sondern unwillig sind. Wir sagen: „Nein, nicht mit mir, hier ist die Grenze dessen, was ich zu ertragen, zu vergeben und mitzuspielen bereit bin...“
Paul Schütz, Theologe und Querdenker des vergangenen Jahrhunderts, schreibt: „Der Sinn des Leidens ist, uns aus der Selbstumkreisung und aus der Verkrampfung zu lösen und uns zu öffnen für den Weg, den Gott mit der Welt vorhat – und sich ihm anzuvertrauen.“
 
Die große Versuchung in jeder Krise liegt darin, unser Vertrauen wegzuwerfen, ehe wir dort sind, wo Gott uns ein neues Land und neue Möglichkeiten geben will. In Sprüche 23, 26 werden wir ermutigt: „Gib mir, mein Kind, dein Herz, und laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen.“ Gott wirbt um unser Vertrauen in seine Wege mit uns. Manchmal kann man das nur mit dem Gebet tun: „Mein Vater, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir.“
Wer durch eine Krise durchgegangen ist, hat oft neue Leitsätze für sein Leben gefunden und ­wesentliche Lebensmuster geändert. Er erlebt auch, daß er die kleinen Dinge des Lebens plötzlich schätzen kann und dankbar wird für das, was ihm vorher selbstverständlich schien. Das gilt gerade auch dann, wenn es kein „happy end“ gibt: Wenn der Tinnitus bleibt und mich einschränkt, nicht jede Beziehung zu heilen ist und nicht alles „wieder gut“ wird.
Sich begrenzt zu erleben ist demütigend, aber es läßt eine neue Freiheit wachsen, Gott mehr zuzutrauen als sich selbst. Das macht uns hörfähiger, weicher, offener und menschlicher.

Von

  • Friederike Klenk

    gehört mit ihrem Mann Hermann seit 1972 zur OJC-Gemeinschaft. Im Priorat der Kommunität. Sie ist Seelsorgerin, Mentorin für Assoziierte und gefragte Referentin

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