Editorial

zu

In die Wüste geführt.

Der Mensch in der Krise

Nicht nur die Tat, sondern auch das Leiden ist ein Weg zur Freiheit. Die Befreiung liegt im Leiden darin, daß man seine Sache ganz aus den eigenen Händen geben und in die Hände Gottes legen darf.
Dietrich Bonhoeffer

Liebe Mitchristen

wer kennt sie nicht, die Geschichte, die Matthäus beschreibt als „Versuchung Jesu“.
In Literatur und Kunst haben diese 40 Tage Jesu in der Wüste Weltberühmtheit erlangt. Zahlreich sind die Darstellungen des Verses „Und der Versucher trat zu ihm und sprach“. Darin ist uns vom Leben gebeutelten Menschen Jesus besonders nah – er wird versucht, wie wir alle: Mitten im Mangel, der jeden Menschen in eine Krise bringt, wird ihm Fülle ohne Ende verheißen! Doch er greift nicht zu: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Mit diesem Satz läßt Jesus die Chance nach schnellem Glück und Macht verstreichen. Er hat sein Leben ganz in die Hände Gottes gelegt; der wird schon für ihn sorgen. Er muss nichts selbst an sich reißen. Wie kommt Jesus zu dieser Gewißheit, die dem Menschen in der Krisensituation normalerweise so ferne liegt? Wie kommt er dazu, in den Mangel und in das Leiden am Mangel als Weg zur Befreiung einzuwilligen? „Er war ja der Sohn Gottes, vielleicht hat er den Hunger darum nicht so gespürt.“ Wer bei diesem Gedanken stehen bleibt, macht der es sich nicht zu leicht?
Diese ganze Versuchungsgeschichte wird überhaupt erst eingeleitet durch den Hinweis: „Und der Geist führte ihn in die Wüste.“ Jesus hat sich also nicht selbst in diese krisenhafte Lage gebracht. Er wurde hineingeführt.
Die meisten von uns werden ihre großen und kleinen Krisen ähnlich erfahren – wir suchen uns diese Wüstenzeiten nicht und wir lieben sie nicht. Even­tuell erleben wir sie als Überfall oder wir „rutschen unaufhaltsam hinein“.
Nahezu alles kann den Menschen in eine Krise führen: der Verlust der Gesundheit, der Tod eines Ehepartners oder nahen Verwandten, die Notwendigkeit, sich bei einem Wohnortwechsel neu zurechtzu­finden, der Verlust des Arbeitsplatzes, Verschuldungen, Ehekrisen usw. Nicht jeder Mensch kann sich, und vor allem nicht immer sofort, den Händen Gottes anvertrauen und die eben zu durchlebende Wüstenzeit als „Weg zur Freiheit“ deuten (wie das obige Zitat von D. Bonhoeffer nahelegt). Doch dürfen wir uns nicht schon in guten Tagen annähern an Vor­bilder, die ihr Leben auch durch Krisen hindurch mit Gott lebten? Wir können uns orientieren an der „Wolke von Zeugen“ (Heb 12, 1), zu der z. B. auch David gehört. Seine Krisenzeiten hat er in Liedern als Klage, Frage, Unverständnis, Anklage zu Gott ­gebracht und dabei erfahren, daß das Leid bei Gott nie das Letzte ist.
 
Die Beiträge in dieser Ausgabe von Beat Weber über Friederike Klenk bis zu den reflektierten, lebendigen Zeugnissen von Schwester Andrea und Horst-Klaus Hofmann atmen etwas von diesem Erfahrungsschatz der Psalmen Davids. Es ist der Geist der Ewigkeit, der den einen oder anderen von uns Lesern vielleicht gerade in eine Wüste geführt hat, der aber auch im Blick auf die Tage, die vor uns liegen, verspricht: Ich will euch tragen und heben und retten (Jes 45, 3+4). Jochen Klepper, der Lobsänger im Leiden, hat aus diesem Prophetenvers ein Trostlied geschaffen. Im evangelischen Gesangbuch steht es in der Rubrik „Angst und Vertrauen“ (EG 380).
 
Was bleibt, wenn ich mich und meine Sache ganz in die Hände Gottes lege? Dann schaffe ich mir nicht mehr selbst mein Glück oder meine Krisenlösung, sondern lerne im Laufe meines Lebens immer wieder die schöpferische Kraft und Weisheit Gottes zu ­suchen und zu finden – in allen Zeiten und Situa­tionen. Er lässt uns nicht allein, das ist sein festes Versprechen. Zu dem Fest dieses Geistes, zu Pfingsten grüße ich Sie auch im Namen des Redaktionsteams recht herzlich
 
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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