Klagen ist nicht das Letzte

Das Gespräch mit Gott als Prozeß der Leidbewältigung.

Gedanken zu Psalm 13

von Beat Weber

1 Dem Musikverantwortlichen - ein Psalm - David zugehörig.

I 2 A Wie lange noch, HERR? Willst du mich für immer vergessen? KLAGEN
    B Wie lange willst du dein Antlitz verbergen vor mir? Gott-Klage
  3 A Wie lange noch muss ich Sorgen in meiner Seele hegen, Selbst-Klage
    B ist Kummer in meinem Herzen tagelang?  
    C Wie lange noch darf sich mein Feind über mich erheben? Feind-Klage
II 4 A Schau bitte her! Antowrte mir, Herr; BITTEN
    B Mein Gott, mache bitte hell meine Augen!  
    C Damit ich nicht zum Tod entschlafen muss;  
  5 A damit mein Feind nicht sagen kann: "Ich habe ihn überwältigt!";  
    B meine Bedränger nicht jubeln dürfen, wenn ich wanke.  
         
III 6 A Ich aber, ich habe aufgrund deiner Gnade vertraut. VERTRAUEN +
    B Es soll jubeln mein Herz aufgrund deines Heilshandelns: LOB / DANK
    C „Ich will den Herrn besingen, denn er hat wohl an mir getan."  
         
         
       

Verzweiflung, Bitterkeit und Angst lassen den ­Menschen nicht nur an sich, sondern oft auch an Gott zweifeln. Pfarrer Dr. Beat Weber zeigt anhand von Psalm 13 die in der biblischen Dichtung offenbarte Möglichkeit, Not und Leiden vor Gott zu bringen, mit ihm ins Gespräch zu kommen und die Hoffnungslosigkeit zu überwinden.
 
Die Bibel lehrt uns den Weg des Gesprächs. Die Ver­ar­­­­­­beitung von Leid und Not geschieht im Gespräch mit befreundeten Mit­men­schen, wie wir das bei Hiob erleben. Und es geschieht in noch stärkerem Maß im Gespräch mit Gott, wie wir es insbesondere in den Psalmen erfahren. Trauerarbeit geschieht nicht im Gespräch mit den Feinden bzw. den Verursachern der Not, und sie geschieht auch nicht im Monolog, im Selbstgespräch.
Das Gespräch mit Gott ist ganz eindeutig die biblisch bevorzugte Art der Ver­­­­­arbeitung von Not und Leid – dies ist auch im Blick auf die Sinnfrage von Be­deutung. Die erste und unmittelbare Art, Not und Leid in angemessene Worte zu kleiden, ist das Klagen. Im Klagen spreche ich mein Er­­ge­hen, ­meine Befindlichkeit ungeschönt aus, so wie ich es erlebe.
Kla­­gen ist eine Form des Betens, und Beten hat ein Gegenüber, eine Adresse: Gott sel­ber. Menschen klagen in der Bibel zu Gott, ja klagen ihn sogar an?– selbst dann noch, wenn sie den Eindruck haben, daß er nicht zuhört, ab­­wesend ist, sie gar verstoßen und verlassen hat. Dabei dürfen wir Klagen nicht mit Jammern verwechseln. Die Klage richtet sich an einen Adressaten, das Jammern nicht. Beim Jammern be­klage ich nur mein eigenes Leiden, ­beschwere mich über andere und drehe mich da­bei um mich sel­bst. Jammern ist gleichsam die gott-lose Form des Klagens: ich ver­­wickle und verbohre mich noch mehr in mich selber. Das Klagen aber eröffnet einen neuen Weg und führt letztendlich zu neuem Le­ben.

Klagen dürfen

Darf man als Christ klagen – gar Gott anklagen?
Viele Christen meinen, daß Klagen zwar für die Menschen des Alten Testaments rich­­tig war, doch durch die Erlösung, die Jesus Christus im Neuen Testament ge­­bracht habe, sei jetzt vielmehr Vertrauen, Zu­ver­sicht und Lob angebracht. Im Neuen Testament sei von der Klage kaum mehr zu hören. Wir müssen uns ­jedoch vor Augen halten, daß zwi­schen Altem und Neuem Te­sta­ment kein Ge­gen­satz besteht, sondern eine Ent­wicklung stattfindet und das Neue auf dem Alten basiert. Auf un­­ser Thema be­zo­­gen: Klagen in Moll und Loben in Dur sind die beiden Me­lo­dien des Gesprächs mit Gott. Kla­gen ist die Sprache der Erde, und Lo­­ben die Spra­che des Himmels. Weil wir als Christen in beiden Welten zu­gleich leben, be­­dürfen wir beider Sprachen.
Wo die Klage nicht mehr sein darf, da kommt es auch nicht zum Lob, oder aber das Lob wirkt unecht und oberflächlich. Es besteht die Gefahr, daß Din­ge ver­drängt oder über­tüncht werden. Menschen blei­ben auf der Strecke, weil sie in der Tiefe ihrer Not nicht ab­geholt werden. Ohne den Raum zur Klage droht das Leid und das Böse wegdiskutiert oder überspielt zu werden, was neu­ro­tische Er­scheinungen zufolge hat – bei Einzelnen, in der Kirche und in der Gesellschaft gleichermaßen. Fest steht: Das Loben hat gegenüber dem Klagen die größere Würde, denn in der Ewigkeit wird das Leid und die Not weg­ge­tan wer­den und damit alles Klagen verstummen. Dann bleibt das Lob allein.

Reden wollen

Das biblische Klagegebet lädt uns ein, seine Worte zu unseren zu machen und so in ein Gespräch mit Gott zu kommen. Ich habe aus der Vielzahl dieser Gottesgespräche den 13. Psalm ausgewählt.
 
Angesichts der Not droht der Mensch zu verstummen und sprachlos zu werden. Hält solches Verstummen an, ver­gif­­­tet es die Seele und führt zu bleibenden Störungen. Das weiß nicht nur die mo­­­­derne Psychologie, sondern schon die alte Bibel. Solche Störungen können eine drei­fache Auswirkung haben: Sie schädigen mich selbst, sie trüben die Be­zie­­­hungen zu den Mitmen­schen und sie verschließen gegenüber Gott. Biblische Kla­­ge­gebete oder -lieder da­gegen fassen das Unsagbare in Worte, bringen das ei­ge­­ne Ergehen mitsamt den Gefühlen und Gedanken ins Gespräch mit Gott und stoßen so ein Tor ­der Heilung und damit auch der Sinnfindung auf.
Klagen ist nicht das ­Letzte – so habe ich diesen Abschnitt überschrieben. Aber Kla­gen ist das Erste! In der Klage steige ich am tiefsten in die Not hin­ab, bis auf den Grund dieses bodenlosen Elends. Es ist wichtig, diesen er­sten Schritt nicht auszulassen, sondern mit ihm zu beginnen. Nicht umsonst ist die erste Strophe des Psalms mit den Versen 2 und 3 der Klage gewidmet.

Fragen müssen

„Wie lange noch?“ Mit dieser Frage klopft der Betende wie­der­holt und laut bei Gott an. Da ist Klage, da höre ich auch Anklage und Vorwurf. Keine Antworten, noch nicht – aber Fragen.
 
Es fällt auf, daß die gesamte Klage die Form von Fragen hat. Ja, eigentlich ist es eine einzige Frage, die in immer neuen Variationen vor Gott ausgesprochen wird: „Wie lange noch…?“ Der Be­ten­­­­­de hämmert diese Fra­ge Gott gleich mehrfach ent­ge­gen. Im vorliegenden Psalm steht die Frage nach der Zeit­dauer im Vordergrund, nach dem Zeitpunkt, an dem das gan­­­ze Elend ein Ende nimmt. Der Be­tende ist ­zutiefst irri­tiert darüber, daß Gott immer noch nicht ein­ge­­­­grif­fen hat. Die Selbstverpflichtung Gottes zur Hilfe, die er seinem Volk und dessen Mitgliedern gegenüber eingegangen ist, wird hier gleich­sam ein-geklagt. Das setzt voraus, daß es eine Zeit gegeben hat, in der der Betende sich von Gott angenommen, von ihm geführt und „nicht vergessen“ wußte. Mit andern Worten: Es hat eine Beziehung zwischen Gott und dem Betenden bestanden, eine Vorgeschichte, die hin­ter die Not zurückreicht.
Die biblische Klage umfaßt in diesem Psalm drei ­Sozialdimensionen:

  • Der Mensch spricht in der Gottesklage Gott selbst als letzten Grund und Ver­ur­­sa­cher der Leides an (anklagen).
  • Der Mensch macht in der Selbstklage aus ­seinem Herzen keine Mördergrube, sondern legt die Nöte und Abgründe der eigenen See­­le offen (beklagen).
  • Der Mensch spricht sich in der Feindklage über die Men­­schen aus, die sein Leben beeinträchtigt oder zerstört haben (verkla­gen).

Kla­­gen ist – jedenfalls zunächst – keine Sache des Kop­fes, sondern des Her­zens: in ihr werden inten­sive Gefühle ausgesprochen, und sie ist nicht sel­ten von Seufzern und Tränen begleitet.

Trauern können

Wo eine der drei Dimensionen des Kla­gens aus­ge­blen­det wird – in unserer Zeit ist es meistens die Gott-Klage – fehlt eine wich­tige Dimension der Trauer­ver­­­­­­arbei­tung. Wo Gott aus dem Spiel bleibt, bleibt die „Sinnfrage“ im Letzten un­­­­­ge­klärt, weil nur ein Größerer diesem notvollen Geschehen und mir selber da­­­rin einen Sinn zuweisen kann. In der Trauerbegleitung droht die Aus­­schal­tung der ­Gottesfrage in die Sackgasse von Betroffenheits­beteuerungen zu füh­ren.
 
In der Klage äußere ich auch meinen Schmerz, meine Wut über Mit­men­schen und meine Verzweiflung darüber, daß Gott mich „vergessen“ hat und ab­­­­­­wesend ist – und ich äußere dies im Modus des Gebets vor Gott, der die letz­te Instanz und ­damit der eigent­li­che Verursacher ist und bleibt. Dies gilt, auch wenn – wie im Psalm – zusätzlich Mitmenschen (oder allenfalls ich selber) Verursacher der Not sind, wie dies etwa bei Unglücken oft der Fall ist. In der Klage wird der Zorn über irgendwelche „Feinde“ unzensiert zur Spra­che gebracht, aber er wird nicht den Mitmenschen um die Ohren ge­schla­gen – auch keine Selbstjustiz vollzogen –, sondern Gott zu Oh­ren gebracht.

Rettung erhoffen

Wir brauchen Gott nicht aus der Schußlinie zu nehmen, um ihn zu schützen. Es darf Gott alles ungeschönt gesagt werden, ja es soll ihm auch gesagt wer­den. Darin liegt die ungeheure Spannung, die es auszuhalten gilt: Gott, den ich als abwesend oder sogar als meinen Feind empfinde, spreche ich trotzdem an, kla­ge ihn an und erwarte von ihm Hilfe. Dahinter steht die Grunderfahrung: Es gibt keinen an­deren Gott – es gibt sonst nur noch das dumpfe, sinnlose Nichts. Die letzte Hoff­nung der Klage richtet sich also darauf, daß der richtende Gott sich doch auch als der rettende Gott erweisen möge. Auf dieses tie­fe Paradox weist mehr als alles andere das Kreu­zes­ge­schehen von Gol­ga­tha, wo Gottes­­­ge­richt und Gottesliebe in eins fallen. Wir können es auch aus den bei­den so ge­gen­­sätzlichen Worten ­Jesu am Kreuz heraushören: „Mein Gott, wa­­rum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34, vgl. Ps 22,2) – da ist Not, Tod und Gericht. Und das an­dere Wort: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hän­de!“ (Lk 23,46, vgl. Ps 31,6) – da spricht Ver­trauen und Aus­lie­fe­rung an Gottes Barmherzigkeit.
Wenn wir die uns sich verdunkelnden Seiten Gottes aus­­blen­den, ihn vorschnell aus der Ver­­­­antwortung entlassen und einseitig nur vom „lie­ben Gott“ sprechen, erweisen wir Gott und den Mit­­men­­schen einen Bären­dienst. Der „liebe Gott“ wird zu einem „harmlosen Kumpel“ und ist nicht mehr der Gott, der Macht über den Kos­­­­mos und über Tod und ­Leben hat. Dann bleiben die Menschen in ihren tief­­sten Nöten allein. Apathie und Resignation ist die Folge. Dies wie­­­­derum führt zu einer zunehmenden Gottes-Entfremdung. Schließlich wird der Ausfall Gottes dann umso stärker kompensiert durch das Suchen und Be­nen­­­nen von menschlichen „Sünden­böcken“. Denn jemand muß ja schuld sein.

Hilfe erbitten

Wenn die Klage ihren Platz und ihre Zeit gehabt hat, kann es zu einem zwe­iten Schritt kommen: zur Bitte, die auch als Gebet geäußert und damit vor Got­tes Angesicht gebracht wird. Während das Klagen zwar vor Gott geschieht, aber doch stark bei sich und der Not behaftet bleibt, nicht selten diffus ist und sich wiederholt, geht das Bitten einen Schritt weiter. Es setzt eine durch die Kla­ge hindurch­gegangene Läuterung und Klärung voraus: Was ist es eigent­lich, was ich von Gott noch erwarten, erhoffen, erbeten kann und will? Die Adres­­­­sierung, der Gottesbezug ist gegenüber der Klage verstärkt. Die Not wird nun umgemünzt in konkrete Anliegen, die ich vor Gott äußere.
 
In Psalm 13 umfaßt der Teil der Bitten die Strophe II, nämlich die Verse 4ab und 4c5ab. Wir sehen, wie Klage und Bitte aufeinander bezogen sind. Wir haben ge­se­hen, daß das größte Problem des Betenden in diesem Psalm die Erfahrung der Ab­­­­wesenheit Gottes ist, die nicht als kurz und vorübergehend, son­dern als lang anhaltend erfahren wird. Die Frage steht im Raum: Hat Gott mich eigentlich ganz und für immer vergessen und verstoßen?
Darauf nimmt nun das Bittgebet Bezug, indem es zuerst und vor allem um eine neue Zu­wen­dung Gottes bittet: „Schaue bitte her! Antworte mir, HERR; mein Gott, mache bitte hell meine Augen!“ Die erste Bitte betrifft das Gesichtsfeld Gottes: Ein Gott, der nicht weg-, sondern herschaut und mich und mein Ergehen sieht, der kann sich erbarmen und helfen.
 
Die zweite Bitte richtet sich an Gottes Hören und Reden: Wenn Gott sich die Ohren verstopft, mein Schreien und Beten nur bis zur Decke kommt und von dort gleichsam wieder he­run­ter­tropft, ist mir nicht geholfen. Ich brauche Ohren, die hören, und den Mund Got­tes, der mir Antwort gibt. Wenn Gott Leidenden eine Antwort gibt, dann lösen sich zwar nicht alle Probleme, aber mit der Antwort kommt zugleich auch Sinn in das Leben.
 
In der dritten Bitte schließlich wird das leibliche und seelische Ergehen zum Anliegen. Mit der An­rede „mein Gott“ wird Gott erstmals so an­ge­spro­chen, daß eine persönliche Beziehung zu diesem Gott durchscheint. Die For­­mulierung „mache bitte hell meine Augen!“ läßt an physische und psy­chi­sche Befindlichkeiten denken, die man mit Todesnähe, Erschöpfung, depressive Ver­fin­­sterung umschreiben könnte. Es ist die Bitte, daß das Leben von Gott neu ge­­schenkt wird und die Vitalität zurückkehrt.
 
Nach den drei Bitten folgen drei Sätze, die jeweils mit „damit nicht…“ beginnen. Es sind dies Motivierungen, Begründungen, die vor Gott ausbreiten, warum die Bitten gel­ten sol­len und ihre Berechtigung haben.
 
Die erste Begründung besagt, daß ohne Gottes Zuwendung das Leben erstirbt. Dahinter steht nach damaliger Sicht der Gedanke: Wenn Gott mich sterben läßt, was hat er davon? Er verliert auf dieser Welt ­jemanden, der ihm Ehre und Lob darbringt.
Die beiden näch­sten Be­­gründungen zielen auf die Feinde ab: Das Unrecht, verkörpert durch die Feinde, sol­l nicht triumphieren dürfen. Auch dahinter steckt nicht die selbst­be­zo­­gene Sorge um das eigene Wohlergehen, sondern vor allem der Appell an ­Got­tes Ehre, die sonst ge­schmä­lert würde.

Vertrauen wagen

Dieses Psalmgebet beschränkt sich nicht auf Bitte und Fürbitte, sondern steigt mit dem Klagen tiefer in die Not eigenen oder fremden Erlebens hinab. Es hört mit dem Bittgebet nicht auf; betend wird ein dritter Schritt gewagt: Das Bekenntnis zum Ver­trauen in Gott und das Darbringen von Dank und Lob. Das Bemerkenswerte daran ist, daß Vertrauen und Lob inmitten von Not und Leiden ausgedrückt werden – obwohl es noch keine Anzeichen dafür gibt, daß die Notsituation, aus der heraus die­ses Gebet erging, sich bereits zum Guten gewendet hätte.
Daß Klagen und Bitten eng aufeinander bezogen sind, ist nicht weiter erstaunlich, aber daß dann zum Schluß noch Vers 6 erscheint, sehr wohl. Die Aus­le­­ger bezeichnen die Wende von Strophe II zu Strophe III als Stimmungs­um­schwung und rätseln darüber, wie es dazu kommen konnte.
 
Zunächst fällt die­ses betonte „Ich aber…“ auf, das einen neuen Einsatz markiert. Es ist, wie wenn ­einer das erste Mal wieder ganz sich selbst wahrnehmen und vor Gott „Ich“ sagen kann. Es ist, wie wenn jemand aus der Dumpfheit von Gefühlen und Eindrücken, die ihn überspülen, zu neuem Leben ­erwacht.
 
Nach dem „Ich“ kommt noch ein „aber“. Es bezeichnet eine Absetzung, die eine aus den Bit­ten hervor­ge­gan­gene neue Stärke verrät. Hat der Betende vorhin an Gott ap­pelliert zu handeln, so handelt er jetzt auch selbst. Er setzt einen Neuanfang. Diese Neusetzung geschieht nicht, indem er sich selbst zu überlisten oder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf des Elends zu ziehen versucht. Diese Neusetzung geschieht vielmehr dadurch, daß er altes Gottvertrauen neu aktualisiert. Da sind – in der Not ver­schüttet – vielleicht noch Glaubensreste. Der Docht glimmt nur, aber er ist noch nicht erloschen. Das Feuer kann wieder entfacht werden.
Doch hö­ren wir genau hin: „Ich habe aufgrund ­deiner Gnade vertraut.“ Der Betende in­ve­stiert ­neues Vertrauen, er betrachtet dies aber nicht als ­Eigenleistung, son­dern spricht vor Gott aus, daß ihm das nur „aufgrund deiner Gnade“ möglich ist.
Aus dem Vertrauen wächst dann die Zuversicht, daß sein Kla­gen sich in Lob wandeln wird: ­„Es soll jubeln mein Herz aufgrund dei­nes Heils­­­han­delns“: Ich weiß, die Zeit wird kommen, wenn du, Gott, zu meinen Heil hel­fend eingreifen wirst?–?und dann wird mein Herz dir zujubeln. Das will ich dir jetzt schon versprechen. Und als letztes wird angekündigt, daß der Ju­bel nicht im Innern des Herzens bleibt, sondern auf den Lippen zum Dank­lied wer­den wird: „Ich will den HERRN besingen, denn er hat wohl an mir ge­tan.“ Wie es dazu kommen kann, daß sich Klage in Lob wandelt, bleibt ein Ge­heim­nis. Das Geheimnis Gottes, das Gnade heißt.

Gott loben

Klagen ist nicht das Letzte! Be­reits in und inmitten der Not stimmt der Psalmist nach Klagen und Bitten ein Lob an und nimmt damit vorweg, was im Himmel und darum auch auf Er­den das Letzte sein und bleiben wird: Gottes machtvolles und heilvolles Wir­­­ken in dieser Welt und auch in meinem Leben. Fließt nicht durch dieses Wis­­sen um das Letzte auch dem Vorletzten, dem Leiden, neuer Sinn zu?
 
Diese letzte Zeile des Psalmes ist kein Gebet mehr, sondern Ver­kün­­­digung an die Mitmenschen. Die Not führt oft in die Isolation; die Rettung und der Dank dafür integrieren neu in die Gemeinschaft der auf Gott Vertrauenden. In der Bibel wird unmittelbar nach der Befreiung stets der Dank im Gebet vor Gott ge­bracht und Gottes Hilfe vor den Menschen bezeugt – zur Ehre Gottes.
 
Im Leben erfahren wir Leidverarbeitung meist als – zuweilen langwierigen – Prozeß. In Psalm 13 ist der Prozeß verdichtet in wenigen Zeilen. Ob er einmalig oder etappenweise über einen längeren Zeitablauf hin­weg gebetet wur­de, wissen wir nicht mit Sicherheit. Die einzelnen Momente des Betens und Ringens mit Gott mögen zwar bio­­graphisch-zeitlich auseinan­der­lie­gen, hier aber sind sie ver­klam­­­­mert zu einem einzigen Gebet. Die gewählte Reihenfolge: Klagen – Bit­­ten – Vertrauen/Loben ist nicht zufällig, sondern zeigt den Weg der Heilung und Versöhnung auf. Dieser kommt dann zu einem gewissen Abschluß, wenn ich durch das Schwere hin­­durch auch das Gute, Hilfreiche und Rettende sehen kann, das Gott mir zu­teil werden ließ und noch zuteil werden lassen wird.
Das Gebet mündet in Lob; doch werden Klagen und Bit­ten nicht zurückgenommen, sondern bleiben gültige Teile des Gesprächs mit Gott. Sie haben sowohl im Gebet als auch in der späteren Rückerinnerung ihren Platz. Damit wird der gesamte Spannungsbogen der eigenen Erfahrung – vom größten Elend bis zum höch­­­sten Lob – in der Wirk­lich­keit Gottes verankert.

Der hier veröffentlichte Beitrag ist aus dem Vortrag ­Spuren der Sinnfindung – im Blick auf Leidbewältigung in der Bibel, gehalten anläßlich des 160. Jahrestags des Dia­ko­nis­­senhauses Bern.

Von

  • Beat Weber

    aus Linden/Schweiz ist evang.-reformierter Pfarrer, Notfallseelsorger und Dozent an zwei theologischen Seminarien. Als Theologe hat er seinen Schwerpunkt im Bereich des Alten Testaments (Psalmen, ­hebräische Poesie). Er ist Präsident der 1982 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft für biblisch erneuerte Theo­logie“ (AfbeT) in der Schweiz.

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