Ohne Kinder hätte mir Leben gefehlt

Bei Müttern nachgefragt

Hannelore Kaiser, 61 Jahre alt, lebt seit 36 Jahren mit ihrem Mann Ulrich in Greifswald. Sie haben 5 Kinder und inzwischen auch einige Schwiegersöhne und -töchter und 3 Enkelkinder. Von Beruf ist Hannelore Ärztin, jetzt arbeitslos. Ihr Mann ist Uhrmachermeister, jetzt selbständig.

Hannelore erzählt:

Ich habe mir schon als Kind gewünscht, min­de­stens vier eigene Kinder zu haben. Fünf sind’s dann geworden! Unser Erstes wurde geboren, als ich im letzten Studienjahr steckte. Gleich nach der Geburt nahm ich die regulären, halbtägigen Stu­dienpraktika wieder auf. Das Baby blieb vormittags bei einer Tagesmutter, einer guten Bekannten aus der Gemeinde.

Maria Kaißling: Würdest du dich heute noch einmal genauso ­entscheiden?

Insgesamt wahrscheinlich ja. Allerdings würde ich andere Arbeitszeiten anstreben. Damals dachte ich da noch anders: man hatte sich als Arzt ständig fortzubilden und möglichst ohne Unterbrechungen in seinem Beruf tätig zu sein.
Bei fünf Kindern blieb meine „berufliche Karriere“ auf der Strecke. Ich hatte ja die Kinder gewollt und es war mir wichtig, Zeit mit ihnen im Alltag zu ­haben. Neben der Familie habe ich mich in den Kirchengemeinden engagiert, vom Putzen des ­Gemeindesaals bis zur Vorbereitung des Kindergottesdienstes habe ich alles gemacht. In DDR-Zeiten stand uns mit dem dritten Kind ein „Babyjahr“ zu. Ich wurde vom Beruf beurlaubt, habe aber die Hälfte des Gehaltes weiter erhalten. Nach Ablauf dieses Jahres mußte ich wieder als Ärztin arbeiten, denn das Gehalt meines Mannes reichte nicht für die gewachsene Familie. Als dann ­Andreas, unser Vierter, zur Welt kam, bin ich ganz aus dem Arbeitsverhältnis ausgestiegen, obwohl wir es uns finan­ziell eigentlich nicht leisten konnten. ­Außerdem war ich – wohl aus weltanschaulichen Gründen – durch die Facharztprüfung gefallen. Doch wir haben ein Wunder erlebt! Ein älteres ­Ehepaar aus der Gemeinde hat mich ermutigt, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Sie selbst waren damals schon berentet, haben uns aber über Jahre Monat für Monat 200 Mark geschenkt – die gesamte Rente der Ehefrau!

Mit einem Kind hast du dein Studium beendet. Mit zweien hat’s für dich auch noch gut geklappt mit Beruf, Familie und Gemeindeengagement. Warum ging es dann nicht mehr?
 
Es wird behauptet, wenn man vier Kinder hat, macht das fünfte keinen Unterschied mehr. Das stimmt nicht. Als Mutter fängst du mit jedem Kind von vorne an: Pflege, Windeln waschen. Außerdem bringt jedes Kind die Mutter anders an ihre Grenzen. Die eine lief am dritten Tag blau an und mußte in die Klinik, der andere brauchte im Alter von zwei Monaten Krankengymnastik – für uns beide eine monatelange Quälerei. Während der einen Schwangerschaft stand eine Behinderung des Kindes im Raum, eine große Sorge, die man wochenlang aushalten mußte. Beim fünften Kind erkrankte ich im 7. Schwangerschaftsmonat schwer an Gelbsucht und kam auf die Isolierstation. Auch nach der Geburt mußte ich noch mindestens drei Wochen dort bleiben. Zum Glück konnte meine Schwiegermutter den Säugling aus der Klinik zu sich holen; sie hatte schon die Älteste bei sich. Die andern drei waren beim Vater, der es auch nicht gerade leicht hatte.

Was wäre deine Alternative zu Kindern gewesen?Und wenn wir schon über finanzielle Engpässe ­reden: Welcher Verzicht fiel dir in der Zeit mit den kleinen Kindern besonders schwer?
 
Keine Kinder zu haben – das war für mich nie eine Option. Auch nicht für meinen Mann. Wir hatten halt dafür nie einen Trabi. Schwierig fand ich manchmal, daß mir die Zeit für ein gutes oder spannendes Buch fehlte. Der Ausstieg aus dem Berufsleben war auch nicht leicht. (Erst später, nachdem der Jüngste eingeschult war, fand ich wieder eine Anstellung in einer Rehaklinik). Wir wollten ja eine große Familie sein und das Hin-und Her zwischen Beruf, Familie und Gemeindeengagement erschien mir eher als Last, auf die ich verzichten konnte. Dafür war ­meinem Mann und mir jedes unserer fünf Kinder willkommen.

Was hast du durch deine Kinder gelernt?

Geduld, Geduld – und das Einteilen meiner Zeit. Dann das kindgemäße Erzählen von Geschichten – jeden Abend; Geduld beim Klavierüben der Jungs, beim Hausaufgabenmachen, Geduld zur Ermu­tigung statt ungeduldigem Mäkeln. Uns Eltern war es wichtig, viel Zeit mit den Kindern zu haben. Da blieb manches Buch liegen und im Haushalt mußte ich auch Abstriche machen.
Unsere Kinder wurden innerhalb von 10 Jahren ­geboren, wir hatten in dieser Zeit also immer Babys und Kleinkinder, während die ersten größer wurden und mehr Aufmerksamkeit forderten. Später brachten die Kinder Klassenkameraden mit nach Hause. Wir feierten, neben den Geburtstagen, sicher jedes Vierteljahr ein Kinderfest mit Nachbarskindern und Freunden – ganz ohne Fernsehen und Video! Ich „organisierte“ Spiele, erzählte spannende Geschichten, auch biblische und Geschichten aus der Mission – aus Ländern, die für uns Ostdeutsche ­unerreichbar waren!
Die Kinder, die eigenen und ihre Freunde, wurden mir zur „Hauptsache“. Ich bedauere es, wenn ich mitbekomme, daß Kinder im Leben von Eltern „nur Nebensache“ sind. Aber Kinder laufen nicht einfach nebenher. Sie sind Menschen, und als Menschen sind sie wichtiger als Dinge, und seien diese noch so begehrenswert.
Ja, ich war gerne Mutter. Es war mir wichtig, die  Kinder zu fördern, zu lieben und zum Leben zu ­ermutigen. Sie sollten fähig sein, eine eigenständige Meinung zu bilden und sie auch zu vertreten. Darum wollte ich ihnen auch die biblischen Geschichten kindgerecht nahebringen. Sie sollten sich im Kindergottesdienst weder langweilen noch vor Gott ängstigen, sondern wissen, daß Gott sie liebt, jeden einzelnen.

Wie hast du ihnen den Glauben nahebringen ­können?

Zum Beispiel in den regelmäßigen und konsequenten Morgen- und Abendandachten. Seit der Kindergartenzeit feierten wir mit den Kindern täglich vor dem Frühstück eine Andacht mit Liedern, der Tageslosung und einem Gebet des Vaters. Zum Abschluß haben wir uns an den Händen gefaßt und gesagt: „Daß Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht. Sein ist die ganze Welt, Sein sind auch wir ...“ –  an der Stelle wurde dann meist, je nach Alter und Erinnerung der Kinder die gesamte Verwandtschaft ­genannt: „sein sind auch wir und Oma und der neugeborene Cousin und der kranke Onkel, oder Klassenkameraden“. Wir schlossen mit einem lauten Halleluja, amen! und einem persönlichen Segen vom Vater für jeden von uns. Heute feiern unsere Kinder auch mit ihren Kindern, meistens abends, um den Tag gemeinsam mit ihnen abzuschließen.

Bringe es doch noch einmal auf den Punkt: was hätte dir gefehlt ohne Kinder?

Mein Leben hätte mir gefehlt. Der Alltag mit Kindern ist für mich das eindrücklichste und intensivste Leben überhaupt!
 

Warst du eine „gute“ Mutter? Wo warst du es nicht?

Gut eingehen können auf die einzelnen Kinder, das habe ich gewollt, aber sicher nicht immer geschafft. Im Alltag mußte manches zügig vonstattengehen. Da habe ich die „Langsamen“ oder Umständli­cheren nicht genügend beachtet oder gefördert.

„Ich brauche mal Zeit für mich“, höre ich öfter Mütter von kleinen und größerwerdenden Kindern stöhnen. Blieb dir Zeit für dich? Und wie hast du sie gefüllt?
 
Zeit für mich! Viel hatte ich nicht, wenn aber alle im Kindergarten oder in der Schule waren, setzte ich mich oft noch einmal 45 Minuten hin, trank einen guten Kaffee, hatte Stille und betete für jedes Kind ... dann rollte der Tag an.
 
Deine Kinder sind schon eine Weile erwachsen, selbst der Jüngste ist vor rund 5 Jahren ausgezogen und hat sein Studium fast beendet. Wenn du so ­zurückschaust...
 
 ... dann ist mir der Auszug des letzten Kindes am schwersten gefallen! Was meinen Alltag jahrelang ausgefüllt hatte, war zu Ende gekommen. Aber es war schon gut, daß ich wieder mehr Ruhe und mehr Zeit für eigene Interessen zur Verfügung hatte, schließlich habe ich auch nicht mehr den Schwung wie vor 20 oder 30 Jahren!

Die Enkelkinder wohnen weit weg. Die erste Enkelin wurde gerade elf Jahre alt. Sie verbringt ab und zu eine Ferienwoche bei euch, den Großeltern.
 
Das genieße ich sehr! Da bin ich ja nicht die Mutter, ich muß sie nicht erziehen! Wenn ich mal was sage, dann eher als „Empfehlung“ – zum Beispiel im Umgang mit den Kunden im Geschäft ihres Großvaters. Der Umgang mit dem Enkelkind ist ­natürlich viel lockerer als mit den eigenen Kindern.
 

Was fiel dir am schwersten? Was hast du als große Belastung erlebt?

Im Nachhinein muß ich sagen – die Nächte, wenn ein Kind krank war; oder einer der Jungs schlief oft recht unruhig und steckte die andern damit an. Dieses „Nachtleben“ fiel mir sehr schwer. Ich bin ein Typ, der gerne schläft und seinen guten Schlaf auch braucht! Ansonsten kann ich ganz ehrlich ­sagen: Ich habe nichts, was mit Familie und Kindern zu tun hatte, als „Opfer“ empfunden, auch wenn manches in der DDR eine ziemliche Be­lastung und Herausforderung darstellte.
 

Was haben deine Kinder vom Vater geerbt oder übernommen? Was lieben sie an ihm besonders?

Alle haben seine Diskussionsfreudigkeit geerbt! ­Alle lieben seine Freude am Streitgespräch! Wir waren und sind eine wahre Rede-Familie. Der Vater hat die Kinder am meisten in ihrem Selbstbewußtsein bestätigt und gefördert. Von ihm haben sie gelernt, auch andere gut anzuleiten und bei einer Sache zu bleiben, für die sie Verantwortung übernommen haben. Ausdauer und Zuverlässigkeit hat ihnen vor allem ihr Vater vorgelebt.

Dr. med Anja Martschewski, 33 Jahre alt, ist verheiratet mit Helmfried, Pastor der EFG in Greifwald. Seit September 2005 sind sie Eltern.

Anja erzählt:

Dass ich Kinder wollte, war mir nie eine Frage. Als wir 2003 geheiratet haben, wollten wir natürlich auch Kinder haben. Die Frage für mich war eher das Wann. Da wir beide nicht mehr zu den Jüngsten ­unserer Generation gehören, sollte eigentlich nicht mehr allzu viel Zeit verstreichen. Allerdings wollte ich gerne beruflich noch einiges erledigen, u.a. die Facharztprüfung. Im September 2004 sahen wir den Film „Rendezvous mit Joe Black“. (Joe Black stellt den Tod dar, der einen älteren ­Geschäftsmann einige Wochen begleitet und ihn aufs Abschiednehmen und Sterben vorbereitet.) Dieser Film ging mir sehr nahe. Mich beschäftigte insbesondere die Frage nachdrücklich: „Was zählt am Ende des ­Lebens wirklich?“ Mir wurde klar, daß dann keinen mehr ­interessiert, in welchem Jahr ich Fachärztin geworden bin oder welche „Zertifikate und Fachkunden“ ich erworben habe. Aber vielleicht wird es dann interes­sant, ob es gelungen ist, Leben hervorzu­bringen, weiterzugeben und zu fördern.
Im September wurde unser erstes Kind geboren.

Was wäre deine Alternative zu Kindern gewesen? Auf was verzichtest du durch die „Kinder-Phase“?

Die Alternative wäre für mich mein Beruf als Ärztin gewesen. In den Jahren vor meiner Ehe konnte ich darin voll und ganz aufgehen und habe dabei auch nichts vermißt. Durch die „Kinder-Phase“ wird natürlich das berufliche Vorankommen nach hinten verschoben oder bekommt eine andere Richtung. Außerdem gibt es ganz natürlich finanzielle Einbußen.

Was war deine erste Reaktion auf das Kind?

Obwohl wir uns Kinder gewünscht haben, war ­meine erste Reaktion auf die Tatsache, schwanger zu sein, ungläubiges Zögern. Wir waren im Urlaub und irgendwie spürte ich, daß mit mir etwas „nicht stimmte“. Der Test war eindeutig positiv, und doch wollte ich es zunächst nicht richtig wahrhaben. Mein Mann hingegen war vor Freude völlig aus dem Häuschen. Die Freude kam bei mir erst allmählich in den folgenden Tagen. Doch als ich die Bestätigung in den ersten Ultraschallbildern sah, wurde ich freudig und erwartungsvoll aufgeregt.

Wie hat dein Kind dein Leben verändert?

Die letzten Wochen seit der Geburt waren völlig ­anders als alles bisherige in meinem Leben. Ich bin zu Hause! Jeglicher Versuch, etwas zu planen, ist sinnlos. Ich bin ständig am Lernen: flexibel sein, mich auf die Situation einstellen, angefangene Arbeiten aus der Hand legen. „Jetzt braucht mich das Kind und nicht erst, wenn ich das und das fertig habe.“
Ansonsten habe ich viele neue Leute kennengelernt und einige früheren Bekannten neu entdeckt. Und – was sich bisher deutlich veränderte: ich komme ­heute sehr viel an die frische Luft!
 

Was würde dir – ohne Kinder­ – fehlen?

Das Kind selbst würde mir und meinem Mann fehlen. Nach neun Monaten Schwan­gerschaft und wenigen Wochen sichtbaren ­Lebens ist Jan schon so sehr ein Teil unserer ­Familie, daß er uns als Person fehlen würde. Gäb’s ihn nicht, dann fehlte nicht einfach ein Kind, sondern dieses Kind, unser Sohn Jan.

Was belastet dich zur Zeit am meisten?

Zur Zeit ist es noch der ungewöhnliche Rhythmus, der auch mal von heute auf morgen umgeworfen wird. Und dass ich jetzt öfter Dinge, die ich tun möchte, oder gerade tue, unterbrechen und ­liegenlassen muß. Da ich vom Krankenhausalltag her gewohnt bin, Arbeiten zügig zu erledigen, fällt mir der langsame Rhythmus nicht immer ganz leicht.
 

Wie hat das Kind dein Leben verändert?

Es hat meine Stille Zeit verändert. In den letzten Monaten war es oft so, dass ich nur sehr kurz oder manchmal auch gar nicht dazu kam. Jetzt genieße ich die frühmorgendlichen „Stillzeiten“, die zunächst Jan sättigen, aber gleichzeitig mir die nötige Stille geben, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Wenn Jan schon wieder schläft, hänge ich dann manchmal noch eine Weile der Stille an, um selbst satt zu werden.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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