Die nächste Generation liegt mir am Herzen

Eleonora Muschnikova ist Gründerin der Deutschen Peterschule in St. Petersburg (Rußland) und war lange Jahre ihre Direktorin. An dieser Gesamtschule ­werden zur Zeit rund 500 Kinder unterrichtet, die mei­sten bis zum Abitur. Daneben ist sie „Mutter“ ­vieler Straßenkinder. Cornelia Geister sprach mit ihr über ihr ganz normales Leben, das immer auch etwas anders war.

Was sind die Grundlagen für den Unterricht in der Peterschule? Was sollen die Schüler bei euch lernen?

Gute schulische Ausbildung ist zwar sehr wichtig, sie ist aber nicht Selbstzweck, sondern Mittel. Im Unterricht sollen unsere Schüler in ein kulturelles und ­gei­stiges Erbe hineinwachsen, das über 2000 Jahre hindurch die Welt geprägt und bereichert hat. Das ist nicht selbstverständlich, denn im Kommunismus waren die Werte der christlichen Kultur als wertlos und rückständig verpönt. Nach 70 Jahren ist es wieder möglich, frei über Freiheit nachzudenken. Wir sind aber erst in einer Übergangszeit. Die Kinder müssen sich in der Welt, in die sie hineinwachsen, gut orientieren können. Dazu brauchen sie Information über die Welt. In Rußland hatte die Propaganda alle Fächer in der Schule ideologisiert – alles diente der kommunistischen Idee. Filme aus dem Ausland oder Bücher waren nicht zugänglich. ­Umso wichtiger ist es jetzt, daß die Schüler Fremdsprachen lernen, sich ihr eigenes Bild von den Völkern zu machen.
 
Am allerwichtigsten ist aber die Vermittlung von Werten und Normen, die in der christlichen Re­li­gion und im biblischen Glauben verankert sind. Wo sie fehlen, kann keine stabile Lebensgrundlage entstehen. Fremdsprachen und akademische Kenntnisse können sich nur auf einem gefestigten ethischen Fundament entfalten.

Du hast die Peterschule vor 15 Jahren wiedergegründet. Was war dir dabei so wichtig? Du hättest doch Mathematiklehrerin an anderen Gymnasien bleiben können?

Wir wollten ein anderes Schulsystem, kein so autoritäres wie bei den Kommunisten. Wir wollten eine Schulatmosphäre, in der die Schüler den Lehrern vertrauen und sie als Vorbilder anerkennen können. Für die Lehrer soll jeder Schüler wichtig sein, seine ganze Persönlichkeit im Blick bleiben und nach ­seinen Gaben gefördert werden. Jedes Kind ist ein Original, ein besonderer und wertvoller Mensch. Wenn Kinder sich so verstanden erleben, wird ­ihnen auch das Schicksal der anderen Kinder, später ihrer Mitmenschen wichtig werden. Sie sind die Zukunft dieses Landes, dieser Nation. Daher ist es wichtig, daß sie erspüren, was dem Wohl ihres Landes dient und was nicht. Sie sollen die Fehler und Mißstände der Vergangenheit erkennen lernen und erfahren, daß es sich lohnt, sich für Freiheit, Demokratie und moralische Werte einzusetzen. Unser Ziel ist es, die Schüler an ein verantwortliches staatsbürgerliches Bewußtsein heranzuführen.

Du hast selber zwei Kinder. Was war dir als Mutter das Wichtigste? Welche Basis fürs Leben wolltest du ihnen mitgeben?

Als Mutter war mir am wichtigsten, den Kindern all das mitzugeben, was sie selber zu Menschen macht, die sich und andere Menschen achten und schätzen. Was sie im einzelnen aus ihrem Leben machen, welchen Beruf sie ergreifen – das war mir nicht wichtig. Aber, daß sie ein feines Gespür ­entwickeln für Recht und Unrecht und daß sie Freude daran haben, sich für die Wahrheit einzu­setzen und auch anderen zu helfen, das war mir immer ein Anliegen.
 

Was hast du selbst von deinen Eltern mitbekommen? Was hat dich geprägt? Und wer?

An meinen Vater habe ich nicht viele Erinnerungen, weil er verstorben ist, als ich 10 Jahre war. Die wenigen Bilder aber und das, was mir die erzählt haben, die ihn kannten, war mir immer sehr kostbar. Von ihm lernte ich die Liebe zu Büchern. Er selbst hat viel gelesen und auch mir vorgelesen, wenn er Zeit hatte. Wir waren sehr arm, aber wenn er konnte, kaufte er mir Bücher aus der Zeit vor der Revolution. Diese anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur hat meinen Horizont erweitert. Mit dem Vater konnte ich über das Gelesene reden. Auch ­meine Kinderbibel mit großen Illustrationen habe ich von ihm bekommen. Später wurden mir seine Bücher und der Nachlaß meines Großvaters in St. ­Petersburg zur geistigen Nahrung. Sie haben mich mehr geprägt als das Studium an der Universität.

Deine Eltern sind in einer Säuberungsaktion ­Stalins als deutschstämmige Ärzte in den Gulag gekommen und lebten dann viele Jahre in der Verbannung. Dort bist du als ihr einziges Kind geboren. Das ist keine „normale“ Kindheit.

Ich habe meine Kindheit als ganz „normal“ empfunden und keine Ahnung gehabt, daß daran etwas besonderes oder unnormales gewesen sein soll. Ich hatte viel Kontakt mit anderen Kindern. Wir waren viel allein und hatten eigentlich immer Hunger. Aber auch das war nicht nur tragisch: wir suchten uns halt selbst was zu essen, sammelten Kräuter, Beeren, Früchte, Pilze oder fingen Fische.
 

Mit sechs Jahren haben dich deine Eltern in den Zug nach St. Petersburg gesetzt. So eine Trennung ist eine sehr schwierige Erfahrung für ein kleines Kind. Wie erging es dir damit?

Es war für meinen Vater sehr wichtig, daß ich nach St. Petersburg komme. Von dort stammte seine ­Familie, dort lebte meine Tante und ich konnte in die Schule ­gehen. Mir fiel die Trennung ­damals nicht so schwer. Ich wurde darauf vorbereitet, mein Vater hat mir alles erklärt. Ich hätte Nein sagen können, aber ich war bereit zu tun, was meine Eltern für gut hielten. Das ist für heutige ­Kinder oft nicht mehr selbstverständlich.

Als junge Lehrerin bist du aufgefallen, weil du mit deinen Schülern in der Freizeit zusammen warst, mit ihnen gewandert bist. Hast du nicht befürchtet, deine Kollegen könnten kritisch darauf reagieren?

Ich habe wenig darüber nachgedacht, was „die ­anderen“ meinen könnten. Mir war es wichtig, den Schülern nahe zu sein. Manche Kollegen haben mich in einer Versammlung dafür angeklagt, aber das machte mir keine Angst. Das einzige, um das ich mir jemals Sorgen gemacht habe, ist das Schicksal der mir anvertrauten Schüler, Kinder und Enkelkinder. Die nächste Generation liegt mir am Herzen und um sie mache ich mir Gedanken, wenn ich ­sehe, in welche Welt sie hineinwachsen: Was kommt wohl auf diese jungen Menschen zu?
 

Du hast in der Peterschule Religionsunterricht einge­führt. In den staatlichen Schulen in Rußland ist es verboten, aber in Privatschulen, seit der Perestroika, möglich. Was erwartest du vom Religionsunterricht?

In Rußland sind drei Generationen von der Religion entfremdet. Großeltern, Eltern und Kinder haben keinerlei Kenntnisse über theologische Themen oder christliche Tradition. In den Familien gibt es keine Bibeln. Darum ist es mir am wichtigsten, den Kindern die Welt der Bibel nahezubringen, Altes und Neues Testament. In der Schule wird der ­Religionsunterricht von Geistlichen der verschie­denen Konfessionen gestaltet: orthodox, katholisch und evangelisch. Dadurch erfahren die Schüler voneinander und auch von den überkonfessionell relevanten Fragen. Die Eltern, die ihre Kinder hier anmelden, wissen, daß wir sie im christlichen Geist erziehen. Das nehmen auch jene gern in Kauf, die selbst nicht religiös sind. Aber wir bieten auch ­Religionsunterricht für die Eltern an, und einige kommen tatsächlich, um über den Glauben zu ­hören. So bekommen sie einen Eindruck von dem, was ihre Kinder lernen und tun, es entsteht keine Kluft zwischen der Welt der Kinder in der Schule und zu Hause.

Seit über zehn Jahren kümmerst du dich um ­Straßenkinder. Wie bist du dazu gekommen?

Eines Tages habe ich auf dem Nachhauseweg drei hungrige und schmutzige Kinder in der Metro gesehen. Zu Hause gingen sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe dann ­etwas zu essen gekocht, bin wieder zur Metro ­gefahren und habe mich mit ihnen unterhalten. Bald waren es fünf Stationen, an denen ich Kinder mit Lebensmitteln versorgte. Mit Dr. Sereda, einem Arzt, arbeite ich seither zusammen für die Belange der Straßenkinder in St. Petersburg. 
 

Inzwischen hast du sechs Kinderheime gegründet, ihre Anerkennung teilweise bei den Behörden ­erstritten und sorgst für ungefähr 150 Kinder. Woher nimmst du die Kraft, durchzuhalten?

In mir sitzt etwas, das sagt: Du musst. Du musst. Wenn du das nicht machst, wer macht es dann? Wenn ein anderer etwas besser kann als ich, dann bitte ich ihn darum, und viele machen dann mit. Aber wenn ich weiß, nur ich kann das tun, dann mache ich es.

Wer unterstützt dich bei dieser Arbeit?

Wir haben Schwestern und Brüder im Glauben, die unser Anliegen mittragen. Manche schon seit ­Beginn, andere nur für eine gewisse Zeit. Dr. Sereda, der von Anfang an mit dabei ist, hat Kollegen, die uns unterstützen. Auch unsere Hausärztin mit ihrem Mann, dem Physiklehrer unserer Schule, ­stehen mit Wort und Rat an unserer Seite. Es gibt zur Zeit acht Erzieher, die ebenfalls seit zehn Jahren in unseren Kinderheimen mitarbeiten. Ihnen kann ich voll vertrauen.
Aber es gibt auch Menschen, die unseren Einsatz nicht verstehen. Leider auch bei den Behörden. ­Ihnen sind diese Kinder ein Dorn im Auge: nutzlos, wertlos. Den Bürokraten bedeutet unser Einsatz Mehrarbeit, wir machen ihnen „nur Probleme“, wie sie sagen, und zahlen noch nicht einmal Bestechungsgelder! Das hatte ich mir übrigens von ­Beginn an vorgenommen: kein „Bakschisch“, für keine Dienstleistung, keine Unterschrift oder Genehmigung. Das zieht uns nur hinein in das böse Spiel. Unser gutes Anliegen soll nicht Teil des Bösen werden. Darauf liegt kein Segen – und den ­Segen Gottes brauchen wir nötiger als alles andere.
 

Was sind eure nächsten Ziele?

Wir haben viele Projekte, aber am meisten liegt mir ein Haus für die Heranwachsenden am Herzen. Wenn die Kinder 16 werden, sind sie „offiziell zu alt“ für die Kinderheime und landen schnell wieder auf der Straße, wo sie dann der Prostitution und der kriminellen Szene schutzlos ausgeliefert sind. Sie brauchen Schutz, ein sicheres zu Hause und dann vor allem auch eine Lehrstelle.
Wir haben aus OJC-Spendengeldern ein schönes Grundstück in einem Neubaugebiet erstanden und arbeiten jetzt intensiv an den Plänen für ein Jugendzentrum mit Wohneinheiten und Unterrichtsräumen. Hier sollen die Heranwachsenden einen Beruf erlernen können, z.B. als Köchin, Automechaniker oder Kindergärtnerin. Im Frühjahr 2006 soll mit dem Bau begonnen werden. Das Grundstück liegt an einem See und heißt „Sonnenufer“. Das wünsche ich unseren Jugendlichen mit der düsteren Vergangenheit: eine umso sonnigere Zukunft.

Von

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