Gottes schwierige Familie

Predigt

Rudi Böhm

Da kam Noah heraus, er, seine Söhne,
seine Frau und die Frauen seiner Söhne.
Auch alle Tiere kamen, nach Gattungen
geordnet, aus der Arche, die Kriechtiere,
die Vögel, alles, was sich auf der Erde regt.
Dann baute Noah dem Herrn einen Altar,
nahm von allen reinen Tieren und von allen
reinen Vögeln und brachte auf dem Altar
Brandopfer dar.
Der Herr roch den besänftigenden Duft
und der Herr sprach bei sich: Ich will die
Erde wegen des Menschen nicht noch einmal
verfluchen; denn das Trachten des Menschen
ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht
mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es
getan habe.
So lange die Erde besteht, sollen nicht
aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht.      
(1. Mose 8,18-22)

Was kommt uns, wenn wir das Wort Familie hören, in den Sinn? Ich persönlich denke an die leckeren Sonntagsfrühstücke meiner Mutter mit Kakao und gezuckertem Kranzkuchen, an die Gute-Nacht-Geschichten meiner Großmutter, an nette und schwierige Verwandte, an konfliktreiche Auseinandersetzungen mit meinem Vater und ­Rivalitäten mit meinen Brüdern. Tatsächlich gehören beide Bereiche, das Schöne und das Schwie­rige, zur Familie – und die ganze Palette dazwischen. Dasselbe gilt auch für die Familie Gottes.
In dem Predigttext geht es um eine ziemlich zerrüttete Familie. Gott, der Vater dieser Familie, hat es sehr schwer mit ihr gehabt, obwohl er seine Kinder mit Güte und Geduld davon überzeugen wollte, daß er sie liebt und sie zu Erben seiner wunderbaren Verheißungen machen will. Unter Eid hat er seine Absicht bekräftigt, um damit herauszustellen, wie unabänderlich sein Entschluß ist. Sein Versprechen gilt bis heute. Schlicht ist seine Botschaft. Sie gilt für jeden von uns. Und jetzt hören wir sie bitte auch einmal ganz persönlich: „Mein Kind, ich liebe dich. Ich verpflichte mich dir gegenüber. Ich schwöre, daß ich dich niemals verlassen werde. Du bist mein und ich bin dein.“

Eine "göttliche" Familie

„Ich bin euer Vater und ihr seid meine Familie“ – darin liegt das Wesen des Bundes. Ein Bund ist weit mehr als ein Vertrag, der Rechte und Pflichten ­regelt; es geht um Personen, die einander Treue schwören, wie wir es vielleicht noch von einer kirchlichen Eheschließung her kennen. „Ich bin dein und du bist mein.“ Ein Bund, den Gott ­geschlossen hat, drückt immer aus: „Ich werde euer Gott und ihr werdet mein Volk sein, meine Familie, meine Angehörigen“ – denn ein Bund schafft Verwandtschaft. Ein Bund schafft Familienbande, die stärker sind als die biologischen. Wir sehen, wie Gott durch die Geschichte hindurch sich mit Hilfe des Bundes als Vater seiner Familie erweist. Gott ist vor allem und für immer unser Vater. Aber seine Kinder glauben den leeren Versprechungen anderer Götter oft mehr. So muß er immer wieder sehr weit gehen, um sie davon zu überzeugen, daß er anders ist.
 
In der Geschichte von Noah geht es um den ­zweiten großen Bund der Heilsgeschichte, in der Gott sich als Vater seiner Familie erweist. Der Bund wurde mit Noah geschlossen. Noah war Vater von drei Söhnen, von denen jeder Frau und Kinder hatte. An diesem Punkt der Heilsgeschichte vergrößerte sich der Bund Gottes mit den Menschen in eine Hausgemeinschaft mehrerer Familien. Die Schrift berichtet, daß Gott entschlossen war, alle Lebe­wesen auf der Erde zu vernichten wegen der Bosheit des Menschen: Alles Sinnen und Trachten ­seines (des Menschen) Herzens war immer nur böse (Gen 6,5). Doch Noah fand Gnade in den Augen des Herrn; ... denn er war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen (Gen 6,8-9).
Nachdem die Arche gebaut ist und alle Vorbe­reitungen, die Gott angewiesen hatte, von Noah getroffen waren, verschließt der Herr die Tür der ­Arche und das Wasser der Flut kommt über die ­Erde (s. Gen 7,10). Nach sieben Monaten setzt die Arche im Gebirge Ararat „zur Ruhe“ auf (s. Gen 8,4). Schließlich läßt Noah nach langer Wartezeit alle sieben Tage eine Taube heraus (s. Gen 8,10-12), bis die Familie die Arche verlassen kann. Hier setzt unser Predigttext ein.

Rebellische Kinder

In der Heilsgeschichte erscheint die Sünde buchstäblich als ein zerrüttetes Zuhause. Wenn wir uns selbst als Angehörige Gottes sehen, verstehen wir, daß Sünde in erster Linie in einer zerbrochenen ­Beziehung besteht und nicht nur in verletzten Gesetzen. So wie rebellische Kinder, die ihre eigenen Wege gehen wollen, haben auch wir uns oft in ­unserem Leben von Gott abgewandt. Doch er liebt uns weiterhin, ruft uns zu sich zurück, erzieht uns in Liebe, wie es nur ein vollkommener Vater kann, und hält an seinem Versprechen fest.
 
Durch die Heilsgeschichte hindurch hat Gott ­seinen Bund von Adam bis Jesus sechsmal erneuert. Zehn Generationen nach Adam schließt er den zweiten Bund mit Noah und seinem Haus unter dem ­Zeichen des Regenbogens. Mit jedem Bund erweitert er den Bereich seines Handelns an der Menschheitsfamilie.
 
Bei einem Frühstück mit dem Leiter unserer ­Gemeinschaft habe ich ihn gefragt, was er an der Stelle Noahs zuerst getan hätte, damit unsere ­Gemeinschaft nach der Sintflut in die Spur der ­lebenserhaltenden Ordnungen Gottes findet und auf Dauer darauf bleibt. Ohne zu zögern gab ­Dominik Klenk mir zur Antwort: „Ich würde als ­erstes eine Regel schreiben. Es braucht einen guten klaren Rahmen, in dem jeder einzelne sich vor Gott stehend erkennt und seine Seele an Gott orientiert.“ Über alle Zeiten hinweg stehen wir vor dem Problem: Je größer die Familie Gottes ist, desto komplexer gestalten sich ihre Lebensumstände. Man gibt sich Grundsätze, Statuten und Gesetze, um Streitigkeiten zu ­lösen oder ganz zu vermeiden. Das Zusammenleben braucht Regeln; Gott ist in­teressiert an geordneten Beziehungen. Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens (1. Kor 14,33). Wie können wir diesen Frieden in unserem Miteinander erhalten?

Alle an einem Tisch

Einmal im Jahr nehme ich mit meiner Frau an der Jahresretraite unserer OJC-Gemeinschaft im Odenwald teil. Da kommen alle verantwortlichen Leiter (ca. 30 Leute) zusammen – alle unglaublich unterschiedlich: Da gibt es Männer und Frauen, Junge, Leute mittleren Alters und Alte. Da gibt es die frommen Seelen mit kindlichem Gemüt. - Es gibt aber auch die nüchternen, die klugen, die schaffenden und rechnenden Menschen, die vorsichtigen und mißtrauischen. Da gibt es die einen, die sich ehrgeizig Platz schaffen und notfalls dabei auch ihre Ellenbogen gebrauchen, und die anderen, die alles über sich ergehen lassen und darin den Willen ­Gottes zu erkennen meinen. Da gibt es die frohen Genießer, die Gottes Willen darin erfüllen wollen, den Becher des Dasein in vollen Zügen auszu­trinken; und im Gegensatz dazu wiederum die sparsamen Asketen, denen jedes ‚Mehr-als-unbedingt-nötig’ ein Dorn im Auge ist. Und dies alles noch jeweils in der speziellen Ausführung der ‚alles umfassenden Katholiken’ und der ‚weltumtrie­benen’ Prote­stanten. Damit wir in dieser Verschiedenheit in Versöhntheit beieinander bleiben, feiern wir während unserer Retraitezeit jeden Tag Abendmahl miteinander.
 
Auch in unserem Predigtabschnitt gründet das neue Miteinander auf einem Opfer. Da heißt es: Dann baute Noah dem Herrn einen Altar, ... und brachte auf dem Altar Brandopfer dar. (V. 20) Auch die ­Sakramente des Neuen Bundes sind auf ein Opfer hin geordnet: Die Eucharistie ist nicht nur ein ­Gemeinschaftsmahl, sondern auch Vergegenwärtigung des Opfers Jesu Christi. Dabei wird Gott als der alleinige Vater allen Lebens angebetet. Anbetung wiederum bedeutet die absolute Anerkennung Gottes als Ursprung allen Seins, aller Wirklich­keiten, die es gibt – im geistigen und materiellen Bereich – und eine absolute Anerkennung unseres Geschöpfseins, das heißt unserer totalen Abhängigkeit. Mit dieser Grundhaltung in der Anbetung ­beginnt alle Erneuerung des Lebens.

Die unleidigen Verwandten

Gott in allem anbeten ist auch die Voraussetzung zur Entfaltung des Lebens in Beziehungen. Er weiß um die Unterschiede und Gegensätzlichkeiten im Zusammenleben einer Gemeinschaft, ebenso auch in den verschiedenen Kirchen innerhalb der ­Christen­heit. Was hält uns in dieser Verschiedenheit in Frieden und Versöhntheit denn anderes zusammen als Gottes Treue in seinem Bund? Trotz unserer Sündhaftigkeit erklärt er seinen unverbrüchlichen Liebeswillen zu uns Menschen, die er sich zum Gegenüber geschaffen hat. Aber dennoch scheiterten alle Bundesschlüsse immer wieder an der Untreue des Menschen. Während Gott immer treu blieb, waren es seine Bündnispartner nie. Schauen wir uns um: Wir leben in einer Welt voller Angst, Ärger, Wut, Mord, Schmerz, Depression, Einsamkeit, Ablehnung und Tod. Die biblischen Geschichten ­erzählen davon: Adam und Eva; Kain und Abel...
 
Das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Dabei meinen wir es oft noch nicht einmal ­böse. Aus Angst um sich selbst fällt es dem Menschen schwer, den anderen in seiner Andersartigkeit stehenzulassen. Einer hat den anderen im Verdacht, der guten Sache nicht wirklich zu dienen. Unter den Christen zeigt sich das oft darin, daß man diejenigen, die nicht den gleichen Stallgeruch haben, als arme Irrende oder verlorenen Söhne und Töchter anschaut. So verklagen und verdrängen wir einander vor Gott und können nicht glauben, daß Gott auch Menschen liebt, die nicht von „unserer“ Partei sind. Am besten kommen wir dann miteinander aus, wenn wir nicht zusammenkommen. – Ja, Gott hat wirklich eine schwierige Familie. Wie schafft er das bloß, daß er alle trotzdem gebrauchen kann, die zu ihm gehören? Dazu möchte ich etwas aus meiner persönlichen Geschichte erzählen.
Mich hatte lange Zeit eine Frage gequält, die ich immer wieder an Gott richtete: „Herr, an wen soll ich mich halten in dieser widerspruchsvollen Kirchenlandschaft? Und zu wem soll ich halten? Wenn ich nur wüßte, zu wem du dich hältst! Zu deinen Jüngern hast du gesagt: ‚Ihr seid meine Freunde.‘ Aber wer sind bei all dieser Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit deiner verschiedenen Kirchen und Denominationen deine wahren Freunde? Welche Christen sind dir am liebsten? Wenn ich nur einmal in dein Herz hineinschauen könnte.“

Die Freunde Gottes

Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, aber 1987 zur evangelisch-lutherischen Kirche konvertiert. Die Gründe waren damals ganz pragmatischer Natur. Durch den kirchlichen Dienst meiner Frau in der Evang.-Lutherischen Landes­kirche in Bayern erschien mir dieser Schritt – ­unserer Familieneinheit wegen – naheliegend zu sein. An dem Tatbestand hat sich bis heute nichts geändert. Vor fünf Jahren erlitt ich einen Schlaganfall. Ohne den geringsten Anstoß von außen ­passierte etwas völlig Unerwartetes. Mit einem Mal stieg aus dem tiefsten Grund meines Herzens ­meine katholische Prägung wieder nach oben wie eine versunkene Stadt. Ich erinnerte mich an Gebete meiner Kindheit und Gebetsformen, die ich ­jahrzehntelang vergessen und z. T. auch bewußt gemieden oder verworfen hatte. Nun waren sie mit einem Schlag wieder in meinem Bewußtsein und stimmten die Saiten meines Herzens auf die ehemals vertraute Tonart. Meine Sehnsucht geriet dabei auf eine erhebende Weise ins Schwingen und ich hatte das Gefühl, Gottes Nähe zu spüren wie schon lange nicht mehr. Doch von dem Zeitpunkt an ­begann auch eine zunehmend drängender werdende neue Suche nach der Wahrheit, verbunden mit diesen besagten Fragen: „Herr, wer sind jetzt deine eigentlichen Freunde? Welche Christen sind dir am liebsten?“
 
Niemand konnte mir bei der Beantwortung dieser Fragen helfen. Die einen hielten sie für überflüssig, für andere waren sie so bedrohlich, daß sie sie ­zugunsten ihres eigenen Standpunktes beantwor­teten; wieder andere ließen sich von dem inneren Weg, den ich ging, faszinieren und wären ihn am liebsten mitgegangen. Aber zur Klarheit helfen konnte mir lange Zeit niemand. Um mich zu be­ruhigen, versuchte ich immer wieder das Gemeinsame aller herauszustellen. Aber bei näherem Hinsehen gab es eben auch Ungereimtheiten und ­Widersprüchlichkeiten. Immer wieder geriet ich ­dadurch in große Spannung. Der Gedanke, es könne letztlich nur eine richtige Seite geben, machte mich ängstlich und einsam. Ich wurde parteiisch, kritisch, unduldsam und verurteilend gegenüber Andersdenkenden.
 
Ein geistlicher Begleiter verhalf mir in meiner Not zu einer Klärung. Er sagte: Es ist selbstverständlich gut, wenn du auf diese Art betest und häufig die ­Sakramente empfängst. Aber das Gebet und die ­Sakramente sind Mittel, um dir von Gott die Kraft für deine Beziehungen im Alltag zufließen zu ­lassen. Sie sollen deine Beziehungen zu allen ­verbessern und nicht dich abriegeln und über andere stellen. In deinen Mitmenschen begegnet dir Christus selbst. Er ist nicht abstrakt, sondern verwirklicht sich in Gemeinschaft. Ohne Gemeinschaft führt der Glaube zur religiösen Entfremdung. Die meisten Häresien, unter denen die Kirche zu leiden hatte, stammten nicht aus übertriebener Laxheit, sondern aus übertriebener Reinheit! Alle diese „Wir-sind-reiner-als-ihr“-Häresien stehen im Widerspruch zum Anliegen der Kirche, sich „mit Sündern abzugeben und mit ihnen zu essen“. Statt den Weg der größeren Gemeinschaft mit ihnen zu gehen, wählten sie den Weg der Trennung, des Ausschlusses, der Spaltung – wie zuvor bereits die Pharisäer.
Und auf meine Frage antwortete er mir: „Weißt du, Gott bringt es fertig, über alle gut zu denken. Bruchstückweise und auf den seltsamsten Wegen tragen sie dazu bei, daß Gottes Reich gebaut wird. Niemand ahnt, wie es morgen aussehen wird.“
 
Und der Friede Gottes, der es fertigbringt, über alle Menschen gut zu denken, und auch uns dazu ­instandsetzt, es ihm gleich zu tun, dieser Friede bringe uns über alle Vorurteile und Vorbehalte hinweg zueinander und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. 
Amen.
 
Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis („Die Ordnungen Gottes“), den 9. Oktober 2005 in der Evangelischen ­Kirchengemeinde Weitenhagen.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal