Über allen Preis erhaben

Eine Kultur der Achtsamkeit

Bischof Franz Kamphaus

Anlässlich des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003 veröffentlichten die ­katholischen Bischöfe eine Verlautbarung zur Situation von behinderten Menschen, in der es heißt: „Die Fortschritte der Gentechnik, insbesondere in der Humangenetik und Biomedizin entfachen eine gesellschaftliche Dynamik, die den Druck auf Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen schon heute erheblich erhöht. Diese ­Dynamik belastet nicht nur alle hoffnungsvollen Wege im respektvollen und achtsamen ­Zusammenleben zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen, sie hält auch ­eine längst überwunden geglaubte Wunschvorstellung wach – den Traum vom perfekten Menschen und einer leidfreien Gesellschaft.“
Ausgehend von dieser Feststellung hielt der Limburger Bischof Dr. Franz Kamphaus den hier ­veröffentlichten Vortrag auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003.

Je stärker sich die Medizin zur biologischen Wissenschaft entwickelt, um so größer wird die Gefahr, dass sie den Menschen nur noch unter dem Paradigma der Naturwissenschaften betrachtet. Dann wird die Würde des Menschen sehr leicht mit „Wert“ verwechselt. Wer vom Wert des Menschen spricht, ist nur allzu schnell beim unwerten Leben.
Das Wort „Wert“ stammt vom Markt, aus der Ökonomie. Damit ist es nicht disqualifiziert, aber seine Aussagekraft ist eingeschränkt, wenn es um Unbezahlbares und Unantastbares geht. „Was ist das wert?“, fragen wir. Wir kennen Messwerte, Grenzwerte oder auch Wertpapiere. Sie unterliegen der Definition des Menschen, sie sind verhandelbar: Grenzwerte werden von Kommissionen festgelegt, Messwerte sind statistische Ergebnisse von Experimenten, Geldwerte unterliegen den Schwankungen von Wechselkursen.

Würde statt Wert

All das zeigt: Der Wert hängt von der Bewertungsgrundlage ab, ändert sich mit ihr und kann gegen Null gehen. Würde dagegen eignet einem Menschen als Mensch. Kant hat das klar formuliert: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes ... gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist ... das hat eine Würde“ ­(Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 2, AA, 434). Die darf man nicht zu Markte tragen und darüber verhandeln. Sie ist nicht an ­Bedingungen geknüpft, sondern gilt unbedingt. Sie schützt davor, dass der Mensch Mittel zum Zweck wird. Das ist unter seiner Würde.
Die Würde sprechen wir uns nicht zu. Sie ist uns vorgegeben, darum können wir sie einander auch nicht absprechen. Sie besteht vorgängig zu unseren Taten und Untaten, zu unseren Leistungen und Fehlleistungen. Auch diejenigen, die nicht selbst­bestimmt leben können, besitzen eine unantastbare Würde. Das ist eine Relativierung der Selbstbestimmung. Absolute Autonomie im Zeichen des Machens und der Selbstbestimmung einerseits und die Unantastbarkeit andererseits (die ja nicht nur das Handeln des anderen betrifft, sondern auch mein eigenes an mir selbst) stehen sich gegenüber. Darin steckt ein ungelöster Konflikt im Projekt „Moderne“. Wenn die Haltung des nicht antastenden Annehmens verschwindet, werden wir keine Ethik der Würde mehr haben, sondern am Ende nur noch ­eine „Ethik“ der Erfolgsinteressen. Im Handumdrehen trägt dann die Selektion die Maske der Selbstbestimmung, die Vernichtung von Menschenleben die Maske des Mitleids.
 
Der Sinn für die Unantastbarkeit der Menschenwürde verschwindet nicht schlagartig, er kommt eher schleichend abhanden – gleichzeitig meist der Sinn für die Liebe. Die Gesellschaft verlernt dann Schritt für Schritt, was Liebe ist; sie stellt das ­Lebensrecht eines Menschen unter den Vorbehalt seines aufweisbaren Wertes, bemisst ihn nach ­Kriterien, die mit der Einzigartigkeit der Person ­wenig zu tun haben. Dem widersetzt sich die Liebe mit Nachdruck. Ihr widerspricht es, sich von Bedingungen abhängig zu machen, sie ist bedingungslos. Wahre Liebe bezieht sich auf einen Menschen um seiner selbst willen; der will seinerseits nicht seines Geldes oder Aussehens wegen geliebt werden, ­sondern als er selbst. Eine Person ist reiner Selbstzweck.

Gottes Ebenbild

Jürgen Habermas hat in seiner Paulskirchenrede die Begriffe Geschöpflichkeit und Ebenbildlichkeit in Erinnerung gebracht. Die „Geschöpflichkeit des Ebenbildes drückt eine Intuition aus, die in unserem Zusammenhang auch dem religiös Unmusikali­schen ... etwas sagen kann.“ Verzeihen Sie jemandem, der nicht nur ex professo religiös musikalisch ist, der vielmehr froh darüber ist, es sein zu dürfen, dass er den Anstoß von Habermas aufnimmt und weiter treibt: Wie ist die Würde des Menschen in ihrer Unantastbarkeit letztlich anders zu begründen und, wenn‘s zum Schwure kommt, durchzuhalten als im Namen der Gottebenbildlichkeit?
 
Die Würde des Menschen besagt, dass er einer Bewertung durch Menschen entzogen ist. Das meint die Bibel, wenn sie den Menschen als Ebenbild Gottes versteht. Dann kann er nicht das Ebenbild eines Menschen sein. Ebenbild Gottes markiert ­einen Freiraum, in dem jeder einzelne zu sich selbst kommen kann. Die Weigerung, sich als Gottes Geschöpf anzunehmen, führt nicht zu Originalen, sondern zu Abziehbildern. Gnade uns Gott, wenn der Staat oder Menschen die Lufthoheit nicht nur über Kinderbetten, sondern überhaupt über Menschen für sich selbst beanspruchen. Dann wird gnadenlos ausgemerzt, was nicht ins vorgefertigte Wunschbild passt: Zuerst Unvollkommenheiten des Menschen, dann die unvollkommenen Menschen (vorab die Behinderten) und schließlich der Mensch, wie er ist, ein unvollkommenes Wesen. Auf dieser abschüssigen Bahn gibt es kein Halten.
 
„Der produziert sich selbst“, sagen wir. Und wir wissen doch auch, was davon zu halten ist – nichts! Soll das in Zukunft anders sein? Was ist, wenn Kinder ein Produkt ihrer Eltern werden? Dann sind sie an deren Maß gekettet. Das ist unter ihrer Würde. Bild vom Menschen oder Bild Gottes – das ist ein himmelweiter Unterschied. „Bild Gottes“ schenkt dem Menschen die Freiheit, er selbst zu sein und es immer mehr zu werden, ein Original.

Bilderverbot

Wenn der Mensch das Ebenbild Gottes ist, dann hat auch auf ihn hin das zweite Gebot des Dekalogs seine Bedeutung: „Du sollst dir kein Gottesbild machen ...“ Kaum jemand hat das so ausdrücklich unterstrichen wie Max Frisch: „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind.“ In seinen Tagebüchern schreibt er: „’Du sollst dir kein Bildnis machen’, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns ­begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – ausgenommen wenn wir lieben.“
 
Wir leben in einer visuellen Kultur. Damit stehen wir in der Gefahr, unser Denken von Bildern überwältigen zu lassen. Bilder beflügeln die Phantasie. Wir projizieren in sie unsere Ängste und unsere Hoffnungen und übertragen sie immer mehr auf Menschen. Ist das nicht bezeichnend: Das erste Bild, das wir von einem Menschen haben, ist der Blick des Arztes auf den Embryo bei der Ultraschalluntersuchung. Nicht die Mutter blickt auf ihr Kind, sondern sie tut es dann mit den Augen des Arztes, der nach Fehlern sucht, nach Schwächen oder gar nach den Schwachen.
 
Wenn wir die Menschen auf ein Bild reduzieren, dann verstoßen wir gegen das Bilderverbot. Ein von außen hergestelltes Bild kann nicht die Individua­lität eines Menschen berücksichtigen, mehr noch, es verdrängt sie. Die Reproduzierbarkeit des Bildes bedroht die Einmaligkeit des Individuums. Schlimmstenfalls kommt es soweit, dass wir anfangen, das zukünftige Leben zu simulieren und nur dann anzunehmen, wenn es uns passt.
 
Es genügt ja längst nicht mehr, sich selbst zu verwirklichen, man muss sich selbst neu erfinden und neu schaffen, mit Skalpell und Silikon. Im Ergebnis entstehen nur allzu leicht Kunstfiguren wie Michael Jackson, dessen Gesicht durch immer neue Schönheitsoperationen allmählich zu einer Maske erstarrt. Ein eindringliches Zeichen für die Gewaltsamkeit eines Selbstgestaltungswillens, der nach Perfektion strebt und dabei das Leben sterilisiert.
Derartige Tragödien nehmen zu. Man braucht dabei gar nicht an prominente Beispiele zu denken. Es genügt der Blick auf das alltägliche Unglück, das sich die Opfer verinnerlichter Schönheitsideale selbst bereiten: das Elend Magersüchtiger, die, obgleich nur noch Haut und Knochen, sich immer noch zu dick finden. Mit wessen Augen schaut sich eigentlich an, wer im Spiegel nur noch Fettpolster hier und Tränensäcke dort sieht, den eigenen ­Körper sozusagen als einen einzigen „Schönheitsfehler“? Welchem Vorbild eifert nach, wer sich für Fitness, Wellness und Beautiness mit einer Ausdauer und Leidenschaft quält, die mittelalterliche Folterknechte in Erstaunen versetzt hätte? Die Weigerung des Menschen, sich als Ebenbild Gottes anzunehmen, schürt eine zermürbende und zerstörerische Unzufriedenheit mit sich selbst und liefert ihn schutzlos dem Perfektionszwang der eigenen Idealbilder aus.

Der Blick des Liebenden

Aus diesem Zwang befreit kein wissenschaftlicher Blick, sondern allein der Blick eines Liebenden. Ein Mensch, der sich nicht geliebt weiß, muss fortwährend „sich selbst produzieren“, um sich akzeptieren und von anderen anerkannt fühlen zu können. ­Indem der christliche Glaube seine Vision vom Neuen Menschen in Erinnerung bringt, plädiert er im Namen Gottes für nicht weniger als für die Freiheit von selbstauferlegten Zwängen.
Dazu gehört auch eine neue Form des Mitleidens. Es geht nicht darum, im Bemitleideten das Be­mitleidenswerte und Schmerzliche zu erkennen. Von dieser Haltung müssen wir uns lösen. In den Begegnungs- und Heilungsgeschichten der Bibel erschließt sich den Christen die Option für eine Kultur der Achtsamkeit: Sie ist offen für den Schmerz und das Leid anderer Menschen. Sie ist zugleich aufmerksam für die Eigenkräfte und das Gelingen, das im Leben der behinderten Menschen offenkundig wird. Sie öffnet den Blick für einen Reichtum, der leicht in einer einseitigen Haltung des Mitleids verborgen bleibt.
 
Mit Behinderungen sein Leben zu führen, hat eine eigene Sinnhaftigkeit. Für die Mehrzahl der Menschen relativiert es die gewohnten Maßstäbe des Sinnvollen und Nichtsinnvollen. Nichtbehinderte Menschen erkennen, dass es möglich ist, sinnvoll zu leben – bei allem Anderssein. Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Sie entdecken am Anderen neue Möglichkeiten, mit den Begrenztheiten auch des eigenen Lebens sinnvoll umzugehen. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser oder schlechter zu traktieren. Sie lernen, Ängste vor dem Unbekannten und Befremdlichen abzubauen. Sie lernen eine Menschlichkeit, die für vieles Platz hat. So besehen, sind Menschen mit Behinderungen „besondere Autoritäten” für einen Reichtum sinn­erfüllten Lebens, der sich in kein festgefügtes Bild pressen lässt. Pränatale Diagnostik und Gentechnik verheißen die Möglichkeit, den Menschen maß­zuschneidern. Das Schreckbild des geklonten Menschen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Denkweise, die perfekte menschliche Kopien als wünschens- und erstrebenswert erscheinen lässt, sich keineswegs auf das Klonen beschränkt. Es hat unübersehbare Folgen, wenn man den Menschen auf ein anderes Bild festlegt als auf das, das er als Ebenbild repräsentiert. Alles steht auf dem Spiel, wenn’s ums Leben geht, erst recht, wenn’s ans ­Leben geht.

Von

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