Zu Gast in der Arche

Wie können behinderte und nichtbehinderte Menschen als Freunde zusammenleben?

Claudia Kobold

Claudia Kobold hat die von Jean Vanier gegründete Arche in Trosly-Breuil in Frankreich besucht. Die Gemeinschaft ist ihr und vielen anderen zu einem wichtigen Orientierungspunkt geworden, wie Menschen mit und ohne Behinderung in einem freundschaftlichen Miteinander Leben und Glauben teilen und das persönliche Wachstum des Einzelnen ermutigen und fördern.

Wir leben nicht vom Brot allein...

Bei Der Arche konnte ich erleben, dass Beziehung und Freundschaft, nicht materielle Ausstattung im Mittelpunkt stehen. Ich bin davon beeindruckt, zu welchen Persönlichkeiten sich behinderte und nichtbehinderte Menschen in einer Atmosphäre entwickeln können, in der ernstgenommen wird, dass „der Mensch nicht vom Brot allein“ lebt. Dies wird besonders bei den Mahlzeiten deutlich: es geht nicht nur um Sattwerden, sondern um die ­Feier der Gemeinschaft – auch mit Gästen.

Die Ur-Arche in Trosly-Breuil

In diesem kleinen Ort ca. 80 km nördlich von Paris leben etwa 200 behinderte und nicht behinderte Menschen in verschiedenen Hausgemeinschaften zusammen. Weltweit gibt es inzwischen etwa 121 Arche-Gemeinschaften in 30 Ländern auf fünf Kontinenten. Vier liegen in Deutschland: in Hamburg, Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg.

Jean Vanier, der Gründer

Jean Vanier wurde 1928 als Sohn eines kanadischen Generals geboren. Fünfzehnjährig trat er in die ­kanadische Kriegsmarine ein und erhielt dort eine „ganz auf Effizienz abgestellte Ausbildung. Vom Evangelium und der Friedensarbeit angezogen“1, nahm er 1950 seinen Abschied und ging nach ­Paris, um in einer von dem Dominikanerpater Thomas Philippe gegründeten Studentenkommunität zu ­leben. Er studierte Philosophie und Theologie, promovierte über Aristoteles und lehrte Philosophie an der Universität in Toronto. 1963 besuchte er Pater Thomas, der inzwischen Hausgeistlicher eines Heims für 30 Männer mit einer geistigen Behinderung in Trosly war. Die Begegnung mit den Heimbewohnern war für ihn etwas Neues und Umwerfendes. Anders als seine Studenten, so schreibt er, „interessierten sie sich nicht im geringsten für das, was in meinem Kopf vorging, dafür aber um so ­intensiver für meine Person: ‚Wie heißt du? Was machst du? Wann kommst du wieder?’ Alles in ihnen schrie nach Begegnung, nach Freundschaft und Gefühlen. Ihr Schrei rührte mich an.“2 Vanier hörte hieraus den Ruf Gottes, seinem Leben noch einmal eine ganz neue Richtung zu geben.
 
Er kaufte ein kleines, altes Haus, L’Arche, und ­begann 1964 das Zusammenleben mit Philippe und Raphaêl, die bis dahin mit 80 anderen geistig behinderten Männern ohne Beschäftigung in zwei Schlafsälen gelebt hatten. Er schrieb: „Ich wusste, dass ich damit ein nicht rückgängig zu machendes Zeichen setzte, dass zwischen uns ein Bündnis bestand. Ich wollte ihnen eine Familie geben, einen Ort der Zugehörigkeit, wo sie sich in jedem Bereich ihres Daseins entfalten und die gute Nachricht Jesu entdecken konnten.“3 Bald kamen an vielen Orten Hausgemeinschaften hinzu; eine weltweite Bewegung entstand.
Jean Vanier gab 1980 die Leitung der Gemeinschaft ab. Er lebt bis heute in der Archegemeinschaft in Trosly.

Ziele der Archegemeinschaften

Jean Vanier und Henry Nouwen4 beschreiben, wie sie im engen Kontakt mit Schwerbehinderten ­gelernt haben, in der konkreten Gegenwart zu leben und im Umgang miteinander wirklich ganz da zu sein. Ein junger Mann, Adam, den Nouwen über längere Zeit versorgte, bekam sofort Krampfanfälle, wenn Nouwen ungeduldig wurde oder bei der Pflege einfach nicht bei der Sache war. Ich denke, das ist es, was in der Mystik „Achtsamkeit“ heißt.
 
In der Charta Der Arche, von der Vollversammlung der Internationalen Föderation 1993 verabschiedet, heißt es:
 
1. Ziel Der Arche ist es, Gemeinschaften zu schaffen, die Menschen mit einer geistigen Behinderung aufnehmen. Sie will so auf die Not derer antworten, die zu oft ausgeschlossen werden, und ihnen ihren Platz in der Gesellschaft zurückgeben.
2. Die Arche möchte die besonderen Gaben von Menschen mit einer geistigen Behinderung ­erkennen lassen. Sie sind das Herz unserer Gemeinschaft und rufen dazu auf, das Leben mit ­ihnen zu teilen.
3. Die Arche möchte ein Zeichen sein, dass eine wahrhaft menschliche Gesellschaft auf der Annahme und der Achtung ihrer ärmsten und schwäch­sten Gliedern gegründet sein muss.
4. In einer zerrissenen Welt möchte Die Arche ein Zeichen der Hoffnung sein. Ihre Gemeinschaften gründen sich auf tiefe, beständige Beziehungen zwischen Menschen von unterschiedlichem ­intellektuellem Niveau und verschiedener so­zialer, religiöser und kultureller Herkunft. Sie möchte so Zeichen der Einheit, der Treue und der Versöhnung sein.
 
Das größte Leiden der Behinderten ist oft nicht die Schädigung selbst, sondern die durch Ablehnungserfahrungen empfangenen Verletzungen. Viele ­Behinderte sind nicht Stolz und Freude ihrer Eltern, sondern eher das Gegenteil. Schmerz und auch Wut, die auf diese Weise ein Leben prägen, sind oft unüberwindbar. Es ist die Berufung der Menschen in Der Arche, dies in Freundschaft mitzutragen, beieinander auszuhalten, so dass Wunden heilen können und Vertrauen und Freude wachsen. Dies ist nicht leicht. Die Assistentinnen und Assistenten werden mit ihren eigenen Dunkelheiten, Aggres­sionen und Abwehrgefühlen konfrontiert und erfahren sich hierin selbst als behindert. Die Versuchung liegt nahe, Abstand zu suchen, in eine Berufsrolle zu flüchten, sich durch Institutionalisierung ­abzugrenzen. Demgegenüber formuliert die Charta Der Arche die Berufung zur Einheit:

Zu Einheit und Wachstum berufen

1. Einheit ist auf den Bund der Liebe gegründet, zu dem Gott alle Gemeinschaftsmitglieder ruft. Dies beinhaltet das Annehmen und Respektieren von Unterschieden.
2. Die verschiedenen Mitglieder der Gemeinschaft sind dazu berufen, einen einzigen Leib zu bilden; wie in einer Familie leben, arbeiten, beten und feiern sie gemeinsam, teilen Freuden und Leiden miteinander und verzeihen einander.
3. Die verschiedenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt werden durch Solidarität zusammengehalten und bilden eine weltweite Familie.
4. Die Gemeinschaften Der Arche sind Orte der Hoffnung. Jedes Mitglied wird ermutigt, in Liebe, Hingabe und innerer Einheit zu wachsen, aber auch in Selbständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Kompetenz.
5. Die Gemeinschaften möchten für ihre Mitglieder Erziehung, Arbeit und therapeutische Aktivitäten sicherstellen, die ihnen Würde und Möglichkeit zur Entwicklung geben.
6. Die Gemeinschaften möchten allen die Möglichkeit geben, ihr geistliches Leben weiter zu vertiefen und in Einheit und Liebe zu Gott und den anderen zu wachsen.
7. Alle Mitglieder sollen, soweit es ihnen möglich ist, an Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen.
 
Die einzelnen Archegemeinschaften sind, je nach Mitgliedern und Umgebung, entweder in einer Kirche beheimatet, überkonfessionell oder, wie in ­Indien, interreligiös. Der Kontakt zu den Glaubensgemeinschaften wird gesucht mit dem Ziel die Mitglieder Der Archen in den je eigenen Kirchen und Kultstätten zu integrieren.
Alle, die bisher mit mir nach Trosly gefahren sind, haben sich in der Atmosphäre wohlgefühlt, unabhängig von ihrer religiösen Bindung. Wir spürten die große Gastfreundschaft, die zu den Kenn­zeichen Der Arche gehört, die ein Zeichen in der Gesellschaft sein will. Klar ist, dass die Lebensform Die Arche nicht das Modell für alle sein kann. Sie macht aber sichtbar, wie behinderte Menschen ein ausgefülltes soziales und spirituelles Leben führen, wenn sie geliebt und geachtet werden: „Wir haben entdeckt, dass der behinderte Mensch kein Armer ist, dem man sich zuwendet, sondern Quelle des Lebens. Wir entdecken noch, dass er eine Berufung hat, eine Mission in der Kirche und der Welt.“5

Anmerkungen und Informationen:

1 Jean Vanier, Heilende Gemeinschaft, Salzburg o. J.
2 ebd.
3 Jean Vanier, Die Geschichte der Arche. Sonderausgabe des Briefes der Arche. Osnabrück 1989, S. 3
4 Henry Nouwen, geb. 1932 in den Niederlanden, Professor für Spiritualität an der Harward-Universität, lebte seit 1986 in der Arche in Toronto. Er hat in vielen Büchern über seine Erfahrungen berichtet.
5 Claire de Miribel Vorwort zum Sonderheft „25 Jahre Arche“ in: J. Vanier: Die Geschichte der Arche. s.o. S. 1
 
Informationen zur Arbeit der Arche und Adressen der Arche-Gruppen in Deutschland erhalten Sie bei
Arche Deutschland, Vorsitzender Erik Thouet, Klosterhof 3, 88255 Baindt, Tel.: 07502/911157
www.arche-deutschland.de

Weiterführende Literatur:

Jean Vanier:
Einfach Mensch sein. Wege zu erfülltem Leben. Herder Vlg.
 
Jesus. Geschenkte Liebe. Herder Vlg.
 
Gemeinschaft heißt zu Hause sein. Brockhaus Vlg.
 
In Gemeinschaft leben. Meine Erfahrungen. Brockhaus Vlg.
 
Herausfordernde Gemeinschaft. Eine praktische Hinführung zum gemeinsamen Leben. Otto Müller Vlgs.Ges.
 
Heilende Gemeinschaft. Beziehungen zwischen Behinderten. Otto Müller Vlgs.Ges.
 
(Diese Bücher werden immer wieder aufgelegt.)

Henri Nouwen:
Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt. Herder Vlg. 1991
 
Adam und ich. Eine ungewöhnliche Freundschaft. Herder Vlg. 1998
 
Nachts bricht der Tag an. Tagebuch eines geistlichen Lebens. Herder Vlg. 1990
 
Hans Schaller:
Wenn Leid Gemeinschaft stiftet. Vom Leben mit ­geistig Behinderten. Kanisius Verl. 1992
 
Christian Sint:
Karriere nach innen. Leben mit Menschen mit ­Behinderung. Meine Erfahrungen in der Arche.
Tyrolia Verl. 2004

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