Wenn die Freude überspringt

Den Schatz entbergen - Rückblick einer Ergotherapeutin

Andrea Stein

Es war 1987: Im Rahmen eines Praktikums in der akuten Psychiatrie zeigte man mir eine geschlossene Frauenstation. Die leitende Schwester führte mir viele Räumlichkeiten vor. Hinter einer der Türen, die sie aufschloss, war die Besenkammer. Bei der nächsten Tür – ich dachte bei mir etwas genervt, jede Besenkammer müsse ich nun auch nicht sehen – durchfuhr mich ein Schrecken: Hinter dieser Tür waren Menschen eingeschlossen! Sie wurden mit als „unsere Kinder” vorgestellt. In Wahrheit waren es erwachsene Menschen mit schwerer und schwerster geistiger Behinderung, die niemals oder nur kurze Zeit in ihrer Familie gelebt hatten. Einige begrüßten uns freudig, andere dösten vor sich hin oder liefen unruhig hin und her, wieder andere redeten oder gestikulierten vor sich hin...
An den weiteren Ablauf der Stationsführung kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie benommen ging ich auf meine Praktikumsstation zurück. Spontan äußerte ich gegenüber meiner Mentorin: „Mit diesen Menschen hinter der Tür möchte ich einmal arbeiten.”
Knapp ein Jahr später begann ich, 19jährig und mit gerade abgeschlossener Ausbildung zur Ergotherapeutin, meinen Dienst auf der geschlossenen Frauenstation, einem „Sammelbecken” für Menschen mit geistigen Behinderungen unterschiedlicher Schweregrade sowie Menschen mit chronisch psychischer oder schwerer akut psychischer Erkrankung.
 
Die nächsten fünf Arbeitsjahre waren erfüllt von freudigem Elan und Erfolg, aber auch geprägt von hartem Widerstand und schwerer Anfechtung. Das System des Wegschließens war fest etabliert, ­äußerst hartnäckig und erforderte einen zähen Kampf. Nahezu unerträglich schien mir die Spannung, in diesen Menschen Bedürfnisse, Gaben und Fähigkeiten zu entdecken, dabei aber zu wissen, dass sie in ihrem Umfeld nichts galten und von der Stigmatisierung erstickt wurden. Ja, ich erlebte es als eine Zerreißprobe, geduldig zu sein und die Sensibilität für individuell ganz unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu haben.
Auf der einen Seite spürte ich sehr viel Freude. Die uns anvertrauten Menschen gewannen Vertrauen, wurden ansprechbar, nahmen die Beschäftigungen und Angebote freudig an, entwickelten Fähigkeiten. Auf der anderen Seite führte diese positive Entwicklung nicht zu einer wirklichen Verbesserung der ­Lebensqualität, denn der Umgang mit ihnen blieb unverändert.

Die Isolation überwinden

Mir wurde zunehmend klar: Diese Menschen sind nicht an ihrer geistigen Behinderung gescheitert, sondern daran, als wertlos angesehen zu werden. Ja, bei einigen hatte ich den Eindruck, dass die seelische Beeinträchtigung größer war als die eigentliche geistige Behinderung.
 
In dieser Zeit bekam ich Kontakt zum Fürsorgerischen Gemeindedienst und damit zu einem Kreis von Menschen mit geistiger Behinderung, die in ­ihrem Elternhaus aufwachsen durften. Diese ­wöchentlichen Begegnungen waren mir eine wahre Schule und prägten auch meine Arbeit in der ­Klinik. Biblische Geschichten, Lieder und Spiele gewannen darin Raum. Menschen aus der Klinik knüpften Kontakt zu diesem Kreis und manch’ eine Veranstaltung wurde in der neuen Zusammensetzung zu einer besonderen Bereicherung. Daneben wurde der Lebensradius in der Klinik immer weiter – zum Beispiel durch krankenhausinterne Kinovorführungen und Spaziergänge, Spiele, Ausflüge bis hin zu mehrtägigen „Therapiefahrten”, in deren Rahmen wir auch Themen der Bibel erarbeiteten, Gemeinschaftsleben übten und Gottesdienste besuchten. In Folge ließen sich in einem – Gott sei Dank – unkomplizierten Verfahren zwei Frauen taufen. Beide wurden kurze Zeit später in eine ­ordentliche Heimbetreuung entlassen. Zu einer ­dieser beiden Frauen habe ich bis heute Kontakt und erlebe, wie sie aus diesem Schritt von vor 15 Jahren lebt. Ja, es war keine Gemeinde aber eine Gemeinschaft von suchenden und ausgehungerten Menschen.
 
Es kam der Tag, an dem ich feststellte, dass unter den gegebenen Bedingungen die Kapazitäten für eine Weiterentwicklung der behinderten Menschen erschöpft waren. Sie müssen in keiner Klinik leben, obwohl sie inzwischen für eine betreute Wohnform fit geworden waren. Meine Bemühungen, eine derartige Wohngemeinschaft zu gründen, scheiterten damals. Ich merkte auch, wie die unablässigen Kämpfe und Konfrontationen mit all dem Menschenunwürdigen in der ohnehin sehr schweren Arbeit auch mein Kraftpotential stark angegriffen hatten. Ich spürte, meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Aber sie kam zu einem schönen Abschluss: obwohl man es den Betreuten nicht zugetraut hätte, vereinten sich alle Gaben und Grenzen in einem Krippenspiel, mit dem wir damals die verschiedenen Stationen des Klinikums besuchten.

Der Freude Raum geben

Über meinen Weggang hinaus begleitete mich die Frage: „Warum geben Eltern ihre eigenen Kinder weg?” und die Feststellung „Die Begleitung dieser Menschen und Familien muss früh beginnen, bevor es zu spät ist.”
Punktgenau zum Ablauf der Kündigungszeit konnte ich eine Arbeit in der neu eingerichteten Früh­förderstelle des Diakonischen Werkes beginnen – in einer anregenden, farbenfrohen, kunstvoll gestal­teten Spiel- und Abenteuerwelt mit Schaukeln und Hängematten, Klettertürmen und Rutschen, Ballbad, Knautschsäcken, Großbausteinen.  Die verschiedenen Spiel- und Gestaltungsangebote halfen den Kindern, sich selbst wahrzunehmen, ihre Sinne zu schulen, ihre Motorik zu entwickeln, sich in Denkprozessen und Sprachvermögen zu üben, ­lebenspraktische Fähigkeiten zu erwerben und erste soziale Kontakte zu knüpfen. Die Freude am Spiel und am Tätigsein stand an erster Stelle und war die eigentliche Antriebskraft.
Alle Eltern mit geistig behinderten Kindern hatten das eine gemeinsam: keiner hatte sich sein Kind so gewünscht, wie es ist. Jedem war bewusst, dass der Weg mit diesem Kind anders, mühevoller und enttäuschender sein werde als der Weg mit einem „normalen“ Kind. Diese Eltern brauchen Halt, Stärkung und Hoffnung für die Herausforderung. Worauf aber soll sich eine Hoffnung gründen, wenn ­Eltern erleben, dass ihr Kind mit seinem Sein und seinen Gaben in unserer leistungsbezogenen Gesellschaft nicht wirklich zurechtkommt, dass das, was es ist und kann, nicht zählt und keine Lebensgrundlage bietet?
 
Oft erlebte ich, dass gerade die Freude, wie ich sie oben beschrieben habe, Kinder und Eltern miteinander verband. Dort, wo Eltern das Gefühl be­kamen, ihren Kindern Gutes zu tun, ihnen eine Freude machen zu können, entwickelte sich Beziehung und die Freude sprang über.
Das Reich Gottes ist Freude. Und es gibt Menschen unter uns, die diese Freude in besonderer Weise verkörpern und weitergeben. Menschen mit einer geistigen Behinderung können für uns solche Menschen sein, wenn wir uns auf sie einlassen. Hier kann sich erfüllen, was uns die Bibel zusagt: Das Reich Gottes ist mitten unter uns.

Das Wesentliche erfassen

Eine Mutter, die selbst aus dem Glauben lebt, konnte mir sagen: „Es ist nicht schlimm, wir können ­unsere Tochter, so wie sie ist, aus Gottes Hand nehmen.” Andererseits habe ich auch erlebt, wie kleinen Kindern ein unzumutbarer Marathon an teilweise schmerzhaften Therapien zugemutet wurde, ohne dass sich Fortschritte einstellten, die ihr Leben verbessert hätten. Wie muss Menschen zumute sein – wie muss es ihrer Seele gehen – wenn sie als Thera­pieobjekte und als Wirtschaftsfaktoren fungieren und wenn ihre Freude durch die ausschließliche Orientierung an der Gesellschaft erstickt wird?
Warum kommen Menschen mit geistiger Behinderung in unserer Welt eigentlich nicht zurecht? Liegt es nicht daran, dass wir uns in unserer „kultivierten und zivilisierten“ Gesellschaft soweit von der Ordnung der Schöpfung entfernt haben, dass es kaum noch adäquate Lebensräume gibt? Es fällt uns beispielsweise viel leichter, dem Konsumzwang zu ­erliegen, als in unmittelbarem Kontakt zur Natur zu leben.
 
Was bedeutet uns ein Mensch, der uns „nur” freundlich anlächelt, der „nur” mit uns zusammensein will? Haben wir noch ein Gespür dafür, wie wir uns in seiner Gegenwart verändern – und ist uns das überhaupt noch wichtig?
Eine Mutter sagte mir einmal: „Wenn wir unseren Sohn nicht hätten, hätten wir nie über Gott nach­gedacht, denn wir hätten das gar nicht gebraucht.”
Menschen mit Behinderungen können unsere Gesellschaft nicht leistungsstärker aber menschenfreundlicher und würdevoller machen, wenn wir uns darauf einlassen, uns von Gott durch ihre Gegenwart verändern zu lassen.

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