Ich froh!

Ein wahres Märchen vom Bruderhof in Darvell

Kinder können uns lehren, nicht beschämt zu sein, wenn wir versagen, sondern uns auf­zu­rappeln und von vorn zu beginnen. Wir sind ­mei­stens so vorsichtig und gehen auf Nummer ­sicher – das macht uns steif und furchtsam.
Deshalb versagen so viele Menschen. Die meisten Erwach­senen haben sich damit abgefunden, ­Versager ­zu sein.    
Malcolm X

Wer Darvell besucht, kann Sarah auf keinen Fall verpassen: ein Mädchen mit glänzenden Augen und rabenschwarzem Haar, das kess unter ihrem Sicherheitshelm hervorlugt. Sobald jemand sie anschaut, erstrahlt auf ihrem Gesicht ein Lächeln. Bei allem ist sie mitten dabei, sei es beim Klettern auf eine Leiter oder beim Berühren einer Blume im Garten. Mal plappert sie dabei fröhlich auf englisch, mal auf koreanisch. Sie ist voller Energie und steckt alle mit ihrem herzlichen Lachen an.
Das war nicht immer so. Als Sarah 1997 auf die Welt kam, waren ihre Eltern Kevin und Jeanie zunächst überglücklich. Als erstes Kind stellte sie ihr Leben völlig auf den Kopf. Sie sorgte für eine ­lebendige Beziehung der Eltern, die aus Seoul stammen, mit dem neuen Land. Doch die erste große Freude wandelte sich durch Sarahs ver­zögerte Entwicklung in wachsende Unruhe und dann in offene Sorge. Als sie ein Jahr alt war, sah sie zwar kräftig und gesund aus, bewegte sich aber wenig und gab nur selten Laute von sich. Mit achtzehn Monaten konnte sie nicht sitzen, geschweige denn laufen. Mit vier Jahren konnte sie nur krabbeln und sprach nur ein halbes dutzend Worte. Meistens gab sie sich damit zufrieden, in ihrem Kinderwagen zu liegen und die Welt an sich vorbeiziehen zu lassen.
Zunächst nahm man an, sie entwickle sich nur langsamer, denn keine Diagnose schien zu passen. Heute nennen die Ärzte das Symptom „ataktische Störung“ – eine Zielunsicherheit, die durch das ­Fehlen des Muskeltonus an Schultern, Hüften und Wirbelsäule entsteht. Kevin und Jeanie trugen sie herum, umarmten sie, sprachen und sangen mit ihr. Sie liebten sie und taten alles Erdenkliche für sie. Aber sie machte keinerlei Fortschritte.
Als Sarah drei wurde, zog ihre Familie mit der ­inzwischen geborenen kleinen Schwester Sejune nach Darvell, einem Bruderhof in England. Dort begann Rachel, eine Physiotherapeutin, täglich mit ihr zu üben. Sie erzählt: „Zunächst versuchten wir, Sarahs Mobilität mithilfe eines Gehtrainers zu ­verbessern. Aber es war eine schwierige Prozedur. Sie konnte nur krabbeln, nicht das Gewicht auf ihre Beine verlagern oder sie aufwärts bewegen. Sechs Monate intensiver Therapie waren notwendig, ­damit sie sich mehr als drei Meter vorwärts bewegen konnte. Als sie aber gewahr wurde, dass sie auf diese Weise gehen konnte, wohin sie wollte, ging’s richtig los.“
Rachel erinnert sich an ein Gespräch mit Jeanie: „Sie wollte, dass ihre Tochter lernte, vom Schlafzimmer zum Badezimmer zu gehen, die Toilette zu ­benutzen und wieder zurückzugelangen – ganz ­allein. Ich stöhnte innerlich, denn das kam mir ­unerreichbar vor.“
Nach zwei Jahren hatte Sarah das Unerreichbare erreicht – und noch viel mehr! Drinnen läuft sie mit Hilfe ihres Gehtrainers herum und hat sogar ­gelernt, selbständig mit zwei Krücken zu laufen. Draußen benutzt sie ein Dreirad und kann sich damit so schnell fortbewegen, wie jedes andere Kind. Schaukel, Rutsche, Karussell und Sandkasten sind ihr jetzt zugänglich.
 
Auch in anderer Hinsicht hat sich Sarahs Leben verändert. Sie kümmert sich mit um Serin, eine zweite kleine Schwester und ist in die Aktivitäten ihrer ­Altersgruppe integriert. So ist sie heute nur selten allein. Eine ihrer Erzieherinnen meint: „Sarah ist immer genau da, wo viel los ist. Sie kann sich sprachlich gut ausdrücken, obwohl ihre Sprachentwicklung einige Jahre hinterherhinkt. Jedem Vorüber­gehenden ruft sie ein „Hallo“ zu und organisiert das Spielen in der Bausteinecke. Sie singt aus voller Kehle. Montags, wenn jeder etwas erzählt, ist sie die erste, die von den Erlebnissen am Wochenende berichtet ...“ Hinzu kommt noch, dass sie jetzt im Herbst in die Schule kommt – sie hat ein sehr ausgefülltes Leben.
Vor kurzem diktierte Sarah einen Brief an eine gute Bekannte der Familie, die in New York lebt:
 
An Edith.
Lila Blume. Tanze, spiele!
Steinchen, Moos – kleiner Garten.
Laufe – ich laufe... Ich froh.
Alle in Darvell froh!
Bis bald... Tschüss. Genug!
Sarah.
 
„Genug“ ist das Stichwort. Was braucht ein Kind noch, wenn es voller Freude ist?
Natürlich gibt es auch andere notwendige Dinge im Leben. Sarah wird wohl ein Leben lang auf Hilfsgeräte angewiesen sein. Doch das ist ver­glichen mit allem, was ihr Leben überschatten könnte, nicht so wesentlich. Wenn ihre Mutter weiterhin bereit ist, das „Unerreichbare“ zu träumen, wenn ihr Therapeut nicht resigniert, wenn die Erzieherin ihr den Raum gibt, sich ganz individuell zu entfalten – wenn alle zusammen an einem Strang ziehen, werden sie Sarah zu vielem ermutigen und anspornen können. Miteinander können sie einer fast verstummten Stimme zum Klingen verhelfen und ihr die Zuversicht geben, mit der man auch singen kann. Gemeinsam können alle die Freude finden, die in jedem Kinderherzen verborgen ist.

Das Portrait von Sarah stammt aus Der Pflug 60/2003, S.25-27. Copyright: Plough Publishing House Darvell Bruderhof, Robertsbridge, East Sussex TN31 5 DR, UK. Inzwischen wurde Sarah erfolgreich eingeschult. Sie genießt das ­gemeinsame Lernen und die Ausflüge mit ihrer Klasse. Mit ihrer Gehhilfe und auf ihrem speziellen Dreirad bewegt sie sich eigenständig auf dem Gelände des Bruderhofs. Das Sprechen geht noch etwas langsam, aber fließend. Sie ist ein aufgewecktes und bei allen beliebtes Mädchen.
 
Die christliche Bewegung „Bruderhof“ umfasst weltweit ca. 2500 Mitglieder, darunter Familien mit Kindern, Alleinstehende und Ältere in elf Lebensgemeinschaften (in England, USA, Australien und Deutschland). Darvell ist einer der Bruderhöfe in England.

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