Wie ein bewässerter Garten

Jesaja 58 - und die Initiative

"Diakonische Hausgemeinschaften e. V."

Ingo Franz

Die Initiative „Diakonische Hausgemeinschaften e.V.“, die in Heidelberg integrative Wohnprojekte mit behinderten Menschen betreibt, wird zunehmend von Schulklassen und Konfirmandengruppen besucht. Oft fragen diese jungen Leute, wer denn die Hausgemeinschaften „erfunden“ habe und wie es zu der Zielsetzung gekommen sei, Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in den Wohnprojekten der Freiwilligen-Initiative zu integrieren. Ingo Franz, Initiator und Gründer der Hausgemeinschaften, verweist dann gern auf einen Text, der schon vor über 2000 Jahren aufgeschrieben wurde: auf Jesaja 58.

Der enge Zusammenhang zwischen Jesaja 58 und der Geschichte der Diakonischen Hausgemeinschaften ist nicht zu übersehen. Der Text aus der Zeit nach dem Babylonischen Exil thematisiert den Zusammenhang von Diakonie und Gemeinschaft. Die prophetische Ermahnung fordert nicht zum ­Almosengeben auf oder zur Einrichtung einer zielgruppenspezifischen Armenfürsorge, sondern dazu, der Trennung zwischen gesellschaftlichen Gruppen Hausgemeinschaften entgegenzusetzen, in denen neue Verbindung gestiftet wird. Wir erfahren, dass integrative Tischgemeinschaft und geistliche Erneuerung zusammenhängen. Von diesem Gedanken der Integration ausgehend eröffnet der Text uns eine neue Sicht auf die Notlagen der gesamten Gesellschaft.
 
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemanden unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter ­Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. (revidierte Lutherbibel, 1984)
 
Im Austausch über diese prophetische Perspektive kamen wir in der Gründungsphase der Diakonischen Hausgemeinschaften mit allen Beteiligten zu drei gemeinsamen Grundüberzeugungen:
 
• Die prophetische Vision relativiert das Gefälle zwischen starken Helfern und armen Fürsorge-Objekten in der Gemeinde. Diese gesellschaftliche ­Zukunftsperspektive und die Erfahrung einer lebendigen Gottesbeziehung der Gemeinde können wir ganz aktuell auf unser Anliegen beziehen.
 
• Wir Christen können diesen an die jüdische Gemeinde gerichteten Text in seinen Kernaussagen auch auf einen kirchlichen Kontext übertragen: Die Glieder der christlichen Gemeinde verstehen sich unterschiedslos als die Tischgemeinschaft der ­gerechtfertigten Sünder. Hier werden alle einge­laden zum gemeinsamen Mahl. Arme und Reiche, Starke und Schwache empfangen die Gaben Jesu Christi und dienen einander in der Unterschiedlichkeit ihrer Begabungen. Von hier aus können wir darüber nachdenken, wie der Zuspruch aus Jesaja 58 durch das Wagnis integrativer Gemeinschaft erfahrbar wird und wie die Eucharistie dabei ins Zentrum einer solidarischen Gemeindepraxis gelangt.
 
• Mit der Aufnahme derer, die in notvollen gesellschaftlichen Verhältnissen marginalisiert werden, beginnt nach Jesaja 58 ein konstruktiver Gemeinschaftsprozess. Das schärft unseren Blick für die Gaben, die uns Gott durch die Benachteiligten ­zukommen lässt. Auch in Texten aus dem Neuen Testament finden wir Hinweise auf diese zunächst paradoxen Zusammenhänge.
 
Nun zu unseren Erfahrungen in den Diakonischen Hausgemeinschaften.

Die Geschichte der Initiative

Die Entwicklung der Hausgemeinschaften lässt sich, stark vereinfacht, in zwei Phasen unterteilen:
 
1. Das Pilotprojekt (1989-1994)
Als in Berlin die Mauer fiel, richtete in Freiburg ein kleiner Freundeskreis ein Reihenhaus ein und gestaltete den Lebensraum für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt. Bald kamen drei weitere Reihenhäuser in der unmittelbaren Nachbarschaft hinzu. Es gab noch keinen formellen Rahmen, aber es herrschte eine erwartungsvolle Aufbruchsstimmung. Viele der ­Aktivitäten bezogen sich auf die Förderung einer Frau, die entgegen aller ärztlichen Prognosen nach fünf Monaten aus dem Koma aufgewacht war. Wegen der Hoffnungslosigkeit der Fachleute und wegen des damals herrschenden Mangels an Plätzen in Rehabilitationskliniken gab es für sie keine professionelle Förderung mehr. Angesichts dieser Lücke im sozialen Netz wollten sich nun einige junge Menschen engagieren und dabei auch ihre persönliche Glaubensüberzeugung zum Ausdruck bringen. Die mühsame Förderarbeit brachte sichtbare Erfolge. Die zunächst infauste Prognose für die Patientin erhellte sich zunehmend. Bald konnte sie erste selbständige Gehversuche wagen und auf einen neuen Lebensabschnitt zugehen.
Durch diese erstaunliche Entwicklung erlangte die spontane Aktionsgruppe einen gewissen Bekanntheitsgrad. Bald stießen Menschen zur diakonischen Initiative, die in einer Krise einen neuen Lebensraum suchten, aber auch viele motivierte Mitgestalter des Nachbarschaftsprojekts, die selbst nicht in Not waren.
Nach einigen Jahren sahen wir ein, dass das integrative Wohnprojekt nicht ausreichte, um rund um die Uhr zuverlässige Assistenzdienste zu gewährleisten. In Freiburg konnten wir jedoch keine größere Wohnanlage für verschiedene Zielgruppen bauen. So verkleinerten wir behutsam die dortige Experimentierstation und entwickelten neue Projektpläne in Heidelberg.
 
2. Aufbau des dezentralen Netzwerkes (seit 1998)
1998 mieteten wir in Heidelberg zunächst Häuser und Wohnungen, die für verschiedene Zielgruppen jeweils an unterschiedlichen Orten einen attraktiven Lebensraum bieten konnten. Zentrum des entstehenden Netzwerkes wurde das ehemalige Pfarrhaus der evangelischen Markusgemeinde in Heidel­berg.
Anfangs kamen jährlich Wohnungen für etwa 10 Menschen hinzu. Einige Häuser waren besonders für studentische Wohngemeinschaften geeignet, ­daher waren Studierende in der Initiative immer ­relativ stark vertreten. Mit den Jahren stieg auch die Zahl derer, die sich verbindlich in diesem Netzwerk engagieren wollten, aber keinen Wohnraum in den Projekten der Hausgemeinschaften suchten. So sind immer mehr Haushalte von Familien und von ­älteren Menschen in das Beziehungsgeflecht der Diakonischen Hausgemeinschaften flexibel eingebunden. Sieben Jahre nach Projektstart stehen etwa 100 Adressen auf der Liste derer, die sich im engeren Sinne zu den Freiwilligen der Diakonischen Hausgemeinschaften zählen. Etwa ein Fünftel dieser Gruppe ist dauerhaft auf Hilfe angewiesen.
Freiwilliges Engagement und professionelle Hilfe ergänzen sich optimal durch die enge Kooperation mit verschiedenen sozialwirtschaftlichen Organisationen (z.B. mit ambulanten Pflegediensten). Für zwei jüngere Menschen organisierten wir für ihre letzten Lebensmonate sogar Projekte häuslicher Hospizpflege. Öfter schon konnten jüngere Menschen aus Pflegeheimen, in die sie aus Mangel an adäquaten Hilfeformen gelangt waren, in die integrativen Wohnprojekte der Hausgemeinschaften umziehen. Gerade sie haben – unabhängig von Art und Schwere ihrer Behinderung – die gemeinschaftlichen Lebensräume aktiv und nachhaltig mitgestaltet.
Im zentralen Forum, dem „Markusforum“, können sich Freiwillige aus den Teilprojekten oder Gäste zu den Mahlzeiten treffen oder zu regelmäßigen, wie auch spontanen Aktionen versammeln. Seit längerer Zeit bereiten wir den Aufbau eines größeren Gemeinschaftszentrums vor. Es wird nun in einer ehemaligen Gaststätte entstehen und zudem einen Wohnraum für etwa 20 Personen bieten, in dem auch Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ein Zuhause finden sollen.

Charakter der Hausgemeinschaften

Das Freiburger Pilotprojekt zielte auf die Stärkung einer „Kultur solidarischer Nachbarschaft“. Dieser Ausrichtung folgen auch die Heidelberger Wohnprojekte. Besonders bedeutsam ist dabei ein achtsames Miteinander in den Vielfaltsgemeinschaften. Innere Befindlichkeiten, Lebens- und Glaubensfragen der Einzelnen finden Beachtung. Gerade die außergewöhnlichen Lebensgeschichten, Behinderungen und Grenzerfahrungen können den Einstieg zum offenen und gehaltvollen Dialog bieten.
In einem Lebensraum, der von unterschiedlichen Erfahrungen und Gaben geprägt ist, verschwindet in gewisser Hinsicht auch das Gefälle zwischen den „Starken“ und den „Schwachen“. In einer Gemeinschaft, die auf Verschiedenartigkeit baut, verändern Unterschiede ihre Bedeutung. Wir erleben jede spezielle Eigenart als eine besondere Begabung. Alle wirken auf ihre Art diakonisch: indem sie hauswirtschaftliche Hilfen erbringen, einen Rollstuhl schieben oder Assistenzleistungen organisieren, oder, wenn sie das wegen einer Behinderung nicht können, durch ihre besonderen Begabungen, Erfahrungen und Kompetenzen.
Jürgen Moltmann hat mit dem Begriff der „allgemeinen Diakonie aller Gläubigen“ darauf aufmerksam gemacht, dass auch Menschen mit Behinderungen – und eben nicht nur jene, die ihnen helfen, – die Berufung zum diakonischen Dienst in Kirche und Gesellschaft haben. In Projekten der Hausgemeinschaften kommt gerade der Dienst jener zur Entfaltung, die nach der Terminologie der Kostenträger „Leistungsempfänger“ sind.
In einem so gestalteten Lebensfeld bekommen Handlungen und Verhaltensweisen neue Bedeutung. Sie weisen zeichenhaft eine Welt mit anderen Spielregeln hin – eine Welt, die vom messianischen Reich durchdrungen ist. Hier spiegeln Tischgemeinschaften in besonderer Weise die eschatologische Erwartung und Hoffnung, dass Entzweiung und Ausgrenzung, die die Mechanismen der Gesellschaft bestimmten, außer Kraft gesetzt werden. Menschen lernen, die Gräben, die sie trennen, zu überbrücken. Sie nehmen sich gegenseitig geschwisterlich wahr und gehen aufeinander ein.
Ein bewegendes Beispiel für zeichenhaftes Handeln im gemeinsam gestalteten Alltag ist eine Szene aus einem der Hospizprojekte: Eine von ihrer fortschreitenden Tumorkrankheit gezeichnete Frau, die sich der kurzen Lebenserwartung und der zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen bewusst war, kam eines Tages wohl von einem ihrer letzten Gänge zum nahegelegenen Blumenladen mit einem besonders farbenprächtigen Strauß in den Gemeinschaftsraum. Sie holte schwankend die Vase und stellte die Blumen mit ungelenken Bewegungen auf den Tisch und sagte mit für alle Anwesenden vernehmbarer Stimme: „Damit ihr daran denkt: Das Leben ist schön!“ Diese Hinweise auf die Tiefen­dimension des Lebens kommen in einer Gemeinschaft, die Freiheit und Verbundenheit zugleich gewährt, am deutlichsten zum Ausdruck.

Modell für diakonische Kirchenerneuerung?

Viele Menschen zeigen Interesse an den Diakonischen Hausgemeinschaften. Auch kirchlichen Dienststellen und Kirchengemeinden entwickelt sich ein anregender Austausch. Aus gemeindepädagogischer Sicht laden die Erfahrungen in sozialer Integration zum Dialog mit jungen Menschen ein. Man kann sich in den Diakonischen Hausgemeinschaften auch informell engagieren und kommunizieren. Sie bieten Experimentierfelder unter dem Motto „Gemeinde zum Mitmachen“.
Innerhalb des kirchlichen Lebensraumes machen solche Gemeinschaften die Barmherzigkeit Gottes in besonderer Weise anschaulich: Menschen mit offensichtlichen Behinderungen können ihre Dankbarkeit für das Leben bezeugen, wenn sie in ein ­lebendiges Beziehungsgeflecht eingebunden sind.
Wie können wir die Botschaft der Seligpreisungen oder die Perspektive von Jesaja 58 überzeugend vermitteln, wenn in unserem kirchlichen Leben nur jene den Ton angeben, die ohnehin zu den Begün­stigten der Gesellschaft gehören? Wo kirchliches Leben eine diakonische Qualität gewinnt, kommen Begabungen aller Gemeindeglieder zur Entfaltung. Gerade auch jene, die in der Gesellschaft eher als die „Fürsorgeobjekte“ angesprochen werden, sind begabt und berufen. Dies zu erleben, ist eine Chance, die in grundlegenden Fragen der Innovation in der Kirche Zuversicht weckt.

"Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen."
  
* Jürgen Moltmann, Diakonie im Horizont des Reiches Gottes. Neukirchen-Vluyn, 1989, S. 38
 
Der hier in gekürzter Form abgedruckte Artikel ist zuerst erschienen in: Pastoralblätter / Kreuzverlag, Stuttgart 06/2005
 
Weiterführende Information bei
Diakonische Hausgemeinschaften e.V., Heinrich-Fuchs-Straße 85, 69126 Heidelberg, Tel.: 06221/33758-0, Fax: 06221/33758-18, www.hausgemeinschaften.de

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