Tage zum Aufatmen

Partnerschaftliche Exerzitien mit Behinderten. Ein Pilotprojekt

Claudia Kobold

Seit fünf Jahren gehören„Partnerschaftliche Exer­zitien“ an der Limburger Marienschule zum festen Bestandteil der Ausbildung angehender Heilpädagogen und Sozialassistenten. Der erste dieser Kurse, damals ein Pilotprojekt, stand unter dem ­Motto: „Geh‘ deinen Weg“. Studierende der Fachschule für Heilpädagogik verbrachten mit Bewohnern der „Gruppe Joseph“ aus einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung zwei gemeinsame Tage. Die Fachschule startete dieses ­Projekt in Zusammenarbeit mit Jochen Straub, dem Behindertenseelsorger im Bistum Limburg, und Dr. Christoph Beuers, Diakon im St. Vinzenzstift in Aulhausen. Claudia Kobold, Initiatorin und Leiterin des Projekts, berichtet.

I. Der Ablauf der Exerzitien
Exerzitien sind ein Übungsweg der inneren Ausrichtung auf das Wesentliche – fernab vom Alltag, mit Gelegenheit zum Aufatmen. Das war auch das Ziel der Besinnungstage, die im April 2001 in Kirchähr, dem Jugendbildungshaus des Bistums Limburg, stattfanden. An den Exerzitien nahmen 12 Studierende der Fachschule für Heilpädagogik teil, 5 Bewohner der „Gruppe Joseph“ aus dem St. Vinzenzstift in Aulhausen mit einer Betreuerin sowie Erwachsene mit einer geistigen Behinderung aus anderen Einrichtungen. Je zwei Menschen sollten den inneren Übungsweg partnerschaftlich mit­einander gehen und bei aller Unterschiedlichkeit entdecken, was sie miteinander verbindet.
Gleich nach der Begrüßung am Morgen bildeten sich Paare: Jeder erhielt beim Herumgehen im Raum zu Musik einen Stein. Wer einen bunten Stein hatte, sollte dann auf jemanden mit einem weißen Stein zugehen. Dabei bekamen die Menschen mit Behinderung, denen sonst im Leben vieles vorgesetzt wird, die Gelegenheit, sich den Partner auszuwählen. Die Paare stellten sich gegenseitig vor und wurden mit einer Polaroidkamera aufgenommen. Diese Bilder legten sie dann auf die Steine, aus denen nach und nach ein Weg entstand, der in einen offenen Stuhlkreis führte. Alle gingen, begleitet von der gesungenen Aufforderung: „Geh die Wege...“ (zur Melodie des afrikanischen Liedes „Bele Mama“1) diesen Weg.

Das Schöne sammeln

Nach einer ausgedehnten Mittagspause veranschaulichte ein Rollenspiel, dass man auf verschiedene Weisen miteinander unterwegs sein kann: ­sogar singend und pfeifend. Dann brachen die Paare miteinander auf. Zu dem Lied „Deine Hand in meiner Hand: echt, das find ich gut. Halt mich, gib mir Sicherheit und zum Losgeh´n Mut...“2 verließen sie nacheinander den Stuhlkreis durch den am Morgen gelegten Weg, um zusammen die ­Gegend zu erkunden. Sie sollten von einer besonders schönen Stelle ein gemeinsames Bild malen und sich etwas Schönes aus ihrem Leben erzählen. Nach der Rückkehr zeigten die Paare ihre Bilder und erzählten, soweit sie dies wollten, von ihrem Austausch. Sie legten ihre Bilder um eine Mitte aus Tüchern, auf denen eine Kerze in einer lateiname­rikanischen Keramik aus Terrakotta mit vielen kleinen, sich an den Händen fassenden Figuren stand. Gelbe Strahlen kamen an die Bilder, so dass das Schöne in unserer Mitte eine Sonne bildete.
 
Nach dem Abendessen betrachteten wir diese Sonne und sangen: „Wo das Schöne wohnt, blüht das Leben auf ..., denn wo das Schöne wohnt, da wohnt Gott ...“3 Zum Zeichen dafür, dass das Schöne unser Leben erhellt, entzündeten wir Teelichter an der Kerze in der Mitte und stellten sie auf die Sonnenstrahlen.
Abends saßen wir lange zusammen, erzählten und sangen Lieder und Schlager der letzten Jahrzehnte. Das machte viel Spaß und brachte die Gruppe noch näher zusammen.
Dem Schweren Rechnung tragen
Am nächsten Morgen beschäftigte uns das Schwere im Leben. In einem Rollenspiel zeigten wir anhand von einem Haufen Steine auf dem Weg in unseren Kreis, wie schwer es sein kann, ihn zu überwinden, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt und dass es oft hilft, wenn man nicht alleine ist. Die Paare nahmen sich einen Stein und zogen miteinander los, um sich über Schweres in ihrem Leben auszutauschen und zu diesem Thema ein Stück Stoff, vielleicht auch den Stein selbst, zu gestalten. Nach der Rückkehr betraten die Paare jeweils den Kreis und legten Steine, die zum Teil mit Tüchern um­wickelt waren, zwischen die Sonnenstrahlen. Jetzt sangen wir: „Wo das Traurige wohnt, blüht das ­Leben auf...“4 Bewusst verzichteten wir dabei auf einen Austausch der Erfahrungen.
 
Anschließend folgte eine Pantomime über den Weg der Jünger nach Emmaus – zwei Menschen, die sich über Schweres in ihrem Leben austauschen. Die Jünger konnten die Steine in der Mitte unseres Weges erst überwinden, als jemand hinzukam, der ihnen dabei half. Hierzu sangen wir: „Wo die Liebe wohnt, blüht das Leben auf...“5

Dem Schweren Rechnung tragen

Am nächsten Morgen beschäftigte uns das Schwere im Leben. In einem Rollenspiel zeigten wir anhand von einem Haufen Steine auf dem Weg in unseren Kreis, wie schwer es sein kann, ihn zu überwinden, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt und dass es oft hilft, wenn man nicht alleine ist. Die Paare nahmen sich einen Stein und zogen miteinander los, um sich über Schweres in ihrem Leben auszutauschen und zu diesem Thema ein Stück Stoff, vielleicht auch den Stein selbst, zu gestalten. Nach der Rückkehr betraten die Paare jeweils den Kreis und legten Steine, die zum Teil mit Tüchern um­wickelt waren, zwischen die Sonnenstrahlen. Jetzt sangen wir: „Wo das Traurige wohnt, blüht das ­Leben auf...“4 Bewusst verzichteten wir dabei auf einen Austausch der Erfahrungen.
 
Anschließend folgte eine Pantomime über den Weg der Jünger nach Emmaus – zwei Menschen, die sich über Schweres in ihrem Leben austauschen. Die Jünger konnten die Steine in der Mitte unseres Weges erst überwinden, als jemand hinzukam, der ihnen dabei half. Hierzu sangen wir: „Wo die Liebe wohnt, blüht das Leben auf...“5

Der Liebe Jesu nachspüren

Nach dem Mittagessen feierten wir miteinander ­einen Gottesdienst, in dem die Emmauserzählung weitergespielt wurde und der Hinzugekommene sich als Jesus herausstellte. In der Mitte des Kreises brach er das Brot mit den Jüngern. Alle Paare ­kamen nun nacheinander auf dem Weg in die Mitte und erhielten Brot, das sie miteinander aßen, als Zeichen, dass Jesus Christus uns und unsere Gemeinschaft nährt. Sie bekamen Teelichter als Symbol für die Begegnung mit Jesus, die sie beim Rückweg auf ihre Steine am Weg stellten. Später haben wir die Kerzen auf die Steine geklebt und sie den Paaren zusammen mit den Fotos mit nach Hause gegeben.
 
Bei der anschließenden Schlussrunde wurde die Frage gestellt, wie die Einzelnen die Wege erlebt haben, die sie in diesen Tagen gegangen sind. Es wurde deutlich, dass es für alle eine bereichernde Erfahrung mit guten Begegnungen war. Mit dem ­gemeinsamen Kaffeetrinken wurden die „Tage zum Aufatmen“ beendet.
 
II. Auswertung mit den Studierenden der Fachschule für Heilpädagogik
Das Auswertungsgespräch fand einige Tage später mit Herrn Dr. Beuers und mir im Unterricht statt.
Die Studierenden betonten vor allem die gute ­Gemeinschaft, die entstanden war. Man war wirklich ein Stück Weg zusammen gegangen und zu einer Gruppe zusammengewachsen. Besonders bei den Mahlzeiten und beim gemeinsamen Singen und Erzählen am Abend ist man sich nähergekommen. Die Studierenden haben auch die Partnerschaftlichkeit in den Zweiergruppen als wohltuend erlebt und eingesehen, dass ihre Ängste vor zu viel Nähe unbegründet waren. Auch ihre Vorbehalte gegenüber der Behinderung ihrer Partner schwanden. Die Integration war so gelungen, dass sie zeitweilig die Behinderung ganz vergaßen. Nicht einmal der erschwerte Austausch mit sprachbehinderten Partnern konnte die Begegnung auf Augenhöhe verhindern. Viele betonten, dass sie wirklich Atem schöpfen konnten und erholt und entspannt in den Alltag zurückkehrten.

Klima gegenseitigen Vertrauens

Nicht alle, die zusammen angereist waren, blieben ein Team. Eine Studierende, deren behinderter Begleiter sich einen anderen Partner gewählt hatte, erlebte ihn dadurch einmal ganz anders. Eine andere Studierende blieb mit der von ihr betreuten Teilnehmerin zusammen, denn es war zu befürchten, dass diese in der ungewohnten Umgebung aggressiv werden könnte. Für dieses Zweiergespann haben die Tage eine Vertiefung ihrer Beziehung bewirkt.
 
Mit dem Thema konnten alle etwas anfangen. Während einige befürchtet hatten, die Zeit für den Austausch über das Schöne sei viel zu lang, stellte sich das Gegenteil heraus. Allerdings erlebten die mei­sten den Austausch über das Traurige nach so viel Schönem und der Geselligkeit am Abend als Bruch. Bei der Auswertung stellten wir jedoch fest, dass es wichtig war, gemeinsam nicht nur das Schöne, sondern auch das Schwere anzuschauen. Dazu war es jedoch notwendig, zuvor ein Klima des gegen­seitigen Vertrauens zu schaffen. „Eine schöne, runde Sache“, resumierte eine Studierende, „mit ausreichender Zeit, um gemeinsame Wege zu gehen. Selten wird etwas mit solcher Ruhe gemacht.“ Die Verlagerung einiger Programmpunkte nach draußen kam ebenfalls gut an. Der gesamte Kurs hatte sich in diesen Tagen in neuer Weise kennengelernt. Die lockere Atmosphäre war noch im Auswertungsgespräch zu spüren.
 
III. Auswertung mit den fünf Bewohnern und der Betreuerin der Gruppe Joseph
Wir trafen uns im Wohnzimmer der Gruppe zum Kaffee. Auf dem Tisch stand eine Terrakottafigurengruppe, wie jene, die in unserer „Mitte“ gestanden hatte. Die Teilnehmer hatten sie sich gleich auf dem Heimweg von den Besinnungstagen in einem Limburger Laden gekauft.
Sie waren sehr angetan von den Exerzitien und wünschten sich, noch weitere zu erleben. Vom Thema „Wege und Steine“ waren sie ergriffen und freuten sich über die Sonne in der Mitte des Kreises. Gerne erinnerten sie sich an das Malen und an den Spaziergang im Wald. Bei den Rollenspielen und dem gemeinsamen Singen hatten sie viel Spaß. Vor allem die Stimmung am offenen Abend mit „amerikanischen Songs“ hinterließ einen tiefen Eindruck.

Orte ungewöhnlicher Begegnung

Auch für sie war der Austausch ein wichtiges Ereignis und Raum für tiefe Begegnung. Ein Teilnehmer erzählte, dass er sich gleich gut mit seiner Partnerin verstanden hatte, weil sie sich ebenfalls für Pferdepflege interessierte. Wir stellten fest, dass die Bewohner der „Gruppe Joseph“ vor allem ihren jeweiligen Partnern oder Partnerinnen näher gekommen waren, den anderen nicht behinderten Teilnehmern weniger. Umso mehr genossen sie die Zeit unter sich beim Kartenspiel und Kicker.
 
IV. Abschließende Überlegungen
Die gemeinsamen Tage waren offenbar für alle wirkliche „Tage zum Aufatmen“, bei denen sich die Begegnungen recht zwanglos ergeben haben. Auf Kleingruppenarbeit zur Förderung der Begegnung in der Gruppe haben wir verzichtet, denn das wäre auf Kosten der partnerschaftlichen Prozesse in den Zweierschaften gegangen.
Wir haben uns bemüht, jeden einzelnen Schritt zu veranschaulichen und in Handlung und bild­nerische Gestaltung umzusetzen. Das Erlebte konnte sich auch visuell als gestaltete Mitte einprägen, die sich mehr und mehr erweitert. Immer wieder betraten die Paare einzeln den Weg zur Mitte des Kreises, um einzubringen, was sie miteinander ­erlebt und ausgetauscht hatten. Die Ruhe und die Geduld, mit der jeder erwartet wurde, vermittelten Wertschätzung.
Auch die eingängigen, häufig wiederholten Lieder deuteten und vertieften die gemeinsamen Erfahrungen: Vom Gehen des Weges zum gemeinsamen Gehen; vom Wohnen Gottes in der Erfahrung des Schönen und des Traurigen zu seinem Wohnen in der Liebe. Wir fühlten uns durch die Rückmeldungen auf die Exerzitientagen ermutigt, weitere Besinnungstage in dieser Form anzubieten, in der die Begegnung mit Gott und miteinander auf die Grundlage schlichter und allgemeiner Erfahrungen gestellt wird. So kann Partnerschaft überall ent­stehen – selbst angesichts der Unterschiedlichkeit unserer jeweiligen Lebensumstände: im offenen Austausch über das Schöne und das Schwere. Für angehende Heilpädagogen ist diese Erfahrung grundlegend, und es ist mir ein Anliegen, dass sie an ­einer Schule in kirchlicher Trägerschaft auch möglich ist.
Schließlich waren wir in diesen Tagen auf einem gemeinsamen Weg mit und zu Jesus Christus, den auch die mitgehen konnten, die Fragende und ­Suchende sind. Wir sind einen „Übungsweg“ der Ausrichtung auf das Wesentliche gegangen, der Zeit zum Aufatmen und Durchatmen ließ.
Die „Partnerschaftlichen Exerzitien“ sind an unserer Schule inzwischen zur festen Einrichtung geworden. Am Ende der Kurse steht meistens ein persönlicher Segen durch den Seelsorger beim gemeinsamen Singen eines Segensliedes – ein Ritus, den die Einzelnen als sehr bewegend erleben, weil in ihm die während der Tage entstandene Geschwi­sterlichkeit besonders spürbar wird.

Anmerkungen

1 Das Lied „Bele Mama“ ist auf der CD „Von Bäumen und Menschen“ (mit Begleitheft) und in dem Liederheft „Heut’ wollen die Gänse auf’s Wasser geh’n“, von der Worpsweder Musikwerkstatt zu finden.
2 Text: Eugen Eckert, Musik: Alejandro Veciana. Aus der CD/MC „Pusteblume, Löwenzahn” 1998, von der Band Habakuk Ffm,  Strube, München.
3 In Abwandlung des eigentlichen Textes des Liedes: „Wo die Liebe wohnt, blüht das Leben auf, Hoffnung wächst, die trägt, Träume werden wahr – denn wo Liebe wohnt, da wohnt Gott.“ von Eugen Eckert aus der CD „Die Zeit färben“ 1999, Strube, München.
4 In Abwandlung des o.g. Liedes.
5 Quelle s. Anm. 3.

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