Einer trage des andern Last

Editorial

Leben mit Behinderungen

Jesus Christus ist nicht die Verklärung hohen
Menschentums, sondern das Ja Gottes
zum wirklichen Menschen.
Karl Barth

Liebe Mitchristen,

Er war der Allerverachtetste...
er war so verachtet...
darum haben wir ihn für nichts geachtet. (Jes 53,3)
 
Ein versehrter Mensch, einer, dem man seine Gebrechlichkeit und die mangelnde Fitness schon von weitem ansieht – wie schnell wird der in unserer Wellness und Fitness und Beauty Shop versessenen Zeit verächtlich taxiert und be- oder entwertet! Doch gerade die Gestalt ohne Schönheit und voller Schmerzen, von der man sich entsetzt abwandte, hat sich Gott erwählt.
„Dieser Gottesknecht verkörpert das wahre Ebenbild Gottes, nämlich seine Barmherzigkeit, Treue, Liebe, durch die gerade diejenigen zu Kindern Gottes erwählt sind, die in den Augen der Welt ­töricht, armselig, schwach sind (Mt 5,3f; Lk 14,21;  1. Kor 25-28) ... Der leidende Gottesknecht ist der Differenzpunkt gegenüber allen idealistischen, bloß humanistischen und biologistischen Menschenbildern“* – schreibt der evangelische Theologe Ulrich Eibach (aus: Der leidende Mensch vor Gott, Neukirchen-Vluyn 1991). Er setzt sich seit Jahren engagiert mit modernen, klugen und „vernünftigen“, aber menschenfeindlichen Ideen in Philosophie, Soziologie und Medizin auseinander. Jeder Mensch, so seine Leitthese, auch der mit noch so schweren Behinderungen behaftete, ist „im Licht des Auferstehungsglaubens nicht in seiner biologischen und sozialen Verfasstheit, sondern in seiner ewigen Bestimmung und Vollendung in der Auferweckung von den Toten her zu sehen“.
Die Bestimmung des Menschen aber ist das Leben in der ewigen Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Ulrich Eibach verweist immer wieder auf das schon 1935 erschienene Buch des katholischen Theologen Franz X. Walter Euthanasie und die Heiligkeit des Lebens, der einzigen umfassenden Auseinandersetzung mit der NS-Lebensideologie. Walter betont, dass „während das ungläubige Auge nur das diesseitige Elend“ erkenne, „vor dem gläubigen Auge auch das blödeste Kind als künftiger Himmelsbürger und als Erbe des ewigen Lebens“ stehe.
 
Die Würde jedes Menschen ist unverlierbar, weil sie allein in Gottes Handeln am Menschen begründet und verwurzelt ist.
Dieses Umdenken brach durch die junge Kirche in die griechisch-römisch-heidnische Welt als eine unerhörte Neuigkeit ein. Dort war (und ist) es Brauch, missgebildete Kinder, unheilbar Kranke, nutzlos gewordene Versehrte gnadenlos zu selektieren, auszusetzen oder gleich zu töten.
Die Orientierung an Jesus, dem Retter und Arzt, der sich der Blinden, Tauben, Stummen, Lahmen zuwandte, selbst vor der Berührung mit Aussätzigen nicht zurückschreckte, veranlasste die jungen Chri­stengemeinden, anders als ihre Umwelt zu handeln. „Einer trage des anderen Last – so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“ (Gal 6,2) wurde der rote Faden für das Gemeindeleben. Allerdings musste und muss dieser ‚Faden’ im Laufe der Kirchen­geschichte immer wieder neu entdeckt und aufgegriffen werden. Ab dem 4. Jh. wurden die Gemeindevorsteher und Bischöfe verpflichtet, Hospitäler einzurichten. „Erstmals wurde damit chronisch Kranken und Menschen mit Behinderung die Möglichkeit einer menschenwürdigen, auf das ewige Heil und das irdische Wohl zielenden Behandlung angeboten.“ (Eibach) Eine umwälzende Neuerung:    „ein größeres Werk als die sieben Weltwunder“ nannte Gregor von Nazianz die Gründung eines Hospizes durch Basilius von Caesarea 369 n. Chr.
 
Ganz in dieser Orientierung an Jesus, der die Verachteten und „Unwerten“ seiner Umwelt, auch gegen den Widerstand seiner Jünger, in die Begegnung und das Leben mit sich hineinzog, stand auch Friedrich von Bodelschwingh, als er die Heilanstalt für Epilepsie übernahm und sie umbenannte in Beth-El, das bedeutet „Haus Gottes“.
 
In der Orientierung an Jesus, der selbst der Allerverachtetste wurde, stehen auch viele katholische und evangelische Kirchen und Gemeinschaften, die ­ihren Alltag mit Menschen mit Behinderungen (und ihren Angehörigen) teilen. Einige stellen wir Ihnen in dieser Brennpunktausgabe vor.
 
Ich selbst bin zunehmend gehbehindert, was ich immer wieder gern überspiele. Doch in vielen Situationen des alltäglichen Lebens bin ich auf Hilfe und Handreichung angewiesen. Wie tröstend, Geschwister zu haben, die mich in meiner Einschränkung ermutigen und tragen, und mir in dem schmerz­vollen Versehrtsein beistehen.
Solchen Trost und die glaubende Hoffnung auf die Erlösung aller Kreatur von jedem Leiden, die wir mit der Wiederkunft Jesu erwarten (Röm 8,19ff), empfangen wir immer wieder neu aus den Händen Gottes.
 
In dieser Hoffnung mit Ihnen vereint, grüßen wir Sie aus der Redaktion,
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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