Durch Gehorsam zur Freiheit

Rudi Böhm spricht mit Exiquio Estrada

Nach zwei verschuldeten und verlorenen Welt­kriegen haben wir Deutschen ein gebrochenes Verhältnis zum Gehorsam. Die unheilvolle Geschichte von Unterwürfigkeit und Gehorsamsmissbrauch steckt uns noch in den Knochen. Ein spürbarer Gegenschlag war die Abrechnung der „68er“ mit ­jeder Art von Autorität. Die daraus entstandene Verunsicherung in Fragen der Macht und Autorität hat ein Lebensgefühl hervorgebracht, das in Sätzen zum Ausdruck kommt wie: „Ich brauche mir nichts sagen zu lassen; ich weiß selber, was richtig ist; ich habe ein Recht zu tun, was mir gefällt...“

Exiquio, als katholischer Priester bist du deiner Kirche Gehorsam schuldig, und als Hirte möchtest du denen, die sich dir anvertrauen, die ‚Weisheit des Gehorsams’ weitergeben. Wie ­erlebst du diesen Kontrast hier in Deutschland?
 
Als ich vor 13 Jahren nach Deutschland kam, war das eine Frucht des Gehorsams. Aber ich war mir dessen nicht bewusst. Ich kam hier zum er­sten Mal in Kontakt mit einer Problematik, die ich so nicht kannte. Die mexikanische Mentalität ist auf Grund der Geschichte des Landes, der Kultur und des Katholizismus noch stark geprägt vom Gehorsam der Kinder zu den Eltern. Deshalb war meine eigene offensichtliche Unfähigkeit zu gehorchen zunächst schwierig für mich. Anfangs konnte ich nicht sehen, warum und woher dieser Ungehorsam kommt bzw. dieser Drang nach Freiheit. Aber ausgerechnet in diesem Land sollte ich durch den Anruf Gottes lernen zu gehorchen. Natürlich merke ich heute als Hirte meiner ­Kirche im Umgang mit Jugendlichen, dass dieses Wort nicht einfach ist. ­Ihre spontane Antwort lautet: „Nein, ich kann nicht gehorchen, weil mir das bei meinen Freunden Nachteile einbringt. Ich möchte frei sein, ohne Einschränkung alles tun können, was mir gefällt: Mein Körper ist mein Körper; mein Leben ist mein Leben...“ .Das ist übrigens nicht nur hier in Deutschland so, sondern auch in ­vielen anderen Ländern Europas. Ich war und bin überrascht zu sehen, mit welchem Freiheitsverständnis die Eltern ihre Kinder erziehen, und ich bitte Gott: Gib mir eine klare Urteilsfähigkeit im Umgang mit dem Mangel an Gehorsam in dieser Gesellschaft.

Äußern die Jugendlichen, mit denen du sprichst, konkret, welche Nachteile sie zu erwarten hätten, wenn sie gehorsam wären?
 
An sich nicht. Das ist das Problem. Im Grunde sind sie sich darüber im Klaren, welche Lüge hinter ihrer Anschauung von Freiheit steht. Sie sind Kinder von Eltern, die diese Freiheits- und Emanzipationsbewegung durchgemacht haben. Und obwohl ihre Eltern sich wieder nach einer Rückkehr zu Disziplin und Gehorsam sehnen, vermitteln Radio, Fernsehen, ­Kino und Zeitschriften weiterhin die Katechese der ungezügelten Freiheit: Du bist Herr über dein ­Leben; du kannst tun, was du willst. Meiner Meinung nach haben viele Jugendliche deshalb Angst, abhängig zu sein, weil sie nicht wissen, was Freiheit wirklich ist. Sie denken, wenn sie gehorchen, verlieren sie ihre Unabhängigkeit. Doch das stimmt nicht, die Freiheit steht nicht gegen den Gehorsam; im Gegenteil: Ich kann gehorchen, weil ich frei bin.

Die Menschen in den neuen Bundesländern haben nach dem Nationalsozialismus eine zweite Diktatur durchlebt. Das Erziehungsideal war der reibungslos funktionierende sozialistische Mensch. Der Einzelne fand da in seiner Individualität – seinen Eigenarten, persönlichen Bedürfnissen, Gefühlen – in der Regel wenig Beachtung. In der Kinderkrippe z. B. sollten bei der Kleinkinderversorgung 3 ‚s’ maßgeblich gewesen sein: still, satt und sauber. Vielleicht wird auch auf diesem Hintergrund negativer Gehor­samserfahrungen verständlich, warum Menschen damit nur Einengung, Unfreiheit und Nachteile verbinden. Du dagegen sagst, Gehorsam führe in eine größere Freiheit hinein.
Gibt es Erfahrungen, die bei dir zu diesem positiven Gehorsamsverständnis geführt haben?
 
Ja sicher! Zunächst einmal ist da meine Geschichte. In unserer mexikanischen Kultur existiert die Familie noch als enger Verband. Ich bin in einer Familie mit vier Geschwistern aufgewachsen. Die Autorität meines Vaters wurde, wie in Mexiko üblich, nicht in Frage gestellt. Mein Vater hatte versucht, das Beste­ zu tun, aber er hatte nicht gelernt, wirklich Vater zu sein. Für mich war es selbstverständlich, ihm zu gehorchen, doch das war kein wirklicher Gehorsam. Aus Angst vor seiner Stärke machte ich, was er – wie ich glaubte – von mir verlangte, weil ich von ihm geachtet und geliebt werden wollte. Das ist das Grundproblem: wenn man sich unterwirft, um dem anderen zu gefallen oder weil dieser keine andere Meinung duldet.
 
Erst durch eine tiefe Erfahrung mit Christus hat sich etwas an dieser Haltung bei mir geändert. Das kam so: Durch den Kontakt mit einer Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche bemerkte ich, dass ich nicht wirklich frei war, sondern abhängig von dem Verlangen, die Wertschätzung meines Vaters zu gewinnen. Ich hatte noch nicht entdeckt, dass erst derjenige wirklich frei ist zum Gehorsam, der liebt. Nur wer liebt, kann sich freiwillig unterordnen, ohne sich selbst zu verlieren. Daher war beispielsweise das, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, kein wirklicher Gehorsam, sondern getarnte Sklaverei. Ihr lag eine Lüge ­zugrunde: die Lüge einer Person oder einer Bewegung, die vollkommenes Glück, Wohlstand, Freiheit, Macht usw. versprach. Das menschliche Streben nach Macht, Einfluss und Wohlergehen ist sehr kraftvoll – das erkannte ich, als ich mir auf die Spur kam, dass ich meinem Vater nicht wirklich ­gehorchte, sondern lediglich ein Sklave meiner Ängste war. Äußerlich war ich angepasst und in meinem Herzen unfrei.

Die Sehnsucht, geliebt zu werden, war also das ­erste bestimmende Motiv deines Gehorsams. Liebe und Achtung können aber durch Unterwerfung nicht erkauft werden. Später hast du aus Liebe ­gehorchen gelernt. Wie ist es bei dir zu dieser Umstellung gekommen?
 
Es war eigentlich ein langer Weg, auf dem ich auch heute noch unterwegs bin. Gehorchen aus Liebe ist eine tägliche Herausforderung. Ich kann für diese Umstellung kein genaues Datum nennen, sie war eher ein Prozess, der in meiner Geschichte einsetzte, als ich angefangen habe, die Botschaft zu hören: Du sollst nicht gehorchen, um dir Liebe zu erkaufen. Du sollst keine Maske tragen. Es gibt ­jemanden, der dich liebt, so wie du bist, der dich kennt und dich zur Freiheit der Kinder Gottes ruft. Zunächst fand ich an dieser Botschaft nichts Außergewöhnliches. Ich dachte: Na ja, Jesus Christus sagt das. Als bibelorientierter Katholik glaubte ich selbstverständlich, dass Christus mich liebt, aber dieses Wissen war mir noch keine existentielle Erfahrung. Dass Jesus Christus für mich gestorben ist, dass er seinem Vater gehorcht hat usw. waren für mich zwar Richtigkeiten – die darin liegende Wahrheit war aber weit weg von meiner persönlichen Wirklichkeit. Erst als ich mich auf den praktischen Glaubensweg meiner Gemeinschaft (dem „Neokatechumenalen Weg“) begab, begannt Gott mit und an mir zu arbeiten. Er zeigte mir, dass ich Sklave meiner Angst bin; dass ich bereit bin zu heucheln, eine Maske zu tragen, damit die anderen mich schätzen, anerkennen, achten.
 
In meinem tiefsten Inneren spürte ich, dass ich im Grunde niemandem wirklich gehorchte – nicht ­einmal Gott. Gott bietet uns zwar die Freiheit an: „Genieße sie und glaube daran, dass ich dich ­liebe!“ Doch erst allmählich entdeckte ich das für mich. Dann kam der Zeitpunkt, als ich die Maske nicht mehr tragen konnte, sondern die Wahrheit zeigen musste. Ich habe es schließlich riskiert.

Wie ist das geschehen?
 
Ich musste erst einmal an meine Grenzen kommen, meine Sünden erkennen, mit meiner Unvollkommenheit konfrontiert werden. In der kleinen Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ habe ich erfahren, dass wir als Gemeinschaft Kinder ­Gottes sind, berufen zur Freiheit. Dass ich zusammen mit Brüdern und Schwestern unterwegs bin, die – wie ich auch – Sklaven der Unterwerfung ­waren, des falschen Gehorsams, der nach Anerkennung schielt. In unserem gemeinsamen Leben gibt es immer Zündstoff für Streitigkeiten. Wir entdecken, dass wir nicht vollkommen sind. Aber es gibt einen Weg, in Freiheit miteinander umzu­gehen, ohne sich zu belügen.
 
Wir wurden eingeladen zu gehorchen: Gott zu gehorchen, nicht den Menschen. Aber Gott gehorchen tun wir, indem wir den Menschen gehorchen, die Gott uns zur Seite gegeben hat – mir als Kind meinen Vater. Langsam wurde ich meinem Vater gegenüber freier. Ich begann mit ihm über das zu sprechen, was ich meinte und was ich nicht wollte. Manchmal kam es zu Streitgesprächen zwischen uns. Mein Vater sah jedoch, dass ich seine Anweisungen befolgte, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden war. Für ihn wurde das zum ersten Zeichen meiner Liebe zu ihm. Ich konnte ihm ­gegenüber endlich formulieren: Vater, ich hatte Angst vor Dir, ich wollte, dass du mich liebst. Und er verstand zum ersten Mal, dass er von mir Dinge verlangt hatte, die ich nicht wollte oder konnte. Er sagte mir dann, dass auch er ein Sklave in dieser Kette war: auch er hatte sich unterworfen, um ­geschätzt, geliebt und geachtet zu werden. Der Prozess der Veränderung hat unsere Beziehung ­befreit. Die Erfahrung, dass Gott mich bedingungslos liebt, hat mich fähig gemacht, meinem Vater freiwillig zu gehorchen.

Nun ist das ja ein Kernstück des Evangeliums: Gott liebt mich so wie ich bin – nicht so wie ich gerne sein möchte; auch nicht wie andere denken, dass ich sein sollte. Aber wer bin ich hinter meiner Maske? Ein schwacher Mensch, der seine Schwachheit leugnet, vielleicht sogar hasst und schon gar nicht annehmen will.
Wie bist du mit deiner Schwachheit vertraut geworden, ohne davor wegzulaufen oder dich davor zu verstecken? Was hat dir geholfen, deine Wirklichkeit anzuerkennen – dich auszuhalten, wie du bist?
Das Wort Gehorchen kommt von ‚hören’. Ich konnte nicht hören, dass Gott mich liebt.
 
Ich sagte mir: Ich bin doch ein guter Katholik, ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich gehorche meinen Eltern. Ich war mir sicher, dass ich gut, brav und vollkommen bin. Mit dieser selbstgerechten Einstellung war es unmöglich, dass die frohe Botschaft, dass Gott mich ohne Vorbedingung liebt, bei mir landen konnte. Ich hörte nur die Stimme meiner ­Eitelkeit mit all ­ihren Lügen. Das änderte sich erst im Zusammenleben mit anderen Brüdern und Schwestern in der Gemeinschaft. Ich erlebte diese Menschen genauso wie mich, voller Sehnsucht nach Liebe; sie sind ­genauso schwach und sündigen wie ich und doch können sie sich untereinander aufrichtig vergeben. Da ­habe ich gespürt, dass Gott mich ­annimmt wie ich bin. Die Anwesenheit Gottes macht es möglich, dass Menschen, die Sklaven ihrer Sehnsucht nach Liebe sind, einander wirklich annehmen und achten können.
 
Später habe ich auch erfahren, dass mein Vater mich immer geliebt hat, obwohl ich seinen Vorstellungen nicht ganz enstprach. Er wünschte sich z.B., dass ich sportlich wäre, aber ich bin klein und dick. Auch dass sein einziger Sohn Priester würde, hätte er nicht gedacht; er wünschte eher, dass ich heirate und viele Kinder habe – all diesen Erwartungen ­habe ich nicht entsprochen. Doch deswegen hat er nie aufgehört, mich zu lieben! Auch diese Erkenntnis hat mir geholfen, zu glauben, dass Gott mich tatsächlich so liebt, wie ich bin. Denn wie sollte das sonst möglich sein, dass Menschen mich ­annehmen und lieben, obwohl ich nicht ihren Wünschen entspreche? Durch das Wort Gottes, durch die Liturgie, durch meine Geschichte und Beziehungen kam ich zu der Antwort, dass das nur möglich ist, weil Gott existiert und weil Gott die Liebe ist.

Du hast die Liebe Gottes konkret in Gemeinschaft erfahren. Nun liegt aber genau darin ein großes Manko. Nicht einmal die Familiengemeinschaft ist heute noch eine Selbstverständlichkeit. Kinder z. B. werden heute immer früher in öffentlichen Institu­tionen abgegeben, Schulkinder werden zu Hause oft nicht erwartet und willkommen geheißen, weil Vater und Mutter berufstätig sind. Wenn die Eltern dann nach Hause kommen, sind sie oft erschöpft und wollen ihre Ruhe. Immer wieder fühlen sich Kinder mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen, irgendwie nicht zugehörig.
Vorhin sagtest du, Gehorsam komme vom Hören. Auf wen soll ein Mensch hören, wenn niemand da ist, dem er vertrauen kann? Es gibt keinen Grund mehr, auf das zu hören, was ein anderer sagt. Als Seelsorger begleitest du auch junge Menschen. Was bietest du ihnen an, damit sie, wenn sie einen ­solchen Hintergrund haben, wieder in eine ver­trauensvolle Beziehung kommen – zu dir, zu Gott, zur Gemeinde – und gehorchen lernen?
 
Das ist wirklich nicht einfach. Gehorsam lernt man zuerst in der Familie. Wenn man keine Familie hat, wenn die Eltern sich keine Zeit nehmen für die ­Kinder: zu einem Gespräch, zu einer Mahlzeit usw., ist das ein großes Manko für die Kinder. Sie lernen ­eine Freiheit, die keine ist. Statt frei zu werden sind sie einfach nur losgelöst von verbindlichen Beziehungen. Echte Freiheit braucht aber einen ­festen Punkt, auf den sich ein Mensch beziehen kann und der ihm die Sicherheit gibt, nicht alleingelassen zu sein. Wir alle, aber junge Menschen ganz besonders, suchen diesen Referenzpunkt. ­Finden wir keinen in der Familie – zum Beispiel in der Person des Vaters – fühlen wir uns verloren. Jungedliche hören dann auf alles, was von der Umwelt her auf sie eindringt, und sind plötzlich abhängig von Moden – Verhaltensweisen und Gewohnheiten, Kleidung, die gerade als ‚letzter Schrei’ ­angeboten wird. Sie hören Musik, die ihr jeweiliges Lebensgefühl verstärkt. Unter dem Vorzeichen ­dieser sogenannten Freiheit werden sie zu lebensfremden Verhaltensweisen und Konsumgewohnheiten verführt, während ihre tatsächlichen Bedürfnisse nach Verbindlichkeit und Beziehung unerfüllt bleiben. Wenn der feste Bezugspunkt in der Familie fehlt, suchen sie ihn in der Clique. Es ist inzwischen schon fast normal, dass Jugendliche nicht mehr auf die Eltern, sondern auf die Stimmen in der Clique hören. Aber den Kumpels draußen geht es nicht ­anders: auch ihnen fehlt der verlässliche Bezugspunkt in ihrem Leben. Auch sie wissen nicht, was‚ ‚gehorchen können’ im guten Sinne bedeutet. Sie erkennen nicht, dass die Mentalität, die in der Welt regiert, die Menschen versklavt.

Man muss aber als Mensch zu jemandem gehören, um hören und gehorchen zu können.
 
Was kann ich also anbieten? Ich kann nur anbieten, da zu sein, mein Zeugnis zu geben. Ich weiß, dass die Leute, die Jugendlichen sich fragen, warum ich als Mexikaner hier in Deutschland Priester bin. Wenn man mich fragt, erzähle ich, warum ich da bin. Und warum bin ich da? Eben, weil ich Gott gehorcht habe. Obwohl ich so bin, wie ich bin.

Was bietest du den Menschen konkret an, damit sie lernen, wieder mehr auf Gott zu hören und ein ­gesundes, lebensförderndes Verständnis von Gehorsam zu bekommen?
 
Mein Zeugnis, mein Dasein. Mir ist klar, dass es sich nicht lohnt, viele Worte zu machen. Das einzige, was überzeugt, ist meine Liebe: die Menschen so zu lieben, wie sie sind. Zuweilen bedeutet das, ihnen gegenüber standfest zu bleiben. Ich darf – nachdem ich die Liebe Gottes erfahren habe – nicht in alte Lügenmuster zurückfallen, ich darf nicht so nach der Zuneigung der Menschen trachten, dass ich mich verbiege. Wenn ich sie wirklich liebe, muss ich in der Wahrheit standfest bleiben. Unser Glück liegt allein in Gott. Wir erreichen es nur, i­ndem wir ihm gehorchen.

Was tust du, wenn jemand etwas von dir verlangt, was deiner Überzeugung widerspricht?
 
Als erstes schaue ich mir an, worum es geht. Wer spricht? Wenn es um Menschen geht, die mir vorgesetzt sind – mein Bischof, Pfarrer, Ausbilder – ­gehorche ich, solange sie nicht von mir verlangen, gegen Gottes Willen zu verstoßen. Ich vertraue Gott und höre auf sie – gemäß dem, was Paulus schreibt: Gehorcht eurer Obrigkeit, euren Autoritäten, weil Gott sie eingesetzt hat. Er sagt nicht etwa: „Aber nur wenn sie vollkommen sind!“ Solange diese ­Obrigkeit nichts von mir verlangt, was im Widerspruch zu Gott ist, kann ich gewiss sein, dass die Anweisung für mich von Gott kommt – auch wenn ich nicht damit einverstanden bin. Mich unter diese Autorität zu stellen, hat Gott mir geschenkt. Wenn ich nicht einverstanden bin mit dem, was sie ­verlangt, bin ich auch frei, zu sagen, dass ich dieses oder jenes anders sehe. Und ich bin frei, nicht zu gehorchen, wenn etwas gegen Gott ist. An dieser Linie verläuft die Grenze.

Ist das für dich immer klar zu unterscheiden, was von Gott ist und was nicht?
 
Ganz einfach ist das natürlich nicht! Aber eines ­habe ich gelernt: Wenn du Menschen gehorchst und du findest keine Ruhe in deinem Herzen, dann ist es nicht in Übereinstimmung mit Gottes ­Absichten. Wenn du dagegen den Willen Gottes tust, gibt es Frieden, Ruhe in deinem Herzen, auch wenn die Sache anfangs für dich anders ausge­sehen hat. Das habe ich immer wieder so erfahren. Manchmal bin ich meinem Willen gefolgt, auch wenn ich wusste, dass es nicht gut ist. Ich war ungehorsam und suchte tausend Ausreden zu meiner Rechtfertigung, aber der Heilige Geist in meinem Herzen hat nie Ruhe gegeben. Natürlich hörst du seine Stimme nicht, wenn du nicht nach dem ­Willen Gottes forschst und wenn du meinst, du wüsstest selbst, was gut ist.
Wenn ich mir von anderen nichts sagen lasse und in meinem Leben alles selbst bestimmen will, ­unterscheidet mich nichts von den Menschen, die nicht an Gott glauben. Darum bete ich: „Herr, lass mich deinen Willen erkennen, damit ich weiß, was ich jetzt zu tun habe.“ Manchmal bin ich blind und taub für das, was Gott mir sagt und kann nicht mehr unterscheiden zwischen meinem Willen, dem Willen anderer und dem Willen Gottes. Eine ­Gewissheit habe ich aber: Ich weiß, dass Gott mich so sehr liebt, dass er mich nicht alleine lässt. Mehrere Male habe ich ihm nicht gehorcht und Gott hat durch konkrete Ereignisse zeigt: ‚Exiquio, du gehst einen anderen Weg; komm zurück!’ Das gibt mir Gelassenheit und Freiheit. Ob ich Fehler mache oder nicht – ich soll nur glauben und vertrauen und dann mit Demut eingestehen: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht.“ Das Problem ist, dass wir vollkommen sein und ja keine Fehler machen wollen. Aber Gott lässt es oft zu – ja, er will es –, dass wir unsere Fehler auch machen, damit wir entdecken, dass niemand vollkommen ist, nur er, und dass er uns liebt – trotz, mit und wegen unserer Fehler. In der Osterliturgie singen wir: ‚O glückliche Schuld’ – gemeint ist die Sünde von Adam und Eva. Glücklich deshalb, weil uns dadurch Christus geschenkt worden ist. In Christus haben wir die Möglichkeit, dem Vater zu gehorchen, so wie auch er ihm ­gehorcht hat.

Der Friede im Herzen ist also ein sicheres Indiz ­dafür, dass du in Übereinstimmung bist mit dem Willen Gottes?
 
Wie schon gesagt: Auch wenn ich mich irre und ­eine falsche Entscheidung treffe; solange ich aufrichtig bete und in meinem Herzen die Absicht ­habe, seinen Willen zu tun, zu gehorchen, weiß ich: Gott kommt wieder zu mir und sagt: ‚Friede sei mit Dir!’ Aus der tiefen Erkenntnis und der An­nahme der ­eigenen Schwachheit kommt sein Frieden und führt mich wieder zurück auf den richtigen Weg. Er macht uns frei aus der Sklaverei der ­Unvollkommenheit, denn er zeigt uns, dass wir ­einzig und allein an der befreienden Liebe Christi hängen, an Gott, der uns nahe ist.

Das erinnert mich an die Stelle im Johannesevan­gelium, wo Jesus sagt: Wer meinen Willen tut, der wird erkennen, ob das, was ich sage, von Gott ist, oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche. Das Wörtchen ‚erkennen’ bedeutet nicht ein Wissen um etwas, sondern ist Ausdruck einer Intimität, einer engen Verbundenheit mit ihm, die entsteht, wenn ich das tue, was Jesus sagt: horchend aus­gerichtet zu bleiben auf ihn, der zu mir redet.
 
Es geht darum, sich selber kennenzulernen und zu erkennen, dass beides wahr ist: meine Schwachheit als Mensch und die Anwesenheit Gottes in mir, der mich liebt. Wenn ich meine Grenzen, meine Sünden, meine Schwachheiten erkenne, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder wie Judas zu reagieren, d.h. mit Stolz daran Anstoß zu nehmen, dass ich nicht vollkommen bin, oder wie Petrus meine Schwachheit anzunehmen, meine Sünde zu ­be­reuen und sie vor den zu bringen, der uns das ­Leben gebracht hat – vor Jesus Christus. Das heißt, zu sagen: ‚Herr, ich habe gesündigt, rette mich!’ Das ist Demut. Gehorsam macht uns demütig! ­Demut befreit uns von dem Wahn, sein zu müssen wie Gott. Mein Lebensglück hängt nicht von meiner Vollkommenheit ab. Gott kennt mich, weil er mich geschaffen hat, und er, der Allmächtige, liebt mich! Ich muss die Liebe der anderen nicht ­er­kaufen, ich muss meine Zukunft nicht absichern. Er ist meine Zukunft.

Wie wird man ein demütiger Mensch?
 
Die Väter der Kirche sagen: Demut kann man nur lernen durch Demütigungen. Es gib keinen anderen Weg. Demütig zu werden setzt die Bereitschaft voraus, sich selber richtig kennenzulernen und dann Gott zu bitten, dass er es schenkt, die eigenen Schwächen und Fehler anzunehmen. Das ist nur möglich mit einem aufrichtigen Glauben.
Was sind Demütigungen? Alle Ereignisse, die uns zeigen, dass wir nicht so vollkommen sind, wie wir gerne sein möchten. Ein Verheirateter erlebt täglich, dass er nicht der beste Ehemann ist, dass er nicht der beste Vater ist. Trotzdem hält er im Glauben daran fest, dass Gott ihn, so wie er ist, zum Ehemann und Vatersein berufen hat. Im Vertrauen auf seine Berufung rechnet er damit, dass Gott den Mangel ausgleicht. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Das ist Demut: mich annehmen, wie Gott mich gemacht hat und entdecken, dass er für die Verwirklichung seiner Pläne in der Welt gerade so einen Menschen braucht wie mich. Solche Demut gibt Freiheit und den Frieden, einfach der zu sein, der man ist.
Bei dem Weltjugendtag in Toronto hat der Papst den Vers als Leitfaden genommen: Die Wahrheit wird euch frei machen (Joh 8). Ich selbst bin Zeuge für das Freigemacht-Worden-Sein von Gott. Die Wahrheit ist, dass wir Kinder Gottes sind, von Gott zur Freiheit geschaffen. Ihm zu gehorchen ist das Beste; er enttäuscht uns nicht. Dafür bin ich ein lebendiger Beweis.
 
Exiquio Estrada ist Priester, er stammt aus Mexiko und ist zur Zeit in Greifswald als Kaplan tätig.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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