Gehorsam - die Freiheit, Ja zu sagen

Roland Werner

­Gefallen habe am Brandopfer und Schlachtopfer gleichwie am Gehorsam gegen die Stimme des Herrn? Siehe, Gehorsam ist besser als Opfer und Aufmerken besser als das Fett von Widdern.
(1. Samuel 15,22)
 
Gehorsam – wieder so ein Wort, das uns nicht leicht über die Lippen geht. Schon allein beim Hören des Wortes Gehorsam steigen vielen Menschen unserer Zeit negative Erinnerungen ins ­Bewusstsein. Worte wie „Kadavergehorsam“ oder „blinder Gehorsam“ schrecken uns auf. Wortassoziationen wie „Unmündigkeit“, „Machtmissbrauch“, „Unterdrückung“ und „Unfreiheit“ drängen ins innere Ohr. Es stimmt: Wir haben ein Problem mit dem Wort Gehorsam – und nicht nur mit dem Wort allein, sondern auch mit der Herzenshaltung und dem Verhalten, das mit diesem Wort einhergeht. Und das nicht ohne Grund. Denn schließlich ist mit diesem Wort schon einiges an Schindluder getrieben worden.

Missbrauchter Gehorsam

Wie alles Gute zu etwas Schlechtem, Schädlichem oder auch Zerstörerischem werden kann, wenn es absolut gesetzt oder zum Extrem getrieben wird, so ist es auch hier. Ein Blick in unsere eigene ­Geschichte zeigt das.
Die Stärke, die viele andere Länder an uns Zentraleuropäern schätzen, nämlich Verlässlichkeit, Konsequenz, Durchhaltevermögen, Organisationsbegabung und auch die Befähigung, etwas bis zum Ende durchzuziehen, kann – im Extremen – zu Sturheit, Unbeweglichkeit, Prinzipienreiterei und Rechthaberei führen. Die Befähigung, sich einzuordnen und als Teil eines Ganzen zu funktionieren, kann, wenn sie überzogen wird, den Einzelnen an die Seite drängen bis dahin, dass Menschen für ein übergeordnetes Ziel geopfert werden.
Und gerade beim Thema Gehorsam ist das erkennbar: Diese an und für sich notwendige Bereitschaft, sich etwas sagen zu lassen und das auszuführen, was ein Vorgeordneter im Sinne des gemeinsamen Ziels anordnet, kann – im Extremen – zu einem Aufgeben eigener Verantwortung führen, bis dahin, dass jemand bewusst Unrecht tut, weil er sich als Befehlsempfänger daran gebunden fühlt.
So ist es (besonders in Deutschland) verständlich, wenn Menschen bei dem Wort „Gehorsam“ Bauchschmerzen haben. Gehorsam ist zu einer fragwürdigen Tugend geworden.

Selbstbestimmung um jeden Preis?

Doch ist das wirklich unser heutiges Problem? Ist bei uns nicht genau das Gegenteil der Fall? In der verständlichen Abkehr von übermäßigem Gehorsam sind wir inzwischen längst am anderen Ende des Pendelschlags angekommen. Unsere Gesellschaft schätzt wenige Werte so hoch ein wie persönliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Wir leben in einem Zeitalter des Individualismus, nicht der gedankenlosen Unterordnung. Der einzelne, die eigene Meinung, selbst wenn sie objektiv unhaltbar und nachweisbar falsch ist, gilt immer mehr als das, was vorgesetzt, vorgedacht, angeordnet oder befohlen ist. Der Individualismus ist zur Zeit die herrschende Denk- und Gefühlsstruktur des Westens. Das hat unter anderem die Auswirkung, dass größere Verbünde wie Kirchen und Gemeinden, aber auch Parteien und politische Organisa­tionen, es immer schwerer haben, Menschen zu ­integrieren und an sich und aneinander zu binden. Die „Atomisierung“ der Gesellschaft und die Last, dass jeder Einzelne sich seinen Sinn, sein Werte­system und seine Lebensbestimmung selbst erschaffen muss, überfordern jedoch viele Menschen. So ist es kein Wunder, dass manche Zuflucht suchen in totalitären Systemen, die einen totalen Gehorsam verlangen und nicht am Menschen selbst, sondern nur am Erreichen ihrer Ziele interessiert sind.

Gehorsam in der Bibel

Wie einstmals Odysseus haarscharf zwischen Skylla und Charybdis hindurchsegeln musste, um sein Boot vor dem Zerschellen zu bewahren, so müssen wir den goldenen Weg zwischen den beiden Polen suchen: Schädlicher Kadavergehorsam auf der ­einen und unkorrigierbarer Individualismus auf der anderen Seite. Auf der Suche nach einem wahrhaft geistlichen Verständnis von Gehorsam ist die Bibel unsere beste Orientierung.
Selbst ein flüchtiger Blick auf das Thema offenbart: Gehorsam ist ein zentrales Thema sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Menschen und ganze Völker werden danach beurteilt, ob sie Gott ­gegenüber gehorsam sind oder nicht. Segen und Fluch, Heil und Unheil hängen davon ab. Dabei ist das gerade der Punkt: Beim biblischen Verständnis von Gehorsam geht es nicht um ein System, auch nicht um das Einordnen in eine menschliche Autoritätsstruktur, sondern um mein Verhältnis zu Gott. Ihm allein und ihm zuerst soll der Mensch gehorsam sein. Gehorsam im biblischen Sinn ist also eine­ Sache der Beziehung zwischen uns und Gott.
Dabei ist das deutsche Wort „Gehorsam“ außerordentlich gut geeignet, den Kern dieser Beziehung zu verdeutlichen. Ganz ähnlich wie im griechischen Neuen und hebräischen Alten Testament sind im Deutschen die Worte „Gehorsam“ und „Gehorchen“ vom Handlungswort „hören“ abge­leitet. So ist „Gehorsam“ etwas ganz Konkretes, nämlich das immer neue Hören. Gehorsam ist eine Einstellung, die zu Taten führt. Gehorsam entsteht aus der Beziehung und dem Zwiegespräch. Und es ist genau das Verweigern dieser Beziehung beziehungsweise die Weigerung zu hören, die das ­Gegenteil von biblischem Gehorsam ausmacht.

Gehorsam - aber wem?

Bildhaft wird uns das in der Sündenfallerzählung nahegebracht. Nicht erst das Essen der verbotenen Frucht macht den Ungehorsam von Eva und Adam aus, sondern die Tatsache, dass sie nicht auf die Stimme Gottes hörten, sondern auf die Einflüsterungen der Schlange. Sie liehen einer anderen Stimme ihr Ohr und waren ihr gehorsam. Ihr Ohr war von Gott weggewandt und einer anderen Stimme zugewandt, auf die sie hörten und der sie gehorchten.
Spannend ist die Tatsache, dass es offensichtlich ­immer um Gehorsam geht. Der Mensch kann anscheinend gar nicht anders, als auf irgend ­jemanden oder irgendwas zu hören und dann dem Gehörten zu folgen. Vielleicht kann man so weit gehen zu ­sagen: Gehorsam ist eine notwendige Grundstruktur des Menschen. Martin Luther drückte diesen Sachverhalt wie so oft drastisch aus: Der Mensch ist ein Esel. Die Frage ist, wer darauf reitet, Gott oder der Teufel!

Gehorsam als Antwort

Biblischer Gehorsam ist Antwort auf das Reden Gottes. Gott will nicht blinden Gehorsam, nicht erzwungene Unterordnung, sondern er sehnt sich nach dem freiwilligen Eingehen des Menschen auf seinen guten Willen. Ein gehorsamer Mensch ist ­also zuerst einmal ein hörender Mensch, einer, der gelernt hat, die Stimme Gottes wahrzunehmen. Ein anschauliches Beispiel für dieses Hören ist der junge Samuel, der als Diener im Tempel in der Nacht die Stimme Gottes zum ersten Mal hörte und lernte, auf sie zu antworten: „Rede, Herr, dein Knecht hört!“ (1. Samuel 3,10) Aus dem Hören-Wollen und Hören-Lernen erwächst die Antwort, die mehr ist als das Ausführen von Anweisungen. Gehorsam als Antwort wird erst da möglich, wo unser Herz ein ganzes Ja zu dem findet, was uns gesagt wird. Halbherziger oder gar geheuchelter Gehorsam ist ein Widerspruch in sich selbst.
Jesus erzählt eine spannende Gehorsamsgeschichte, um diesen Unterschied deutlich zu machen: Ein Vater bittet seine beiden Söhne, ihm auf dem Feld zu helfen. Der eine sagt Ja, tut es aber nicht. Der andere sagt Nein, besinnt sich jedoch und tut dann doch das Erbetene (Matthäus 21,28-30). So ist ­Gehorsam eine Antwort auf das Reden Gottes, die zu einer Entscheidung und zu konkreten Handlungen führt.
Der, dem gegenüber wir gehorsam sein wollen und sollen, ist kein anderer als Gott selbst, der vertrauens­würdig, zuverlässig, treu, barmherzig, gütig, gnädig und voller Gedanken des Friedens und der Heilung ist. Der Gott, der das Volk Israel – auch in den zehn Geboten, aber nicht nur dort – zum Gehorsam ruft, ist der Herr, ihr Gott und Er­löser, der sie aus der Knechtschaft befreit hat. Der Gehorsam des Volkes ist der Ausdruck ihres Danks. Sie willigen ein in den Bund, zu dem sie Gott be­rufen hat. Ihr Gehorsam ist der Ausdruck des Vertrauens auf ihn. Sie haben ihn so kennengelernt, dass er vertrauenswürdig ist.
Auch im Neuen Testament ist Gehorsam eine Antwort auf die Beziehung, die Gott uns in Jesus geschenkt hat. Nicht unser Gehorsam begründet dieses Verhältnis, sondern weil Jesus uns mit Gott versöhnt hat, werden wir jetzt auch befreit zum freudigen und vertrauensvollen Gehorsam. Die ­Erfahrung der Versöhnung durch Jesus schafft in uns ein „williges und bereites“ Herz.
Es geht um ­Gehorsam aus Vertrauen.

Gegenseitige Unterordnung

Der kurze Blick in den biblischen Befund macht eines deutlich: Letzter, uneingeschränkter Gehorsam kommt nur Gott zu und keinen Menschen – auch keiner geistlichen Gemeinschaft oder kirchlichen Vorgesetzten. Ja, es kann notwendig sein, um Gottes Willen Menschen den Gehorsam zu ver­weigern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apostelgeschichte 5,29)
Dennoch erscheint auch in Bezug auf Menschen gelegentlich dieser Begriff: „Gehorcht euren ­Lehrern und folgt ihnen, denn sie wachen über eure Seelen, und dafür müssen sie Rechenschaft geben, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch.“ (Hebräer 13,17)
Doch zeigt schon ein genaues Lesen, dass der „Gehorsam“ gegenüber den Lehrern ein abgeleiteter Gehorsam ist, und dass das Nicht-Befolgen dieser Ermahnung längst nicht die schwerwiegenden ­Folgen nach sich zieht, die dem Ungehorsam ­gegenüber Gottes gutem Willen folgen.
Ja, es gibt die biblische Ermahnung zum Gehorsam auch Menschen gegenüber, aber sie ist ein Sonderfall der allgemeinen Aufforderung: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.“ (Epheser 5,21)
Solch eine gegenseitige Unterordnung kann in der Tat heilsam sein für unser Leben. Sie zeigt, dass wir nicht unabhängig, unkorrigierbar und unverbunden unser Christsein gestalten wollen, sondern in Eintracht, gegenseitiger Wahrnehmung und Respekt. Wir zeigen, dass wir bereit sind, uns in die Karten schauen zu lassen, unser Leben offenzulegen und miteinander unterwegs zu sein auf dem Weg der Nachfolge Jesu.

Gehorsam als Ausdruck der Nachfolge

Gehorsam ist kein veraltetes Relikt aus längst vergangener Zeit, sondern notwendige Herzens­haltung und Lebenspraxis für die, die mit Ernst Christen sein wollen. Gehorsam gilt zunächst und ausschließlich Gott und drückt sich aus im Hören des Herzens auf seine Stimme und im Ernstnehmen. Wenn wir auf der Spur von Jesus sind, werden wir, so wie er, ­sagen können: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern!“ (Psalm 40,9) Und wir werden erkennen, dass Gehorsam gegenüber Gott wahre Freiheit ­beinhaltet. Die Freiheit, Ja zu sagen, wo es gut, notwendig und heilbringend ist.

Ich wurde ein Hörender

Als mein Gebet
immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
 
Ich wurde,
was womöglich noch ein größerer Gegensatz
zum Reden ist,
ich wurde ein Hörender.
 
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
 
Ich lernte aber,
dass Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern Hören.
 
So ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:
Still werden und still sein und warten,
bis der Betende Gott hört.
 
Søren Kierkegaard

Von

  • Roland Werner

    Dr. phil., ist Sprachwissenschaftler und evang. Theologe. Er leitet mit seiner Frau Elke die ökum. Gemeinschaft Christus-Treff in Marburg, ist Autor vieler Bücher und war bis Anfang 2010 Vorsitzender des Christival.

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