Editorial

zu

"Vom Geheimnis des Gehorsams.

Hören und Gehorchen in der Seelsorge"

Liebe Mitchristen,

Weihnachten – das Fest der Familie! So kann man es in diesen Tagen und Wochen überall, selbst auf den Weihnachtsmärkten, hören. „Was mir Weihnachten bedeutet? Ach ja, die Familie kommt ­zusammen, die Kinder und die Enkel. Ich habe nur einen Wunsch: dass wir Frieden untereinander halten besonders in diesen Tagen!“
Wer verstünde diesen Wunsch einer Mutter und Großmutter nicht? Hinter ihm verbirgt sich die ganze Sehnsucht der Menschen nach Beziehung, Begegnungen, nach dem Miteinander statt des Gegeneinanders, nach Vertrauen und Vertrautheit. Aber dieser ersehnte Frieden – woher soll er kommen? Der Wunsch alleine bringt ihn offensichtlich nicht.
Weihnachten war zuerst das Fest jener kleinen ­Familie, in die Jesus hineingeboren wurde. Gott hat seinen einzigartigen Sohn in die Arme und in die Obhut von Josef und Maria gegeben. In Nazareth sollte er aufwachsen, in diesem hügeligen Städtchen in Galiläa. „Was kann von Nazareth schon Gutes kommen?“, wird später einer über ihn spötteln.
Gottes Sohn wird doch sicher als bedeutsamer Prinz geboren, dachten die Weisen aus dem Orient­ und fragten im Palast nach. Vielleicht wäre auch die Familie des Hohepriesters noch angegangen. Aber Jesus gehörte zur Familie von Josef und Maria aus Nazareth. Wer waren die schon?
Hier, an diesen Eltern, leuchtet uns eines der größten Geheimnisse des Gehorsams auf.
Die junge Mutter antwortet am Ende einer seltsamen Begegnung mit dem Boten Gottes: Ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast! (Lk 1, 28) Auch dem Vater begegnet Gott durch seinen Engel und Josef antwortet auf das Gehörte, indem er „tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte.“ (Mt 1,24).
Sie gehören zusammen, sie horchen aufeinander und sie gehorchen miteinander!
Josef, Maria, Jesus – Menschen, die Gott bei ­seinem Wort nehmen und ihm mit ihrem Leben antworten. An ihnen zeichnet uns die Bibel vor Augen, was dieses für unsere Ohren so sperrige Wort Gehorsam bedeutet.
Ihr Glaube (wie auch der unsere, siehe Römer­ 10,17) kommt vom Hören, jener Haltung des ­Horchens, die unsere Vorfahren in ihrer mittelhochdeutschen Sprache noch „Ge-hör-sam“ nannten.
 
„Ge-Horch-samkeit“ als Haltung bedeutet, im Laufe­ seines Lebens immer wieder erfahren und eingeübt zu haben, dass es sich lohnt, mit großer Aufmerksamkeit zu hören auf den Gott, der zu uns eine ­Beziehung will und sucht; der uns liebt und von uns wiedergeliebt werden will.
 
„Auf dein Wort hin“ – wirft Simon Petrus, der erfahrene Fischer vom See Genezareth die Netze aus – am hellichten Tag! (Lk 5,5) Das heißt nichts anderes als „auf dich lasse ich mich jetzt ein!“
 
Es kommt darauf an, auf wen und auf wessen Wort Petrus und wir uns einlassen. Das macht unser ­Gehorchen, unser Vertrauen fruchtbar!
Weil wir Menschen uns schon auf so viele „Worte“ und ihre Redner eingelassen haben, und so oft im Laufe der Geschichte das Vertrauen missbraucht wurde, ist „Gehorsam“ zu einem Unwort geworden. Doch Gehorchen in biblischen Zusammenhängen meint nie „einer befiehlt und alle folgen“. Dagegen wehrt und verwehrt sich ein gesunder Mensch zu Recht.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“, heißt es sieben Mal in der Offenbarung (Kap. 2 und 3). Dieses Hinhören, ­Aufmerken, in sich Einlassen, was der Geist Gottes uns sagt, ist lebensrettend, weitet und fördert das ­Leben.
Jesus selbst sagt uns, wovon er seinen Glauben und sein Leben nährt: „Meine Speise ist, den Willen des Vaters zu tun.“ (Joh 4, 34)
In den „Willen des Vaters“ – in die Einstellungen und Perspektiven Gottes für unser Menschenleben – dürfen und sollen wir uns hineinhorchen, auf ihn hin „ge-horch-sam“ sein.
„Was werde ich da zu hören bekommen?“ mögen viele von uns als ersten Impuls ängstlich im Herzen tragen. Viel entscheidender ist aber, wen wir hören:
„Den von Jesus entdeckten, den von Jesus gepredigten, den von Jesus erkämpften und schließlich den von Jesus auch erlittenen Gott der bedingungslosen Liebe.“ (Eugen Biser, katholischer Theologe und Religionsphilosoph, geb.1918)
„Ge-horch-samkeit“ an Weihnachten heißt, mit ­unserer ganzen Sehnsucht nach Frieden im Mit­einander mit geöffneten Ohren und Augen und Herzen zum Wort Gottes kommen und hören, was der Geist uns wieder sagt:
 
Die Liebe liegt im Kripplein,
sie nahm an Menschengestalt,
dass in der Liebe Bilde
wir werden verwandelt bald.
Wer kommt mit leeren Händen,
der schöpf, soviel er kann,
dass er hat auszuteilen
Liebe an jedermann.“
Mutter Basilea Schlink
 
In der Gewissheit, dass dieser Geist Gottes auch uns mit dem Geschenk der Liebe Gottes anspricht – in allen, wenn auch so unterschiedlichen ­Bei­trägen dieses Heftes – grüße ich Sie herzlich, auch im Namen des ganzen Redaktionsteams, mit dem biblischen Segenswort: Der Friede Gottes sei mit dir und den deinen!
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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