Gott gehorchen und auf Menschen hören

Eine Lektion in der Schule des Vertrauens

Ljudmila A. P.

Gehorsam ist das Wort, das mich schon in meiner Kindheit geärgert hat. Ich hörte immer wieder, ich müsse gehorsam sein, weil es halt so sein muss, ohne jegliche Erklärung, wieso und wozu das denn eigentlich notwendig sei. Deswegen begann ich als Teenager, das zu verteidigen, was ich als meine Freiheit betrachtete. Als „Punk“ eignete ich mir gezielt Trotz und Anmaßung an, aber gut ging es mir damit nicht.

Ein guter Rat mit Folgen

Nach einiger Zeit suchte ich Hilfe. Ein Freund machte mich mit Pater Irinäus, einem Franzis­kaner, bekannt. Ich ging zu ihm, weil er auch ein Exorzist ist, d.h. im geistlichen Befreiungsdienst steht. Gerade von einem solchen brauchte ich ­Hilfe, denn unsere Familie ist mit Todesandrohungen verflucht worden. Er hat mir gleich gesagt, dass er mir helfen wird, unter der Bedingung, dass ich auf ihn höre, sonst würde es nicht gelingen. Dann sagte er noch, ich solle unbedingt beichten, bevor er betet. Das zu mir, die ich noch nie so ­etwas gemacht und auch nie geplant hatte; denn Lutheraner kennen ja keine Beichtpflicht! Sofort hatte ich all das vor Augen, was ich in meinem kurzen Leben an Widerlichem angerichtet hatte. Das soll ich einem Priester erzählen?! Ich will das nicht! – Doch ich habe gebeichtet, obwohl es schwer war und wehtat, und obwohl ich Angst hatte. Wie leicht und hell wird es dem geheilten Menschen danach!

Eine Übung, die nicht leicht fällt

Wenn es diese Notsituation nicht gegeben hätte, wäre ich wohl nie zur Beichte gegangen. Als ich das nächste Mal kam, sagte mir Pater Irinäus nach beendetem Gebet, ich solle wieder etwas tun, was ich noch nie zuvor getan hatte, nicht verstehen konnte und auch zunächst nicht tun wollte. Er gab mir einige Gebetstexte, an Heilige gerichtet. Er sah mich fest an und meinte: „Ich verstehe, dass es schwer für dich sein wird, aber du kannst mir vertrauen. Das ist sehr wichtig. Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht auf mich hörst.“ Einerseits vertraute ich dem Pater, ich glaubte, dass in diesem Menschen das Licht Gottes lebte. Ich hatte auch schon die positive Erfahrung mit der Beichte ­gemacht und war ihm dafür dankbar... Doch andererseits... ich war lutherisch, und dachte bis dahin, man dürfe nur zum dreieinigen Gott beten... aber zu Heiligen? Zu Menschen? Ob das nicht doch heidnisch und sündhaft ist? Doch das Vertrauen zu diesem Priester hat meine Zweifel besiegt. Außerdem – an wen hätte ich mich denn sonst wenden sollen? So habe ich angefangen, die Gebete, die er mir gegeben hatte, zu sprechen, aber auf meine recht komische Art. Ich fing jedesmal so an: „Lieber Jesus, ich weiß nicht, was ich jetzt tue, doch hat es Pater Irinäus so angeordnet, und da du es warst, der mich zu ihm geführt hast, trägst auch du letztendlich für all dieses und was daraus werden soll die Verantwortung.“ (Dass es tatsächlich Er war, der mich zu diesem Priester geführt hatte, habe ich ­weder damals noch heute bezweifelt.)
Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich, während ich meine ­Gedanken auf die Heiligen richte, mit ihnen tatsächlich Umgang habe, dass sie in meinem ­Leben präsent sind. Die Erfahrung lese ich auch im Hebräer­brief: „Wir sind von einer Wolke von Zeugen umgeben.“

Ein Fundament, das trägt

Zwei wichtige Dinge habe ich durch dieses Experiment gelernt:
1. Das Nötige zu tun im Vertrauen auf Gott, selbst wenn ich womöglich nicht einverstanden bin, bringt mich nicht um.
2. Dieser Gehorsam befreit und heilt – wie ich hoffe, nicht nur mich, sondern allmählich auch meine Familie. Das waren meine ersten Schritte. Ich bin immer noch dabei „Gehorsam“ zu lernen. Oft bin ich verärgert und ungeduldig. Erst allmählich habe ich verstanden, dass der Gehorsam Gott gegenüber der Liebe zu Jesus, dem Gekreuzigten, entspringt. So wie Er um meinetwillen den eigenen Willen ­unter den Willen des Vaters gestellt hat, so will auch ich für Ihn das Gleiche tun. Dieses Vertrauen ist mir wichtig geworden. Und weil ich Ihm vertraue, kann ich mich auch meinen lieben geist­lichen Lehrern anvertrauen.
Und so sah meine Übung dann aus:
 
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt,
verschone uns o Herr!
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt,
erhöre uns, o Herr!
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt,
erbarme dich unser, o Herr!
 
Heiliger Franziskus, du hast Reichtum und Ehre gering geachtet und bist in vollkommener Weise Christus nachgefolgt. Deine Liebe zum Gekreuzig­ten belohnte der Herr und verlieh dir die Wundmale. Bitte für mich, dass vollkommene Gottes-, Nächsten- und Kreuzesliebe in mir wachsen. In meinem schweren Anliegen ist dein Vorbild und dein Rat mir große Hilfe. Mit deinen Worten bete ich jetzt zu Gott:
 
O Herr, mach’ mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt;
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich ein Licht entzünde, wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
 
Herr, lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Amen

Von

  • Ljudmila A. P.

    studierte Psychologie an der Universität St. Petersburg, Russland. Seit einem Jahr lebt sie als FSJ-lerin in der OJC in Greifswald.

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