Mit offenen Ohren

Hören - Verstehen - Vertrauen - Gehorchen

Anja Martschewski

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu ­reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
(Jesaia 50, 4-5)

Als unser Sohn geboren wurde, erfolgte noch in der Klinik die Prüfung seiner Hörfähigkeit mittels eines standardisierten Hörtests. Gott sei Dank, er kann hören. Das ist ja nicht selbstverständlich. Jetzt ist er schon ein Jahr alt und hat oft unter ­Beweis gestellt, dass er gut hören kann. Mittlerweile versteht er auch vieles von dem, was ihm gesagt wird. Er guckt dann mit großen Augen und freut sich, zeigt auf Dinge, die gerade genannt wurden oder bringt das Spielzeug, um das man ihn bittet. Es kommt aber auch vor, dass er das ­Gegenteil von dem tut, was er soll, oder dass er ein „Nein“ mit einem Lächeln überhört. Er kann noch nicht unterscheiden, was gut für ihn ist und was nicht und wo ein „Nein“ ihn vor Gefahren schützt. Aber er macht erste Schritte, um Vertrauen zu lernen und Gehorchen einzuüben. Diese ­Beobachtung brachte mich zum Nachdenken.
Hören, Verstehen, Vertrauen und Gehorchen sind elementare Dinge, die eng zusammengehören und manchmal weit auseinander liegen.
 
In Deutschland stehen Hörstörungen an erster Stelle der Berufskrankheiten. Durch andauernde Lärmbelästigung nimmt die Fähigkeit zu hören ab oder geht verloren. Menschen werden regelrecht „taub gemacht“.
In Jesaja 50, 4-5 geht es ganz besonders um Hörfähigkeit. Die Frage dabei ist, ob das „geistliche Gehör“ ausgebildet ist:
Der Gottesbote hat die Aufgabe, seelsorgerlich für „die Enttäuschten und Resignierten“ da zu sein. ­Anscheinend ist ihm das rechte Wort zur rechten Zeit gegeben. Aber er schüttelt es nicht einfach so aus dem Ärmel und denkt sich nicht irgendetwas aus. Er redet den Leuten auch nicht „nach dem Mund“. Der Auftraggeber und eigentliche Redner wird ganz klar benannt. Es ist Gott selbst. Der Gottesbote dient ihm gewissermaßen als Sprachrohr. Wie ist es dazu gekommen?
Auch heute gibt es Leute, denen es gelingt, zu rechter Zeit am richtigen Ort das Rechte zu sagen. Wie gelingt ihnen das? Ich bin mir sicher, dass das mit Hören zusammenhängt. Der Text bietet uns drei Schritte zur Einübung in die Hörfähigkeit an:

1. Hören

Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
 
Das Ohr als wichtiges Sinnesorgan macht uns aufnahmefähig. Wie wesentlich das ist, wird erst ­bewusst, wenn die Funktion eingeschränkt oder gar aufgehoben ist. Ein Schwerhöriger oder ein Gehörloser fühlt sich schnell von seiner Umgebung ausgeschlossen und verliert den Anschluss. Das kann zur Folge haben, dass er im Laufe der Zeit „verstummt“. Das „Nicht- hören-können“ isoliert.
Im vorliegenden Text geht es aber nicht nur um das Hören bloßer Worte. Hier ist vom Hören im übertragenen Sinne die Rede. Der Gottesbote hört „wie Jünger hören“. Wir wollen wohl oft „wie Jünger ­reden“ und vergessen dabei, dass dies aus dem „wie Jünger hören“ folgt. Mit dem Jüngersein wird ein Lehrer-Schüler- bzw. Meister-Lehrling-Verhältnis beschrieben. Jesus nannte seine Jünger aber auch Freunde. Sie hatten eine enge und vertrauensvolle Beziehung zu ihm. Die Jünger waren Leute, die in engem Kontakt mit ihrem Herrn blieben, die jedes Wort, das er sagte, förmlich aufsaugten, die ihn liebten und deshalb einfach Zeit mit ihm verbringen wollten. Wie wir in den Evangelien lesen können, war ihr Alltag sehr ausgefüllt. Sie hatten viele Kontakte, und es gab oftmals nur zwischendurch oder am Abend kurze Pausen, um mit Jesus allein zu sein und drängende Fragen loszuwerden.
Auch wir sind vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Dazu kommt der Lärm des Alltags. ­Unsere Ohren müssen mehr aufnehmen, als wir verarbeiten können. Scherzhaft sagen manche, dass es gut sei, zwei Ohren zu haben. „Zum einen Ohr rein, zum anderen raus.“ Oder wir hören einfach nicht mehr hin. Das bewahrt uns manchmal davor, mit zu vielem überschüttet zu werden.
Doch wie ist es möglich, wesentliches von unwesentlichem zu trennen? Was heißt für uns heute „hören wie die Jünger“? Wer schon einmal Einkehrtage oder Exerzitien erlebt hat, der kennt die Erfahrung, eine Zeit aus dem Alltag herausgenommen zu sein. Nach einigen Tagen wird es möglich, den ­äußeren Lärm hinter sich zu lassen. Anselm Grün schreibt in seinem Buch „Exerzitien für den Alltag“, dass es notwendig sei, erst einmal die Ohren zu verschließen, damit wir fähig werden, wirklich zu hören, nämlich das zu hören, was Gott uns sagen möchte. „Statt nach außen zu hören, müssen wir zuerst lernen, nach innen zu hören, auf die leise Stimme Gottes in unserem Herzen.“
Und damit sind wir beim zweiten Schritt:

2. Verstehen

Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.
 
Gott selbst ist der Handelnde. Er „weckt“ das Ohr. Die Gute-Nachricht-Bibel umschreibt: Jeden Morgen lässt er mich aufwachen mit dem Verlangen, ihn zu hören. Gott öffnet das Ohr, das heißt er schenkt nicht nur die Fähigkeit zu hören, sondern auch zu verstehen und hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Wenn Gott redet, werden Menschen tief ­innen angerührt. So haben es bereits die Emmausjünger erlebt. Jesus ging mit ihnen und „es brannte das Herz in ihnen“. Er sprach sie an, aber erst als er in der ihnen vertrauten Weise das Brot brach und dankte, erkannten sie ihn. Plötzlich verstanden sie, was es mit Jesus auf sich hatte.
Wann hat uns zum letzten Mal das Herz gebrannt? Wann haben wir das letzte Mal Gottes Reden ­gehört und verstanden?
Gott gibt die Sehnsucht nach seinem Wort, und er gibt das Verstehen. Erst wenn um uns der Lärm verstummt, wenn die Hektik und Betriebsamkeit abfällt, dann hören und verstehen wir das Reden Gottes. Es geht direkt in unser Herz. Es kann uns verwandeln, wenn wir dafür bereit und offen sind. „Begierig horche ich auf das, was er mir zu sagen hat“, so heißt es in der Gute-Nachricht-Bibel ­weiter.
Mehrfach habe ich an Einkehrzeiten teilgenommen. Es war jedes Mal ein längerer Weg, von einem überaus lauten und hektischen Alltag in der leisen Gegenwart Gottes anzukommen. Es brauchte Zeit, wirklich zur Ruhe zu kommen. Doch dann wurde es möglich, die leise, aber doch deutliche Stimme im Inneren wahrzunehmen. Es war manchmal bloß ein „Hauch“, durch den mir das Reden Gottes klar wurde. Manchmal waren es Gedanken, die ich so zum ersten Mal denken konnte und manchmal fand eine anstehende Entscheidung endlich meine innere Zustimmung. Eines hatten diese Zeiten ­gemeinsam: Es fanden Zwiegespräche mit Gott, dem Vater, statt. Diese hatten meist weitreichende Konsequenzen. Wie die Emmausjünger konnte ich gestärkt und mit neuer innerer Freude in den Alltag zurückkehren.
Der Beter spricht hier aber nicht von einer ­bestimmten und erst recht nicht von einer einmaligen Zeit im Sinne von Einkehrzeiten, wie viele sie ein- bis zweimal pro Jahr erleben können. Sie ­haben ihre Berechtigung und sind notwendig, um das Hören einzuüben. Im vorliegenden Text ist die Rede von einem täglichen Hören am Morgen ­(„Jeden Morgen“). Nun ist bekanntlich die Zeit am Morgen kurz nach dem Aufstehen die Zeit, in der die mei­sten Menschen am ausgeruhtesten und aufnahmefähigsten sind. Der Tag liegt noch „unbeschrieben“ vor uns. Die Seele ist „geglättet“ und bereit. Es steckt sicherlich eine Weisheit darin, ­diese Zeit im Gebet und somit im Hören vor Gott zu verbringen. Daraus darf aber kein Gesetz werden. Es gibt immer wieder Lebensabschnitte und Situa­tionen, in denen es sinnvoll ist, diese Zeit zu verlagern (z. B. mit Kleinkindern oder bei wechselnden Arbeitszeiten etc.). Wichtig ist nur, dass es täglich solch eine Zeit des Herausgenommenseins aus ­unseren Alltagsgeschäften gibt.
Zur Zeit nehme ich mit einer Gruppe an Alltags­exerzitien teil. Wir treffen uns alle drei Wochen zum Austausch und zur Anleitung. Dazwischen üben wir diese Gebetsform in unserer persönlichen Stille ein. Erneut erlebe ich das Verlangen, Gott zu begegnen. In den Gebetszeiten am Morgen und am Abend wird diese Sehnsucht meist erfüllt. Ich merke, wie diese Zeiten den Alltag prägen bzw. wie ich den Alltag in die stillen Zeiten mit Gott hineinnehmen kann. Das zu üben lohnt sich.
Es hilft uns, „wie Jünger zu hören“. Und das wiederum macht uns fähig, „wie Jünger zu reden und zu handeln“.

3. Gehorchen

Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
 
Das lateinische Wort oboedire (Horchen) ist im englischen zu obedience (Gehorsam) geworden. Nicht umsonst, denn wenn wir etwas gehört und verstanden haben, setzt es uns in Bewegung. Die Jünger vertrauten ihrem Herrn und wussten, dass er es gut mit ihnen meinte. Sie taten, was er ihnen auftrug nicht mit Furcht und Zittern und erst recht nicht aus blindem Gehorsam. Sondern sie taten es, weil Jesus sie Freunde nannte. Und das gab ihnen Gewissheit und Mut.
Während meiner Arbeit in der kardiologischen ­Abteilung eines Krankenhauses fiel mir folgender Vergleich auf: Menschen, die einen Schlaganfall ­erleiden, dessen Ursache nicht geklärt werden kann, müssen sich einer Ultraschalluntersuchung des Herzens von der Speiseröhre aus unterziehen. Warum? Das Herz besteht aus zwei Kammern und zwei Vorhöfen. Im linken Vorhof gibt es einen Bereich, der als linkes Vorhofohr bezeichnet wird. Hier kann es unter bestimmten Voraussetzungen zur Ablagerung von Blutgerinnseln kommen. Diese können im ungünstigen Fall in den Körperkreislauf „geschwemmt“ werden und somit einen Schlag­anfall mit den entsprechenden Symptomen verur­sachen.
Ganz vereinfacht gesagt: Durch das „verschlossene Herzohr“ wird der ganze Mensch lahmgelegt.
Nicht umsonst hat bereits König Salomo Gott um ein „gehorsames Herz“ (1. Kön 3,9) gebeten. Er wusste um seine Verantwortung, das Volk recht und weise zu leiten. Ihm war klar, dass das nur in der hörenden Abhängigkeit von Gott geschehen kann. Wenn er aus eigenem Antrieb und ohne die Wegweisung Gottes regiert hätte, dann wäre nicht nur Salomo gelähmt, sondern das ganze Volk wäre geistlich bewegungsunfähig geworden.
 
Wenn Gott redet und wir verstehen, was er sagt, dann werden bzw. bleiben wir beweglich.
Kürzlich erzählte mir eine Frau von einer Erfahrung, die mich stark beeindruckt hat: Ich nenne sie hier Christa.­ Jeden Sonntag geht sie den gleichen Weg zum Gottesdienst in ihre Gemeinde. Einmal war ihr, als sage eine innere Stimme zu ihr: „Christa, schreibe jedem Gemeindemitglied zum Geburtstag einen Gruß.“ So ging es mehrere Wochen. Jeden Sonntag auf dem Weg in die Kirche hörte sie diese Stimme. Sie schob den Gedanken weit von sich und hatte allerlei ‚Ausreden’, warum das nicht ging. Nach zwei Monaten „innerer Diskussion“ gab sie schließlich nach. Sie begann damit und schrieb ­jedem aus der Gemeinde einen persönlichen Gruß. Manche Karte wurde ein richtiger Kampf. Es sollte ja nicht nur ein allgemeiner Wunsch oder irgendwelche Floskeln sein, sondern ein Segen Gottes in der jeweiligen Situation. Was sie vorher nicht wusste und die Sache noch schwieriger machte (und ihr ganzes Hörvermögen abverlangte), war, dass die Gemeinde während dieses Jahres durch eine Krise ging. Aber Christa tat, was sie hörte und verstand. Man kann sagen, sie tat, was ihr „aufs Herz gelegt wurde“. Es war nicht immer leicht, aber die Resonanz bekräftigte ihr Tun: „Das war genau, was ich brauchte!“ – „Woher weißt du, dass ich in dieser Situation stecke?“ – „Danke, vielen Dank.“
Viele, die sie bis dahin vielleicht nur mit Namen kannten, nahmen sie wahr und nahmen Kontakt auf. Das verstandene Gehörte setzte Christa in ­Bewegung und es brachte Menschen zusammen. Beziehungen wurden geknüpft oder erneuert. Gott ist ein Gott, der das Leben und die Beziehungen fördern möchte. Er redet auch heute. Er will uns ­innerlich berühren und in Bewegung setzen.
Unser Sohn kann hören. Es ist schön, mit ihm zu reden und so die Beziehung weiter zu bauen. Wir wünschen uns als Eltern, dass er uns vertraut. Er soll wissen: Wir fordern nicht blinden Gehorsam. Und wir wollen nicht, dass er uns aus Angst gehorcht, sondern weil er uns vertraut und weil er zu uns ­gehört.
Gott ist es, der uns die Fähigkeit zum Hören gibt. Er schenkt das Verstehen. Im Vertrauen, dass er es gut meint, können wir Gehorchen lernen. Vom selben Wortstamm kommt das Wort gehören. Wenn ich zu jemandem gehöre, dann vertraue ich, dass derje­nige es gut mit mir meint. Nur dann fällt Gehorchen nicht schwer, und wir können einstimmen in die Worte des Beters: Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Von

  • Anja Martschewski

    Dr., Ärztin, zur Zeit Mutter und Hausfrau. Die Frage, wie Glauben und Wissen mit unserem Leben zusammenkommen, ist ihr auch im Patientengespräch ein unaufgebbares Anliegen.

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