Buchbesprechung

Gabriele Gérard:

FLORIAN, geb. 1976.

Trauer die bleibt.

Vorwort von Sabine Zurmühl. Transit Buchverlag: Berlin 2004

Gabriele Gérard schreibt über das Schlimmste, was Eltern passieren kann: über den plötzlichen Verlust ihres Kindes – und über die Unmöglichkeit, sich damit abzufinden.
 
Aus ihrem Tagebuch Ende Juli 2000:
Als man mir am 1. Juli sagte, du seiest die Treppe herabgestürzt und hättest dir das Genick gebrochen, wusste ich, dass es nicht stimmen kann. Nein, du fällst keine Treppe herab, du nicht! Du warst nicht tolpatschig, du warst umsichtig. Ich habe es gehört, aber ich habe es nicht geglaubt! Es war fast wie eine Erlösung, als man diese Todesursache nach wenigen Tagen ausschloss und sich darauf verständigte, dass dein Herz auf jener Treppe stehengeblieben ist – Sudden Adult Death Syndrome. Nichts kann es erklären.
Es ist wohl der schicksalhafteste Tod, den es gibt und zugleich der sanfteste!

 
Brief von Florian an seine Mutter vom Montag, den 16. Juni 97: Ich denke aber, dass es gut ist, wenn ich zurück nach Berlin komme und anfange, Psychologie zu studieren. Camphill setzt einem so viele Flausen in den Kopf, dass man irgendwann die Übersicht und die Vernunft ver­liert. Ich lerne eine andere Denkensart, muss aber aufpassen, meine eigene nicht zu verlieren. Das Leben ist für mich so irreal – aber es ist einfach großartig! Mir wird wieder einmal bewusst, dass ich auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde. Für die Kraft und vor allem das Durchhaltungsvermögen muss ich Dir danken. Von wem soll es sonst kommen?
 
Autopsie Nr. A,00.0000214; Name: Florian Gérard; Geburtstag: 17.10.1976 ; Tag der Autopsie: 4.7.2000: Am 1.Juli 2000 etwa um 17.40 Uhr erhielt ich in der Tara Street Fire Station einen Notruf zum Grosvenor Square 50, Dublin 6. Bei unserer Ankunft sahen wir den Patienten auf dem ersten Treppenabsatz liegen. Er atmete nicht und er hatte keinen Puls. Wir gaben dem Patienten zwei Elektroschocks und trugen ihn in den Krankenwagen. Seamus R., Krankentransport-Helfer
 
Ein beeindruckendes Buch über Trauer und über die Kraft, diese Trauer zu leben. Mit offensiver Sprache und hoher Intensität der Be­schreibung sprengt die Autorin die Tabuzone um Tod und Trauer und beschreibt die Geschichte einer ­engen Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die blitzartig getrennt, aber nicht zerstört wird. In Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen wird das Ausmaß des Verlustes sichtbar; Trauer erscheint als einzige Chance des Weiterlebens.
Gabriele Gérard äußert sich aus der Zeit der Trauer, der Wut, des Widerstands gegen das Unglück. Sie schreibt an den toten Sohn, liest ihre Tagebücher zur Zeit seiner Geburt, sammelt die schönen, nachdenklichen Briefe des inzwischen großen Sohnes. Und sie teilt ihre Gefühle zwischen Ausweglosigkeit, Leere, Orientierungslosigkeit und großer Liebe mit für alle, die vielleicht Ähnliches erleben oder erleben könnten.    

Von

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal