Ihr habet nicht umsonst gelebt

Friedrich Rückert

Ihr habet nicht umsonst gelebt
Was kann man mehr von Menschen sagen?
Ihr habt am Baum nicht Frucht getragen,
Und seid als Blüten früh entschwebt,
Doch lieblich klagen
Die Lüfte, die zu Grab euch tragen:
Ihr habet nicht umsonst gelebt.
 
In unser Leben tief verweht,
Hat Wurzeln euer Tod geschlagen
Von süßem Leid und Wohlbehagen
Ins Herz, aus dem ihr euch erhebt
In Frühlingstagen
Als Blütenwald von Liebesklagen;
Ihr habet nicht umsonst gelebt.
 
O die ihr sanften Schmerz uns gebt
Statt eure an der Brust zu tragen,
Euch werden fremde Herzen schlagen
Von Menschenmitgefühl durchbebt
Bei unsern Klagen;
Was kann man mehr von Menschen sagen?
Ihr habet nicht umsonst gelebt!

Nach dem Tod seiner beiden Kinder Luise (3) und Ernst (5), die kurz hintereinander dem Scharlach erlagen, hatte der Dichter Friedrich Rückert  seinem Schmerz und seiner Trauer in über 400 Gedichten Ausdruck verliehen. Der als „Kindertotenlieder“ (1834) bekannt gewordene Zyklus ist in Teilen auch von Gustav Mahler ­vertont worden.

Von

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