Herr, ich kann nicht fassen...

Klagen einer trauernden Mutter

Christa Kettling

Herr, ich kann nicht fassen, was geschehen ist: Matthias­ ist nicht mehr bei uns. Wie soll ich das ­begreifen? Er gehört doch zu uns. Es kann nicht wahr sein, dass er nie mehr zurückkommt. Mechanisch ­verrichte ich alle Arbeiten. Beständig denke ich: Wo bist du, Herr? Ich spüre nichts von dir. Haben nicht andere Menschen die Erfahrung gemacht, dass du im größten Leid besonders nahe warst und sie mit tiefem Frieden erfülltest? Ich aber spüre nichts von all dem. ­
O Herr, erbarme dich.

Gott, wo warst du?

Herr, warum hast du Matthias nicht bewahrt? Warst du in der Sekunde, als das Unglück geschah, abwesend? Aber du bist doch Gott, du hast alle Macht im Himmel und auf Erden. Nichts kann ohne deinen Willen geschehen. So war es auch dein Wille, dass Matthias in diesem Alter und auf diese Weise starb. Aber wenn er nicht in Urlaub gefahren wäre, nicht mit dem Motorr­ad? – Hattest du schon bei seiner Geburt die Spanne seiner Lebenszeit bemessen und die Art seines Todes bestimmt? Oder regierte der Zufall, Natur­gesetze – ein Möbelwagen, Masse und Geschwindigkeit? Herr, ich sehe das schreckliche Geschehen. Aber dein Gesicht sehe ich nicht darin. Sind Unglück und Tod nicht widergöttliche Mächte? Hat der Teufel selber zugegriffen? Unser Junge in der Hand des Feindes? Ein furchtbarer Gedanke! – Herr, du bist Gott. Du machst auch deine Feinde zu Dienern. „Zufall“ fällt uns nur von dir zu. Du bist und bleibst in jeder Situation und über allem – auch über die Naturgesetze – der Herr. Mitten in dem allen will ich an dich, an deine gute Hand glauben. Lieber Herr, hilf meinem Unglauben!

Woher die falsche Scheu?

Herr, ich danke dir, dass so viele Menschen mit uns getrauert haben, uns voll Anteilnahme schrieben und für uns beteten. Wir hatten dasselbe versucht, wenn uns die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen erschütterte. Aber konnten wir je das Leid eines andern wirklich mittragen, konnten wir je so mit ihm leiden, wie er selber litt? Kein Mensch kann das! Heute empfinde ich es schmerzlich: Alle kehrten inzwischen wieder zu ihrem Alltag zurück, nur wir können das nicht. Wir leben als Amputierte weiter und müssen unser Leid letztlich allein ­tragen.
Herr, und doch ist etwas aufgeleuchtet von der „Gemeinschaft der Heiligen“, deinem Leib, an dem ein Glied die Lasten des anderen zu tragen versucht. Ich danke dir für alle Schwestern und Brüder, die weiter für uns beten. Vor allem lass uns nicht vergessen: Du hast all unser Leid durchlitten. Du verstehst uns ganz tief. Du bist mit deinem Geist bei uns. So sind wir doch nie allein.
Herr, es tut mir gut, wenn Menschen auf mich z­ukommen und von meinem Leid mit mir ­sprechen. Ich erwarte ja von niemandem das ­lösende Wort, und doch tut es mir wohl. Bei vielen habe ich den Eindruck, sie haben unser Leid vergessen oder sie schweigen, weil sie uns nicht wehtun, die Sache nicht aufrühren wollen. Aber unser Leid ist doch nicht wie ein trübes Wasser, wo sich der „Schmutz“ endlich setzen muss! – Herr, hatte ich vorher auch so eine falsche Scheu? Wieviele mögen auf ein teilnehmendes Wort von mir gewartet haben? Herr, vergib mir und mach mich sensibel für das, was andere brauchen.

Ist das Liebe?

Herr, ich muss mit dir über die Frau sprechen, die mich heute besuchte. Auch sie trauert um einen tödlich verunglückten Sohn. Immer hat sie für ihre Kinder gebetet, um Bewahrung, Förderung. Nun kann sie nicht mehr beten. Sie konnte an deine ­Liebe glauben, als im Leben der Ihren alles glatt ­lief. Aber den Tod ihres Jungen mit deiner Liebe ­zusammenbringen – das vermag sie nicht. Das Bild, das sie von dir hatte, das Bild vom lieben, guten, allzeit bewahrenden Gott, ist zerstört. Ich frage mich, Herr: Habe ich nicht ähnlich gedacht? Ich wusste, dass anderen Menschen Leid widerfährt, las davon in der Zeitung. Aber ich habe aus vollem Herzen singen können „...der dich erhält, wie es dir selber gefällt“. Das ließ mich in der Zuversicht ­leben: Gott wird immer mit seinem Schutz um uns sein, wird uns nie etwas so Schreckliches geschehen lassen.
Aber nun ist das Schreckliche geschehen. Und du hast es nicht verhindert. Wo ist da deine Liebe? Mit erschreckten Augen sehe ich nun überall in der Welt Not und Unrecht. Bei schrecklichem Krebstod – wo ist da deine Liebe? Kinder werden von Heim zu Heim geschoben und landen später im Gefängnis. Wo ist da deine Liebe? Ist das Liebe, wenn Menschen verhungern, bei Erdbeben umkommen, als Geiseln missbraucht und ermordet werden? Kann ich, o Gott, in diesem Weltgeschehen überhaupt deiner Liebe gewiss werden?

Der Blick in dein Herz

Da lenkst du meinen Blick auf ein furchtbares ­Ereignis, das vor zweitausend Jahren geschah. Gott, du hast deinen eigenen Sohn in den einen qualvollen Tod gegeben. Bist du ein so grausamer Vater? Du sagst, ich müsste dort am Kreuz hängen. Du aber straftest deinen Sohn – und damit dich selbst – an meiner Statt und sprichst mich frei. So viel bin ich dir wert! O Herr, das kann nur Liebe sein, ­Liebe, die alles sprengt, was wir mit diesem Wort verbinden. Liebe über alle Maßen, über alles Verstehen! Dort am Kreuz entdecke ich – mitten in dem grausigen Geschehen – deine Liebe. Da schenkst du mir den Blick in dein Herz. Da, letztlich nur da. Du musst mir täglich neu dafür die Augen öffnen. So bitte ich dich, himmlischer Vater, dich, Heiliger Geist, der du uns „erleuchten“ willst, für die trauernde Mutter, für uns, für alle, die Leid tragen: Zeig uns Jesus Christus, wie er für uns am Kreuz hängt. Zeig uns dort deine Liebe. Und lass uns glauben, dass nun alles dunkle Geschehen von deiner Liebe umfangen ist.

Aus Dreck machst du Gold

Herr, wenn ich an unsere Geschichte mit Matthias ­zurückdenke, sehe ich bei mir viel Schuld: Ich hatte nicht genug Geduld mit ihm. Ich war manchmal rechthaberisch. Ich habe ihn nicht genug gelobt. Ich hätte ihm viel deutlicher machen sollen, dass er ein Gottesgeschenk ist, ein „Matthias“, eine Gottesgabe. Ich kann ihn nicht mehr erreichen; da ist dieser gar­stige breite Graben, der Tod heißt. Nichts kann ich mehr gutmachen, nichts zurücknehmen, ihm nichts Liebes mehr sagen und tun.
Herr Jesus, sprich es mir bei diesem Abendmahl ganz persönlich zu: „Mein Blut für dich vergossen!“ Schenk mir die Gewissheit, dass all meine Schuld längst „ver-geben“ ist, weg-gegeben, weil du, Lamm Gottes, sie trägst. In dir bin ich ganz rein, unanklagbar in Ewigkeit. Immer, wenn die Schuld wieder vor mir steht (vergessen werde ich sie nie), lass dein Sterben darüber aufleuchten. Herr Jesus, ich danke dir, dass du nicht nur meine Schuld durchstreichst, sondern sogar den Schaden, den sie verursachte, in Gutes verwandelst. Was wir Menschen gedachten, böse zu machen, machst du gut. Aus Dreck machst du Gold. Dann muss selbst mein Versagen dem Matthias zum Besten dienen. Das überwältigt mich! Herr, wie groß ist dein Erbarmen. Wenn wir Eltern einst Matthias wieder­sehen, wird nichts Trennendes mehr zwischen uns ­stehen. „Mama, Papa, endlich seid ihr auch da!“, wird er rufen. Und dann werden wir miteinander dich preisen.

Innerlich weint es immerzu

Herr Jesus, es ist genug! Ich möchte diese Last des Schmerzes, des Heimwehs, der Tränen, des Verletztseins nicht mehr tragen. Ich möchte sie abwerfen, aber sie klebt an mir. Herr, ich will nicht mehr! Wir waren jetzt lange genug von Matthias getrennt. Gib ihn uns wieder! Er fehlt uns so sehr. Ich buchstabiere daran herum, dass du diese Bitte jetzt nicht erhörst, dass ich mich auf deine Termine einstellen muss. Jetzt müssen wir Tag für Tag unter dieser Last bleiben. Herr Jesus, ich sehe dich als den großen Lastenträger –  um unsretwillen hast du sie bis ans Ende getragen. Unsere Last hat dich das Leben gekostet. – Herr ­Jesus, noch heute trägst du mich. Ich staune über solch eine Liebe. Sollte ich da nicht meine Last, die du mir sorgfältig zugemessen hast, willig tragen aus Liebe zu dir?
Herr, heute fragte uns jemand, ob unser Schmerz allmählich überwunden sei. Auf solche Gedanken kann wohl nur der kommen, der bisher vom Leid verschont blieb. Ich denke an die Pfarrfrau, deren Sohn vor drei Jahren starb und die jetzt schrieb: „Äußerlich leben wir weiter, und innerlich weint es immerzu.“ – Herr, du hast uns tiefe Wunden zugefügt, die immer wieder aufbrechen. Wirklich verheilen werden sie auf Erden nicht. Du hast verheißen, dort alle Tränen von unseren Augen abzu­wischen. Bis dahin werden wir wohl zu weinen ­haben und mit Tränen bei dir ankommen. Ich freue mich schon auf deine sanfte Hand!

Grüße ihn von mir!

Herr Jesus, was soll ich gegen das Heimweh tun? Ich möchte Matthias endlich wiedersehen, ihm ­alles erzählen, was wir seit seinem Tod erlebten. Oder weiß er von uns und unserm Ergehen? Hoffen wir nicht, dass die Fürbitte der Christen, die uns im Tod vorangingen, danach keineswegs zu Ende sei? Müssen sie dann nicht Einblick haben in unsere Freuden und Nöte? Freilich, ganz von oben – aus der allerhöchsten Perspektive? Wie oft haben wir uns gewünscht, ein einziges Mal einen Blick hinter den Vorhang tun zu dürfen, von einem einzigen Strahl aus der Ewigkeit angerührt zu werden. Aber du hast es uns nicht geschenkt. Herr, die andere Welt ist uns verschlossen, wir wissen, dass jeder Versuch, neugierig einzudringen, nur Verderben bringt. Hilf uns daher, demütig die Schranken zu respektieren, die du gesetzt hast. Und Herr, wenn ich nicht mit Matthias sprechen kann, du kannst es gewiss. So grüße du ihn!

Vorgeschmack auf deine kommende Herrlichkeit

ei jeder großen Freude beschäftigt mich der ­Gedanke: All das erlebt Matthias nicht mit: den neuen Frühling, den unbeschwerten Urlaub, das Glück einer Familie... Was ihm da alles entgeht! Ich weiß noch gut: Als kleiner Junge spielte er be­geistert mit seiner ersten elektrischen Eisenbahn. Da kam das Gespräch auf deine neue Schöpfung. Plötzlich protestierte er kräftig: „Aber es soll alles so bleiben, wie es ist!“ Er sah durch deine Wiederkunft, Herr, seine Eisenbahn gefährdet. Hatte er da nicht etwas sehr Richtiges gespürt? Aber kann das wahr sein, dass du ihm mehr nimmst als gibst? Wenn Matthias jetzt nahe bei dir sein darf, fehlt ihm gewiss nichts! – So schenk uns, Herr, dass alles Schöne, das wir heute erleben, uns nicht wehmütig macht, sondern uns zum Vorgeschmack wird für deine kommende Herrlichkeit.
 
„Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.“
Paul Gerhardt

 
Herr, ich lese in deinem Wort, dass alle Trauer in Freude verwandelt werden soll. Ich weiß, hier wird das nicht geschehen, aber dort bei dir in der Ewigkeit erfüllst du, was du verheißen hast. So wirst du die Trauerfeier in einen Freudengottesdienst verwandeln. Und Matthias wird nicht – wie am ­Be­erdigungstag – fehlen. Gemeinsam mit ihm werden wir dich loben, preisen und anbeten. Herr, ich bitte dich, lass dann keinen dabei fehlen, der hier mit uns getrauert hat.

Nachwort von Siegfried Kettling

Empfinden Christen den Schmerz des Abschiednehmens weniger schwer? Ist der Glaube an den Ostersieg­ ein Panzer, der den Schlag abfängt, eine Watteschicht, die den Stoß dämpft? – Das ist nicht so, ja, das kann und darf nicht so sein! Denn der Schmerz ist Ausdruck der Liebe, Zeichen einer lebendigen Verbundenheit. Er entspringt ja aus Beziehungen, die Gott, der Schöpfer, selbst gestiftet hat.
Christen zeugen und empfangen, ­gebären und ernähren ihre Kinder wie alle anderen Eltern, aber sie wissen auch: Gott schenkte uns dieses Kind. Der Glaube hebt das Weh nicht auf, aber umschließt es, schafft gehaltenen, behüteten Schmerz, umfriedete Trauer, bewahrt vor Verzweif­lung.
Worin liegt das Vorrecht des Chri­sten? Er darf beten! Er vermag zu rufen: „Herr, erbarme dich!“ Wenn der Mensch in seiner Qual ver­stummt, wenn ihm im Schrei der Not die Sprache und alle Fassung zerbricht, schenkt Gott seinen Kindern die Adresse für den Schmerz: „Abba, Vater! Jesus, Heiland! Heiliger Geist, du Tröster!“ Und wenn ihnen das Beten zu schwer wird, wenn sie auch Gott nicht mehr zu sagen vermögen, was sie leiden, dann ist ihnen ver­heißen, dass der Heilige Geist selbst „mit unaussprechlichem Seufzen“ für sie eintritt (Röm 8,26). Er betet in uns für uns. Was die Qual aus uns herauspresst an Zweifeln, an Widerspruch bis an den Rand der Läste­rung, an Haltlosigkeit bis an den ­Abgrund des Atheismus, das alles wird von dem „Tröster Geist“, dem „Anwalt“, freundlich zu Gott emporgetragen, wird in Gottes Sprache gnädig übersetzt.
So klingt mancher schrille Schrei, manches dumpfe Stöhnen, ja manches verzweifelte Rebellieren in Gottes Ohren schöner und reiner als Händels „Großes Halleluja.“

Von

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