Empfangen und unvergänglich...

Die Trauer um ein Neugeborenes

Friederike Klenk

Nur noch sechs Wochen bis zum errechneten Geburtstermin!
Es war August, es war heiß und ich war allein mit unseren beiden Kindern, voller Vorfreude auf die Geburt unseres dritten. Mein Mann und ich hatten uns immer eine große Familie gewünscht, Jungen und Mädchen, die das Leben bejahen und viele Freunde haben würden. Mein Mann, von Beruf Betonbauer und Architekt, hatte sich zwei Wochen Urlaub genommen, um bei missionarischen Bau- und Begegnungswochen junge Menschen handwerklich anzuleiten. Ich hatte in dieser Zeit die Tochter von Freunden eingeladen. Wir wollten uns eine vergnügte Zeit machen, den Babywagen hervorholen und alles für unser kommendes Baby vorbereiten.
Als ich zur gewohnten Schwangerschaftsunter­suchung ging, schickte mich der Arzt zu meiner Überraschung in die Uniklinik. Untersuchungen dort ergaben, dass die Rhesus-Unverträglichkeit zwischen dem Blut meines Mannes und mir ­be­drohliche „Höhen“ erreicht hatte. Sie wollten das Kind sofort mit einem Kaiserschnitt holen. Ich telefonierte mit meinem Mann, versorgte die Kinder, holte mir noch das Wichtigste für das Krankenhaus und war dabei ganz zuversichtlich, dass ich unser Kind, wenn auch als Frühgeburt, bald im Arm halten würde.

Ein zerbrochener Traum

Als ich aus der Narkose erwachte, stand ein freund­licher, junger Arzt an meinem Bett. Er sagte: „Ihr Kind, ein Junge, ist drei Stunden nach der Geburt gestorben. Es tut mir sehr leid.“
Gestorben – gestorben – gestorben.
Ein riesiger Schmerz erfasste mich. Ich verlor jeden Sinn für Zeit und Raum. Mitten in meinen Schmerz hinein geschah etwas. Gott war da - mitten in der „finsteren Schlucht des Todes“, wie es im Psalm 23 heißt. Ich hielt die Augen halb geschlossen, und trotz der heftigen Erschütterung, der ich ausgesetzt war, erfüllte mich Friede. Ich war von der sanften Gegenwart meines Gottes umfangen und getröstet. ER war da, war ganz Licht, ganz Güte, ganz Trost.
Dieser Trost hielt über Wochen an.
Die Wirklichkeit dieses Trostes, der mich umfing, diesen unbegreiflichen Frieden, habe nicht nur ich gespürt. Er war spürbar für den Arzt, die Schwestern und für viele, die mich in diesen Tagen besuchten.
Eine Freundin sagte mir lächelnd: „Euer Kind wird ganz sicher von Engeln erzogen“…Und ich war mir gewiss, dass sie recht hat.
Als mein Mann auf schnellstem Wege angereist kam, weinten wir zusammen. Und doch waren wir getrost, dass unser Sohn in Gott geborgen lebt und dass wir ihn eines Tages kennenlernen werden.
 
Trotzdem weinte ich viel.
Ich weinte, weil unser Traum von einer großen Familie zerbrochen war. Nie wieder konnte ich, aus ärztlicher Einsicht, ein gesundes Kind auf die Welt bringen. Ich weinte bei jedem Kinderwagen und jeder schwangeren Frau, der ich begegnete. Ich weinte, weil ich von meinem Kind weder ein Bild noch einen Fuß- oder Handabdruck hatte. Ich weinte, dass ich nicht bei der Beerdigung dabei sein konnte, weil ich noch zu schwach war. Ich weinte, weil es nicht getauft worden war und weil ich nie die „Wiese der ungenannten Kinder“ ­besuchen konnte, wo es beerdigt lag.

Ein wunderbares Geschenk

Wir haben unserem Kind den Namen Markus gegeben. Das war wichtig für uns. Obwohl wir ihn nie kennengelernt hatten, so war es doch wichtig, dass er einen Namen hat. Der Name ließ ihn für uns zur Person werden.
Dadurch war ich auch Mutter dreier Kinder. Die Mutter von Dominik, Kristin und Markus.
Für unsere Kinder damals war es zuerst unverständ­lich, dass ich ohne Baby aus der Klinik kam. Es war nicht ganz einfach, ihnen zu sagen, dass unser ­Baby gestorben ist und sie nun kein weiteres ­Geschwisterchen hätten. Mitten in diese Situation hinein machten uns Freunde ein wunderbares ­Geschenk: ein Jesus-Baby aus Ton, in der Größe eines Neugeborenen. Wir legten es in unserem Wohnzimmer auf das Babyfell, das wir für unseren Markus schon vorbereitet hatten. Wir liebten es die ganze Advents- und Weihnachtszeit hindurch. ­Unsere Kin­der, damals drei und ein Jahr alt, beschenkten das Kind fast jeden Tag mit etwas. Alle Liebe, die unse­rem Markus gegolten hatte, strömte diesem besonderen Kind zu.
Seit damals ist das Jesus-Baby das Wichtigste an ­jedem Weihnachtsfest. Es erinnert uns daran, dass Gott als Säugling auf die Welt kam, um Liebe in uns zu entzünden.
 
Der Tod unseres Kindes hat unser Leben verändert.
Unser Traum von vielen eigenen Kindern war zu Ende. Immer wieder trug ich die Scherben meines Lebens im Gebet in Gottes Gegenwart und klagte: „Warum? Was soll ich tun mit meiner unerfüllten Mutterliebe, mit dem Loch in mir? Was hast Du vor mit uns? ‚Nur’ zwei Kinder – das hab ich nie ­gewollt! Das ist zu wenig!“
Ich selbst war in einer großen Geschwisterschar aufgewachsen. Würde meinen Kindern nicht der ganze Reichtum fehlen, den ich gehabt hatte?

Eine tiefgreifende Veränderung

Eines Tages fiel eine Frage in mein Herz. Sie schien direkt aus Gottes Herzen zu kommen: „Warum ­liebst du nur die, die du geboren hast? Meine Familie ist viel größer…“ Ich ahnte, dass es um eine Wandlung in mir ging, um eine Herzerweiterung, weit über meine natürliche Familie hinaus.
Eines Tages legte ich meine unerfüllten, zer­brochenen Wünsche und Gefühle in Gottes Hände, im Vertrauen, dass ER mein Herz weit und offen machen würde, so wie Sein Herz weit und offen ist für alle Menschen.
 
Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen.
Und seither?
Seither kann ich immer wieder fremde Kinder anschauen und lieben, als ob sie meine eigenen wären. Viele Pflegekinder für kurze oder lange Zeit lebten bei uns und wir teilen seit vielen Jahren ­unser Leben mit jungen Menschen aus aller Welt, um ihnen neben unseren eigenen Kindern ein ­Zuhause auf Zeit zu geben.
Heute ist diese Sicht auch meine:
„Das in der Welt vorhandene Böse kann die Natur der Dinge nicht ändern. Gott ist immer Sieger. Gott erreicht sein Kind mit dem Blick seiner Liebe, auch wenn man es zum Abfall eines Krankenhauses geworfen hat. Wir sind unvergänglich! Das Leben ist unvergänglich. Das Leben wird gewandelt, nicht genommen, heißt es in der Präfation von den ­Verstorbenen, die nicht tot sind, weil Gott es ist, der uns das Leben schenkt und es als unvergängliches Leben schenkt. Wenn wir auf die Welt kommen, wenn wir im Mutterschoß empfangen werden, gibt Gott uns das Leben. Es ist unvergänglich, weil ER unvergänglich ist…“ (Carlo Carretto: Empfangen unvergänglich – unser Leben. Herder Verlag: Freiburg i.Br. 1989)

Von

  • Friederike Klenk

    gehört mit ihrem Mann Hermann seit 1972 zur OJC-Gemeinschaft. Im Priorat der Kommunität. Sie ist Seelsorgerin, Mentorin für Assoziierte und gefragte Referentin

    Alle Artikel von Friederike Klenk

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal