Du gibst mich demTode nicht preis

Wenn das Osterlicht der Auferstehung in unsere Gottesfinsternis einbricht

Siegfried Kettling

In den beiden ersten Kapiteln seines Buches"Du gibst mich dem Tode nicht preis. Persönliche Erfahrung und biblisch-theologische Grundlegung", Brunnen-Verlag, leider vergriffen, führt Siegfried Kettling anhand der alttestamentlichen Texte aus, wie sich das Selbstverständnis des Gott ­zugewandten Menschen wandelt – und damit auch seine Auseinandersetzung mit dem Tod.
In der tiefen Verwurzelung und Geborgenheit des Einzelnen in Familie, Sippe, Stamm und Volk erschien der Tod als das Versammeltwerden zu den Vätern. Zugleich war das Gottesverhältnis ganz eingebunden in Gottes Geschichte mit dem Bundesvolk. Später – so in der ­Königszeit – gewann die individuelle Beziehung zu Gott zunehmend an ­Bedeutung. Damit wurde auch die Frage nach dem individuellen Verbleib nach dem irdischen Leben dringlicher: Kann der Tod meine Gottesbeziehung beenden? Zerbricht, zerfällt sie im Sterben, in der Zone des Schweigens, der Gottesfinsternis? Vor allem in den Psalmengebeten lässt sich dieser Umbruch festmachen. In den Prophetenbüchern schließ­lich gerät die endzeitliche Verheißung immer mehr in den Blick und damit verbunden Verheißungen über die Auferstehung der Gerechten am Tag des Gerichts.
Wie aber – und vor allem durch wen – Gott den Menschen das neue und ewige­ Leben geben wird, enthüllen erst die Evangelienberichte. Den theo­logischen und heilsgeschichtlichen Zusammenhang reflektieren schließlich Apo­stel­geschichte und Epistel.

Jesus - der Schlussstein

Auf dem Gipfel der Offenbarungsgeschichte, durch die Gott sein Volk im Alten Testament im Blick auf den Tod führt, steht strahlend das Verheißungswort: AUFERSTEHUNG.
 
Wie ein Gewölbe im Schlußstein seine Krönung empfängt, so laufen alle Bauelemente der Offen­barung in Jesus Christus zusammen, erfahren in ihm ihre Vollendung.
 
„Auch in der Hölle (Scheol) bist du da.“
Der erste Petrusbrief spricht geheimnisvoll von der „Hadesfahrt Christi“ (3,19-20a). Das Geschlecht derer, die bei der Sintflut umkamen, galt den ­jüdischen Schriftgelehrten als restlos und endgültig verloren. Das äthiopische Henochbuch schildert (Kap. 12 – 16), wie diese Unseligen Henoch um ­eine Bittschrift, um ein Gnadengesuch an Gott anflehen. Aber Henoch kann nur den furchtbaren Entscheid überbringen: „Ihr werdet keinen Frieden ­
­(=kein Heil) haben“ (16,4). Eben diesen Letzten ­unter allen Verlorenen richtet Jesus die Heilsbotschaft aus.
Nach 1. Petrus 4,6 verkündet der Retter allen Toten das Evangelium. „Die Heilswirkung seines Todes­leidens reicht auch hin zu den Menschen, die in diesem Leben nicht zu einer bewussten Begegnung mit Christus kommen, selbst zu den verlorenen unter ihnen“ (L. Goppelt; das bedeutet nicht Allversöhnung, aber doch „All-Evangelisation“!). Die „Hadesfahrt“ spricht also von Jesu Anwesenheit in der Scheol und von seinem Wirken dort. In Jesus betritt Gott selbst jene letzte grauenhafte Zone der Gottesferne, jenen tiefsten Abgrund der Unreinheit und des tödlichen Schweigens. – Man darf nie vergessen: „der Tod ist der Sünde Sold!“ (Röm 6,23)
Jesus durchschreitet alle Tiefen, ist auch auf der ­untersten Sohle gegenwärtig. Und mehr: Dort, in der „Scheol“ wird das Evangelium ausgerufen, das Heil proklamiert. Jesus pflanzt mitten im Reich des Todes, im gottverlassenen Land der Unreinheit ­seine Siegesfahne auf.

Heilsfülle statt "Gottesvakuum"

Das einstige „Gottesvakuum“ ist jetzt „voll von ­Jesus“, voll vom Heil. Hier mündet die erste alt­testamentliche Linie im Triumph der Gnade. Das ist Evangelium auch für uns: „Was die dunkle Todesnacht mir auch für Gedanken macht...“, ich sterbe nicht in die Scheol, sondern in die geöffneten Arme Jesu hinein, nicht in Nacht, in Einsamkeit und Schweigen, sondern in seine lichte Gegenwart.
 
„Jesus lebt – mit ihm auch ich.“
Auch die zweite alttestamentliche Linie – die ­unzerstörbare Gottesgemeinschaft, wie sie in Psalm 73 besungen wird – kommt in Jesus an ihr Ziel. Die neue Gottesgemeinschaft, die Jesus stiftet, unser „In-Christus-Sein“, kann vom Tode nicht angetastet werden. Diese Gewissheit ist im Johannes­evan­­­­ge­lium und im 1. Johannesbrief kräftig ausgesprochen: Jesus ist „das Leben“ in Person. Wer an ihn glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, ja, recht ­betrachtet muss es heißen: „der wird nimmermehr sterben“ (Joh 11,25).
Das Letzte, das Endgültige und Bleibende ist in ­Jesus jetzt schon da. (Die Theologen sprechen von „präsentischer Eschatologie“.) Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben ..., er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen (Joh 5,24; vgl. 1 Joh 3,14; 5,12).
 
„Lässet auch ein Haupt sein Glied?“
Die dritte Hoffnungslinie (Auferweckung) bekommt überhaupt erst mit Jesus einen festen Grund, wird erst durch ihn zur „fundierten Hoffnung“. Mit seiner­ Auferweckung „definiert“ Gott sich neu; er fügt ­seinem alten, schon „österlichen“ Namen Gott ­Abrahams, Isaaks und Jakobs (in Ihm leben sie ­alle!) den neuen hinzu: „Der Gott, der Jesus von den ­Toten auferweckt hat“ (Röm 4,24; vgl. Röm 1,3-4; 8,11; 10,9; 2. Kor 4,14). Durch seine Wundertat stellt sich Gott neu vor.
Es geht im Neuen Testament nicht darum, dass eine neue Theorie über den Tod, eine neue Anschauung, ein neues Denkmodell angeboten würde. Vielmehr wird bezeugt, dass Gott dem Tode selbst etwas angetan hat, dass dem Tode selbst Entscheidendes widerfahren ist: An jenem Ostermorgen fand im Garten des Joseph von ­Arimathäa nichts Geringeres statt als „des Todes Tod“! Nun ist der letzte Feind tödlich getroffen, ist dabei auszubluten; nur seinen Todeszuckungen sind wir noch ausgesetzt – die sind noch erschreckend genug –, aber Macht und Anrecht hat er verloren.
Das, was an dem toten Jesus geschah, war nicht ein auf ihn beschränktes Ereignis, nicht ein sozusagen privates Ostern – etwa als Belohnung für einen privaten Karfreitag. Der Auferweckte ist keine Privatperson, sondern der „Erstling“ für alle (1. Kor 15,20). Der „Erstling“ repräsentiert das ­Ganze – so wie die Erstlingsgabe die ganze Ernte Gott weihte, – sein Geschick greift nach allen.
Jesus ist der Messias, und der Messias ist nie ohne sein Volk; Jesus ist das Haupt seines Leibes, und das Haupt ist nie ohne seine Glieder. Deshalb kann Luther rühmen: „Wie die Weiber sagen: Wenn bei einem Kindlein der Kopf bei der Geburt hervorgekommen ist, hat’s nicht mehr not“  – alles ist bereits gewonnen, „so ist unsere Auferstehung ... mehr als zur Hälfte schon geschehen, weil unser Haupt da ist. Das ist’s: dass Seine Auferstehung ... mir und dir gilt. Dieser Tod und diese Auferstehung ist um deinet- und ­meinetwillen geschehen.“ (Aus Luthers Predigt zu 1 Kor 15,20-22)

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