Zulassen statt Loslassen

Prozesse und Formen der Trauer

Mechthild Ritter

Mechthild Ritter ist Diplompädagogin und katholische Seelsorgerin in der onkologischen Kinderstation des Klinikums in Würzburg. 2000 wurde sie für ihre Verdienste in der praktischen Entwicklung von Konzepten zur Trauerarbeit mit dem Preis der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe ausgezeichnet. In ihrem Buch beschreibt sie drei Phasen der Verarbeitung: Direkt vor und nach dem Tod des Kindes, die Wege der Bewältigung für jedes einzelne Familienmitglied und die Möglichkeit einer nachsorgenden Begleitung durch ­eine Selbsthilfegruppe.
 
„Das Wort ‚loslassen’ ist zu keinem Zeitpunkt das richtige Wort“, sagt die Mutter von Katrin fünf ­Jahre nach deren Tod.
 
Durch die Empfehlungen, „loszulassen“ und „nicht mehr festzuhalten“, fühlen sich Eltern oft betrogen um ihr Bedürfnis, mit dem verstorbenen Kind in Verbindung bleiben zu wollen. Ihre Sehnsucht soll beschnitten werden. Zugleich verstehen sie es als Aufforderung, nach „so langer Zeit“ nicht mehr sichtbar zu trauern. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einige Monate oder Jahre handelt. Die „Ratgeber“ distanzieren sich von der Trauer, statt sich auf die Seite der Trauernden zu stellen. Eine Alternative zum „loslassen“ ist das „zulassen“. Darin steckt keine zwingende Norm, wie es jemand machen sollte, sondern hier findet sich die Haltung, „alles, was ist, darf sein“ wieder. Für Betroffene ist es die Erlaubnis, das, was sie spüren und wahrnehmen, unbeschränkt und ungeschönt auszudrücken. Begleiter sind eingeladen, dabei behilflich zu sein. Hier können die schönen Erinnerungen Raum haben. Am Anfang des Trauerweges stehen jedoch oft belastende Erinnerungen im Vordergrund, wenn ein Kind z.B. vor seinem Tod große Schmerzen hatte. Auch problematische Aspekte in der Beziehung zum Verstorbenen zu Lebzeiten können und dürfen zu Wort kommen. Wenn diese Erinnerungen ausgedrückt und zugelassen werden, können sie verarbeitet werden. Langfristig zeigen sich dann wieder die Bilder aus dem gesamten ­Leben des Kindes.
Die Aufmerksamkeit für Träume und Zeichen der Nähe des verstorbenen Kindes sind oft tröstlich und weisen weiter. Viele Eltern wünschen sich innig ­eine Botschaft, einen Traum, eine Nachricht von ­ihrem verstorbenen Kind. Auch hier funktioniert die Logik des Zwingens nicht. Träume stellen sich manchmal erst Jahre später ein, wenn das dringende Darauf-Warten nachgelassen hat. Gelegentlich berichten Freunde oder Bekannte, dass sie vom verstorbenen Kind geträumt haben, und geben ­diese Botschaft an die Eltern weiter.
 
In einem Traum sieht die Mutter von Andrea ihre Tochter und stellt ihr die Frage, die sie am meisten bewegt: „Ist es o.k., wie es dort ist? Ist es richtig, was wir glauben?“ – „Mama, es ist nicht o.k. Es gibt auf dieser Welt keine Worte, wie gut es hier ist.“ Die Mutter sagt: „Diese Antwort ist für mich Wahrheit.“
 
Nach der Beerdigung ihres einzigen Kindes träumt die Mutter eines dreijährigen Jungen, dass dieser sich im Grab von der Rückenlage auf die Seite gedreht hat. Zunächst empfindet sie den Trauminhalt als schrecklich, deutet ihn dann aber so, dass ihr Kind sich nun „gut gebettet“ hat, dass es lebt und gut zu liegen kam. Im Aufwachen hat sie die körperliche Wahrnehmung kleiner Kinderhände, die ihr über den Rücken streichen. Sie ist „berührt“ und froh.

 
Auf spektakuläre und vielfältige Weise schildert die amerikanische Autorin Cherie Sutherland Erfahrungen von trauernden Eltern, wie diese ihre Verbindung zum verstorbenen Kind erleben. Manche Eltern trauen sich gar nicht, von diesen speziellen Wahrnehmungen zu sprechen, weil sie befürchten, nicht verstanden zu werden. Dabei kommt es nicht darauf an, ob sich diese „Begegnungen“ objektivieren lassen, ob sie „wahr“ sind, sondern ob sie eine stärkende und hilfreiche Wirkung auf die Trauernden haben. Wirklich ist, was wirkt.
 
Rebecca (7) liebte Marienkäfer. Sie hatte natürlich auch ein entsprechendes Stofftier, den „Glücksi“. Nach ihrem Tod trifft ihre Mutter zu allen Jahreszeiten immer wieder diese kleinen roten Marien­käfer an, am Friedhof, zu Hause und manchmal, wenn sie sich besonders belastet fühlt. Dann freut sie sich über diesen „Gruß“ ihrer Tochter.

Die Lebensmelodie darf weiterklingen

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten; ... indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“ Dietrich Bonhoeffer.
 
Immer wieder taucht die Angst auf, das verstorbene Kind, seine Stimme, seine Eigenart, Erlebnisse mit ihm könnten vergessen werden. Dies umso mehr, je mehr das Leben wieder alltäglicher wird.
 
Die Mutter von Henri hat nach seinem Tod ein Erinnerungsbuch begonnen, in dem sie rückblickend das kurze Leben ihres Sohnes beschreibt. Sie bittet auch Freunde, Bekannte und Menschen, die mit ­ihrem Sohn zu tun hatten, z.B. die Hebamme, diesem Kind in schriftlicher Form eine Erinnerung zu widmen.
 
In der Literatur sind viele Erfahrungsberichte von ­Eltern bekannt, die das Leben ihres Kindes, häufig seine Krankheitsgeschichte, verarbeiten. Künstlerische Formen der Auseinandersetzung mit dem ­Familienschicksal finden sich in vielfältiger Art bei Musikern, Dichtern und Künstlern, z.B. bei Käthe Kollwitz, in Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“ oder in der modernen Ballade „Tears in Heaven“ von Eric Clapton.
Ein konstruktives Bild vertritt der Prozesspsychologe May Schueppach. Bei einer Veranstaltung der „Verwaisten Eltern“ in Hamburg fragt er nach der ­„Lebensmelodie“ des verstorbenen Kindes und wie sie weiterklingt im Leben der Hinterbliebenen.
Wenn man versucht, die Wesensart des Kindes und seine Lebenseinstellung zu erfassen, kann man Formen finden, wie diese in das eigene Leben einfließen können und dort weiter zum Klingen kommen.
 
Bei der Beerdigung von Anita wird folgende Für­bitte vorgetragen: „Wir bitten für alle, die heute so traurig sind, dass sie Anitas Lachen nicht mehr hören, die ihre ehrliche, fröhliche und liebevolle Art schon jetzt vermissen: Lasse jeden von uns eine dieser schönen Eigenschaften weiterpflegen und weiter­leben.“
 
„Sie hat nie gefragt, ‚Warum gerade ich?’ Sie hat ­immer gesagt, ‚Das hat schon alles seinen Sinn’“, ­zitiert eine Mutter ihre als junge Erwachsene verstorbene Tochter und macht sich diese Haltung zur Maxime in ihrem eigenen Leben.

 
In dem Bilderbuch „Leb wohl, lieber Dachs“ von Susan Varley treffen sich nach dem kalten Winter, den jeder zurückgezogen verbracht hat, die Freunde des verstorbenen Dachses und tauschen sich darüber aus, was sie alles vom Dachs gelernt und geschenkt bekommen haben und was sie als sein Abschiedsgeschenk wie einen Schatz hüteten. Im Rückblick wird ihnen klar, dass diese Hinter­lassenschaft sie nicht nur persönlich reicher macht, sondern auch als Gemeinschaft – denn mit den ­unterschiedlichen Gaben können sie einander ­beistehen.
 
In seinem Gedicht „An M.“ schreibt Joachim ­Ringelnatz:
 
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!
 
Wenn Sterbende ihren Angehörigen vermitteln, sie sollen nicht um sie trauern, drücken sie damit ihren Wunsch aus, die anderen durch ihren Tod nicht traurig machen zu wollen. Langfristig stellt sich die Frage, wie der Segen des Verstorbenen den Lebenden erfahrbar wird.

Trauer gegen das Vergessen

Wenn der Alltag wieder eine Form gefunden hat, wenn Eltern sich wieder einnehmen lassen von neuen Aufgaben, wenn weitere Geschwister auf die Welt gekommen sind, werden die Aufmerksamkeit und die Erinnerung überlagert. Ist die Trauer dann der einzige Garant gegen das Vergessen? Dient sie dazu, die Lücke zu erhalten? Je mehr die Erinnerung gesichert ist, je mehr Menschen zu diesem Netz des Erinnerns beitragen, desto weniger muss am Schmerz  festgehalten werden, da es ja stärkende Formen des Gedenkens gibt. Beim Versuch, den Tod eines Menschen schnell zu „überbrücken“, kann die Trauer als Regulativ „einen Strich durch die Rechnung machen“.
 
Die Kindergartenerzieherin empfiehlt zwei ­Geschwister zur Therapie, deren Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Nach knapp zwei Jahren „haben die Kinder immer noch Probleme“, sie weinen viel, „obwohl“ der Vater inzwischen wieder geheiratet hat und die neue Familie bereits ein weiteres Kind erwartet und somit als Familie wieder gut eingerichtet ist.
Es kann sein, dass die Kinder deshalb nicht so sichtbar trauern konnten, weil äußerlich schon alles „wiederhergestellt“ erscheint. Die Mama ist „ersetzt“ worden, es darf nicht mehr weh tun, und nun droht das Vergessen. Für diese Kinder wäre es wichtig, wenn Fotos ihrer leiblichen Mutter aufgestellt würden, begleitet von den Worten: „Das ist deine Mama, die beste Mama, die es für dich gab. Wie schade, dass sie nicht mehr lebt.“

Erinnerungen gestalten und feiern

Die Formen des Gedenkens verändern sich mit der Zeit. Es kann helfen, Gedichte oder ein Erinnerungsbuch zu schreiben, Fotoalben zu gestalten, Filme wieder anzuschauen, Kondolenzpost aufzubewahren und zu lesen. Entscheidend ist, dass das verstorbene Kind nicht totgeschwiegen wird, dass es Menschen gibt, die nach seinem Namen fragen oder seinen Namen immer wieder erwähnen.
 
Nach seinem Tod zeichnet die Mutter von Peter (19) ein kleines Kreuz hinter seinen Namen auf das Klingelschild der Familie.
 
Zuwendung an Geburts- und Todestagen kann eine gute Unterstützung und Freude für „verwaiste ­Eltern“ sein. Eltern sollten sich nicht scheuen, diese Tage bewusst zu gestalten. Gerade der Geburtstag bietet sich für ein Kaffeetrinken in vertrauter Runde an, bei dem über die Verstorbenen gesprochen wird. Es können auch neue Formen „erfunden“ werden, wie die Gedenktage gestaltet werden.
 
In Katrins Familie wird bei Festtagen und Jubiläen gedichtet und gesungen. Zum ersten Geburtstag nach Katrins Tod lädt die Familie die Menschen ein, die auch an der Trauerfeier teilgenommen hatten. Im gleichen Gasthaus, in dem der „Tröster“ statt­gefunden hatte, findet nun ein Fest statt. Jeder sollte – laut Einladung – etwas mitbringen, das er einmal von Katrin bekommen hat. Eine Ausstellung entsteht. Ein Lied zu ihren Ehren wird gesungen, Katrin wird als im Kreis anwesend begrüßt, und so wird deutlich, dass man heute fröhlich sein darf.
Katrins Geburtstag ist im Januar. Ihr Sterbetag, der 29. Februar, taucht nur alle vier Jahre auf. Ob es ­ihre Botschaft war, sich an ihrem Geburtstag ­fröhlich an sie zu erinnern? Es würde zu ihr passen. Und die Familie hat ihr Erbe angetreten.
 
Die Kirche trägt dem Bedürfnis des Erinnerns mit den Totengedenktagen im November Rechnung. Viele mögen diese Jahreszeit nicht. Es ist die Zeit, in der die Medien sich dem Thema widmen, die Witterung spiegelt oft die Seelenlage von Trauernden. Es ist Zeit und Raum für „graue und trübe Gedanken“. Jedoch kann die jahreszeitliche Erlaubnis zu diesen Seelenaspekten eine Entlastung sein. Hier bin ich traurig, hier darf ich es sein.
Die Kar- und Ostertage mit ihrer Liturgie gestalten Themen, in denen sich trauernde Eltern wiederfinden können. Die klassische Musik bietet dazu vielfältigen Ausdruck, wovon sich Herz und Seele tief berühren lassen. Ich denke z.B. an die Matthäus-Passion von Bach, an die Requien von Mozart und Brahms und an die Historie der Auferstehung von H. Schütz.
 
 
Zuerst veröffentlich in: Mechthild Ritter, Erinnern als lebenslanger Prozess, in: Wenn ein Kind stirbt. Ein Begleiter für trauernde Eltern und Geschwister, S. 68-75 Copyright: Mechthild Ritter, Eibelsberg

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  • Mechthild Ritter

    ist Diplompädagogin und katholische Seelsorgerin in der onkologischen Kinderstation des Klinikums in Würzburg. 2000 wurde sie für ihre Verdienste in der praktischen Entwicklung von Konzepten zur Trauerarbeit mit dem Preis der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe ausgezeichnet. In ihrem Buch beschreibt sie drei Phasen der Verarbeitung: Direkt vor und nach dem Tod des Kindes, die Wege der Bewältigung für jedes einzelne Familienmitglied und die Möglichkeit einer nachsorgenden Begleitung durch ­eine Selbsthilfegruppe.

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