Wenn ein Kind gestorben ist

Editorial

Eltern im Schmerz

Das Leben geht weiter – aber
es ist nicht mehr dasselbe wie zuvor!
Morgens stehen wir auf, alles scheint wie immer;
Wir leben unseren Tag,
die Dinge gehen ihren Gang.
Niemand versteht, wie schrecklich es ist.
Das Leben geht weiter – aber
es ist nicht mehr dasselbe!
 
Wir lächeln den Menschen zu,
wir gehen einkaufen,Tag folgt auf Tag.
Heimlich weinen wir bei Hochzeitsfeiern –
Das Leben geht weiter – aber ...
 
Wir gehen spazieren, wir treffen Verwandte,
das Bild unseres Sohnes steht uns vor der Seele.
Jedes freudige Ereignis, alle Feste:
für uns sind sie angefüllt mit Traurigkeiten.
Das Leben geht weiter – aber ...
 
Wir sprechen mit andern, lachen, erzählen Witze,
mittendrin fällt ein Wort – und Schmerz
und Erinnerung überfluten uns.
Das Leben geht weiter – aber ...
 
Wir lassen die Kinder ausgehen,
sie sollen sich ihres Lebens freuen!
Doch uns schüttelt die Angst,
bis sie wieder zu Hause sind.
Und wir weinen heimlich,
nachts in unseren Betten.
Das Leben geht weiter – aber
es ist nicht mehr dasselbe wie zuvor!

 

Liebe Mitchristen!

Der Sohn, dessen Tod hier von seinem Vater ­beklagt wird, fiel einem Terrorattentat zum Opfer. Dieser trauernde Vater schreibt seinen tiefen Kummer in Gedichten nieder. Alle Eltern, ­denen ein Kind gestorben ist, kennen und teilen diesen Schmerz über den bitteren Verlust: „Weltweit sind wir verbunden durch die schreckliche und endgültige Leere“ sagt Gabriela, eine israelische Mutter, die zwei ihrer Kinder betrauert.
 
Angeregt zu diesem Thema wurden wir durch die wiederholte Begegnung mit Eltern, die ihre meist schon erwachsenen Kinder durch Terrorattentate verloren haben. Auch wenn der Tod seines Sohnes schon einige Jahre zurückliege, könne er nicht einwilligen, dass die Zeit alle Wunden heile. Der Vater bringt seinen Schmerz auf den Punkt: „Wenn ich heute eine junge Frau sehen, denke ich manchmal ganz unwillkürlich: leider kann sie nicht meine Schwiegertochter werden! Und beim Anblick von kleinen Kindern – leider sind sie nicht meine Enkel! Mit Effi ist ein ganzer Zweig unserer Familie gestorben!“
 
„Wer einen Menschen tötet, tötet eine ganze Welt.
Wer einen Menschen rettet, rettet eine ganze Welt“, sagt der Talmud.
 
Harold Kushner, der erste Autor dieser Brennpunkt Seelsorge Ausgabe ist ein prominenter Rabbiner und lebt in Boston, Massachusetts. Sein Buch „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ ist ein internationaler Bestseller; in 14 Sprachen übersetzt wurde es vor einiger Zeit zu einem der zehn wirkungsvollsten Bücher der vergangenen Jahre ­gewählt. „Ich glaube, dass wir die Tragödien unseres Lebens in Fundamente der Lebenserfüllung verwandeln lassen können.“ Rabbi Kushner gibt in seinem Buch einen sehr persönlichen Einblick, wie ihm durch die Behinderung und den Tod seines Sohnes Gottesbilder zerbrechen – und wie er sich auf die Suche macht nach einem Gott, der sich in aller Ungerechtigkeit und Unvollkommenheit dieser Welt das letzte Wort nicht nehmen lässt.
 
Noch ganz von den Erschütterungen durch den ­Unfalltod ihres Sohnes gezeichnet sind die Beiträge von Siegfried und Christa Kettling. Der Vater ­versucht durch bibel-theologisches Erarbeiten den bisher bewährten Glauben auch in diesem Abgrund von Schmerz, Unverständnis, Verlust und Trauer ins Leben zu ziehen. Die Mutter trägt ihren Schock über die jähe gewaltsame Lebenszerstörung in ­einer Reihe eigener „Klagepsalmen“ vor Gott: die tiefen Wunden durch den plötzlichen Verlust, das Heimweh nach dem Kind, die eigenen Versäumnisse ... immer wieder im Ringen darum, Gott trotzdem seine Liebe zu glauben.
 
Die große Hoffnung, die uns Juden und Christen bleibend verbindet und uns Menschen durch alle Trauer hindurch Halt geben will, stellt uns Walter Habdank in seinem so einmaligen Holzschnitt des Propheten Hesekiel vor Augen: nur der Geist macht wirklich lebendig!
 
„Gute Hoffnung – jähes Ende“ betitelt Hannah ­Lothrop ihr Buch über Fehlgeburten, Totgeburten und Verlust des Kindes in der frühen Lebenszeit (Kösel Verlag, 12. aktualisierte Auflage). Sie weist immer wieder in vielerlei Formen darauf hin, dass der Tod eines Babys nicht „richtig“ ist: „Das ganze Potential des Kindes für ein erfülltes Leben zerrinnt, ehe die Eltern es lieb haben konnten ...“ Doch ­leider zerrinnt auch zu viel Potential der Eltern, wenn sie nach dem Verlust durch Fehl- oder Tot­geburt keinen angemessenen Beistand in ihrer ­Trauer erfahren. Wie Eltern im Schmerz getröstet werden können, schreibt Mechthild Ritter sehr ­anschaulich aus ihrer Praxis und für die Praxis.
 
In ein paar Wochen feiern wir Ostern, das Fest der Hoffnung. An Ostern will Gott uns von unseren ­Tatsachen und Möglichkeiten weglocken hin zu seinen Möglichkeiten, so dass wir mitten im ­Leiden, ja noch unter Tränen lachen dürfen.
 
Er mache uns zu Zeugen der Hoffnung!
Mit dieser österlichen Bitte grüße ich Sie herzlich auch im Namen des ganzen Redaktionsteams
 
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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