Alt, älter - was bleibt?

Unser Leben währet 70 Jahre...

Helga Schikora

Ja, ich bin älter, sogar alt geworden. Alles geht langsamer, ich brauche mehr Zeit zum Regenerieren. Die körperlichen Kräfte haben sehr nach­gelassen. Schon ein langer Spaziergang strengt mich an! Das gilt es zu akzeptieren! „Es ist so“ – unumkehrbar – und wird immer noch zunehmen, das Abnehmen der Kräfte. Auch das geistige, das Erinnerungsvermögen. Was gestern war, ist mühsamer zu erinnern als das Vorgestrige!
Der Radius wird kleiner. Man meint, nicht mehr so viel tragen – ertragen zu können. Ich bin zu Hause geborgen – außerhäusliche Aktivitäten ­habe ich vermindert – aber ohne Bedauern.
Ich mache mir viele Gedanken über den Vers: „Unser Leben währet 70 Jahre und wenn’s hoch kommt 80 Jahre“ (Psalm 90, 10). Also: bereit sein – innerlich und äußerlich – alles in Ordnung haben. Der Nachlass ist geregelt, die Wohnung wird immer so verlassen, als könnte ich nicht mehr zurück­kehren. Aber tief im Herzen lebt auch bei mir der Wunsch wie bei so vielen: Ich möchte hier einfach einschlafen dürfen und dort aufwachen!

Fragen

Ob ich wohl hier wohnen bleiben darf und kann, oder mal in ein Altersheim ziehe?
Ist dieses Älterwerden zugleich reifen? Vieles am Menschen wurde mir zunehmend geheimnisvoll.
Was heißt reifen? Wenn wir eine Frucht betrachten: Sie muss den äußeren Bedingungen: Sonne, Wind und Regen standhalten, und muss am Stamm bleiben, der sie nährt! Alles geschieht an ihr, was kann sie selbst tun?

Von 50 bis 70

Das ist so individuell – gar nicht „exemplarisch“!
Als ich 49 Jahre alt war  – also vor 21 Jahren – starb mein Mann. Das war ein so alles erschütterndes, tief einschneidendes Ereignis, ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich schrieb mir danach einmal auf: „In unserem letzten gemeinsamen Jahr dachte ich, so, jetzt bin ich fast fünfzig und fertig. Ich wollte mich in meiner Selbstgefälligkeit einrichten, ­wusste auch für andere immer, was zu tun sei, dachte, das gröbste sei überstanden und so kann es bleiben.“ Dann starb mein Mann und nichts blieb wie es war.
Ich habe es Gott zu verdanken, dass ich nicht in der Trauer um meinen Mann versunken bin. Gott hat große Dinge an mir getan. Im Rückblick war es Gottes Weg mit mir, nicht mein Weg.
So fing mit 50 Jahren auch erst mein „Glaubensweg“ an, ein wachsen zu IHM hin, der das Haupt ist – Christus. In einem Seelsorgeseminar hörte ich den Satz: „Die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis kommt vor der Himmelfahrt der Gotteserkenntnis.“ Dieser Prozess dauert an!
Ich las viele Bücher über Trauer, Tod und Sterben. Liliane Giudice schrieb ein empfehlenswertes Buch: „Ohne meinen Mann“. Darin schreibt sie vom Sinn des Lebens, reif werden für Gott. Das ­gefiel mir, aber wie geht das?
Dann hörte ich einmal: Reif werden ist ein Dankbarwerden. Die kleinsten Dinge des Alltags in ­einem Dank an Gott weitergeben. Bonhoeffer schrieb einmal sinngemäß: Alles, wofür wir Gott nicht danken können, werfen wir IHM vor! Das Danken ist mir zur guten Gewohnheit herangereift.

Der Alltag

Zweimal wöchentlich gehe ich vormittags meiner ehrenamtlichen Tätigkeit nach: Ich mache Besuche in einer Geriatriestation. Dort werde ich mit vielen Schicksalen alter Menschen konfrontiert und merke zunehmend, wie mich das Elend beelendet. Bibelworte bekommen dort einen sehr persönlichen ­Inhalt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“
Wenn ich morgens keinen Termin habe, wird das „stille Stündchen“ ohne Druck ausgedehnt! Jeden Tag gibt es Telefonkontakte, auch spontane Hilfen! Schreiben, Lesen, Haushalt, Einkaufen füllen die Tage, ebenso die Teilnahme an gemeindlichen Veranstaltungen: Gottesdienst, Bibelstunde, Gebetskreis.

Trost in der Trauer

Der Herr, unser Gott, wird die Tränen abwischen! Das klingt tröstlich, fast lieblich. Auf jeden Fall sehr liebevoll. Aber wenn man nun selbst gerade tief traurig ist? Dann mag man nicht glauben, dass es einmal wieder Licht wird in dem Dunkel des Verzagtseins, der Trauer.
Und doch ist es so. Ich selbst habe es erlebt, als mein Mann mit gerade 52 Jahren starb. Ein Mann, der nie krank war, immer Stütze, immer Halt, immer für mich da. Er verlässt mich einfach. Grauenvoll, völlige
Verzweiflung, Dunkelheit, Alleingelassensein,
schneidendes Weh. Plötzlich war ich nicht mehr nur allein, ich war abgetrennt, abgeschnitten, auseinandergerissen. Man ist doch so zusammengewachsen, ineinanderverwoben, dass diese Trennung auch Teile von einem selbst mit durchschneidet. Man ist nicht einmal mehr die Hälfte. Man ist ein so entsetzlich kümmerliches Häufchen Elend.
Wie soll es weitergehen? Allein, ohne allen ­Zuspruch? Kein Echo. Keiner mehr da, wenn man etwas sagen will. Leere, Tiefe, Chaos. Hohl, ­blutend, leer.

Und irgendwann kommen Erinnerungen hoch. Wünsche. Suche nach Trost. Gott – gab es ihn nicht schon einmal in meinem Leben? Bin ich ihm nicht schon einmal begegnet? Es dämmert, es wird heller. Hat Gott mir etwas zu sagen? Ja, er spricht. Nicht so laut, nicht so deutlich. Es dauert ja auch ­Wochen, Monate. Aber irgendwann wird mir bewusst: Gott ist da. Er nahm meinen Mann, aber Er ist da. Er will mich trösten. Dasein, wenn ich Schwierigkeiten habe, mir helfen. Er ist es, der mir immer wieder die Tränen abwischt. Tränen der Trauer und der Verzweiflung. „Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“ Wie oft erlebte ich dieses Wort aus dem 30. Psalm.Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich nur staunen über dieses Wunder. Ich empfinde Dankbarkeit und Freude. Gott hat mich aufgefangen. Und was ich in meiner tiefsten Trauer nicht für möglich ge­halten hätte: Es wird wahr, was dann weiter bei Jesaja steht: „Das ist der Herr, auf den wir hoffen, damit wir uns freuen und fröhlich seien in seinem Heil.“ Das ist unglaublich, wenn man in der Dunkelheit sitzt. Aber die Gewalt des Todes, der ich selbst so fassungslos gegenüberstand, führte mich in die viel größere Allmacht Gottes. Er ließ mich verstehen, was von seinem Sohn gesagt ist:„Christus Jesus ist in die Welt gekommen. Er hat dem Tode die Macht genommen. Er hat das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht – durch das Evangelium.“ (2. Tim 1, 10) Und das ist die frohe Botschaft für alle.

Von

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