Die Enkel und ich

Berufen, das geistliche Erbe zu bewahren und weiterzugeben

Heiko Hörnicke

„Was wir gehört haben und wissen und unsere Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern; wir verkündigen dem kommenden Geschlecht den Ruhm des HERRN und seine Macht und seine Wunder, die er getan hat. Er richtete ein Zeugnis auf in Jakob und gab ein Gesetz in Israel und gebot unsern Vätern, es ihre Kinder zu lehren, damit es die Nachkommen lernten, die Kinder, die noch geboren würden; die sollten aufstehen und es auch ihren Kindern verkündigen, dass sie setzten auf Gott ihre Hoffnung und nicht vergäßen die Taten Gottes, sondern ­seine Gebote hielten.“ (Psalm 78, 3-7)
 
In unserer Zeit findet in der Gesellschaft ein großer Traditionsabbruch statt. Vor zwei Generationen konnte man noch christliches Grundwissen voraussetzen; jetzt macht sich Unwissenheit breit. Die letzten beiden Generationen haben es versäumt oder waren nicht mehr in der Lage, christlichen Glauben zu lehren und vorzuleben. Das aber ist ­Gottes Auftrag an uns.

Das Miteinander der Generationen

Der technische und gesellschaftliche Wandel ­erfolgt immer rascher. Die Lebenswelten von Menschen verschiedener Altersstufen werden immer unterschiedlicher. Zugleich schwinden die sozialen Bereiche, in denen sich Jung und Alt begegnen können. Die Familien werden kleiner, Junge und Alte wohnen getrennt. Dadurch haben sie keine Berührungspunkte und wissen wenig voneinander. Gott aber möchte sein Reich im Mit­einander der Generationen bauen. Gott ist immer der Gott der drei Generationen. Er hat sich dem Volk Israel als der Gott Abrahams, Isaaks und ­Jakobs offenbart. Jede Generation hat bei Gott ­einen besonderen Auftrag.
Unsere Generation trägt Verantwortung dafür, ob die nächste Generation in Gottes Ordnungen lebt oder ein gottloses Leben führt. Das Christentum ist immer eine Generation vom Aussterben entfernt: Gott hat keine Enkel! Jeder von uns ist zum priesterlichen Dienst für seine Familie berufen. Durch unsere Gebete und unseren Lebensstil können wir Glaubensgrundlagen legen.
Es kostet uns einen hohen Preis, wenn im geist­ichen Bereich die Zusammenarbeit der Generationen nicht möglich ist. Maleachi 3, 23-24 ist Ver­heißung und Warnung zugleich:
„Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren ­Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“
Das gilt natürlich auch für die Herzen von Müttern und Töchtern. Dabei muss der erste Schritt jeweils von den Älteren ausgehen.

Großeltern für eigene und fremde Enkel

Das ist eine wichtige Aufgabe. Enkel wachsen so rasch heran und haben später andere Interessen. Aber in der Zeit, in der sie noch gern zu uns kommen, können wir ihnen viel vermitteln und eine Beziehung aufbauen, die auch später bestehen bleibt. Großeltern können mit manchem groß­zügiger sein als die Eltern. Wenn wir unser Leben mit den Enkeln teilen, bekommen sie auch etwas davon mit, was uns unser Glaube bedeutet und wie wir ihn leben. Nun haben einige von uns keine Kinder und/oder Enkel. Wir ahnen gar nicht, wie andererseits viele Eltern in unserer Umgebung keine Großeltern für ihre Kinder haben oder sie nicht in der Nähe ­haben.
Drei alte Damen aus einem Stuttgarter Altersheim gaben daher eine Anzeige auf: „Wenn Mutti mal nachmittags zum Stadtbummel möchte ? wir ­beaufsichtigen ihre Kinder für einige Stunden.“ Die Damen erhielten 130 Zuschriften. Sie suchten sich die Familien aus, die bis zu drei Kinder hatten und in der Nähe des Altersheimes wohnten. Bald fühlten sie sich in „ihren“ Familien so wohl, dass weder die Familien noch die guten Omis wegzudenken waren. Sie wurden nicht nur zum Babysitten geholt, sondern auch mal zu Sonntagsausflügen ins Grüne mitgenommen.
Viele Mütter sind alleinerziehend. Sie wären froh, Babysitter in der Nähe zu haben. Kinder könnten Schularbeitenhilfe bekommen. Daraus kann eine lebenslange Beziehung wachsen. Wichtig ist das auch für ausländische Kinder. Es kann ihnen helfen, die deutsche Sprache besser zu lernen. Mit ihren Eltern können kulturübergreifende Beziehungen entstehen, die für beide Seiten bereichernd sind.
Eines Tages ging ich mit einem Enkel auf den nahen Spielplatz. Außer uns war noch eine Frau mit drei Kindern dort. Ich kam mit ihr ins Gespräch. Sie ­lebte getrennt, war neu zugezogen und kannte ­niemand. Wir blieben in Kontakt. Später kam sie in unseren Hauskreis und wurde Christ. Nun begleiten wir sie schon seit mehreren Jahren und erleben dabei die ganze Not, die Alleinerziehende durchmachen müssen. Aber sie hat jetzt ein Netzwerk christlicher Freunde, das sie ermutigt und unterstützt.
Eine besondere Last tragen Großeltern, die auf Dauer Enkel erziehen müssen, weil die Eltern ­gestorben oder anderweitig nicht dazu in der Lage sind. Das kann sehr anstrengend sein. Kennen wir solche Großeltern? Wir könnten sie zeitweilig ­unterstützen und ihnen so Freiräume verschaffen.

Im Gespräch mit dem Enkel

Kürzlich erzählte uns ein Bekannter folgende Geschichte: Eine Familie sitzt beim Kaffeetrinken ­zusammen. Auch der Großvater, ein alter Bauer, ist dabei, dämmert aber die meiste Zeit vor sich hin. Da fragt der Enkel ihn: „Opa, wie war das früher, mit Pferden zu pflügen?“ Der Großvater ist auf ­einen Schlag hellwach und erzählt 20 Minuten lang lebhaft vom Pflügen mit Pferden. Der Enkel hört fasziniert zu. Am Schluss sagt er anerkennend nach Teenager-Art: „Wow!“ Jetzt fragt der Großvater: ­„Erzähl du mir mal was von deinem Computer!“ 20 Minuten lang redet nun der Junge über Bits und Bytes, USB-Sticks, Spielekonsolen und anderes. Am Schluss ist der Großvater beeindruckt. „Wow!“
Ich denke, beide haben bei diesem Gespräch etwas Neues voneinander gelernt und auch einige ihrer Vorstellungen von der Person des anderen korri­gieren müssen. In unserer Gesellschaft werden ­Gelegenheiten zum Erzählen immer seltener. ­Solche Gespräche können die Freude daran wieder wecken.

Geistlicher Erfahrungsschatz

Reich Gottes schließt immer die drei Generationen ein. Sie sollen in Einheit wirken und vorangehen. In unseren Gemeinden und Werken sieht es leider oft anders aus. Das ist tragisch, denn Menschen unterschiedlichen Alters können stark voneinander profitieren.
Bei den Gläubigen der älteren Generation verbirgt sich ein Schatz geistlicher Erfahrungen. Die Alten haben Jesus auf sehr unterschiedliche Weise gefunden. In der Seelsorge wurden ihnen Lasten abgenommen. Ihr Glaube hat sich in ­Höhen und Tiefen bewährt. Sie wurden in eine eigenstän­dige Berufung hineingeführt und sind darin gewachsen. Ihr Verständnis des Wortes Gottes ist tief. Sie haben Erfahrung, Weisheit und Erkenntnis.
Wie können die Jungen daran Anteil bekommen? Es braucht echte Begegnungen zwischen den Generationen. Es reicht nicht, sie im Gottesdienst von ferne zu sehen. Bei gemein­samer Arbeit an einem wichtigen Projekt ist ein Kennen­lernen möglich. Dann können dauerhafte Beziehungen und Freundschaften entstehen. Welche Projekte könnten das sein?
Zwei Beispiele für ein gelungenes Miteinander: In einer Gemeinde wurden Jugendliche zu einzelnen älteren Gemeindemitgliedern geschickt. Sie sollten sie befragen, wie sie zum Glauben gefunden haben und wie sie ihn gelebt ­haben. Die Jugendlichen kamen begeistert zurück. Sie staunten, dass es schon damals lebendiges Glaubensleben gab!
Bei einem großen christlichen Familiencamp gab es viele Mitarbeiterteams für die verschiedenen Altersgruppen und Bereiche. Jeden Morgen fanden eine gemeinsame Andacht und eine Arbeitsbesprechung statt. Am Ende suchte sich ­jeder Jugendmitarbeiter einen älteren Mitarbeiter, um sich mit ihm auszutauschen und für die jeweiligen Bereiche zu beten. Diese beiden kamen während der ganzen Dauer des Camps jeden Morgen zusammen. So entstand eine Ver­trauensbeziehung und jeder erfuhr, was bei der anderen Gruppe los war.

Brückengeneration sein

Als Ältere sollen wir eine Brückengeneration sein. Eine ­Brückengeneration hat ein waches Bewusstsein für ihre Verantwortung gegenüber den vorangegangenen und den ­kommenden Generationen. Leben und Gehorsam der Gene­rationen vor uns beeinflussen unser Leben. Unsere Treue und Hingabe wirken sich wiederum auf die Generationen nach uns aus. Es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit leben.
Unsere Gesellschaft leidet an Geschichtsvergessenheit. In den Gemeinden gibt es wenige Kenntnisse der Kirchen­geschichte. Die Generationen vor uns haben die zentralen Glaubensfragen zum Teil wesentlich gründlicher durchdacht, als das heute geschieht. Die Lebensgeschichten geistlicher Männer und Frauen der Vergangenheit können uns heute Zusammenhänge verständlich machen und uns heraus­ordern. Wir müssen gleichermaßen aus der Vergangenheit schöpfen und in die Zukunft investieren.

Von

  • Heiko Hörnicke

    Prof. Dr. vet., im aktiven Ruhestand, hält mit seiner Frau Christl Seminare zu Themen der „Dritten Lebenshälfte“

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