Geistliche Sichtweisen

für den 3. Lebensabschnitt

Rolf Brune

Der Prozess, der unseren geregelten Berufsalltag beendet, hat es in sich. Wir denken, wir sind doch eigentlich fertige, erfahrene, lebenserprobte, auch geistlich erfahrene Menschen.
Das sind wir auch. Aber die Zeit nach dem Beruf mutet uns noch einmal grundlegende Lernprozesse zu. In diesem Prozess, der Suche nach einer altersangemessenen Identität, geraten wir, ob wir es wollen oder nicht, auf unterschiedliche Weise auch in ­Krisen. Sich das bewusst zu machen, ist deshalb so notwendig, weil ein großer Teil der Menschen im 3. Lebensabschnitt sich einem solchen Lernprozess nicht stellt.
 
Als ich vor über 40 Jahren studierte, hörte das Fach Entwicklungspsychologie mit dem Jugend­alter auf. Man befasste sich nur mit der Entwicklung junger Menschen. Mit zwanzig Jahren hat man seine Lebensidentität entwickelt und das ist es dann, meinte man damals. Der Kinderanaly­tiker Erik Erikson verweist darauf, dass Identität nicht nur ein innerseelischer Vorgang ist, der mit der Jugend abgeschlossen ist. Identität ist ein ­ebenslanger und sich immer wieder erneuernder Prozess. Identität bildet sich dabei immer aus dem Wechselspiel meines Ichs in der Beziehung zu ­anderen. Identität entsteht also ganz entscheidend aus dem sozialen Erleben. Es geht bei der Identität um den Anpassungsvorgang zwischen dem, was ich innerlich erlebe, was ich empfinde und wie ich empfinde, und dem gesellschaftlichen Außen, wer und was mir in meiner Umwelt begegnet.
Das bedeutet lebenslang unter veränderten inneren und äußeren Umständen immer wieder die ­eigene Identität aufzuspüren. Das gilt im Besonderen für den 3. Lebensabschnitt.
Die Selbstfindung im Älterwerden ist keine Denkkonstruktion, sondern eine bisher weitgehend nicht beachtete Entwicklungstendenz des Alters.
Bedeutsam ist dabei auch, dass ein wichtiger Raum, in dem wir Identität erleben, unser Körper ist – zu dem auch das das Denken und Wahrnehmen steuernde Gehirn gehört. Der Körper bildet durch alle Veränderungen hindurch die persönliche Schnittstelle von Raum und Zeit. Die Leiblichkeit gibt Menschen trotz aller körperlichen Veränderungen und seelischen Krisen die Sicherheit, mit sich selbst identisch zu sein. Im Körper treffen sich Innen- und Außenwelt. Er scheint geradezu ein wichtiger Ort der Selbst­gewissheit zu sein; und gleichzeitig der Ort, in dem wir die Krisen unserer Alterungs- und Verfallsprozesse erleben und empfinden.
Aus dem Grunde ist die Beachtung unserer Leiblichkeit, unseres Körpers, für eine stabile Identität von nicht geringer Bedeutung. Nicht umsonst macht der Apostel Paulus darauf im Korinther-Brief aufmerksam: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiliges Geistes ist?“ (1. Kor 6,19)
Was nun in einem existentiellen Sinn mit Identität gemeint ist, können wir zunächst durch Fragen ­erspüren:
 
Wer bin ich jetzt noch?
Wie sehe ich mich in meiner besonderen Situation?
Wie erlebe ich meine körperliche Veränderung?
Wie sehen mich andere Menschen?
Wie gehe ich mit dieser Zeit um?
Wie lebe ich mit den Gedanken an den Tod?
Wie gehe ich mit dem Alleinsein um?
Was macht mich heute einmalig?
Wer will ich jetzt sein?
Wohin gehöre ich und wohin gehe ich?
Mit welchen Menschen, welchen sozialen Gruppen weiß ich mich verbunden?
Welchen Stellenwert hat in all diesen Fragen
Gott für mich?
 
Diesen Fragen haben wir uns zu stellen und sie zu beantworten, allein oder gemeinsam. Sie und erst recht das Suchen nach Antworten bedürfen zunächst eines Bezuges. Identität lässt sich nicht aus sich selbst verwirklichen, sie braucht den Beziehungspunkt ­außerhalb von uns. Wer ich bin, das kann ich mir nicht selber sagen.
Jesus sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Mt 11, 28-29)
Um unsere eigene Identität auszuloten und zur Ruhe zu kommen, bedarf es der innigen Beziehung zu Jesus Christus und von ihm her die Bereitschaft, zu lernen: sich geistlichen Sichtweisen zu öffnen, die ­Jesus uns gerade auch im Alter ganz neu und auf andere, altersangemessene Weise, vermitteln will.

Da ist zunächst die Einsicht.
Das beruhigende Gefühl einer Halt und Orien­tierung gebenden Identität kommt vor allem dann ins Wanken, wenn sich wichtige Elemente der Identität radikal verändern oder gar wegbrechen. Dann geraten wir in eine Identitätskrise. Ich möchte jetzt zwei Anlässe hervorheben, die in besonderer Weise Identitätskrisen hervorrufen können.

1. Die Veränderungen durch unser Älterwerden

Die Vergänglichkeit wird spürbar. Wir spüren, was wir noch können und was das Leben noch geben kann.
In den vorangehenden Lebensabschnitten schien uns unser Leben unendlich. Aus diesem Gefühl heraus wurden wir ständig motiviert, mit Tatkraft weiterzugehen. Jetzt schwindet dieses Gefühl und bremst uns. Wenn wir immer weniger erwarten, kann das alt machen. Das Gefühl des Vergehens wird ja intensiver.
Die Erwartung, dass noch vieles möglich ist, gibt das Gefühl, dass wir noch viel Zeit hätten. Ohne Erwartung zu leben, vermittelt uns das Gefühl, nur noch wenig Zeit zur Verfügung zu haben.
Das Empfinden wird immer stärker, dass ständig
etwas zu Ende geht: ein Tag, eine Woche, eine Jahreszeit, ein Jahr. Und dann das Bewusstsein – was du jetzt tust, hast du gestern auch getan, was du heute erlebst, war schon vor acht Tagen da. Dieses Denken vermittelt das Empfinden, als wenn die Zeit schrumpft. Das Leben wird immer schneller.
Ein zweites rührt daher, dass wir anders empfinden, was wir erleben. Die Ereignisse werden für uns kümmerlicher oder dünner. Damit ist nicht gemeint, dass weniger in unserem Leben geschieht oder etwas an Wert verliert, sondern dass das Er­leben uns immer weniger ausfüllt. Es ergreift uns weniger, wir nehmen es nicht mehr so ernst.
Der älter werdende Mensch vergisst immer leichter das, was gerade geschehen ist, während das, was früher war, für ihn an Bedeutung gewinnt. Das Kurzzeitgedächtnis leidet, während das Langzeit­gedächtnis intensiver wird.
Das Empfinden der Vergänglichkeit und das Empfinden, dass die Dinge kümmerlicher oder dünner werden, können in eine Krise der Identität führen.

2. Der Verlust des Berufes

Wenn wir uns kritisch fragen, dann stellen wir fest, dass wir einen großen Teil unserer Identität aus dem bezogen haben, was uns beruflich geprägt und ­geformt hat. Das gilt in gleicher Weise für die Frauen, die ihr Leben für die Familienarbeit eingesetzt haben. Das war ihr Beruf, der sie entscheidend ­geprägt hat. Ein wichtiger Raum des Selbsterlebens ist diese Alltags- und Arbeitswelt. Das, was ich ­beruflich tue, bewirke, entstehen lasse, prägt mein Selbstwertgefühl enorm. Daher erleben die meisten Menschen den Sturz in den Ruhestand und damit auch in die Arbeitslosigkeit so schmerzhaft.
Für die beiden Fragen, wer ich bin und was mich ausmacht, ist entscheidend, wer ich gewesen bin und was ich geleistet und bewirkt habe. Das schwingt innerlich noch Jahre mit.
-    Ich war Leiter einer Firma.
-    Ich leitete einen Haushalt mit 3 Kindern.
-    Ich war Ingenieur.
-    Ich habe Menschen ausgebildet.
-    Ich war ein hervorragender Handwerker.
-    Ich war Mutter und habe meine ganze Kraft für die Erziehung unserer Kinder eingesetzt.
Die Frage nach der beruflichen Identität hat unsere Person entscheidend geformt. Dieser Teil unserer Identität kann nicht einfach mit dem Tag, an dem wir in den Ruhestand gehen, weggelegt werden, schon deshalb nicht, weil wir das folgende wahrnehmen und empfinden:
-    Ich bin kompetent, aber das interessiert kaum noch jemanden.
-    Ich möchte mitgestalten, aber keiner fragt mich mehr.
-    Ich war mittendrin in allem; jetzt werde ich übersehen.
-    Ich sehe doch noch ganz gut aus, aber darauf achtet niemand mehr.
Bei diesen Empfindungen stehenzubleiben, kann die Weiterentwicklung einer gesunden Identität verhindern.
Wir müssen lernen einzusehen, dass das die Realität des 3. Lebensabschnitts ist. Gott mutet uns das zu. Aber mit der Einsicht in die besonderen Ge­gebenheiten dieses Lebensabschnittes will er uns in einen Lernprozess führen: Krisen sind nicht Zeiten der Resignation, des Aufgebens, des Sichzurück­ziehens. Gott möchte in uns gerade in schweren Zeiten die Einsicht wecken, neue Entscheidungsprozesse einzuleiten:
„Herr, ich will unter diesen Bedingungen des 3. ­Lebensabschnittes ganz neu hören, ganz neu auch in dem Schweren, das mir jetzt begegnet oder begegnen kann, auf dich hören, Herr, was willst du, wie ich leben und was ich tun soll?“
Gott stellt uns in diesem Lebensabschnitt noch einmal ganz entscheidend vor die Alternative: Willst du wirklich leben, leben aus meiner Fülle? Oder wählst du schon den Tod?
Die Einsicht in diese Prozesse ist entscheidend für die Prägung meiner ganz persönlichen Situation.

Die Sichtweise der Rücksicht

Ich sehe auf ein langes, gefülltes und erfülltes ­Leben zurück.  Dabei ergibt sich die Frage: Was schwingt aus dieser Rück-Sicht in mein jetziges Leben ­hinein?
Zunächst ist Erinnerung etwas Wertvolles und Belebendes. Die Erinnerung ist eine wunderbare Gabe Gottes. Sie macht deutlich, dass unser Leben eine Geschichte ist, die von Anfang an einen gottgewollten Sinn hat, mit Höhe- und Tiefpunkten.
Dietrich Bonhoeffer schreibt im Gefängnis in Tegel, wie er sich Erinnerungen wachruft und wie sie ihm in der Einsamkeit der Gefängniszelle Licht und Trost schenken.
Ohne diese Lebensgeschichte, die zu erzählen immer wieder sich lohnt, wäre unser heutiges Leben ohne Sinn. Es macht Sinn, sich hinzusetzen und die ­Geschichte seines Lebens aufzuschreiben und sie anderen, wenn möglich den Enkeln, zu erzählen.
In dieser Weise zurückzublicken, erfüllt mit Dankbarkeit und Freude. Und dies sollte  Gott gegenüber ausgedrückt werden:  „Ich danke dir, dass du mein Leben so angelegt, so gefüllt, so erfüllt hast.“
Wir finden mit Gott darüber Frieden, wie er mit uns die Geschichte unseres Lebens geschrieben hat.
Aber Jesus warnt auch vor der Rück-Sicht. Er sagt in Lukas 9,62: „Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, der ist nicht tauglich für das Reich Gottes.“ Die Bilder der Vergangenheit können so stark werden oder sich in den Vordergrund drängen, dass das Einst nicht mehr für das Heute fruchtbar wird. Die Vergangenheit inspiriert uns dann nicht mehr, sie hält uns fest. Wir verweilen dann im Vergangenen, halten uns an alten Positionen fest. Oft ist es auch Schuld, an der wir krampfhaft festhalten. Dinge aus der Vergangenheit werden zum Zweck und Inhalt unseres Lebens im Heute und bremsen die persönliche, die geistliche Entwicklung unseres Lebens.
Nicht verbittern, wenn wir besonders im Alter erkennen, welche Wünsche unerfüllt blieben, wenn uns vieles versagt blieb. Mancher hat keinen Partner mehr, mancher denkt an seine Kinder, die ganz andere Wege gehen, als er sich das vorgestellt hat. Mancher meint, er habe in seiner Lebensführung etwas Wichtiges versäumt. Es bleiben Situationen des Nicht-Verstehens, schmerzhafte Stellen in der Lebensgeschichte, die uns oft nicht zur Ruhe ­kommen lassen.
Hier gilt es, die Versöhnung Jesu ganz neu in den Blick zu nehmen. Er möchte, dass wir Ruhe finden über unsere Vergangenheit, Ruhe in Ihm, Ruhe mit mir selbst und Ruhe mit denen, die mich innerlich beschäftigen.
Wenn ich das, was mich aus der Vergangenheit festhält, ausspreche, es Gott überlasse, wenn ich dem zustimme und mich löse, kann ich Gott dankbar werden für das, was er mir geschenkt hat, wie er über allem Schweren mein Leben so reich ­gemacht hat.
Für das Heute brauchen wir diese bewältigte ­Vergangenheit.

Die Sichtweise der Zuversicht

Zuversicht schenkt uns für die Gegenwart und ­Zukunft Hoffnung und Vertrauen. Zuversicht meint, dass ich zusehe, wie Gott alles lenkt und leitet, um mich und diese Welt nicht dem Unheil zu über­lassen. In der Zuversicht lerne ich, mich nicht erschüttern zu lassen. Deswegen ist es wichtig, ­Gottes Worte der Zuversicht zu verinnerlichen.
Gottes Wort sagt: „Werfet eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat.“ (Hebr 10, 35)
Das Volk Israel wanderte 40 Jahre durch die Wüste. Immer wieder wollte es in leidvollen Entwicklungen resignieren und die Zuversicht wegwerfen. Israel orientierte sich an den augenblicklichen Nöten und Schwierigkeiten und vergaß, wie viele Wunder Gott durch die Jahre getan hatte. Jedes Mal ­begrenzte die Not der Gegenwart den geistlichen Blick für das Ganze. Gott sagt durch Mose zu Israel: „Gedenket des ganzen Weges, den ich euch ­geführt habe.“ (5. Mose 8,2)
Das Heute ist nur möglich, auch wenn es schwer ist, durch die lebenslange Führung und Bewahrung des Herrn. Gottes Führung betrifft unser ganzes ­Leben, die Wunder und Bewahrungen der Ver­gangenheit.
Lassen Sie mich das an einer Erfahrung deutlich machen. In der Navigatorenarbeit haben wir in den letzten 30 Jahren viele Menschen auf unterschied­liche Weise begleitet. Jetzt im dritten Lebens­abschnitt kommen Zweifel. War das alles? Hat sich das gelohnt? Was ist aus all diesen Menschen geworden? Vor kurzem fand ein Treffen statt, auf dem sich viele ehemalige Mitarbeiter begegneten. Mit diesem Treffen hat uns Gott einen wirklichen Trost gegeben. Alle, die dort waren, sind in der Spur Jesu geblieben. Sie schilderten, wie ihnen die Zeit ­damals Hilfe für ihren gesamten Lebensweg ge­worden ist.
Das Sich-Erinnern an die Taten Gottes auf dem ganzen Lebensweg hilft uns, Zuversicht in die Führung Gottes zu gewinnen. Es ist Gottes Absicht, dass wir ­erkennen, dass seine Berufung für uns auch für den 3. Lebensabschnitt gilt.
Gott macht keine Unterschiede in der Bewertung der Lebensabschnitte. Er sieht das ganze Leben und will uns durch den letzten Lebensabschnitt zur ­Krönung unseres Lebens führen. Mit einer Berufung in den 3. Lebensabschnitt will Gott uns den Blick dafür öffnen und unser Leben mit neuem Sinn ­erfüllen.
Viktor Frankl, der Arzt und Begründer der Logotherapie, sagt dazu: „Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigt, düstere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, als das Bewusstsein,  eine Aufgabe zu haben. Die Frage nach dem Sinn zu stellen, ist nicht der Ausdruck seelischer Krankheit, sondern vielmehr der Ausdruck von geistiger Mündigkeit.“
Also eine Aufgabe, die uns in die Verantwortung ruft, und die Entscheidung, die Aufgabe zu wagen. Dazu wird sich Gott stellen.
Jesus sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, dass ihr hingeht und Frucht tragt.“ (Joh 15,16)
Das gilt nicht nur den Jungen, sondern erst recht uns Älteren. Der Ruhestand ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Bibel kennt ihn nicht. Jesus möchte uns in seinem Dienst haben, mit unserer ganzen Person, mit unserer Kompetenz, mit unserer Hingabe, soweit das möglich ist, bis zum letzten Augenblick.
Es kann dabei ein großes Geschenk sein, Gefährten zu haben, die unsere Berufung teilen und die Aufgabe mit uns im Glauben wagen. Dann kann noch einmal etwas Neues wachsen. So führt die Be­rufung in eine Aufgabe auch immer dazu, dass ­Beziehungen, Freundschaften, Partnerschaften ­geknüpft werden. Die Freundschaft mit Gott und mit Menschen gibt Kraft und Trost.
Unsere Einsamkeit, unsere Traurigkeit, das Wissen um unsere Begrenzungen loslassen und sich von ­diesem Herrn ganz neu und gelassen in eine ­Verantwortung rufen lassen, bewirkt nachhaltige Zuversicht.

Die Sichtweise der Nachsicht

Es gilt die Nachsicht in unserem Leben zu bedenken und auf neue Weise zu lernen.
Wenn wir uns fragen, was eine der herausragendsten Eigenschaften Jesu ist, dann ist es die Barm­herzigkeit. Paulus sagte von seinem Leben: Mir ist Erbarmen widerfahren.
Von dem Erbarmen, der Barmherzigkeit Jesu, leben wir und werden wir getragen. Wir Älteren sollten sie besonders sehen und uns von ihr anrühren lassen; gerade in der Berufung der unterschiedlichen Auf­gaben, uns von Jesus barmherzig machen zu ­lassen. Barmherzigkeit meint, ein Herz für die Elenden und Unglücklichen zu haben.
Was bewegt mich hier in besonderer Weise?
Da sind zunächst unsere gleichaltrigen Mitmenschen. In einer Umfrage des Emnid-Institutes wurde deutlich, dass ein großer Teil der über 60-jährigen nicht an ein Leben nach dem Tode glaubt. Ihnen sollten wir mit ganzer Nachsicht das Evangelium Jesu bringen. Dafür sollten wir beten und persönliche Kontakte in unserer Umgebung knüpfen.
Das ist das Eine, was mich bewegt. Das Andere ist unsere Jugend. Empfinden wir für sie in besonderer Weise Nachsicht, Barmherzigkeit? Sie brauchen uns in ihrer nicht einfachen Lebenssituation in ­unserer Gesellschaft. Sie brauchen unsere Nähe, unseren Rat, unsere Kompetenz, sie brauchen praktische Wegweisung.
Wenn wir unsere Besserwisserei, unseren Hang zur Kontrolle, vielleicht auch unsere unbewusste ­Neigung, sie dahin zu führen, wo wir sie haben wollen, ablegen und ihnen mit der Barmherzigkeit Jesu begegnen, kann eine Brücke geschlagen ­werden, die eine neue Lebendigkeit in unsere ­Gemeinden und Gemeinschaften bringt. Ich bete manchmal:
„Herr, ich möchte zu einer Quelle von Wasser werden, die sprudelt, um ewiges Leben zu spenden.“
Wer so glaubt, dessen Zuversicht wird fest, dessen Nachsicht barmherzig, dessen Absicht unmiss­verständlich, bereit der Berufung Jesu zu folgen.

Die Sichtweise der Aussicht

Gerade in unserem dritten Lebensabschnitt würden wir an vielem vorbeireden, wenn wir das Diesseitige, von dem bisher geredet wurde, nicht eindeutig mit dem Jenseitigen verbinden.
Wir können nur glauben, leben und handeln als Christen, weil uns Jesus das ewige Leben verheißen hat. Wir leben durch die Aussicht auf das ewige ­Leben.
Das kann man ganz locker sagen und dabei übersehen, was uns gegenwärtig prägt. Wir schlagen die Zeitung auf und sehen Gleichaltrige, ja Jüngere ­sterben. Das beschäftigt uns. Wir ertappen uns bei dem Gedanken, ich werde älter, es lohnt sich nicht, Neues in Angriff zu nehmen. Wir empfinden oft Sinnlosigkeitsgefühle. Und nicht zuletzt nagen ­gesundheitliche Begrenzungen an uns und schränken uns in unserer Zuversicht ein.
Jesus bestätigt diese kreatürlichen Empfindungen und Versuchungen. Er sagt dazu in Johannes 16, 33: „In der Welt habt ihr Angst!“ Aber er hört damit nicht auf. Er sagt: „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Hier deutet Jesus auf das ewige Leben. Es gibt mehr als das Leben jetzt, als das, was wir empfinden und denken.
In unseren persönlichen Auseinandersetzungen mit unserer Gesundheit, mit unseren Ängsten, mit unserem Tod ganz neu die Verheißungen Jesu in den Blick nehmen, dazu kann uns ein Studium des 5. Kapitels des Johannes-Evangeliums helfen.
Jesus sagt: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Die Stunde kommt und ist jetzt schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören, und sie ­werden leben.“ (Joh 5, 25)
Lernen wir diese Verheißungen Gottes auswendig, damit sie unseren inwendigen Menschen prägen und uns durch den Geist Gottes mit ihm tief ver­binden. Denn in unserem Alter ist gerade hier die Anfechtung nicht gering und der Teufel weiß das und bläst zum Angriff.
Aber denken wir dabei auch daran: Das ewige ­Leben ist in erster Linie nicht mehr Zeit. Innerlich sind wir bei der Ewigkeit an der Quantität des Zeitbegriffs orientiert. Ewigkeit beinhaltet in erster Linie ein qualitativ anderes Leben.
Gottes Wort verheißt: „Wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1. Joh 3,2) – „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.“ (Off 21, 3- 5)
Von diesem Glauben konnte Marie Schmalenbach sagen:
„Ewigkeit, in die Zeit,
leuchte hell hinein,
dass uns werde klein das Kleine
und das Große groß erscheine,
selge Ewigkeit.“
 
Darauf leben wir mit ganzer Gewissheit zu.

Verwendete Literatur:

Viktor Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Piper, München
Anselm Grün, 50 Engel für das Jahr, Herder, Freiburg
Romano Guardini, Die Lebensalter, Grünewald, Mainz
Horst W. Opaschowski, Der Generationenpakt, Primus, Darmstadt
„Mehr als eine Konstruktion“, Sendung des Deutschlandfunks vom 10.3.05

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