Werden wie der Vater

von Henri Nouwen

Da ich an Jahren älter als die meisten Mitglieder der Gemeinschaft und auch ihr Pfarrer bin, liegt es offensichtlich nahe, mich als einen Vater zu verstehen. Aufgrund meiner Priesterweihe habe ich schon den Titel „Father“ (im englischsprachigen Raum die geläufige Anrede für einen Geistlichen; das gleiche Wort wie deutsch „Vater“). Nun muss ich diese Benennung Wirklichkeit werden lassen. 

In einer Gemeinschaft von geistig Be­hinderten und ihren Betreuern der Vater werden verlangt weit mehr als sich mit den Kämpfen des jüngeren und des älteren Sohnes auseinanderzusetzen. Rembrandts Vater ist ein durch Leiden ausgezehrter ­Vater. Durch die vielen „Tode“, die er durchlitt, wurde er vollkommen frei, zu empfangen und zu geben. Seine Hände sind nicht ausgestreckt, um zu erbitten oder zu ergreifen, zu ordern oder zu warnen, zu richten oder zu verurteilen. Es sind Hände, die alles geben und nichts ver­langen, segnende Hände.

Ich stehe vor der schweren und scheinbar unmöglichen Auf­gabe, das Kind in mir aufzugeben. Paulus spricht es deutlich aus: „Als ich ein Kind war, ­redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“ Es ist bequem, der weggelaufene jüngere oder der verbitterte ältere Sohn zu sein.

Unsere Gemeinschaft ist voll von weg­gelaufenen oder verbitterten Kindern, und von Gleichgesinnten umgeben zu sein verleiht ein Gefühl der Solidarität. Doch je länger ich Teil der Gemeinschaft bin, desto mehr zeigt sich, dass diese Solidarität nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu ­einer Bestimmung ist, die von viel mehr Einsamkeit geprägt ist, von der Einsamkeit des Vaters, der Einsamkeit Gottes, der letzten Einsamkeit des Mitleidens und Erbarmens. Die Gemeinschaft braucht nicht noch einen jüngeren oder noch einen älteren Sohn, sei er nach Hause umgekehrt oder nicht, sie braucht einen Vater, der mit ausgestreckten Händen lebt, immer von der Sehnsucht beseelt, sie auf den Schultern seiner heimkehrenden Kinder ruhen zu lassen.

Doch in mir sträubt sich alles gegen diese Berufung. Ich klammere mich an das alte Kind in mir. Ich will nicht halbblind sein, ich will klar sehen, was um mich herum geschieht. Ich will nicht schweigen; ich bin neugierig, die ganze Geschichte zu hören, und habe unzählige Fragen zu stellen. Ich will meine Hände nicht weiter ausgestreckt halten, wenn so wenige da sind, die umarmt werden wollen, zumal wenn Väter und Vaterfiguren von vielen als die Wurzel ihrer Probleme angesehen werden.
Und doch bin ich mir nach einem langen Leben als Sohn ganz sicher, dass die ­eigentliche Berufung ist, ein Vater zu ­werden, der keine Fragen stellt, der immer gibt und vergibt, der keinerlei Gegenleistung erwartet, der nur in grenzenlosem Erbarmen segnet. In einer Gemeinschaft wird das alles oftmals aufregend konkret. Ich möchte wissen, was los ist. Ich möchte in das tägliche Leben der Leute mir ihren Hochs und Tiefs einbezogen sein. Ich möchte, dass man an mich denkt, mich informiert, mich einlädt. Aber in Wirklichkeit nehmen wenige meinen Wunsch zur Kenntnis und diejenigen, die es tun, wissen nicht recht, wie sie darauf reagieren sollen. Die Menschen in meiner Gemeinschaft, ob sie behindert sind oder nicht, suchen nicht noch einen gleichen Genossen, Kameraden, Kollegen und selbst nicht noch einen Bruder. Sie suchen einen Vater, der ­segnen und vergeben kann, ohne dass er ihrer im gleichen Sinne bedürfte, wie sie ihn brauchen.

So deutlich ich meine wahre Berufung, ein Vater zu sein, sehe, so unmöglich scheint es mir, ihr nach­zukommen. Ich will nicht zu Hause bleiben, ­während alle fortgehen. Ich fühle dieselben ­Antriebe und möchte genauso wie andere davonlaufen! Aber wer wird dann zu Hause sein, wenn sie zurückkommen – müde, erschöpft, aufgeregt, enttäuscht, voller Schuld oder Scham? Wer wird sie überzeugen, dass es nach allem, was gesagt, getan und geschehen ist, doch einen Ort der Geborgenheit gibt, zu dem sie zurückkehren können? Wenn ich es nicht bin, wer wird es sein? Die Freude der Vaterschaft ist nicht dasselbe wie das Vergnügen der verirrten Kinder. Es ist eine Freude jenseits von Ablehnung und Vereinsamung, ja selbst jenseits von Zustimmung und Gemeinschaft. Es ist die Freude einer Vaterschaft, die ihren Namen vom himmlischen Vater nimmt und sein göttliches Einzigsein teilt.

Es überrascht mich überhaupt nicht, dass so wenige für sich Vaterschaft beanspruchen. Die Schmerzen sind zu offenkundig, die Freuden zu verborgen. Und doch, wenn ich Vaterschaft nicht suche und wahrnehme, drücke ich mich vor meiner Verantwortung als ein geistig und geistlich erwachsener Mensch. Ja, ich verrate meine Berufung. Nichts ­Geringeres als das! ...

Schaue ich auf die Menschen, mit denen ich lebe, die behinderten Männer und Frauen ebenso wie ­ihre Betreuer und Betreuerinnen, so sehe ich die große Sehnsucht nach einem Vater, in dem Vaterschaft und Mutterschaft eins sind. Sie litten alle ­unter der Erfahrung, dass sie abgelehnt oder verlassen wurden; sie alle trugen Verletzungen davon, als sie heranwuchsen; sie stellen sich alle die Frage, ob sie der bedingungslosen Liebe Gottes würdig sind, und sie suchen alle nach dem Ort, wo sie in die Geborgenheit heimkehren und wo sich Hände auf sie legen, die sie segnen.

Rembrandt stellt den Vater als einen Mann dar, der über die Wege seiner Kinder hinausgegangen ist. Vereinsamung und Verbitterung mögen dort ge­wesen sein, aber sie wurden durch Leid und Tränen verwandelt. Sein Einsamsein wurde zu unendlich offenem Einzigsein, sein Verbittertsein zu grenzenlosem Dankbarsein. Dies ist es, was ich werden soll. Ich ahne es ebenso deutlich, wie ich die un­ermessliche Schönheit der Entäußerung, des Mit­leidens und Erbarmens des Vaters erahne. Kann ich den jüngeren und den älteren Sohn in mir zur Reife des erbarmenden Vaters heranwachsen lassen?

Als ich vor vier Jahren nach Leningrad ging, um Rembrandts „Rückkehr des Verlorenen Sohnes“ zu sehen, hatte ich kaum eine Vorstellung, wie sehr ich das würde leben müssen, was ich damals sah. Voller Ehrfurcht und Scheu stehe ich an dem Ort, an den Rembrandt mich brachte. Er führte mich von dem heruntergekommenen, knienden jungen Sohn zu dem gebeugt stehenden alten Vater, von dem Ort des Gesegnetwerdens zu dem Ort des Segnens. Wenn ich auf meine alt werdenden ­eigenen Hände schaue, weiß ich, dass sie mir ­gegeben sind, um sie nach allen auszustrecken, die leiden, um sie auf den Schultern aller ruhen zu ­lassen, die kommen und um den Segen darzu­reichen, der aus dem unendlichen Schweigen der Liebe Gottes entspringt. Henri Nouwen (1932 - 1996), war kath. Priester, Psychologe und Seelsorger aus Holland. 1983 schloss er sich der Arche-Bewegung an und lebte mit Menschen mit geistiger Behinderung in enger Gemeinschaft.Der Text stammt aus seinem Buch: Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Herder, Freiburg 1991

Von

  • Henri Nouwen

    (1932-1996), ein römisch-katholischer Priester aus den Niederlanden, Psychologe und Schriftsteller geistlicher Bücher.

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