Buchbesprechung

Gisela Stübner:

Auf dem Weg zu mir. Identität: Wie ich mein Potenzial entfalte

Brunnen Verlag, ­Gießen 2007

Auf den ersten Blick vermutete ich hinter dem Untertitel „Wie ich mein Potenzial entfalte“ ­einen jener die Buchhandlungen füllenden ­„Lebenshilfe-Ratgeber“, die in zehn Schritten Glück und Wohlstand verheißen. Doch meine Skepsis schwand schnell und machte freudigem Aufatmen Platz. Das Buch ist ein zutiefst ermutigender Weggefährte für alle, die sich resigniert und müde irgendwo zwischen „Wüste“ und ­„gelobtem Land“ niedergelassen haben. Die ­vergessen haben, dass sie für ein Leben in ­Freiheit bestimmt sind.
 
Gisela Stübner gelingt es, anhand anschaulicher Beispiele aus ihrer Beratungspraxis und eigenem Erleben deutlich zu machen, weshalb manche Menschen nicht in die Freiheit finden können. Hilflos stehen sie wie vor einer unsichtbaren Glaswand, die sie von sich selbst, anderen Menschen und auch von Gott trennt. Dass diese Wand mit einer schwachen Identität zusammenhängen könnte, ahnen sie nicht. Wer nicht weiß, wer er ist, kann auch seinen Platz in der Welt nicht erkennen und seine von Gott zugedachte Bestimmung nicht finden. Die breiten Aus­wirkungen einer nicht gelungenen Persönlich­keitsentwicklung werden ausführlich beschrieben. Dabei kann sich so manches „Aha-Erlebnis“ einstellen.  
Man merkt dem Buch an, dass die Autorin vieles selbst durchlebt hat. Ehrlich berichtet sie über den eigenen Veränderungsprozess, den sie ­genauso wie jene Menschen durchlaufen hat, die hier zu Wort kommen. Diese Nähe zwischen Autorin und ihrem Thema ist das Besondere an diesem Buch.
 
So mancher sieht sich als „armes Opfer“ seiner Lebensumstände und nimmt sich damit die Möglich­keit, sein selbstgewähltes Gefängnis aus Selbstmitleid, Selbstverachtung und innerer ­Lähmung zu verlassen. Wer in dieser Lebens­haltung verharren möchte, sollte das Buch auf keinen Fall lesen. Denn es könnte sein, dass ihm frischer Wind um die Nase weht und er Sehnsucht bekommt, sich aus seinem Kokon befreien zu lassen. Woher diese Befreiung – bei allen ­eigenen Anstrengungen – letztendlich kommt, wird deutlich gesagt: Nur Gott kann die Freiheit schenken, zu der er jeden Menschen herausruft. Die Gefängnisse mögen unterschiedliche ­Namen haben, doch der Weg heraus folgt einem ähnlichen Prinzip: Man muss sich den schmerzlichen Wahrheiten seines Lebens stellen und seine Wunden ansehen. Dazu gehört auch das Eingeständnis eigenen Versa­gens. Erst dadurch kann die erforderliche Nachreifung der eigenen ­Persönlichkeit geschehen. Dieses Anschauen ist aber keine Selbstbespiegelung – es geht der ­Autorin um etwas viel Größeres: dass ein Mensch seine von Gott bestimmte Identität ­erkennen und finden kann. Aus der Wüste ­blockierender Verletzungen und falscher Gottesbilder möchte Gott uns in einen bewässerten Garten führen.   
Für viele Christen wird dieses Buch eine echte Wohltat sein. Mancher grübelt ständig darüber, ob er sich Gott wirklich hingegeben hat, strampelt sich im Hamsterrad des eigenen Leistungsdenkens ab und kann zutiefst Gottes Gnade nicht empfangen. Ein anderer hat vielleicht ­frustriert aufgegeben, weil der Glaube trotz richtiger Erkenntnis biblischer Wahrheiten für ihn nicht „funktioniert“. Verzweifelt rennt er gegen die von ihm empfundene Mauer zwischen sich und Gott an und kann sie doch nicht überwinden.     
Gisela Stübner bietet viele praktische Hilfen, neue Verhal­tensmuster einzuüben. Sie betont, dass dabei die Begleitung eines Freundes oder Seelsorgers sehr unterstützend sein kann. Denn ohne Ermutigung und Korrektur sind die Durststrecken, die in diesem Heilungsprozess auftauchen, nicht zu bewältigen. Die heilsame Trauer, ohne die eine Nachreifung nicht geschehen kann, bedarf eines mitfühlenden Gegenübers. Eine Persönlichkeitsentfaltung wird erst möglich, wenn das Traurigsein des „inneren Kindes“ über erlittene Verluste und Schmerzen überwunden und durch eine aktive Trauerarbeit ersetzt wird.
Wer bei sich und bei Gott ein Zuhause gefunden hat, muss dieses nicht mehr bei anderen suchen und kann zur Ruhe kommen. Er betritt den weiten Raum der Gnade und kann andere freigeben, die er vorher durch Unversöhnlichkeit an sich gebunden hat. Seine Arbeitsbeziehung zu Gott kann endlich zu einer Liebesbeziehung werden.   
Dieser Weg wird mit leicht verständlichen Er­klärungen psychologischer Zusammenhänge, zahlreichen Alltagsbeispielen und praktischen Arbeits­hilfen realistisch und ermutigend beschrieben.
 
Marion Gebert

Von

  • Marion Gebert

    Diplom-Übersetzerin (Englisch, Russisch). Sie leitet das Büro des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Recherche und Übersetzungen

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