Gott liebt uns!

von Rudi Böhm

„Im Anschauen seines Bildes werden wir verwandelt in sein Bild.“
 
Das Bild, das ein Mensch sich von Gott macht, ­bildet sich aus seinen Erfahrungen bereits von den Anfängen seines Lebens an. Für ein Kind, so sagt die Entwicklungspsychologie zu Recht, sind seine Eltern die ersten Götter. Wie sie sich zu ihm verhalten, formt mit der Zeit sein inneres Bild von Gott. Wenn die Eltern aufmerksam, zugewandt, be­rechenbar, verlässlich, liebevoll – auch im elterlichen Miteinander – sind, erwartet das Kind solches Verhalten auch von Gott. Dementsprechend anders ist es, wenn Eltern dauernd innerlich angespannt sind und gereizt auf die vitalen Regungen und Ansprüche ihres Kindes reagieren; wenn sie wenig Zeit für es haben und mit Liebesentzug strafen, sobald es ihren Erwartungen nicht entspricht. Ein Kind, das den Eindruck hat, seine Eltern stets zufriedenstellen zu müssen, ist heillos überfordert. Unbewusst macht es sich die Haltung zu eigen: Ich muss mir die Liebe meiner Eltern immer erst verdienen; es gehört zu meinen Aufgaben, es ihnen rechtzumachen, nur so bin ich liebenswert. Menschen mit einer solchen Geschichte tun sich später um einiges schwerer, an die vorbehalt- und bedingungslose Liebe Gottes zu glauben. Für sie ist Liebe überhaupt nicht selbstverständlich und nur schwer zugänglich. So jemandem kann man mit noch so eindrücklichen Worten von der wunderbaren ‚Liebe Gottes ohne Vorleistungen’ erzählen, er kann sich einen Gott, der ihn um seiner selbst willen liebt, nicht vorstellen; das stimmt einfach nicht mit seinen Erfahrungen  überein.
Ich begegne in der seelsorgerlichen Begleitung ­immer wieder Menschen, die sich auf Grund früherer Verletzungen sehr schwer damit tun, an die Liebe Gottes zu glauben. Sie drücken das aus, ­indem sie sagen: „Kann schon sein, dass Gott alle Menschen liebt. Aber mich nicht! Ich weiß ja nicht einmal, was Liebe wirklich ist. Wie soll ich es mit diesen Erfahrungen auch wissen...“
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit unserer ­ältesten Tochter. Sie war gerade 18 Jahre alt und kam eines Tages von der Schule nach Hause, noch ganz aufgeregt nach einem heftigen Streitgespräch mit einem gleichaltrigen Kameraden. Dabei ging es darum, ob Gott wirklich für alle Menschen ein Gott der Liebe ist. Auf ihr persönlich bejahendes Zeugnis konterte ihr Gegenüber: „Das mag ja durchaus richtig sein, aber ich hab das einfach so noch nicht ­erlebt. Mein Leben ist etwas anders gelaufen als deines. Sicher hast du es mit deinem Glauben an einen liebenden Gott viel einfacher, weil du ein gutes ­Elternhaus hast...“ Meine Tochter fragte mich: Stimmt das wirklich, dass nur solche Menschen ­einen leichten Zugang zu Gott haben, die ein gutes Elternhaus gehabt haben?

Was Liebe verhindert

Das klingt auf den ersten Blick logisch. Erfahrungen im Elternhaus haben tatsächlich eine Bedeutung für die eigene Sicht auf Gott. Tatsache jedoch ist auch, dass selbst die Erfahrung der Höchstform menschlicher Liebe nicht annähernd herankommt an die Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Liebe Gottes ist also nicht nur eine ­Steigerung menschlicher Liebe (... wie bei uns zu Hause, nur noch schöner1) – sondern im wahrsten Sinne unbegreiflich und alle Vorstellungen über­steigend. „Was wollt ihr dafür belohnt werden, wenn ihr nur die Menschen liebt, die euch lieben? Das tun sogar die, die sich nicht um Gott kümmern!“ (Mt 5, 46)2 Gut zu seinen Nächsten zu sein, ist also nicht einmal etwas Besonderes, auch wenn es heute vielleicht immer weniger selbstverständlich ist. Gemessen an der Liebe Gottes werden alle unsere menschlichen Denkkategorien außer Kraft gesetzt. Eine Bekehrung zu dem Gott, der nur ­Liebe ist, der nicht anders kann als lieben, ist deshalb für alle Menschen gleichermaßen eine ­Herausforderung, für die, die es gut getroffen haben und für die, die es schlecht getroffen haben3.
Wir können uns beglückwünschen, wenn wir Gott nicht als „harten Mann“ (Mt 25, 24; Lk, 19, 21.22) ansehen. Doch häufig behaupten wir nur, dass er barmherzig, gütig und liebevoll sei. Im Herzen ­­se–hen wir ihn als jemanden, der immer zu viel verlangt, wegen meiner Schwächen leicht verstimmt, beleidigt oder unzugänglich ist. Persönlich schätze ich, dass drei Viertel aller Schwierigkeiten von Christen daher rühren. Von einem bekannten Exerzitienbegleiter stammt der Satz: „Das größte Hindernis, sich von Gott lieben zu lassen, ist die schlechte Meinung, die wir von uns selber ­haben.“4
Wenn ich mich selbst zwischen eine Lichtquelle und das, was ich sehen möchte, stelle, stehe ich mir im Licht. Auf dieselbe Weise stelle ich mich unbewusst zwischen Gottes Licht, das mir im Gebet und zu anderen Zeiten aufleuchtet, und Gott selbst, und verwechsle meinen eigenen Schatten mit der Schönheit Gottes. Wenn ich selbstsüchtig und gemein, unversöhnlich und argwöhnisch bin, folgere ich unbewusst, dass die Eigenschaften, die in mir vorhanden sind, auch in Gott zu finden sind. Schließlich beurteile ich Gott nach mir selbst, übertrage meine Schattenseiten auf Gott.
 
Wie Gott uns begegnet, hängt hauptsächlich davon ab, was wir von ihm halten. Herzliche Gedanken führen zur Herzlichkeit. Vertrauensvolle Gedanken über Gott münden in lebendiges Vertrauen und Hoffen auf Ihn. Gott liebt es, wenn wir gut von ihm denken, ihm vertrauen, ihn liebend umfassen.
 
Meiner Art nach bin ich selber ein sehr gewissenhafter und skrupulöser Mensch; ich versuche alles besonders gut und genau zu machen. In manchen Angelegenheiten überlege ich zigmal, bevor ich ­etwas in die Tat umsetze.  Gott sei Dank ist diese Neigung heute nicht mehr ganz so ausgeprägt. Um etwas lockerer zu werden, ist mir eine jahrelange geistliche Begleitung eine wesentliche Hilfe ge­wesen. Am Anfang sagte mein Begleiter zu mir: „In allem suchst du eine letzte Sicherheit. Aber Gott sucht dich gerade als schwachen, unsicheren, verletzten und stolzen Rudi. Du sollst erfahren, dass er eine geradezu unverständliche Liebe zu dir hat. Er liebt dich so sehr, dass er gewissermaßen blind ­gegen deine Fehler ist. Er macht dir zuliebe ­unglaubliche Zugeständnisse an deine Schwächen. Es liegt ihm weit näher, Mitleid mit dir zu haben und dir zu helfen, als dich zu schimpfen und zu strafen. Es wäre darum von deiner Seite aus angemessen, ihm auf solche Liebe ohne Vorbehalte und mit Zutrauen und herzlicher Gegenliebe zu antworten.“

Die Liebesspuren Gottes lesen lernen!

Mein Freund und Mitstreiter Thomas erzählte mir kürzlich von einer Übung während einer Exer­zitienzeit, die ihm zu einer neuen Sicht auf sich und auf Gott verholfen habe. Ich habe ihn gebeten, es hier mit aufnehmen zu dürfen.
Dazu schreibt er: Mir wurde die Bibelstelle aus ­Hesekiel 37, 1-14 zum Meditieren aufgegeben. Diese Stelle habe ich in der Stille betrachtet und auf mich wirken lassen. Nach einer Weile wurde mir immer klarer, dass diese Beschreibung auch ein Ausdruck für meine eigene Lebenslandschaft ist. In meinem Herzen fing ich an, durch dieses Tal, übersät mit „Totengebeinen“, zu gehen; Totengebeine in Form von Enttäuschungen, schmerzhaften Erfahrungen, schweren Lebensabschnitten, Abbrüchen... Je weiter ich in die Betrachtung hineinging, desto schwerer war es auszuhalten. Mein Leben lag ausgebreitet vor mir und überall sah mich Enttäuschung und Kummer an.
Im anschließenden Gespräch bekam ich eine Anleitung für eine Übung, die mir helfen sollte, das Gleiche noch einmal mit anderen Augen anzuschauen, nämlich mit den Augen Gottes. Ich sollte nun jede Einzelheit, die mir in meiner vorausgegangenen Betrachtung vor Augen gekommen war, auf ein Blatt Papier schreiben und jeweils auf ein Stoffstück legen, das ich aus einer Auswahl verschiedenfarbiger Elemente auswählen konnte. Das Ganze nennt sich Bodenankerübung („Bodenanker“ sind Stoffstücke, die so geschnitten sind, dass man sich mit beiden Füßen darauf stellen kann). Als letztes sollte ich einen solchen Bodenanker auch für Gott auswählen. Nun lagen all die einzelnen Abschnitte – Kindheit, Schule, Ausbildung, Beziehungen – meines Lebens vor mir.
Nach diesen Vorbereitungen begann die eigentliche Übung. Ich stellte mich jetzt nacheinander ganz bewusst auf jeden einzelnen Bereich meines ­Lebens und nahm wahr, was da an Kummer und Schmerz alles in mir hochkommt: all die Dinge, die ich lange Zeit nicht wahrhaben wollte, die ich zu verdrängen oder von mir „abzuschneiden“ versucht hatte. Ich schaute sie an und hielt sie mit geöffneten Händen Gott hin, indem ich sprach: „Schau Herr, das bin ich, das gehört zu mir.“
 
Schließlich stellte ich mich auf den Bodenanker Gottes. Ich stellte mich an seine Seite und schaute noch einmal aus dem Blickwinkel seiner barm­herzigen Liebe auf die einzelnen Bereiche. Dabei sprach ich jeweils: „Gott, du schaust wohlwollend und liebevoll auf mich und das, was ich dir hin­zuhalten habe. Du nimmst es als das, was es ist. So darf auch ich es in gleicher Weise nehmen, denn es gehört zu mir und meiner Geschichte. Weil du mich liebst, wie ich bin, muss ich mich nicht mehr verurteilen oder versuchen, irgendetwas zu beschönigen bzw. zu vertuschen. Ich darf zu dem stehen, was ist, zu meiner Vergangenheit, zu meinem ­Ge–wordensein; ich stehe dazu! – zu allem, was da und wie es gewesen ist, weil du mich liebst und so nimmst wie ich bin.“
 
Die Erfahrung, dass Gott uns liebt, wie wir sind, hat viel zu tun mit dem Anschauen und Annehmen ­unserer Geschichte. Da ich das Annehmen oft nicht aus eigener Kraft schaffen kann, bringe ich sie z. B. mit einem Ritual wie von Thomas beschrieben unter die barmherzigen Augen Gottes und bitte ihn, mich das, was mir schwer fällt, immer wieder mit seinen Augen sehen zu lassen. Manche Lebensspuren lerne ich dabei neu lesen. Mein Seelsorger sagte einmal zu mir: „Deine Geschichte, in der du so vieles infrage stellst und verachtest, ist deine ­Rettung! Ohne sie wärst du heute nicht der, der du geworden bist. Deine Geschichte ist Gottes persönlicher Weg seiner Liebe mit dir. Gott erwählt sich oft gerade das Schwache, weil es sich noch formen lässt.“ Ich bin mit meiner Schwachheit von Gott ­erwählt und  nicht, weil ich perfekt funktioniere. Gott bringt es fertig, auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben. Auch wenn ich versage u­nd scheitere, – sooft ich es aus seiner Hand nehme, wird es gut, weil er gut ist. Oder wie Paulus es in Römer 8, 28 sagt: „Das eine wissen wir sicher: Bei denen, die Gott lieben, führt alles, wirklich alles, zu dem Ziel, zu dem Gott selbst sie erwählt und be­rufen hat, zum neuen Leben“5.
 
Die Heilung unseres Gottesbildes beginnt mit dem Einnehmen dieser neuen Sicht aus den Augen Gottes. Dazu braucht es Übung, Ausdauer und Geduld. Im Lichte Gottes erscheint alles in seiner wirklichen Bedeutung: meine Schwächen und Torheiten, ­meine Jugend, mein Alter mit seiner Würde und seiner Last, meine Mitmenschen, die auf mich ­zukommen, meine Lebensgeschichte und die Herausforderungen, in denen ich derzeit stehe... All das ist das Material, aus dem etwas Neues entsteht, auch wenn äußerlich alles beim Alten bleibt. Unter diesem Blickwinkel kann sogar eine Krankheit zu meinem Heil, zu meinem „Ganzwerden“  dienen. Ich kann zu einem Menschen werden, der zu sich – auch in seinen Schwächen und seiner Begrenztheit – Ja sagen lernt. Eine blinde Frau, die dreimal in der Woche in die Klinik zur Dialyse musste, sagte einmal zu ihrem Seelsorger: „Wenn ich heute zwischen meinem Augenlicht und meinem Glauben wählen müsste, würde ich das Licht meines Glaubens wählen.“ Wer das so von sich sagen kann, der ist – obwohl er krank ist – heil geworden, ein ganzer Mensch. Das tiefste Heilsein besteht darin, sich selber von Gott anzunehmen – so wie wir sind.

Gott liebt mich, so wie ich bin

Gott ist der bedingungslos verzeihende, nicht ein nachtragender und harter Gott. Beim Gott Jesu ist das Geschenk das erste. Du bist angenommen, wer du auch bist, du bist bejaht, was du dir auch vorwerfen musst. Es gibt ein Bild von der Fußwaschung von Sieger Köder. Es zeigt, wie es in der dazu­gehörenden Betrachtung6 heißt, dass „dort, wo ­Petrus am schmutzigsten ist, das Antlitz des Herrn erscheint“. Weiter heißt es dann: „Weil Jesus in den Schmutz eintaucht, taucht aus diesem Schmutz das Bild seiner unendlichen Liebe auf.“ Das ist die Frohbotschaft, der erste Schritt.
Das heißt nicht, dass es Gott gleichgültig wäre, wie ich bin; auch nicht, dass ich machen kann, was ich will, weil Gott das alles nichts ausmachen würde. Nein, Gott macht es ganz viel aus, wie ich bin. Aber dennoch liebt er mich gerade so, wie ich bin. Denn auf diese Weise eröffnet er mir den Weg, auf dem ich ihm immer ähnlicher werde. Erfahrungsgemäß ändert sich kein Mensch, der sich nicht angenommen fühlt. Nur wenn er darauf vertrauen kann, nicht abgelehnt, verachtet oder verlassen zu werden, wird er es wagen, sein wahres Gesicht zeigen.
Ich selbst war sehr ehrgeizig und leicht für hohe Ideale zu entzünden, bin aber dennoch nicht zu dem inneren Frieden, den ­Jesus den Seinen ­gebracht hat, gelangt.
In allem Dürsten nach Gott und aufrichtigem Bemühen, besser zu werden, schien ich Gott nicht wirklich näher zu kommen. Mir fehlte diese Gewissheit, dass Christus in mir lebt und ich mich in jedem Augenblick an ihn wenden und in die Arme seiner Barmherzigkeit werfen kann. Fehler, Enttäuschungen, Missgriffe, Versagen und Scheitern schob ich ungünstigen Umständen oder Zufällen zu. Sie brachten mich jeweils in Verwirrung (vgl. Joh 14,1), da mir der Gedanke völlig fremd war, durch all das auch in Berührung mit Gott kommen und mit ihm rechnen zu können. Immer wollte ich es selber wieder gut machen, war dabei überfordert und schob unbewusst die Schuld auf das Versagen und die Uneinsichtigkeit anderer. Mir fehlte in vieler Hinsicht eine Liebe zur Wirklichkeit.
 
Unvergesslich ist mir in diesem Zusammenhang die folgende Begebenheit:
Obwohl rein äußerlich alles gut lief, war ich innerlich unzufrieden, angespannt und verkrampft. Ich konnte das Gute in meinem Leben und in unserer Gemeinschaft kaum genießen. In einer Konfrontation sagte mir ein Bruder unserer Gemeinschaft sinngemäß: „Ich denke, selbst wenn alle in unserer Gemeinschaft bis Jahresende dein Ideal erfüllt haben würden, würdest du glauben, von allen noch der Beste sein zu müssen.“ Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Durch diese Offenlegung fühlte ich mich beschämt und gedemütigt. Am liebsten hätte ich dicht gemacht, wenn ich nicht im tiefsten geahnt hätte, dass Gott selbst mich durch meinen Bruder angesprochen hatte. Am anderen Morgen bin ich in die Kirche gegangen. Nach der Messe ergriff ich die Gelegenheit und bat den Priester um ein Gespräch. Ich erzählte ihm in groben Zügen meine Lebensgeschichte und die aktuelle Situation. Nachdem ich geendet hatte, fragte er völlig überraschend: „Bist du gekommen, um mir meine Geschichte zu erzählen?“ Ich habe ich ihn nur groß angesehen, weil ich nicht auf Anhieb verstand, was er meinte. Doch dann erzählte er mir mit der gleichen Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und es gab tatsächlich erstaunliche Parallelen. Dabei merkte ich, wie sich in mir alles zu entspannen und aufzuheitern begann. Da war tatsächlich jemand, der so ist wie ich, aber im Gegensatz zu mir, offensichtlich ganz mit sich versöhnt, gelöst und frei. Außerdem zeigte er sich mir als ein Gegenüber, das nicht anders oder besser sein will als ich, sondern sich ganz zu mir stellt. Das tat mir unwahrscheinlich gut. Mir war, als wenn mir in diesem Mann Christus selbst begegnen würde. Rein äußerlich hatte sich an meiner Situation gar nichts geändert, doch alles Bedrückende war plötzlich von mir abgefallen. Ich fühlte mich so leicht, befreit und glücklich wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen. Ich glaube, es war Gottes bedingungsloses Ja zu mir, das ich tief in meinem Herzen spürte. Jetzt konnte kommen, was da wolle; ich war ganz und gar frei von jeder Angst, und hätte jedermann unumwunden sagen können: Denk jetzt über mich, was du willst, es ist mir nicht mehr wichtig; denn ich bin gewiss: Gott liebt mich genau so, wie ich bin!
Vermutlich habe ich die meiste Energie meines ­Lebens darauf verwendet, es nicht nur Gott, sondern auch anderen Menschen recht zu machen. Die Zustimmung anderer schien mir unverzichtbar und überlebenswichtig. Mein Seelsorger sagte mir einmal: „Wenn du dein Glück davon abhängig machst, was irgendjemand von dir denkt, und dich davor fürchtest, anderen zu missfallen, wie kannst du dann erwarten, Frieden zu haben? Möchtest du deinem Herrn erklären, es sei dir an der wohlwollenden Meinung von irgendjemandem mehr gelegen als an seiner Zuneigung? Verlass dich auf Gott! Dann wirst du Frieden haben. Und der wohltuende und befreiende Zugang zu ihm wird dir offenstehen. Wenn du Gott immer auf deiner Seite hast, was solltest du dich dann mit Skrupeln, Ängsten und Klageliedern quälen? Fromm sein zu wollen und das Vertrauen zu Gott beiseite zu schieben wäre einfach widersinnig und schrecklich dumm...“

Das neue Gottesbild entdecken

Heute gehört das für mich zu den heilsamsten Übungen: meine Wahrnehmung darauf zu richten, dass Gott in allen Dingen zu finden ist und uns begegnen möchte. Einen ganzen Tag lang halte ich mir immer wieder vor Augen, dass Gott wirklich hinter den Wechselfällen unseres natürlichen und geistlichen Lebens steht, hinter dem Wetter, hinter den Schwankungen meiner Gesundheit, hinter dem Benehmen meiner Mitmenschen – er lässt ihr Verhalten und ihre Worte zu, selbst wenn er sie nicht gutheißt. Unter diesem Blickwinkel tragen wir Gott allezeit bei uns und erfahren so ganz real, dass er uns niemals im Stich lässt.
Rückblickend ahne ich, dass das Gottesbild nicht so sehr von überzeugenden Argumenten bestimmt wird, sondern von Erfahrungen, für die jeder Christ sich offenhalten sollte. Am Anfang des Weges steht immer eine Sehnsucht, die als solche bereits auf Gott hinweist, denn „bereits in meinem Sehnen ist Gott gegenwärtig“7. Nur mit einer Sehnsucht scheint es möglich, offen zu sein für das, was Gott für mich sein will, mir sagen und schenken möchte, – sei es in der Stille, durch Menschen, Umstände oder Ereignisse. Jeder Christ hat eine Geschichte, die ­genährt wird von der Sehnsucht, diesem Gott, der nur Liebe ist, im ganz Alltäglichen zu begegnen und ihn zu erfahren. Auch wenn diese Sehnsucht auf dieser Erde niemals vollkommen gestillt werden wird, ist sie doch die unverzichtbare Triebfeder, die uns hilft, die Richtung zu behalten zu dem Leben hin, wie Christus es versprochen hat. Auf diesem Weg wird es immer wieder neue und weiterführende Erfahrungen der Liebe Gottes geben.
Seit einigen Jahren beginne ich meinen Tag mit einem Herzensgebet. Es hilft mir zu einer täglichen Umkehr zu Gott, der nach der Schrift nur Liebe ist und sein vollkommenes Ja zu mir spricht. Ich vollziehe dieses Gebet andächtig und langsam in ­Verbindung mit dem Kreuzzeichen (von der Stirn bis zur Bauchmitte, von der rechten zur linken Schulter). Es lautet:
 
Mein Vater, ich preise Dich für mein Leben und meine Geschichte.
Herr Jesus, ich danke Dir, dass Du mich so liebst, wie ich bin.
Heiliger Geist, ich vertraue Dir, dass Du mir hilfst auf dem Weg ins Leben hinein.
 
Dieses Gebet hilft mir immer wieder, mich mit dem Blick Gottes wahrzunehmen.

Gott erkennen - sich in ihn verlieben

Papst Benedikt XVI. sagte kürzlich, dass der „bevorzugte Weg“ zur Erkenntnis Gottes die Liebe sei: „Es gibt keine echte Erkenntnis Christi, ohne sich in ihn zu verlieben.“ Es sei nicht in erster Linie das Wissen und das Studium der Schrift, das uns hier weiterbringe, sondern „die Vertrautheit mit Christus und mit dem Gebet“. Die Schrift schließe sich uns letztlich nur auf, „wenn wir sie im Gespräch mit ­Christus und in der Liebe zu ihm lesen, weil nur die Liebe letztlich verstehen lehrt“. Im menschlichen Umgang verhalte es sich genauso: „So wie wir ­einen Menschen nur, wenn wir ihn mögen, letztlich verstehen können, so können wir auch das Wort Christi und ihn selbst nur verstehen, wenn wir in der Liebe auf dem Weg zu ihm sind. Dieser Liebe entspringt dann die wirkliche Erkenntnis Gottes.“ Das Verb erkennen, so wie es manchmal im He­bräischen gebraucht wird, kann uns helfen, diese Wahrheit zu veranschaulichen: „...wenn es benutzt wird, um den Akt der menschlichen Liebe zum Ausdruck zu bringen: ‚Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger.‘ So wird suggeriert, „dass die Einheit in der Liebe die wahrste Erkenntnis zustande bringt.“ 
 
Das Gebot „Du sollst den Herrn, deinen Gott ­lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit allen deinen Kräften“, nennt Jesus das erste und größte Gebot. Wenn wir zur Erfüllung dieses Gebotes aufgefordert werden, dann sicher nicht, um daran zu scheitern oder letztlich daran zu verzweifeln. Das wäre ein grausamer Gott, wenn er uns etwas vor Augen hielte, was gut für uns ist, ohne es uns zu geben. Schon das bloße Verlangen, Gott lieben zu wollen, kommt letztlich von Gott. Und immer mehr wird das Verlangen, ihn zu lieben, wenn wir ihn beharrlich darum bitten. Um uns zum ­Gebet aufzurufen, hat der Erlöser nicht nur gesagt: „Sucht, und ihr werdet finden“, oder: „Klopft an, und euch wird aufgemacht werden“, sondern vor allem auch: „Bittet, und ihr werdet empfangen.“  Und der Vater gibt den Geist denen, die ihn bitten. Dann passiert es, dass etwas, was wir noch nicht im Blick hatten, irgendwie näherrückt oder wir vollbringen Dinge, an die wir nie zuvor gedacht ­haben.
Gebet ist weniger eine Tätigkeit des Verstandes als des Herzens. Oft braucht es nur ganz einfache, mitunter überhaupt keine Worte; es genügt, einfach da zu sein. Wenn zwei Freunde sich treffen, steht in der Regel die Freude im Vordergrund. Sie freuen sich schon darüber, dass sie beisammen sind. ­Genauso verhält es sich mit dem Gebet. Je ungezwungener, je vertrauter und kindlicher wir im Gebet sind, desto mehr drücken wir damit unsere ­Liebe zu Gott aus.
Jeder von uns hat einen anderen Charakter, und wir zeigen unsere Empfindungen zueinander auf verschiedene Weise. Gott verlangt nicht von allen die gleichen Liebesbeweise. Aber er will, dass ich ihn liebe und ihm diene, entsprechend der Eigenart, die er mir gegeben hat.
Es liegt kein Widerspruch darin, Gott wirklich zu lieben und zugleich demütigende Schwächen zu haben wie Eitelkeit, Stolz, Eifersucht und andere Dinge, die wir kaum überwinden können. Manchmal sind wir unzufrieden mit Gott, weil er uns nicht hilft, bestimmte Fehler loszuwerden. Wenn er mir sagt, ich soll ihn noch mehr lieben, dann ist das ­alles kein Hindernis. Nichts kann sich zwischen Gott und mich stellen, solange ich ihm freie Hand gebe, mich zu lieben wie ich bin, und dabei zu ­erfahren, dass das Verlangen, ihn zu lieben, immer größer wird. Dazu bedarf es oft nur, dass ich einfach und ehrlich bin. Ein Geistlicher8, dem sehr daran gelegen war, den Menschen das Herz für die Liebe Gottes zu öffnen, ermutigte zu solcher Wahrhaftigkeit mit einem Humor, der den Ernst dieser Angelegenheit leichter einsichtig macht: „Es ist besser, zwei Eier zu nehmen und zu denken: ‚Ich kann mich wirklich nicht beherrschen’ – als nur ein Ei zu nehmen und darüber zu rätseln, wie lange es noch gehen wird bis zu meiner Heiligsprechung. Wenn du ehrlich bist, wirst du dich wahrscheinlich so über deine Schwäche beschämt fühlen, dass du das nächste Mal ohne Ei zufrieden bist. Wir dürfen nicht denken, wir dürften Gott wegen unserer Schwächen nicht nahe kommen. Es ist schon eine erhebliche Buße, mit dir selbst Geduld zu haben.“  Was wir unter den Augen Gottes ehrlich zugeben, ­erfährt die verwandelnde Kraft Christi. ­

Erkennen braucht Zeit

Es gibt den verbreiteten Irrtum, es gäbe eine Erfahrung, mit der würde sich alles schlagartig ändern. Wo ist der Schalter, den man umlegen kann, dass ab sofort alles besser funktioniert? – fragen manche aufgeregt und jagen vielleicht von einem Seminar zum anderen. Doch Veränderung ist weder schnell zu haben, noch gibt es besondere Rezepte dafür, – auch nicht mittels Kraftakten oder gewaltsamer Anstrengungen. Verwandlung in der Tiefe kann man nicht machen. Sie geschieht ganz im Verborgenen, indem mein Leben immer mehr in Verbindung mit Gott kommt.
„Gott ist menschenfreundlich. Er verlangt von uns nicht das Unmögliche. Der Glaube ist zwar eine Großmacht in unserem Leben, ein gewaltiges Werk; er beginnt nach Jesus immer aber bei kleinen Dingen, bei kleinen Schritten. Jesus erzählt uns liebevoll vom Senfkorn, vom Samenkorn, das die Kraft und die Frucht des Baumes in sich vereint, vom Sauerteig, der unscheinbar den großartigen Segen des Brotes und des Lebens bewirkt, von der unscheinbaren Drachme, die einer großen Gabe gleich­gesetzt wird, vom kaum sichtbaren Salzkorn, das aber alle Speisen veredeln kann, vom stillen Gebet in der Kammer, das den Segen des Glaubens aus­zulösen vermag. Die kleinen Dinge in unserer Alltagswirklichkeit  sprechen von der Größe des Glaubens.“9
 
Erklärungen verändern noch kein Gottesbild. Ich wünsche mir, dass meine Erfahrungen und Ausführungen Hoffnung wecken. Damit meine ich jene biblische Hoffnung wider alle Vernunft, die um der Liebe Gottes willen gegen jeden Einspruch und ­Widerspruch – komme er nun durch das Misstrauen aufgrund schlechter Erfahrungen oder aus Selbstzufriedenheit –  ihr entschiedenes Trotzdem ­behauptet. „Gottes Liebe kann durch nichts widerlegt werden, was von der Welt kommt. Sie hat ­etwas Unbedingtes in sich. Etwas, das‚ die Welt überwindet’ – wie der Glaube.“10
Ein Sprichwort sagt, dass die weiteste Entfernung, die ein Mensch in seinem Leben zurückzulegen hat, die zwanzig Zentimeter vom Kopf zum Herzen sind.

Anmerkungen

1. Piet van Breemen SJ, Was zählt, ist Liebe, Herder 1999, S. 27
2. Albert Kammermayer, Übersetzung, die unseres Sprache spricht, Rom 2005
3.Mit Bekehrung ist hier nicht der grundsätzliche Glaubensakt der Hinwendung zu Gott gemeint.
4. Pater Reinhard Körner, OCD
5. Albert Kammermayer, Übersetzung, die unseres Sprache spricht, Rom 2005
6. Theo Schmidkonz SJ
7. Willi Lambert in ‚Aus Liebe zur Wirklichkeit’, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1991, S. 27
8. Daniel Considine, in ‚Gott liebt uns’, Ars Sacra, München 1962
9. Hans Wallhof, in der Zeitschrift „Ferment“
10. Romano Guardini, Vom Weg des Glaubens, Matthias-Grüne­wald Verlag (vergriffen)

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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