Editorial zu "Gott ist anders. Gottesbilder - Vaterbilder"

Liebe Mitchristen

 „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ antwortet ­Jesus auf die Frage, wer denn der Gott sei, zu dem er gehen wolle. Er sagt das so selbstverständlich, als ob damit alle Fragen für alle Zeiten geklärt seien!
Doch bis in unsere Tage hinein beginnen damit für viele Menschen große Fragen an Gott, für manche sogar größte Hindernisse, sich vertrauensvoll an den Gott Jesu Christi, den Vater, zu wenden.
Vaterbilder sind Bilder, die in der Seele verwurzelt sind. Sie beeinflussen unser Leben zutiefst. Ob unsere Väter uns liebten oder nicht, ob sie uns mehr annahmen und bestätigten oder unsere Art eher ablehnten und wir ihnen nicht genügten, ob sie anwesend waren oder getrennt von uns lebten -- immer prägt der Vater (auch der nichtvorhan­dene) das Leben seines Kindes. Der Vater vermittelt das Grundlebensverständnis. Mit welchen ­Lebensgefühlen ein Mensch sein Leben und seine Beziehungen aufbaut und einrichtet, wie er Glauben lebt, hängt zunächst auch von der Prägung durch den Vater ab.
„Wer mich sieht, der sieht den Vater“ sagt Jesus ganz selbstverständlich. „Und wenn ihr betet, dann sprecht  ‚unser Vater im Himmel...‘“
 
Eugen Biser (geb.1918), Religionsphilosoph und katholischer Theologe, sagte in einem Interview im bayrischen Fernsehen einmal:
„Das Christentum ist eine einzige Liebeserklärung Gottes an die Welt... Wir sind in der Gefahr, die Mitte des Christentums zu verkennen... Das ist eine Tragödie. Was ist diese Mitte? Das ist der von Jesus entdeckte, der von Jesus gepredigte, der von Jesus erkämpfte, der von Jesus schließlich auch erlittene Gott der bedingungslosen Liebe. Das muss neu als die Mitte des Christentums wahrgenommen werden. Denn nur von daher ist eine innere Erneuerung des Christentums und ist eine authentische christliche Spiritualität möglich. Und das kann man noch ein bisschen deutlicher sagen: Im Christentum könnten die Menschen eine Antwort finden, die im Grunde niemand ihnen je geben kann, nämlich dass Gott sie liebt. Das ist etwas so Wunderbares, und es ist akkurat der Kern...“ (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Gott liebt uns vorleistungsfrei. Verleitet durch schwere Erfahrungen und den Mangel an Vertrauen, versuchen wir, uns Gott nach unserem Bild zu formen, ihn auf ein menschliches Maß festzulegen. Tatsächlich sind wir nach dem Bild Gottes geschaffen. Wir Menschen, so vielfältig und unterschiedlich wir sind, sind sein Ebenbild, zum Leben und zur Freude erschaffen.
Vielfältig und zahlreich sind die Bilder, die uns die Bibel von Gott vor Augen stellt: Gott als Burg, Fels, Schild, als Licht, als Töpfer, Mutter, Hebamme, als Hirte, Arzt usw. Das Bild Gottes, das uns Gott am klarsten und „verständlichsten“ aufscheinen lässt, ist Jesus Christus: Er ist das Abbild des ­unsichtbaren Gottes (Kol 1,15; 2. Kor 4,4), wie es unser Titelbild in etwas ungewöhnlicher Weise darstellt.
 
So zahlreich und bunt die Bilder Gottes in der Hei­ligen Schrift sind, so vielfältig sind auch unsere ­Beziehungen zu Gott, dem Vater: wie wir uns ihm nähern, wie wir mit ihm verbunden sind. Und das schildern die unterschiedlichen Beiträge in dieser Aus­gabe. Zwei Katzen werden zum Zeichen für selbstverständliches oder gestörtes Vertrauen ( siehe Seite 52).
Ein weltberühmter Harvardprofessor entdeckt, dass er herausgefordert wird, selbst „Vater“ zu sein, ein Abbild des Vaters im Himmel (siehe Seite 54).
Rudi Böhm gibt uns Anteil an seiner Wegstrecke, wie ihm sich Gott als zugewandter Vater zeigt (siehe Seite 44).
Andrea Stein, Sozialpädagogin und Seelsorgerin in Stralsund, vermittelt uns aus ihrer Praxis Einblicke in die Zusammenhänge von unglücklichen Erfahrungen und missglückten Beziehungen, die wir auf Gott übertragen. Dann ist Gott an allem Unglück schuld (siehe Seite 36.
Doch Gott, den Jesus mit ,Abba‘, Vater anredet, ist anders als unsere Väter und Mütter (und die Generationen ­unserer Vorfahren). Er zeigt uns den Vater im Himmel als den, zu dem wir kommen und mit dem wir leben können wie mit unserem besten Freund.
In herzlicher Dankbarkeit grüße ich Sie, auch im Namen des ganzen Redaktionsteams,
Ihre
 
Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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