Vertrauenssache

von Ruth Rau

Zur Zeit habe ich zwei Lehrerinnen, die mir viel beibringen über das Vertrauen zu Gott und zu Menschen. Es sind zwei Gast-Katzen. Die eine ist rotbraun und kommt uns schon seit längerem besuchen. Wenn die Tür offen ist, spaziert sie herein, wenn nicht, macht sie sich vor der Tür so lange bemerkbar, bis wir sie hereinlassen. Meist geht sie zielstrebig in die Küche und will wissen, ob ich vielleicht Leber für sie im Kühlschrank habe. Wenn nicht, begnügt sie sich auch mit Katzenfutter. Danach macht sie es sich auf einem farblich zu ihr passenden Sessel gemütlich oder schaut nach, was ich so mache, springt auf meinen Schreibtisch und möchte ausprobieren, ob meine Computertastatur auch ein geeigneter Schlafplatz wäre. Wenn sie satt ist und genug Wärme und ­Geborgenheit getankt hat, geht sie zur Tür und möchte wieder nach draußen. Auf der ­Schwelle bleibt sie aber noch einmal stehen und prüft sorgsam, ob draußen die Luft rein ist. Diese Katze – ich nenne sie Tiger – hat wohl einen Besitzer, aber der scheint berufstätig zu sein, und so kommt sie oft zu uns. Wenn sie nachts gerauft hat und verletzt ist, kuriert sie sich auch mal ein paar Tage auf­ ­unserem Sessel aus; ihre Wunden heilen ­erstaunlich schnell.  Ganz anders die schwarz-weiße Katze. Sie scheint niemandem zu gehören und ist sehr scheu. Anfangs trieb sie sich nur auf unserem Grundstück herum und rannte in panischem Schrecken davon, wenn sie einen von uns erblickte. Nachts machte sie sich über die Reste vom Katzenfutter her, die Tiger übriggelassen hatte. Mit der Zeit entdeckte sie, dass man bei uns offenbar Katzenfutter bekommen kann.Auch stellte sie fest, dass es auf und unter ­unserem Balkon im Sommer ein schattiges Plätzchen und im Winter in dem alten Sessel einen warmen windgeschützten Ort gibt. Jedesmal, wenn einer von uns vorbei ging, versteckte sie sich unterm Tisch. Sie faucht mich an, wenn ich ihr Futter gebe. Aber sie steht doch vor der Tür und maunzt kläglich, wenn sie Hunger hat. Seit einiger Zeit streicht sie, bevor sie sich ans Essen macht, erst mal um meine Beine herum. Vorne faucht sie, hinten will sie schmusen. Seit ein paar Wochen versuche ich vorsichtig, sie zu streicheln. Offensichtlich mag sie das, aber ­zugleich hat sie Angst. Wenn ich ihr Futter hinstelle, bin ich jedes Mal Zeuge eines Verhaltens, das aus Hunger, Kontaktsuche und panischer Angst ­besteht. Die Katze streicht mir um die Beine, stößt mit dem Kopf die Hand weg, die den Futternapf hinstellen will, stürzt sich dann aufs Futter, kommt aber zurück, streicht mir um die Beine, lässt sich streicheln, faucht mich an und macht sich erneut über das Futter her. Manchmal kehrt sie sogleich zur Tür zurück und schaut sehnsüchtig nach drinnen. Aber wenn ich ihr die Tür öffne und sie ein­lade, hereinzukommen, traut sie sich nicht. Höchstens setzt sie mal eine Pfote über die Schwelle.  Oft denke ich: So wie diese Katze verhalten wir Menschen uns Gott gegenüber. Wir wollen, dass er uns hilft, wir suchen Kontakt zu ihm, aber dann überwiegt die Angst und wir halten seine Nähe nicht aus.  Die schwarz-weiße Katze muss Schlimmes mit Menschen erlebt haben. Sie spürt zwar, dass es da auch jemanden gibt, der es gut mit ihr meint, aber sie traut dem nicht. Jedes kleinste Geräusch, jedes Flattern meiner Kleidung lässt sie panisch davoneilen. Der rotbraune Tiger hat ganz andere Erfahrungen mit Menschen gemacht und hat keine Angst. Selbstbewusst verlangt er Futter, nimmt den besten Platz in Anspruch und bewegt sich in unserem Haus, als wäre es seins. Manchmal tut es mir in der Seele weh zu sehen, wie die Schwarz-Weiße sehnsuchtsvoll ins Wohnzimmer schaut, wo Tiger es sich gemütlich macht.Sie möchte auch hinein, aber sie traut sich nicht. Die Angst ist zu groß.  Ähnlich, so denke ich, geht es vielen Menschen, die schlechte Erfahrungen mit ihrem Vater, mit ihren Eltern gemacht haben. Sie haben Sehnsucht nach einem guten Vater, sie wünschen sich nichts mehr als Geborgenheit und Zuwendung, aber die Angst ist so groß, dass sie sich nicht über die Schwelle trauen. Wer ihnen zu nahe kommt, den fauchen sie an.  Es ist seltsam, aber ich mag diese schwarz-weiße Katze. Sie verhielt sich lange Zeit sehr unfreundlich mir gegenüber, trotzdem habe ich sie gefüttert, trotzdem habe ich versucht, Kontakt mit ihr auf­zubauen. Und manchmal habe ich mich ge­wundert, woher die Zuneigung zu dieser verstörten Katze kommt. Aber auf diesem Wege lerne ich etwas besser ­begreifen, wie es möglich ist, dass Gott uns Menschen liebt, uns Gutes tun möchte, auch wenn wir noch so scheu oder kratzbürstig sind oder fauchen. Er durchschaut unsere Angst, er versteht unsere ­Panik, vielleicht schmunzelt er auch manchmal über uns, so wie ich über die Katze. Und er öffnet immer wieder die Tür – vielleicht trauen wir uns ja doch mal herein.  Es ist etwas in Bewegung zwischen der schwarz-weißen Katze und mir. Vielleicht wird sie im Sommer, wenn die Tür manchmal offen steht, es doch einmal wagen, über die Schwelle zu kommen. Manchmal bewundere ich ihren Mut, mit dem sie trotz ihrer Angst die ­Nähe sucht. Wir geben beide nicht auf, und die Beziehung wird sich noch weiter entwickeln.  Es ist etwas in Bewegung zwischen Gott und den Menschen, die Angst haben. Er versorgt sie. Die Sehnsucht nach Nähe und Begegnung ist da, auf beiden Seiten. Gott macht Angebote, hält ihnen die Tür offen. Es braucht vielleicht lange, bis solch ein Mensch in der ­Lage ist, auf die Angebote einzugehen und die Wohltaten Gottes anzunehmen. Und viele werden, genau wie die Katze, zunächst bei ­jeder Störung, bei jedem kleinen Schicksalsereignis davonlaufen und denken: Vielleicht meint er es doch nicht gut. Aber so wie Hunger und Kälte die Katze dazu bringen, die Angst zu überwinden und trotzdem Nähe zu suchen, so bringt auch uns Menschen unsere Bedürftigkeit dazu, den Kontakt zu Gott wieder aufzunehmen. Und es geht dabei nicht nur um äußere Dinge. Die Katze könnte sich ja mit Futter und einem warmen Schlafplatz begnügen. Aber sie möchte auch gestreichelt werden. Sie möchte mich berühren, sie möchte schmusen, auch wenn sie es noch nicht entspannt genießen kann.  Ich hoffe, ihr Vertrauen wird wachsen, ihre Panik wird ­abnehmen und ich rechne damit, dass wir diesen Sommer ein Stück weiterkommen.  Bei Menschen, die Schlimmes erlebt haben, ist das alles komplexer als bei einer Katze. Um Vertrauen wiederzu­gewinnen, brauchen sie Menschen, die sie begleiten. Und natürlich haben sie zunächst einmal solchen Menschen gegenüber ein Misstrauen. Sie fauchen und rennen weg oder machen dicht, sobald man ihnen zu nahe kommt, sobald man sie, sei es auch nur mit Worten, berührt. Es ist wichtig, ihnen die Tür offen zu halten. Es ist wichtig, ihre Fluchtdistanz zu respektieren. Und es ist wichtig, sie immer wieder zu begleiten, so dass sie sich in die Nähe Gottes wagen können und die Erfahrung machen: Da passiert mir nichts. Da bekomme ich, was ich brauche. Da kann ich geborgen sein. Da können meine Wunden heilen. Das ist Vertrauenssache. Das ist ein langer Weg. Aber es ist für alle Beteiligten beglückend, wenn auch nicht immer einfach, ihn zu gehen.

Von

  • Ruth Rau

    (Jg. 1944) ist Autorin zahlreicher Foto-Text-Bücher, Zeitschriftenbeiträge und Karten und lebt in Sexau bei Freiburg. Sie ist Prädikantin in der Badischen Landeskirche und engagiert sich in der Gemeinde.

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